POLEN
Wir waren schon viel weiter
Reiter, 57, vertrat Polen von 1990 bis 1995 als Botschafter in Bonn.
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SPIEGEL: Seit Monaten streitet sich die deutsche Regierung mit dem Bund der Vertriebenen (BdV) darüber, ob dessen Chefin Erika Steinbach einen Sitz im Stiftungsrat des geplanten Vertriebenenzentrums bekommt. Wie wird diese Debatte in Polen aufgenommen?
Reiter: Das ist eine deutsche Diskussion. Ich wünschte, es ginge um mehr als nur um Posten und Personen. Ich wünsche mir, dass die Deutschen sich fragen, was der Begriff "Vertriebener" künftig für eine Bedeutung haben soll, 65 Jahre nach Kriegsende. Die Generation, die das betrifft, ist bald ausgestorben.
SPIEGEL: Man hört in Polen oft die Klage, dass die Deutschen eine geschichtliche Kontroverse zum Beispiel mit Israel oder Frankreich viel schneller beendet hätten ...
Reiter: Ich verstehe, dass innenpolitische Taktik eine Rolle spielt, die Vertriebenen stellen schließlich ein gewisses Wählerpotential dar. Doch ein gutes deutsch-polnisches Verhältnis hat ebenso seinen Wert, man kann es in solch einer Debatte nicht allen recht machen.
SPIEGEL: Warum fordert Warschau von Berlin nicht ganz klar, Frau Steinbach aus dem Projekt herauszuhalten?
Reiter: Ich finde die Zurückhaltung der polnischen Regierung völlig richtig. Alle Argumente sind ausgetauscht. Berlin kennt die ablehnende Haltung Warschaus, es ist an den Deutschen zu handeln.
SPIEGEL: Haben die Polen das Gefühl, dass die Deutschen ihre eigene Opferrolle mehr gewichten als das polnische Leid?
Reiter: Bis 1989 standen unsere Beziehungen im Schatten des Ost-West-Konflikts, er verdeckte die alten nationalen Gegensätze. In Deutschland durften damals antipolnische Vorurteile gepflegt werden - sie schienen durch die antikommunistische Grundeinstellung gedeckt. Es gab zudem die alte Tradition einer herablassenden Haltung gegenüber den Polen. Bis heute wissen die Durchschnittsdeutschen nichts oder nur wenig darüber, dass die Nazis nicht nur an den Juden Verbrechen begingen, sondern auch einen Volkstumskrieg gegen die Slawen führten. Der hatte zum Ziel, die nationalen Eliten zu vernichten. Das ist in Polen das Schlüsselerlebnis des 20. Jahrhunderts. Was im deutsch-polnischen Verhältnis immer noch fehlt, ist vor allem Respekt. Der war nicht immer die starke Seite der Deutschen.
SPIEGEL: Besteht die Angst der Polen darin, dass künftige Generationen der Deutschen glauben könnten, es habe nur zwei Gruppen gegeben, die Opfer Hitlers wurden: die Juden und die Vertriebenen?
Reiter: In Polen ist oft der Vorwurf zu hören, die Deutschen wollten die Geschichte umschreiben. Ich glaube nicht, dass dies ihre Absicht ist. Aber die Wahrnehmung der historischen Ereignisse wird sich ändern. In der Kriegsgeneration konnte man sich streiten, es gab sogar Hass, aber alle wussten im Grunde genommen genau, was vor 1945 geschehen war. Jetzt kommen Generationen, für die dieser Teil der Geschichte verblasst. Es geht um die Vermittlung: Welchen Stellenwert räumt man welcher der vielen schrecklichen Erfahrungen ein? Die Verantwortung für den Umgang mit der Geschichte darf nicht in die falschen Hände gelegt werden.
SPIEGEL: Beunruhigt Sie der Gedanke, dass man den Vertriebenen mehr Gewicht in der geplanten Stiftung zugestehen könnte - als Preis für den Verzicht Steinbachs auf einen Sitz im Stiftungsrat?
Reiter: Die taktischen Erwägungen interessieren mich nicht. Der BdV muss sich selbst fragen, wie er mit Polen umgehen will. Er hätte in uns einen Partner finden können. Wir waren schon mal viel weiter als heute.
SPIEGEL: Inwiefern?
Reiter: Ich erinnere mich an die neunziger Jahre, als wir sogar Hoffnungen in die Gruppe der Vertriebenen setzten. Sie hatten Kontakte nach Polen, ihnen war Polen nicht gleichgültig. Wir haben gesagt: Ihr braucht uns, denn wir pflegen das kulturelle Erbe in den früheren deutschen Ostgebieten, aber wir brauchen euch auch. Denn ihr habt viel zu erzählen über diesen Teil des heutigen Polen. Der BdV hat jedoch einen Kurs eingeschlagen, der eher zur Konfrontation mit Polen führte.
SPIEGEL: Nun ist das Berliner Vertriebenenzentrum der Hauptstreitpunkt. Was hätte an seine Stelle treten können?
Reiter: Zum Beispiel ein deutsch-polnisches Dokumentations- und Ausstellungszentrum, das wichtige Themen der gemeinsamen Geschichte erforschen und darstellen würde. Dazu hätte auch die Vertreibung gehört, aber sicher nicht nur sie.
SPIEGEL: Sind die Polen bereit für die Einsicht, dass die Deutschen nicht nur Täter, sondern teilweise auch Opfer waren?
Reiter: Ob die Polen zu Mitgefühl fähig sind? Selbstverständlich. In den neunziger Jahren sind viele polnische Bücher über die Vertreibungen erschienen, es gab Ausstellungen über die ehemaligen deutschen Ostgebiete. Wir haben ein Tabu gebrochen, als wir sagten: Es gab auch Deutsche, die gelitten haben. Im kommunistischen Polen durfte man darüber nicht reden.
SPIEGEL: Die Vertriebenen sagen, das Zentrum müsse her, weil dieses Thema auch in Deutschland lange tabuisiert wurde.
Reiter: Der BdV ist eine staatlich geförderte Organisation, auch heute noch. Ich weiß nicht, wie man so etwas sagen kann.
SPIEGEL: Befürchten Sie eine neue Eiszeit in den deutsch-polnischen Beziehungen, wenn der Steinbach-Streit noch lange weiterschwelt?
Reiter: Ich hoffe, die Kontroverse geht bald zu Ende. Denn es ist weder das einzige, noch das wichtigste Thema in unserem Verhältnis. INTERVIEW: JAN PUHL