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DER SPIEGEL

BANKENGefährliche Liebschaft

Der Chef der Norddeutschen Landesbank gerät unter Druck. In der Schweiz kämpft er mit einer Betrugsaffäre, zu Hause mit akutem Kapitalmangel.
Der tägliche Arbeitsweg von Paul S. war typisch für ein Mitglied der Schweizer Hochfinanz. Er führte über die Einkaufsmeile der Zürcher Bahnhofstraße zum Paradeplatz, dann vorbei an der Edelconfiserie Sprüngli und dem Luxushotel Savoy. Alles hier ist sehr teuer, sehr gediegen, sehr nobel - auch sein Ziel, die Chefetage bei der Skandifinanz Bank, einem Tochterinstitut der Norddeutschen Landesbank (Nord/LB).
Doch hinter der edlen Fassade liefen schmutzige Geschäfte. Die Bank ließ sich von einer Betrügerbande um rund 130 Millionen Euro erleichtern. Der Trick war schlicht: Eine Maschinenhandelsfirma gab vor, im Ausland schweres Gerät zu beschaffen und danach weiterzuverkaufen. Skandifinanz lieferte die Finanzierungen für die Scheingeschäfte. Von dem Geld kam kaum etwas zurück.
Paul S. war womöglich Helfer und Opfer zugleich. Er liebte angeblich die Frau des Drahtziehers, erzählen Insider. Von ihrer Firma soll er einen Porsche geschenkt und über Umwege ein Darlehen über mehrere hunderttausend Schweizer Franken erhalten haben. Vor wenigen Monaten musste S. seinen Schreibtisch räumen. Zu den Vorwürfen und den Ermittlungen der Schweizer Behörden will er "keinen Kommentar" abgeben. Die Bank hat gegen ihn "eine Strafanzeige eingereicht", bestätigt ein Sprecher.
Nord/LB-Chef Gunter Dunkel im fernen Hannover muss sich als Verwaltungsratspräsident der Skandifinanz derweil fragen lassen, weshalb er von der verhängnisvollen Affäre nichts bemerkt hat. Die internen Kontrollsysteme versagten offenbar kläglich. Dunkel hatte sich auf seine externen Wirtschaftsprüfer verlassen. Sein Vertrauen in deren Sachkunde kostete die Bank schließlich beinahe ihre Schweizer Banklizenz.
Nur eine millionenschwere Kapitalspritze konnte das Schlimmste verhindern. Von dieser Woche an wird die deutsche Finanzaufsicht BaFin im Rahmen einer Sonderprüfung das Beteiligungsmanagement der Nord/LB untersuchen.
Dabei sah es für die Nord/LB am Anfang der Finanzkrise noch relativ gut aus. Dunkel steuerte die drittgrößte deutsche Landesbank unauffällig durch die Turbulenzen. Weil er im Unterschied zu seinen Kollegen von der BayernLB, LBBW oder HSH Nordbank keine Staatshilfen brauchte, durfte er seinen Job behalten. Doch nun sind die Reserven aufgebraucht.
Den Stresstest, mit dem die europäischen Aufseher die Risikotragfähigkeit der wichtigsten Kreditinstitute überprüft haben, bestand die Bank jüngst nur knapp.
Vor allem weil die Staatsanleihen von unsicheren Schuldnerländern wie Griechenland oder Portugal im Anlage- statt im Handelsbestand gebucht werden, wurde die Messlatte der geforderten sechs Prozent Kernkapital noch übersprungen.
"Die Nord/LB braucht dringend ein bis zwei Milliarden Euro frisches Eigenkapital", so der Vorstand einer anderen Landesbank. Die hätte auch Dunkel gern, aber seine Hauptanteilseigner, die niedersächsischen Sparkassen (37 Prozent) und das Land Niedersachsen (42 Prozent), winken ab.
Vor ein paar Wochen wurde die BaFin dann richtig nervös. Viele Kreditnehmer der Nord/LB waren in schlechtere Bonitätsklassen abgerutscht. Unter anderem sind die Hannoveraner mit einem Kreditvolumen von 19 Milliarden Euro einer der größten Schiffsfinanzierer. Viele Reeder brauchten auf einmal Hilfe. Dunkel blieb nichts anderes übrig, als den Kapitalmarkt anzuzapfen. Die Nord/LB bot Mitte Juni für ihre zehn Jahre laufende Nachranganleihe satte sechs Prozent Zinsen und wollte 500 Millionen Euro einsammeln. Doch die Anleger reagierten skeptisch. Am Ende kamen nur 400 Millionen zusammen.
Es ist die Vielzahl solcher Probleme, die die Nord/LB nun zu einem unsicheren Kantonisten macht. Schon im vergangenen Jahr stieg die Risikovorsorge auf über eine Milliarde Euro. Die 49-Prozent-Beteiligung an der im Baltikum aktiven DnBNord wird auch dieses Jahr viel Geld kosten. Die baltischen Staaten wurden von der Weltfinanzkrise voll erfasst. Ihr norwegischer Partner kauft der Landesbank nun die Anteile ab.
Die Sparkassen haben Bankchef Dunkel längst als Schuldigen ausgemacht. Sie lasten ihm nicht nur den Skandifinanz-Flop an, sondern auch eine verlustreiche Wertpapieraffäre rund um den schillernden Geschäftsmann Lars Windhorst. Der Intimus des damaligen Kanzlers Helmut Kohl hatte 2008 die Landesbank beauftragt, größere Aktienpakete zu kaufen. Doch dann wollte Windhorsts Beteiligungsgesellschaft die Papiere nicht abnehmen.
"Durch betrügerische Maßnahmen hat die Bank zweimal hintereinander sehr viel Geld verloren", klagte der niedersächsische Sparkassenpräsident Thomas Mang. Die Beteiligungsverwaltung sollte eigentlich eine Stärke der Bank werden und keine Schwäche bleiben, moserte er.
Bisher wird der Nord/LB-Chef noch von der Landesregierung gestützt. Dunkel durfte den neuen niedersächsischen CDU-Ministerpräsidenten David McAllister zu dessen erster Auslandsreise nach China begleiten. Das Wohlwollen ist aber keine Garantie mehr. "Wenn noch mal ein Unglück passiert, dann bin ich weg", sagte Dunkel jüngst einem Vertrauten.
Von Beat Balzli und Christoph Pauly

DER SPIEGEL 31/2010
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