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DER SPIEGEL

SANIERERStunde der Aufräumer

Die US-Firma Alvarez & Marsal ist einer der Gewinner der Finanzkrise: Die Insolvenzverwalter von Lehman Brothers wollen jetzt auch nach Deutschland expandieren.
Es gibt nicht viele Leute, die von sich sagen können, das Armageddon der Finanzmärkte richtig vorhergesehen zu haben. Tony Alvarez, 61, klein, untersetzt und Träger einer Auswahl bemerkenswert schlecht sitzender Sakkos, gehört dazu. Schon im Winter 2006, als die Banken noch von einem Rekordergebnis zum anderen stürmten, war er sich sicher, dass die Dinge in die falsche Richtung liefen. Er hatte dafür einen einfachen, aber untrüglichen Maßstab: Seine eigenen Geschäfte gingen schlecht.
Alvarez ist im Sanierungsgewerbe, er renoviert nicht Häuser oder Wohnungen, sondern Firmen. Wenn irgendwo ein Unternehmen in Schieflage gerät, ist er mit seinen Leuten zur Stelle, um die Dinge zu richten. Man könnte ihn auch als Reanimateur bezeichnen, denn oft ist es mit dem Patienten schon weit nach unten gegangen, bevor er zur Hilfe gerufen wird. Er selber bevorzugt den Begriff "Turnaround-Artist", was so viel wie Wendekünstler heißt. Wahrscheinlich findet er, das klinge vornehmer.
Alvarez ist ziemlich erfolgreich in dem, was er tut. Er hat die Jeans-Firma Levi Strauss zurück ins Leben geholt und den Uhrenfabrikanten Timex; 1700 Mitarbeiter beschäftigt er heute in seiner Firma, die er 1983 zusammen mit seinem Partner Bryan Marsal gegründet hat, mit einem Schließfach im New Yorker Bahnhof Grand Central als erster Adresse. Als Präsident Barack Obama neulich eine Reihe Wirtschaftsexperten zusammenrief, um sich zur Krise der Autoindustrie zu beraten, saßen Marsal und er mit am Tisch.
Im Winter 2006 allerdings sah es für sie gar nicht gut aus. "Zu viel dummes Geld", sagt Alvarez und kratzt sich am Kopf. Dummes Geld ist schlecht für sein Geschäft, denn es hält auch die Firmen über Wasser, die es sonst aus eigener Kraft nicht mehr schaffen würden. Kaum jemand holt die Aufräumer freiwillig an Bord. Die Stunde von Alvarez & Marsal schlägt, wenn die Banken die Geduld verlieren und um ihre Kredite fürchten.
Eigentlich hätte Alvarez damals selbst entlassen müssen, so schlecht lief das Geschäft, aber er tat das Gegenteil: Er kaufte an der Wall Street eine Reihe von Finanzexperten ein, auch wenn er zunächst gar nicht wusste, wie er sie beschäftigen sollte. Und er schickte ein paar talentierte Leute nach Europa, um dort Dependancen aufzubauen. "Ich wusste, dass es so nicht lange weitergehen konnte", sagt er, "die Frage war eigentlich nur: wie lange?"
Es waren zwei ziemlich clevere Entscheidungen, wie sich im Nachhinein erwies. Als die Dinge außer Kontrolle gerieten, waren die Jungs von Alvarez & Marsal die Helden der Stunde. Die wenigsten in der Beratungsbranche haben Erfahrung mit konkreter Sanierungsarbeit, auch die Großen wie McKinsey oder PriceWaterhouseCoopers beschränken sich darauf, Analysen zu schreiben und Vorschläge zu machen, umsetzen muss sie dann der Vorstand.
Und mit der Schieflage von Banken kannte sich erst recht niemand aus, warum auch? Bis zum Kollaps von Lehman Brothers wäre niemand auf den Gedanken gekommen, dass die Regierung eine solche Finanzinstitution einfach Konkurs gehen lassen würde. Bryan Marsal saß gerade zu Hause vorm Fernseher, als er die Nachricht erhielt, dass Lehman am nächsten Tag Konkurs anmelden werde. "Welche Vorbereitungen wurden getroffen?", fragte er den Anrufer. "Das ist das erste Telefonat, Sie sind unsere Vorbereitung", kam die Antwort von der anderen Seite.
Kaum jemand hat so von der Finanzkrise profitiert wie die beiden Sanierer aus New York, auch wenn sie das nicht gern hören. Seit anderthalb Jahren sind sie nun die Herren der ehemals viertgrößten Investmentbank der Welt beziehungsweise dem, was davon übrig geblieben ist. Dazu kommen jede Menge Mandate in Übersee. Vor kurzem haben sie den Auftrag zur Sanierung der isländischen Kaupthing Bank übernommen, sie sind bei der Bank of Ireland mit an Bord und, wenn alles gutgeht, demnächst auch bei einer der deutschen Landesbanken. Deutschland spielt in den Zukunftsplänen von Alvarez & Marsal eine große Rolle: 60 Leute beschäftigen die Amerikaner nun schon hier, und sie wollen das noch einmal deutlich aufstocken.
Seine Branche hat nicht den besten Ruf, das weiß der Mann aus New York selbst, da hilft es, dass er nicht zu diesen Typen mit glänzender Uhr und großen Gesten gehört. Das Büro in Manhattan sieht so aus, als ob es die letzte Renovierung unter Nixon erlebt hätte: abgeschabter Teppichboden, angeschlagene Büromöbel, hier und dort eine unglückliche Zimmerpalme. Aber das ist so gewollt, wie auch die billigen Anzüge: Alvarez will nicht, dass seine Auftraggeber denken, er schmeiße mit dem Geld um sich, schließlich wird er ja angeheuert, weil es nicht gut läuft. Da gilt es jeden Anschein von Verschwendung zu vermeiden.
Alvarez ist auf den Philippinen aufgewachsen, er war 21, als er nach Amerika kam, sein erstes Geld verdiente er als Bürobote. Irgendwann fiel er einem Broker auf, der ihn unter die Fittiche nahm, das war sein Einstieg in die Finanzwelt, aber es hielt ihn dort nicht lange. Er fand das Jonglieren mit Zahlen auf Dauer zu langweilig, außerdem misstraut er jedem Geschäftsmodell, das aus dem Nichts Gewinne zu zaubern verspricht. Er glaubt eher an die alte amerikanische Arbeitsethik, die sich nicht auf die Gunst der Stunde verlässt.
Wie viel Alvarez von seinen eigenen Leuten erwartet, sieht man an Daniel Ehrmann, 41 Jahre alt, aber so übernächtigt, dass man ihn leicht sechs Jahre älter schätzen könnte. Ehrmann ist im Augenblick der wichtigste Mann der Firma, verantwortlich für die internationale Abwicklung von Lehman Brothers.
Es ist acht Uhr morgens, die Büros auf der 40. Etage im Time-Life-Building, wo der Manager Quartier bezogen hat, sind alle noch leer, aber Ehrmann sitzt schon an seinem Schreibtisch und schüttet den ersten Kaffee des Tages in sich hinein. Es wird wieder ein langer Tag werden, erst muss er mit den Asiaten verhandeln, dann wartet London.
Ehrmann kann sehr anschaulich von seinen ersten Tagen erzählen, der "Chaosphase", wie er das nennt. Es war Montagmorgen, der 15. September, die Nachricht vom Konkurs war gerade ein paar Stunden alt, als er die Zentrale betrat, um das Kommando zu übernehmen. Er hatte alle Vollmachten, aber kaum jemand nahm Notiz von ihm. Die Händler hingen an ihren Telefonen, um irgendwo anders einen Job zu landen, und das Management war mit Packen beschäftigt.
Niemand bei der Fed oder im Büro von Finanzminister Henry Paulson hatte sich einen Plan überlegt, wie eine Pleite einigermaßen geordnet über die Bühne gehen könnte. Es gab keine Aufstellung über die Vermögenswerte, keine funktionierende Buchhaltung, nicht mal einen Computer, der die offenen Transaktionen zeigte.
"Es war der reine Alptraum", sagt Ehrmann: "Eine Bilanzsumme von 650 Mil-liarden Dollar segelte mit kaputtem Ruder durch das größte Finanzinferno seit 80 Jahren, und aus der ganzen Welt kamen panische Anrufe von Leuten, die wissen wollten, wo ihr Geld geblieben war." Um vier Uhr morgens legte er sich für zwei Stunden hin, als er aufwachte, zeigte sein Blackberry 400 ungelesene Nachrichten. Allein in den ersten 48 Stunden verlor die Bank nach Schätzungen von Alvarez & Marsal zwischen 50 und 100 Milliarden Dollar.
Ehrmann brauchte ein halbes Jahr, um sich einen Überblick über die Konkursmasse zu verschaffen. Wie sich herausstellte, hatte Lehman ein Netz von über 3500 Tochterfirmen geschaffen, verteilt über die ganze Welt. Weil diese Lehman-Töchter alle unterschiedlichem Insolvenzrecht unterliegen, verbringt Ehrmann bis heute einen Gutteil seiner Zeit damit, sich mit anderen Insolvenzverwaltern herumzustreiten. Viele ehemalige Geschäftspartner nutzen das Chaos, um Rückzahlungen einzufordern, die einer genaueren Prüfung nicht wirklich standhalten.
Immerhin: Die Sanierer sind ganz zuversichtlich, dass sie aus dem Knäuel von Forderungen und Gegenforderungen am Ende 40 bis 60 Milliarden retten können. Ende des Jahres wollen sie mit der Arbeit bei Lehman fertig sein, dann sollen sich die Juristen weiter mit der Sache befassen. Für Alvarez & Marsal wird sich der Auftrag in jedem Fall gelohnt haben, 230 Millionen Dollar haben sie schon jetzt für ihre Dienste erhalten.
Und nun also Deutschland: Tony Alvarez war um die Jahreswende in München, es hat ihm gut gefallen, wie er sagt. Für seinen Geschmack war das Büro, das sie dort angemietet haben, etwas zu teuer eingerichtet, drei Etagen nahe der Maximilianstraße, aber das sei in Deutschland so üblich, wurde ihm erklärt.
Im Augenblick versuchen seine Leute eine Firma für Industrieroboter in Augsburg und einen großen Solarzellenanbieter aus Bitterfeld flottzukriegen. Gern würde Deutschland-Chef Walter Bickel auch mit den Landesbanken ins Geschäft kommen, es gibt dazu erste vorsichtige Gespräche. Für rund 300 Milliarden Euro muss der Staat bei deren Geschäften im Zweifel noch geradestehen, Bickel findet, sie könnten ein wenig Hilfe von außen gebrauchen.
Wahrscheinlich ist es reiner Zufall, aber den Managern von "Deutschlands dümmster Bank" haben die Sanierer schon aus der Patsche geholfen. 320 Millionen Euro hatten die Banker der staatseigenen KfW am Morgen der Lehman-Insolvenz nach New York überwiesen, was ihnen den Spott der Nation eintrug. Ein Großteil des Geldes ist zurück: Die KfW gehörte zu den ersten Geschäftspartnern der Investmentbank, die Ehrmann nach Sichtung der Unterlagen bediente.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 10/2010
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