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EXTREMBERGSTEIGEN

Showdown im Himalaja

Welche Frau wird als Erste alle 14 Achttausender bestiegen haben: die Südkoreanerin Oh Eun Sun, die Spanierin Edurne Pasaban oder die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner? Die jahrelange Rekordjagd strebt ihrem Höhepunkt entgegen - nur eine erntet den Ruhm. Von Wulzinger, Michael

Der Berg schien ihr gewogen. Der Berg, der bei den Hindus "Göttin der Fülle" heißt, 8091 Meter hoch, zehnthöchster Gipfel der Erde. Der Berg auch, an dem im Verhältnis zur Zahl der Besteigungen mehr Kletterer ums Leben kommen als an jedem anderen Achttausender. Die Annapurna.

Seit gut drei Wochen wartete die spanische Extrembergsteigerin Edurne Pasaban im Basislager auf knapp 4200 Meter Höhe auf gutes Wetter, nun hatten Meteorologen in Europa per Satellitentelefon für einen Zeitraum von einigen Tagen fast ideale Bedingungen vorhergesagt: vergleichsweise milde Temperaturen selbst im Gipfelbereich, geringen Schneefall, lockere Bewölkung, leichten Wind.

Und so brach Pasaban mit den Mitgliedern ihrer Expedition auf, um über die Nordflanke den Gipfel zu erreichen. Doch sie kam nur bis auf 6300 Meter Höhe. Anders als prognostiziert blies der Wind mit Geschwindigkeiten von bis zu 70 Kilometer pro Stunde: Weiterklettern war unmöglich, Pasaban musste wieder runter ins Base Camp.

Das war am vorvergangenen Samstag.

Vier Tage später stieg die Spanierin erneut in die zerklüftete Nordflanke ein, in der herabstürzende Eistürme und Lawinen die Kletterer bedrohen wie auf kaum einer anderen Route im Himalaja. Bis spätestens Anfang dieser Woche, so ihre Hoffnung, will sie den Berg bezwungen haben. Es wäre ihr 13. Achttausender.

Sollte Pasaban erfolgreich sein, würde die Rekordjagd dreier Profibergsteigerinnen, die Alpinisten weltweit fasziniert verfolgen, ihrem Höhepunkt entgegenstreben. Es geht um eine der letzten Pionierleistungen des Extremklettersports: die Besteigung aller 14 Achttausender durch eine Frau.

Wer wird die Erste sein, die alles gewinnt: Geld, Ehre, Ruhm? Die Südkoreanerin Oh Eun Sun? Edurne Pasaban? Oder die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner? Der Südtiroler Reinhold Messner, der 1986 als erster Mensch überhaupt sämtliche Achttausender bezwungen hatte, wurde durch seine epochale Leistung zur Ikone des Bergsteigens. Sein hartnäckigster Widersacher, der 1989 am Lhotse verunglückte Pole Jerzy Kukuczka, kam erst ein Jahr nach Messner ans Ziel - sein Name geriet in der Öffentlichkeit schnell wieder in Vergessenheit.

Die besten Möglichkeiten beim Showdown im Himalaja hat die Südkoreanerin Oh, die nur noch einen Gipfel vor sich hat: die Annapurna. Auch sie hat sich für die klassische Route über die Nordflanke entschieden, bereits Anfang April traf die Asiatin im Basislager ein.

Pasaban fehlte bis vorigen Freitag neben der Annapurna der Shisha Pangma, während Kaltenbrunner noch den Mount Everest und den K2 bewältigen muss.

Kaltenbrunner, die im badischen Städtchen Bühl lebt, hat wegen ihres schwierigen Restprogramms wohl nur noch Außenseiterchancen. Selbst wenn ihr im Frühjahr wie geplant mit ihrem Mann Ralf Dujmovits die Besteigung der Mount-Everest-Nordwand gelingen sollte, kann sie frühestens im Juli auf den K2. Gegen ihr kühnes Vorhaben spricht zudem die Statistik: Bis heute hat keine Frau den Versuch überlebt, die zwei höchsten Gipfel der Erde in einer Saison zu besteigen.

Jahrelang galten Pasaban, 36, und Kaltenbrunner, 39, als die Kandidatinnen, denen Experten eine Besteigung sämtlicher Achttausender am ehesten zutrauten. Die beiden Frauen schätzen sich und vermeiden es bei Interviews, von einem Wettlauf zu sprechen oder sich als Konkurrentinnen zu bezeichnen.

"Bergsteigen ist für mich kein Wettkampf, es ist mein Leben", sagt Gerlinde Kaltenbrunner, gelernte Krankenschwester. Pasaban, die einen Abschluss als Ingenieurin gemacht hat, ehe sie ein Marketingstudium anschloss, betont: "Mein Leben steht auf dem Spiel, jeder Schritt im Himalaja kann mein letzter sein, da wäre ich doch wahnsinnig, wenn ich mich zu irgendetwas drängen lassen würde."

Vor allem Kaltenbrunner erweist sich als Puristin des Hochgebirgskletterns, sie ist ausschließlich im Alpinstil unterwegs: ohne die Zufuhr von Sauerstoff; ohne Fixseile, die an den gefährlichen Passagen ins Eis oder in den Fels getrieben werden; und ohne die Hilfe von Sherpas. Alles was sie braucht, trägt Kaltenbrunner selbst auf dem Rücken.

Für die 44-jährige Oh Eun Sun hingegen sind alpinistische Prinzipien offensichtlich nur ideologischer Ballast. Sie setzt auf eine bombastische Logistik.

Nur so gelang es ihr, von Mitte Mai 2008 bis Anfang August 2009 acht der welthöchsten Gipfel zu bezwingen und sich damit den womöglich entscheidenden Vorsprung auf die Europäerinnen zu verschaffen. Für die Besteigung ihrer ersten fünf Achttausender hatte Oh zuvor noch zehn Jahre benötigt.

Oh nennt ihren Wettlauf in der Todeszone "Projekt 14". Ihre Expeditionen, bei denen sie von Weltklassekletterern aus ihrer Heimat und von zahlreichen Trägern unterstützt wird, ähneln militärischen Operationen. Zuweilen charterte sie auch Hubschrauber, um von Basislager zu Basislager zu fliegen und sich die mühsamen und zeitraubenden Anstiege in die entlegenen Regionen zu ersparen.

Bei derartigem Materialeinsatz ist es nicht verwunderlich, dass Oh in der Alpinistenszene auf heftige Kritik stößt. Am Gasherbrum I will ein französischer Kletterer beobachtet haben, dass Oh nur mit kleinem Rucksack unterwegs gewesen sei, während vier Träger "schwere Lasten" geschleppt hätten. Am Nanga Parbat wiederum, das behauptet ein italienischer Extrembergsteiger, habe Oh Sauerstoff aus der Flasche verwendet - eine extrem leistungssteigernde Hilfe, die unter Profikletterern verpönt ist.

Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit hat vor allem das Gipfelbild hervorgerufen, das Oh nach der angeblichen Besteigung des Kangchendzönga im vorigen Mai von sich machen ließ: Es zeigt einen vermummten Menschen vor einem milchigen Hintergrund.

Oh erschien eigens bei einer Pressekonferenz in Seoul, um sich gegen den Vorwurf der Täuschung zu verteidigen. Auf dem Gipfel sei das Wetter miserabel gewesen, behauptete sie unter Tränen, bereits nach einer Minute hätten sie und ihr Begleiter sich an den Abstieg machen müssen.

Aus der Welt schaffte Oh die Vorbehalte nicht, wie sie unlängst bei der Ankunft von Pasabans Annapurna-Expedition in Nepal erfuhr. Ein Mitglied der spanischen Crew äußerte erneut den Vorwurf, Oh habe sich am Kangchendzönga unredlich verhalten.

Der Druck wird immer größer. Klar ist, dass der Frau, die den Wettlauf für sich entscheidet, weltweit beträchtliche Vermarktungsmöglichkeiten offenstehen. Dabei können die drei besten Bergsteigerinnen schon heute prächtig von ihren Einnahmen leben. Gerlinde Kaltenbrunner etwa füllt mit ihren Vorträgen und Lesungen in Deutschland oder Österreich selbst große Hallen, Edurne Pasaban erhält in Spanien für einen Auftritt bis zu 20 000 Euro.

Kaltenbrunner, eine schlanke, zurückhaltende Frau mit dem Händedruck eines Eisenbiegers, sitzt im Wohnzimmer ihres Hauses in Kappelwindeck, einem Stadtteil von Bühl. Die Sonne scheint durch die große Fensterfront. Sie klettere nur für sich und nicht, um reich und bekannt zu werden, sagt sie, und dass sie jemals Vorhänge anbringen müsste, um ihre lichte Wohnung vor den Blicken Neugieriger zu schützen, mag sie sich nicht vorstellen. Auch dann nicht, wenn sie demnächst weltberühmt sein sollte.

In ihrer Heimat hat die Österreicherin indes schon Erfahrungen mit der Boulevardpresse gesammelt. Vor ihrer kirchlichen Hochzeit vor zweieinhalb Jahren etwa hatten Journalisten bei Angehörigen angerufen, um an Familienbilder und Details über ihr Privatleben zu kommen. Selbst bei dem Pfarrer, der die Trauung vornahm, hatten die Kollegen vorgefühlt.

Eine Idee davon, wie weit die Vereinnahmung durch die Öffentlichkeit gehen kann, hat auch Edurne Pasaban bereits bekommen. Nach ihren ersten spektakulären Expeditionen im Himalaja und im Karakorum hatten die spanischen Massenblätter sie ausführlich durchleuchtet.

Sogar die Bulletins der Krankenhausärzte über den Zustand ihrer Zehen, an denen sie beim Abstieg vom K2 Erfrierungen erlitten hatte, gehörten tagelang zu den Spitzenmeldungen in den Nachrichten. Plötzlich als Person des öffentlichen Lebens gehandelt und ins Rampenlicht gezerrt zu werden hatte bei Pasaban Depressionen ausgelöst. Sie tauchte unter, erst mit Hilfe einer Psychologin fand sie ihr Gleichgewicht wieder.

Mittlerweile scheint Pasaban für die Rolle der First Lady des Extremkletterns gerüstet - darauf lässt zumindest der Aufwand schließen, mit dem sie die verlorene Zeit auf ihre südkoreanische Rivalin Oh noch aufzuholen trachtet.

Um mit ihren Kletterpartnern so schnell wie möglich zur Nordflanke der Annapurna zu gelangen, griff die Spanierin beim Weg zum Basislager auch auf ein Verkehrsmittel zurück, das sie dazu bislang immer abgelehnt hatte - einen Hubschrauber.

DER SPIEGEL 16/2010
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