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ESSAY

Rückkehr der Bourgeoisie

Die schwindende Verführungskraft der Demagogen Von Ian Buruma Von Buruma, Ian

Zwei zutiefst widersprüchliche Bilder der Niederlande wetteifern miteinander um die Vorherrschaft. Eines schildert ein ungebärdiges, etwas verrücktes Land, in dem Polizisten Marihuana rauchen, Schwule auf den Straßen tanzen und Sterbehilfe für jedermann sich im Handumdrehen organisieren lässt. Holland - eine Multikulti-Gesellschaft, die so grenzenlos tolerant ist, dass sogar noch gewalttätige islamistische Extremisten vom Staat unterstützt werden. Diese Karikatur ist vor allem in den USA weit verbreitet.

Seit populistische Demagogen vom Stile Pim Fortuyns oder eines Geert Wilders die Bühne betraten und gegen die angebliche Islamisierung Europas geiferten, hat sich ein ganz anderes Bild verbreitet - die Niederlande als Hort von Reaktionären und Rassisten, die dem Rest Europas den Weg in die Morgenröte eines neuen Faschismus weisen.

Beide Bilder sind, natürlich, maßlos übertrieben. Und beide scheinen dem Vorurteil zu widersprechen, wonach im so gelassen verschlafenen, beruhigt-bourgeoisen Holland alles erst 50 Jahre später passiert als anderswo. Und doch gibt es etwas völlig Überdrehtes an diesem neuen Populismus, wie er etwa von Wilders verkörpert wird - überdreht in der gleichen Weise, in der die sozialen Umwälzungen der sechziger Jahre überdreht waren: Sex, Drogen und Rock 'n' Roll waren damals eine Reaktion auf die Jahrhunderte eines schwerfälligen Calvinismus. Denn das ist ein Kennzeichen der niederländischen Geschichte: lange Phasen der Ruhe, abgelöst von beinahe schon hysterischer Hektik.

Im Populismus Fortuyns oder Wilders' sind beide Klischees erkennbar, das reaktionäre genauso wie das modern-verrückte. So kann es Wilders nicht ertragen, wenn Kommentatoren ihn mit Führern der extremen Rechten wie dem Franzosen Jean- Marie Le Pen in einen Topf werfen. Und Fortuyn war auf so offene, so grelle Art schwul, wie kein anderer europäischer Rechts-demagoge zu leben gewagt hätte. Nicht einmal Jörg Haider, was immer den auch privat umgetrieben haben mag.

Die extreme Rechte in Frankreich, Österreich, Belgien, Italien oder Deutschland war stets mit den Traditionen des Faschismus oder Nazismus verbunden. Es führt eine direkte Linie von der "Action française" zu Le Pen, von Mussolini zu den verschiedenen italienischen Rechtsparteien. Sicher, auch Holland hatte in den dreißiger Jahren eine nationalsozialistische Bewegung, aber die antiislamischen Demagogen von heute haben nichts gemein mit den Schwarzhemden aus der Vorkriegszeit. Im Gegenteil, Fortuyn war zuvor Sozialist. Er wandelte sich zum antimuslimischen Eiferer, weil er den Islam als Gefahr für die Schwulenrechte und die liebgewonnenen Errungenschaften gesellschaftlicher Umwälzungen der sechziger Jahre ansah. Er selbst hat es so formuliert: "Ich habe keine Lust, den Kampf um Schwulenrechte und Frauenemanzipation noch einmal von vorn zu beginnen."

Er war ja nicht der Einzige, der so geredet hat. Eine ganze Reihe ehemaliger Linker hat sich dem Chor derer angeschlossen, die vor einem nahen "Eurabien" warnen. Viele holländische Linke, die in den sechziger Jahren aufwuchsen, sind in konservativen, oft auch religiösen Elternhäusern groß geworden. Sie fochten ihre Rebellion ebenso kompromisslos aus, wie die In-stitutionen, gegen die sie rebellierten, jeden Kompromiss verweigerten. Die Idee, dass eine Religion - in diesem Fall der Islam - schon wieder zu einem bedeutsamen Faktor der Gesellschaft geworden ist, erfüllt sie mit Zorn.

In anderen Dingen entsprach Fortuyn schon eher dem Bild eines traditionellen populistischen Demagogen. Er griff die Eliten an, förderte einen starken Führerkult - mit ihm als Führer natürlich - und versprach einen Weg zurück zu einer ethnisch und kulturell homogenen Gesellschaft, falls es so etwas in Holland je gegeben haben sollte.

Geert Wilders ist kein outrierter Homosexueller, aber nicht minder exzentrisch als Fortuyn. Möglicherweise um zu verbergen, dass sein dunkler Schopf Erbteil indonesischer Vorfahren ist, hat er seine Haare wasserstoffblond gefärbt. Auch er stilisiert sich zum Vorkämpfer des Liberalismus und des Rechts auf freie Rede, das er jedenfalls für sich selbst reklamiert, nicht dagegen für den Koran, den er mit Hitlers "Mein Kampf" vergleicht. Der sollte seiner Meinung nach verboten oder doch zumindest streng zensiert werden. Im Übrigen spricht er sich für die Abschiebung muslimischer Einwanderer aus und für eine Sondersteuer auf das Tragen von Kopftüchern. Ohne solche Maßnahmen, glaubt er, sei die "jüdisch-christliche Kultur" der Niederlande zum Untergang verurteilt.

Eine Eigenschaft, die Wilders von seinen populistischen Kollegen in anderen Teilen Europas unterscheidet, ist ein verbissener Philosemitismus, der von seiner Verachtung für den Islam angetrieben wird. Wilders ist häufig Gast in Israel und verteidigt das harte Vorgehen der israelischen Regierung gegen die arabische Bevölkerung. Er wird von rechten jüdischen Organisationen in den USA unterstützt, wo er, häufig in den Synagogen, gewogene Zuhörer für seine Tiraden gegen den Islam findet. Die Frage stellt sich, wie das Jerusalemer Publikum einer "Anti-Dschihad"-Konferenz wohl die Warnung aufgenommen hat, dass prügelnde Muslime Amsterdams Stellung als "Schwulenhauptstadt Europas" gefährdeten. Der moderne niederländische Populismus war eben schon immer etwas anders.

Und natürlich hat Wilders, wie vor ihm Fortuyn, solche Ängste zu nutzen verstanden, die über die Furcht vor dem Islam hinausgehen. Eine Kombination aus wirtschaftlicher Globalisierung und undurchsichtiger EU-Politik, aus Finanzkrise und unkontrollierter Immigration hat das Vertrauen in herkömmliche Politik erschüttert und den Menschen das Gefühl der Zugehörigkeit genommen. In Europa wie in den USA fühlen sich die Menschen nicht mehr länger durch die traditionellen Parteien vertreten. Ganze Stadtteile haben durch den Strom der Einwanderer ihr Gesicht verändert, das Gefühl nationaler Identität ist erschüttert.

Gewöhnlich wird die Schuld an dieser Entwicklung liberalen und sozialdemokratischen Eliten zugeschoben. Ihnen wird angelastet, den Immigranten erlaubt zu haben, sich in Europa niederzulassen, nachdem sie als Gastarbeiter oder Asylsucher ins Land gekommen waren. Ihnen wird auch vorgeworfen, den Stolz auf die eigene Nation zugunsten einer paneuropäischen Identität und eines Multikulturalismus diskreditiert zu haben. Solche Anschuldigungen sind keineswegs ganz falsch. Es ist schlicht wahr, dass in Deutschland, aber auch in Holland der Ausdruck nationaler Gefühle nach dem Zweiten Weltkrieg zum Tabu erklärt wurde, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Solche Gefühle blieben allenfalls auf das Fußballstadion beschränkt, eine letzte Bastion für das Ventilieren von patriotischem Dampf, zumal wenn Holland gegen Deutschland spielte. Die Europäische Union ist noch nicht in der Lage, die Nation als Fokus populärer Gefühle zu ersetzen, und sie ist, leider, auch nicht hinreichend demokratisch.

Das allein wäre nicht weiter schlimm. Aber in Verbindung mit den Ängsten vor wirtschaftlichem Niedergang und mit der Furcht vor gewaltsamen Terrorangriffen ist der Gefühlsmix zu einem ernsthaften Problem geworden. In Zeiten hoher Besorgnis ist es ganz einfach, solche Ängste in Aggression gegen ungeliebte Minderheiten zu verwandeln. Die Tatsache, dass in der islamischen Welt wirklich revolutionäre Bewegungen entstanden und einzelne Individuen bereit sind, im Namen des Glaubens Blutbäder anzurichten, hat dieses Problem nur noch verschärft. Aber das eigentliche Ziel des weitverbreiteten Unmuts sind, jedenfalls in Holland, nicht die Muslime selbst, sondern die liberalen Eliten, die es den Muslimen erlaubt haben, sich hier anzusiedeln. Und das ist das eigentliche Paradox am Populismus holländischer Prägung: Im gleichen Maße, in dem die Demagogen ihren Kampf gegen die angeblich intoleranten Muslime im Namen holländischer Toleranz führen, wird ebendiese Toleranz, die eine liberale Elite in Jahrzehnten gefördert hat, verunglimpft als typisch elitäres Gehabe.

Noch vor gar nicht langer Zeit hätte beinahe jeder Niederländer auf die Frage nach den Bestandteilen seiner nationalen Identität höchstwahrscheinlich auch die Charaktereigenschaft Toleranz aufgezählt, dazu Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Gastfreundschaft gegenüber Ausländern. Ob diese Art der Selbstbeschreibung wirklich den Tatsachen entsprach, sei dahingestellt.

Heutzutage aber hat die Toleranz bei den Anhängern von Wilders einen geradezu schlechten Ruf, weil sie angeblich zu weit gegangen ist. Sie sind überzeugt, dass die Multikulti-Gesellschaft ein furchtbarer Fehlschlag war und dass Ausländer sich entweder zwangsweise assimilieren oder das Land verlassen müssen. Als Königin Beatrix in einer Weihnachtsansprache für mehr Toleranz plädierte, schnaubte Wilders über den "Multikulti-Unsinn" der Königin.

Die Frage für Holland - wie für andere Demokratien - lautet deshalb: Wie ist das Vertrauen in liberale Politik wiederherzustellen, ohne zugleich die Multikulti-Doktrin in ihrer dogmatischen Form zu beleben, wonach Assimilierung oder auch nur eine Integration in den Hauptstrom der Gesellschaft als Verrat an der Kultur gegeißelt wurden? Dennoch werden sich die Holländer und die anderen Völker Europas daran gewöhnen müssen, Einwanderer aus nichtwestlichen Staaten als gleichberechtigte Bürger zu behandeln, auch die europäischen Muslime. Nur dann können gewalttätige Revolutionäre isoliert werden.

Möglicherweise ist die Realität in Holland auch gar nicht so düster. Geert Wilders ist zwar populär, aber längst nicht so populär wie der sozialdemokratische ehemalige Bürgermeis-ter von Amsterdam, Job Cohen. Seitdem Cohen sich darum bemüht hat, die Stadt nach dem Mordanschlag eines jungen muslimischen Terroristen auf den Filmemacher Theo van Gogh wieder zu beruhigen, ist er von seinen Kritikern diffamiert worden, er sei zu nachgiebig gegenüber dem muslimischen Extremismus. In den Augen seiner Gegner personifiziert er das elitäre liberale Verhalten und allzu sanftmütige Toleranz. Also genau das, was viele Bürger für alles Mögliche verantwortlich machen, von der Straßenkriminalität in Einwandererstadtteilen bis hin zum gewalttätigen islamischen Extremismus.

Schon wahr: Cohen hat alles darangesetzt, mit den Muslimen zu reden, in Moscheen Tee zu trinken und die Probleme der Einwanderer ernst zu nehmen. Er hat wiederholt gesagt, er mache das, weil er wisse, wie es sei, ausgeschlossen zu sein. Cohen entstammt einer säkularen jüdischen Familie, seine Großeltern wurden in Bergen-Belsen ermordet.

An diesem Mittwoch wählen die Niederländer ein neues Parlament. Weil ein kompliziertes Verhältniswahlrecht gilt, ist es keineswegs sicher, dass Cohens Sozialdemokraten eine Mehrheitsregierung bilden können, trotz seiner großen persönlichen Beliebtheit. Aber seine Chancen, Ministerpräsident zu werden, sind größer als Wilders' Chancen, mit seiner Ein-Mann-Partei "Für die Freiheit" die Macht zu übernehmen.

Selbst wenn Cohen Premier werden sollte, werden die Probleme von Terrorismus und Straßenkriminalität und auch die Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg nicht einfach verschwinden. Aber die Chancen des Landes werden größer, seine Ausgeglichenheit zurückzugewinnen. Und damit wieder ein Land zu werden, das weder besonders ausgeflippt noch besonders bigott ist - sondern genau das ruhige, bourgeoise Land, das es sein sollte.

Buruma, 58, ist einer der bekanntesten Publizisten im englischsprachigen Raum. Er wuchs in den Niederlanden, in Großbritannien und Japan auf, lehrt Journalismus in New York und ist Autor des Buches "Die Grenzen der Toleranz: Der Mord an Theo van Gogh".

DER SPIEGEL 23/2010
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