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DER SPIEGEL

TitelGier mit Garantie

Die Pleite von Lehman löste die weltweite Finanzkrise aus, doch die Mitarbeiter der Bank erhielten Boni in Milliardenhöhe.
Am 15. September 2008 trat Christian Meissner, 40, als Europachef von Lehman Brothers vor seine Leute und sagte trocken: "It's over." Kurz darauf zeigten die Nachrichtensender weltweit die Bilder trauriger Investmentbanker, die in Pappkartons ihre Habseligkeiten aus den Banktürmen transportierten: Die Verursacher der Finanzkrise zählten zu deren ersten Opfern.
So schien es zumindest. Doch schon vier Wochen später, am 13. Oktober 2008, waren Meissner und seine Investmentbanker wieder obenauf. Der japanische Finanzkonzern Nomura übernahm die europäischen und asiatischen Aktivitäten von Lehman. 8000 Banker konnten ihre Pappkartons wieder auspacken. Meissner, ein gebürtiger Österreicher, wurde Europachef von Nomura.
Dem Konkursverwalter zahlten die Japaner für die Europaaktivitäten einen symbolischen Preis von zwei Dollar. Richtig teuer an dem Deal waren nur die Garantieboni, die Meissner für sich und seine 2500 Leute aushandelte. Insgesamt werden zwei Milliarden Dollar ausgeschüttet, berichtet ein Insider.
Andere Banken versuchen nach massivem öffentlichem Druck, das Niveau der Boni zu senken und diese erst bei nachhaltigem Erfolg nach mehreren Jahren auszuzahlen.
Die Deutsche Bank etwa will die Boni reduzieren und gar einen Malus einführen, falls die Geschäfte ins Minus drehen. Auch bei der US-Investmentbank Goldman Sachs müssen die Mitarbeiter teilweise fünf Jahre warten, bis sie Bares sehen.
Doch ausgerechnet viele Lehmänner mussten keinerlei Einbußen fürchten. Ihr Gehaltspaket aus dem Boomjahr 2007 wurde einfach bis zu zwei Jahre weiterbezahlt. Viele Garantien laufen erst im März dieses Jahres aus. Dabei machte Nomura im Geschäftsjahr 2008/2009 gewaltige Verluste in Höhe von 5,5 Milliarden Euro.
So kommt es, dass der Durchschnittsverdienst der Ex-Lehman-Banker in Europa auch in den Krisenjahren 2008 und 2009 bei rund 400 000 Dollar lag. Sie müssen nicht einmal die Bonussteuer von 50 Prozent bezahlen, mit der die britische Regierung zurzeit versucht, die Gehaltsexzesse einzudämmen. Die Garantieboni würden steuerlich wie Fixgehälter behandelt, heißt es zur Begründung.
Schuld- oder Schamgefühle haben die Investmentbanker nicht. "Ohne Garantieboni wären die guten Leute weitergezogen", sagt einer der Profiteure.
Zu ihnen zählt auch Europachef Meissner. Der smarte Österreicher gilt als Produktspezialist für das Aktiengeschäft. Er lernte bei Morgan Stanley, heuerte dann bei der Deutschen Bank und Goldman Sachs an. Unter anderen beriet er die Deutsche Telekom beim Börsengang.
2004 lockte dann Lehman mit einem so gewaltigen Bonuspool, dass Meissner nicht ablehnen wollte. Schnell stieg er auf, wurde Chef des deutschen Investmentbankings und schließlich, kurz vor der Pleite, Europachef. Verzweifelt hatte der damalige Lehman-Chef Richard Fuld nach Managern gesucht, die nichts mit den verheerenden Anleihegeschäften zu tun hatten.
Auch die Japaner wollten nicht auf Meissner verzichten. Dank seiner Leute ist Nomura inzwischen zum größten Aktienhändler an der Londoner Börse aufgestiegen.
Ob sie allerdings bei der japanischen Bank bleiben, wenn ab März keine Garantieboni mehr gezahlt werden, ist zweifelhaft. Schon tauchten Berichte über kulturelle Differenzen in dem Finanzinstitut auf. Die Japaner hatten offenbar Ex-Lehman-Händlerinnen nach Hause geschickt, die mit kurzärmligen Kleidern gegen den strengen Dresscode der Japaner verstießen.
Meissners aktueller Bonus dürfte bei weit über einer Million Euro liegen. Doch er hofft auf mehr - und versucht, beim Konkursverwalter von Lehman 17,3 Millionen Dollar einzuklagen, die ihm in seinen vier Jahren bei der US-Bank zugesichert, aber noch nicht ausgezahlt wurden. CHRISTOPH PAULY
Von Christoph Pauly

DER SPIEGEL 5/2010
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