KATASTROPHEN
Unzumutbar für die Opfer
Ex-Bundesinnenminister und Anwalt Gerhart Baum, 78, über eine neue Stiftung für Love-Parade-Geschädigte
SPIEGEL: Mehr als hundert Tage nach der Katastrophe von Duisburg hat noch immer niemand die Verantwortung für die Massenpanik mit 21 Toten übernommen. Was bedeutet das für die Hinterbliebenen und Verletzten?
Baum: Eine große Last. Die Menschen fühlen sich alleingelassen. Sie erwarten nicht, dass die Schuldfrage innerhalb weniger Wochen geklärt wird. Aber sie erwarten, dass sich der Love-Parade-Veranstalter Lopavent, die Stadt und das Land klar zu ihrer moralischen Mitverantwortung bekennen. Die Love-Parade-Katastrophe ist nicht vom Himmel gefallen, sondern sie wurde durch menschliches Versagen ausgelöst.
SPIEGEL: Wer hat versagt?
Baum: Meines Erachtens haben alle Beteiligten Fehler gemacht, welchen Anteil im Einzelnen sie auch haben mögen: der Veranstalter, die Stadt, das Land und die Polizei. Ich stehe in Kontakt mit mehr als 100 Opfern und ihren Angehörigen, 57 zählen zu unseren Mandanten. Die Menschen sehen all diese Fehler. Es macht sie schier verrückt, dass niemand dazu steht.
SPIEGEL: Die nordrhein-westfälische Landesregierung hilft immerhin mit einem Nothilfefonds …
Baum: Ja, der Nothilfefonds und der Beauftragte des Landes Wolfgang Riotte arbeiten schnell und unbürokratisch. Doch die Mittel aus diesem Topf sind fast aufgebraucht. Außerdem greifen die bisherigen Hilfen zu kurz. Es gibt Menschen, die fallen durch das Raster.
SPIEGEL: Welche?
Baum: Der Fonds zahlt zum Beispiel nur für stationäre Behandlungen. Die Behandlungsdauer darf zudem 40 Tage nicht überschreiten. Es gibt aber viele schwer traumatisierte Love-Parade-Opfer, die langfristig ambulante Hilfen brauchen. Psychologen gehen davon aus, dass mehr als 500 Menschen posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln werden, zum Teil erst nach Jahren. Wir müssen für alle Opfer jetzt verlässlich regeln, dass ihnen geholfen wird - auch bei Spätfolgen oder ambulanten Behandlungen.
SPIEGEL: Wie könnte das gelingen?
Baum: Das geht nur, indem wir die strafrechtliche Schuldfrage von der Frage der Hilfen abkoppeln. Meist haben Betroffene erst eine realistische Chance, Entschädigungen einzufordern, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind und das Gericht Schuldige benannt hat. Im hochkomplexen Fall Love Parade dürfte das noch Jahre dauern; wahrscheinlich kommt es nicht vor 2012 zum Prozess. Und vielleicht wird das Ergebnis am Ende für die Opfer wenig befriedigend sein.
SPIEGEL: Wieso?
Baum: Es ist durchaus möglich, dass bei allen Beteiligten Fehler festgestellt werden, diese aber nicht zu Verurteilungen führen. Für die Opfer ist es unzumutbar, das abzuwarten. Deshalb bemühen wir uns, mit allen potentiell Verantwortlichen schon jetzt umfassende Hilfen für die Betroffenen auszuhandeln.
SPIEGEL: Woher soll das Geld kommen?
Baum: Ich bin mit dem Konzern Axa im Gespräch, der den Veranstalter versichert. Mein Eindruck ist, dass auch die Landesregierung sich solchen Gesprächen nicht entziehen wird. Wichtig ist vor allem, dass wir uns auf verbindliche Kriterien für Hilfen einigen. Unser Ziel ist bis zum nächsten Frühjahr die Gründung einer staatlich kontrollierten Stiftung unter Einbeziehung der Verantwortlichen und der Opfer. In diese Stiftung sollten auch die Gelder anderer Hilfsfonds einfließen. Die Love-Parade-Opfer brauchen eine zentrale Anlaufstelle, die mit maximaler Transparenz arbeitet.