EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE
Im Namen des Gesetzes
Als Stephen Brodie das Gerichtsgebäude in Dallas, Texas, verließ und endlich wieder frei war, nach zehn langen Jahren, warteten vor dem Gericht viele Menschen auf ihn, und sie applaudierten, als sie ihn sahen. Brodie wurde gefeiert für seinen Durchhaltewillen, er war nicht bitter geworden in der Haft wie andere, nicht depressiv, er hatte daran geglaubt, dass das Gute am Ende siegt, dass er, ein unschuldig Verurteilter, irgendwann aus der Haft entlassen und rehabilitiert werden würde. Manche nannten Brodie naiv, aber das kümmerte ihn nicht.
Brodie stand hier aber nicht nur als rehabilitierter Häftling, er war auch ein Symbol. Der Beweis dafür, dass das Strafverfolgungssystem in Texas dringend reformiert werden muss, und wahrscheinlich war an diesem Tag niemand glücklicher über diesen erneuten Beweis als der Mann, der diesem System in Dallas vorsteht.
Craig Watkins, der Bezirksstaatsanwalt von Dallas, war zum Gericht gekommen, um Brodie in der Freiheit zu begrüßen und sich für den Fehler des Staates Texas zu entschuldigen, so wie er es vorher schon bei anderen Männern getan hatte, die während seiner Amtszeit nachträglich freigesprochen worden waren. Einige standen nun vor dem Gericht, um Brodie in ihrem exklusiven Club zu empfangen.
Watkins selbst hatte diesen Männern zur Freiheit verholfen. Unmittelbar nach seiner Wahl hatte er eine neue Abteilung in seiner Behörde gegründet, deren Aufgabe es ist, alle zweifelhaften Urteile der vergangenen Jahrzehnte zu überprüfen. Es war das erste Mal, dass ein Bezirksstaatsanwalt in den USA diesen Schritt wagte, die Abteilung war eine Abrechnung mit der Arbeit seiner Vorgänger. Watkins sorgte für eine Menge Unmut in seiner Behörde, der in dem Versuch gipfelte, alte Akten und Beweismittel verschwinden zu lassen.
Watkins verhinderte das und rückte die neue Abteilung ins Zentrum seiner täglichen Arbeit. Wann immer möglich, sprach er über sein Projekt, er feierte jede Entlassung eines Unschuldigen nicht nur als Beleg für die Reformierbarkeit des Systems, sondern auch als persönlichen Erfolg. Watkins ist der erste schwarze Bezirksstaatsanwalt in der Geschichte des Staates Texas, und er hält nicht viel vom Leitspruch seiner weißen Vorgänger, der lautete: Wir sind hart im Kampf gegen das Verbrechen. Watkins' Leitidee lautet: Ich verhalte mich klug im Kampf gegen das Verbrechen, und im Anschluss an diesen Satz verweist er gern auf die Verurteilungsquote seiner Behörde. Sie liegt bei 99,4 Prozent.
Auf Stephen Brodie wurde Watkins aufmerksam durch einen Brief von Brodies Vater. Es war einer von vielen Briefen, die der Vater im Laufe der Jahre an Bürgerrechtsgruppen und Behörden geschrieben hatte, um seinen Sohn aus dem Gefängnis zu holen.
Stephen Brodie war im Jahr 1991 festgenommen worden, er hatte Münzen aus einem Getränkeautomaten gestohlen. Während des Verhörs erwähnten die Polizisten auch ein fünfjähriges Mädchen, das ein Jahr zuvor in der Nähe des Getränkeautomaten vergewaltigt worden war. Acht Tage lang befragten sie Brodie immer wieder zu dem Mädchen, insgesamt saß er den Polizisten 18 Stunden gegenüber, häufig ohne Dolmetscher. Den aber braucht Brodie dringend, damit er mit anderen Menschen kommunizieren kann und sie mit ihm, denn Brodie ist taub, seit seinem zweiten Lebensjahr. Er braucht einen Hörenden an seiner Seite, der ihm das Gesprochene in Zeichensprache übersetzt. Wenn Brodie redet, hört man wenig mehr als ein gutturales Gurgeln. Am Ende der 18 Stunden legte Brodie ein Geständnis ab. Später sagte er über diesen Moment, er sei müde gewesen, der Druck war zu hoch.
Auf Anraten seines Anwalts gab Brodie alle Anschuldigungen zu und erhielt dafür eine vergleichsweise milde Strafe von fünf Jahren Haft. Weitere fünf Jahre saß er in mehreren Etappen ab, weil er sich nach Verbüßung der Haftstrafe nicht ordnungsgemäß in der öffentlichen Vergewaltigerdatenbank registrieren ließ.
Was Brodie nicht wusste: In dem Haus, in dem das Mädchen lebte, hatte die Spurensicherung Haare einer unbekannten Person gefunden und einen Fingerabdruck. Auch sein Verteidiger wusste nichts davon, die Ermittler hatten diese Informationen offenbar nicht weitergegeben, wie es ihre Pflicht gewesen wäre.
Die Polizei teilte Brodie auch nicht mit, dass sie ein Jahr nach seiner Verurteilung den Mann identifizieren konnte, der seinen Fingerabdruck im Haus hinterlassen hatte. Der Name des Mannes ist Robert Warterfield. Die Polizei vermutet, dass er verantwortlich ist für mehrere Übergriffe auf Mädchen in den frühen neunziger Jahren, in einem Fall bekannte er sich schuldig. Warterfield wohnt in der Nähe des Getränkeautomaten, den Brodie knackte.
Warterfield war im Gerichtssaal, als Brodie freigesprochen wurde. Als er gefragt wurde, was er über die Vergewaltigung des damals fünfjährigen Mädchens sagen könne, antwortete er: "Ich mache von meinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch, ich will mich nicht belasten."