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DER SPIEGEL

Der 357-Punkte-Mann

Ein Arbeitsloser wird vor Gericht verurteilt - und ist glücklich.
René Kreickenbohm erinnert sich gern an den Tag, an dem er verurteilt wurde. Es war ein guter Tag, sagt er, der 16. März dieses Jahres. Kreickenbohm saß in einem Saal des Seesener Amtsgerichts, 20 Jahre alt, nikotingelbe Zähne, strubbeliges Haar, ein Stecker aus Metall in der Augenbraue. Ein Richter verurteilte ihn zu vier Wochen Arrest, weil er ohne Führerschein gefahren war, mit 1,47 Promille, auf einem Motorroller, der ihm nicht gehörte. Nachdem der Richter das Urteil verlesen hatte, sagte er: "Sie wissen schon, dass Sie jetzt 357 Punkte haben?"
Kreickenbohm schwieg. Das wusste er nicht. Er dachte nach.
"Sie haben 357 Punkte im Verkehrsstrafenregister in Flensburg", sagte der Richter.
Kreickenbohm dachte weiter nach, dann lächelte er.
René Kreickenbohm lebt im Haus seiner Mutter in Seesen, einer kleinen Stadt am Rand des Harzes. Die Schule verließ er ohne Abschluss, eine Ausbildung hat er nicht. Das Geld für Essen, Tabak und Handy bekommt er vom Amt, Hartz IV. Seine Freunde machten ihren Rollerführerschein, Kreickenbohm konnte sich das nicht leisten. Er war traurig, denn er mag Motorroller. Er mag diesen Duft von Öl und Benzin, das Vibrieren und den Wind, der um die Ohren pfeift, wenn man ohne Helm fährt. Die Freunde ließen Kreickenbohm mitfahren, hintendrauf. Als er mit seinem Fahrrad kam, lachten sie.
Kreickenbohm träumte von seinem eigenen Roller. Er träumte auch von einem Hauptschulabschluss und von einer Arbeit. Als Kassierer oder irgendwas mit Holz, sagt er. Und er träumte davon, wie das wohl wäre, berühmt zu sein, ein Promi, auf RTL vielleicht. So einer wie der Komiker Mario Barth. Über den lachen die Leute auch, aber nur, wenn der das will.
Im Sommer 2008 sah Kreickenbohm ein kleines Motorrad in einem Telefongeschäft stehen. Es ging ihm nur bis zum Knie, aber es hatte einen Motor, und es glänzte. Auf einem Werbeplakat im Schaufenster stand: "Pocket-Bike". Es war ein Geländemotorrad im Miniformat. Auf dem Plakat stand auch, dass jeder ein Pocket-Bike gratis bekommt, der einen Handyvertrag abschließt. Kreickenbohm unterschrieb am selben Tag. Er besaß nun zwei Handys und ein Pocket-Bike. "Meine Karre" nannte er es. Die Karre war schwarz, ihr Tank fasste einen Liter, und sie fuhr 55 km/h, bergab schneller.
Kreickenbohm wusste, dass das Pocket-Bike nicht zugelassen war für die Straße. Es hatte kein Licht, kein Nummernschild und scharfe Kanten am Auspuff. Das war ihm egal.
Wenn die Jungs nun mit ihren Rollern durch die Stadt kurvten, fuhr Kreickenbohm mit auf seinem Pocket-Bike. Abends lag er im Bett, roch das Benzin auf seiner Haut und war zufrieden.
Zwei Monate später hielt ihn eine Polizeistreife an. Anwohner hatten sich 58-mal beschwert, weil ein junger Mann ohne Helm mit einem lauten Zwergenmotorrad an ihnen vorbeigeknattert war. Er wurde zu 150 Sozialstunden verurteilt. Sein Pocket-Bike stellte er in die Garage. Ein paar Wochen später lieh er es einem Freund. Der Freund fuhr gegen einen Baum. Er holte sich Kratzer, das Pocket-Bike war ein Totalschaden. Kreickenbohm fuhr wieder Fahrrad.
Im Sommer vergangenen Jahres lud ihn ein Kumpel zu einer Feier ein. Kreickenbohm hatte sich einen Liter Wodka gekauft. Er trank aus der Flasche, und als die halb leer war, wollte er nach Hause: Cola besorgen zum Mischen und Zigaretten, die stopft ihm seine Mutter. Er lieh sich den Roller eines Freundes.
Die Polizei wird später sagen, Kreickenbohm sei Schlangenlinien gefahren. Sie stoppten ihn nach wenigen Metern. Kreickenbohm hatte 1,47 Promille im Blut.
In der Gerichtsverhandlung hörte er erstmals von seinen 357 Punkten. Der Richter hatte gerechnet: 348 Punkte für die 58 Fahrten ohne Führerschein auf dem Pocket-Bike plus 9 Punkte für die Fahrt auf dem Roller gleich 357.
Am nächsten Morgen filmte RTL in Kreickenbohms Wohnzimmer. Seine Freunde standen hinter den Kameraleuten und machten Fotos mit ihren Handys. Als am Nachmittag eine Reporterin der "Bild"-Zeitung kam, gingen sie in die Stadt und erzählten, dass ihr Freund ein Star sei. Kreickenbohm klebte die Zeitung über sein Bett. Seine Mutter sagte, dass sie stolz sei auf ihren Weltrekordträger. Ein Freund suchte im Internet nach der Telefonnummer vom "Guinness-Buch". Ein Nachbar nahm den Fernsehbeitrag auf. Kreickenbohm war auf RTL, genau wie Mario Barth.
Das Urteil hat René Kreickenbohm zu einem Jemand gemacht: Er ist der 357-Punkte-Mann. Bald muss er für einen Monat in Arrest, aber daran denkt er wenig. "Berühmtsein ist ein richtig gutes Gefühl", sagt er.
Ende März verurteilte das Amtsgericht Seesen einen Mann, der 300-mal ohne Führerschein Auto gefahren war. Er bekam ein Jahr Gefängnis, auf Bewährung. Der Richter sprach von 1800 Punkten. Kreickenbohms Mutter ist enttäuscht, dass ihr Sohn nun nicht mehr den Weltrekord hält.
Kreickenbohm hat bei der "Bild"-Zeitung angerufen und gesagt, dass er den neuen Rekordträger kenne und dass er ein Interview vermitteln könne. "Wer sind Sie noch mal genau?", fragte die Frau von der Hotline.
Von Takis Würger

DER SPIEGEL 16/2010
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