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Die entgleiste Stadt

Eine Metropole ohne funktionierende S-Bahn, vier Stadtteile zeitweise ohne Anbindung, eine Krise ohne Ende. Was aussieht wie eine Berliner Nahverkehrsposse, ist in Wahrheit der politisch geduldete Verfall öffentlicher Einrichtungen. Von Jochen-Martin Gutsch und Wiebke Hollersen Von Gutsch, Jochen-Martin und Hollersen, Wiebke

Ein paarmal macht Rüdiger Grube, Chef der Deutschen Bahn, seinen Mund ganz kurz auf und dann wieder zu. So, als wolle er etwas sagen. Aber dann schreibt er die Vorwürfe, die auf ihn einprasseln, auf weiße A4-Blätter. Manchmal starrt Grube in die Runde, zu den Abgeordneten, manchmal auf die Blätter. Er wusste ja, was ihn erwartet. Er wird ruhig bleiben. Auch wenn ihn gerade alle grillen.

Im Raum 376 des Berliner Abgeordnetenhauses tagt der Verkehrsausschuss. Bürger, Journalisten, Bahn-Mitarbeiter sind gekommen, der Raum ist überfüllt, der RBB überträgt die Sitzung live im Fernsehen - zum ersten Mal in der Geschichte des Verkehrsausschusses, für den sich normalerweise kaum jemand interessiert. Aber man ist hier heute auf der Suche nach dem Schuldigen, dem Schurken in der Geschichte über die große Berliner S-Bahn-Krise.

Grube also. Bahn-Chef Grube.

"Herr Grube, Sie haben die S-Bahn Berlin zerschlagen, kaputtgemacht, Ihr Konzern war es", sagt die Ausschusssprecherin der Grünen. "Ihre Stellungnahme, Herr Grube, ist in hohem Maße enttäuschend. Sehr viel technisches Zeugs. Aber das interessiert die Berliner doch gar nicht", sagt der Sprecher der FDP.

Grubes Mund geht lautlos auf und zu.

Dann spricht er von anfälligen Sandstreu-Einrichtungen der S-Bahn-Triebwagen, Achsrissen, der mangelhaften Fahrzeugreihe 481, Konstruktionsfehlern des Herstellers Bombardier, Vereisungen, von Flugschnee, Pressschnee und davon, dass im kalten Russland die Weichen auch nur bis minus fünf Grad funktionierten. Es ist eine Verteidigungsrede, durchzogen von Wetter, Winter und Materialfehlern. Eine Mischung aus höherer Gewalt und technischem Versagen. Am Ende hat man das Gefühl, Grube könnte plötzlich die Schultern hochziehen und sagen: "Leute, was soll ich denn machen?" Da Grube aber Bahn-Chef ist, sagt er: "Wir werden alles tun, um die Berliner S-Bahn wieder in Ordnung zu bringen. Das ist auch mein persönliches Ziel 2011."

Berlin hat harte Tage hinter sich. Natürlich gibt es die bundesweite Bahn-Krise, das ganze Jammertal von Zugausfällen, -verspätungen, maroden Gleisnetzen, überforderten Klimaanlagen, mangelnden Investitionen und einer umstrittenen Konzernstrategie. Aber nirgendwo ist die Lage dramatischer, sind die Probleme größer als in Berlin bei der S-Bahn. Man könnte auch sagen: Berlin ist das Symbol der Bahn-Krise.

Anderswo fahren die Züge vielleicht zu spät oder sind zu warm oder zu kalt. In Berlin aber fuhren sie in der ersten Januar-Woche oft gar nicht mehr. Zwischen dem 3. und dem 6. Januar brach die S-Bahn, eine der Hauptschlagadern der Stadt, mehr oder weniger zusammen. Sie kapitulierte vor dem Schnee, dem Eis, vor allem aber vor sich selbst.

Von 562 S-Bahn-Zügen waren nur noch rund 200 unterwegs. Die Zahl der fahrenden Züge Anfang 2011 entsprach damit ungefähr der Zahl der fahrenden S-Bahn-Züge im Nachkriegsjahr 1946. Vier Strecken mussten teilweise eingestellt werden. Wer zur Arbeit nach Spandau wollte oder nach Hennigsdorf, stieß auf tote Gleise.

Und es ging ja nicht um irgendeine Stadt. Es ging um die Metropole, den Regierungssitz, um die Hauptstadt eines der wichtigsten Industriestaaten. Um das Land der Ingenieure und Techniker.

In Berlin wurde der "Notfahrplan" der S-Bahn, der seit Dezember gilt, durch den "Not-Notfahrplan" ersetzt. Eine Wortschöpfung, die nicht mehr nach Deutschland klang, nicht mal nach Berlin, sondern nach einem fernen, unruhigen, von Naturgewalten oder Diktatoren beherrschten Ort.

Als am Ende der Woche die Temperaturen stiegen, der Schnee schmolz und auch Spandau wieder erreichbar war, blieben zwei Fragen zurück: Wie konnte das passieren? Und wie geht es weiter mit der S-Bahn, einem Verkehrsmittel, das einst so pünktlich war, das durch die große Stadt hindurchglitt, elegant, sauber, relativ leise, ökologisch?

Es ist schwer zu sagen, ob Rüdiger Grube, den Bahn-Chef, diese Fragen wirklich beschäftigen. Grube ist der Chef eines weltweit operierenden Konzerns - er hat so viele Bahnen, an allen möglichen Orten, und es werden immer mehr. Im vergangenen Jahr kaufte Grube ein britisches Verkehrsunternehmen, Arriva, das auch Busse und Bahnen in Dänemark, den Niederlanden, in Italien, Spanien und Portugal hat. Grube hat in Südschweden und Nordschweden verhandelt, in Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten will die Bahn neue Eisenbahnnetze errichten, Züge sollen durch die Wüste rollen und 2013 auch ein ICE nach London. Die Deutsche Bahn will sogar eine U-Bahn in Doha bauen. Die neue Welt der Deutschen Bahn reicht von Skandinavien bis auf die Arabische Halbinsel, sie durchmisst mehrere Klimazonen, Eis und Hitze sollten eigentlich kein Problem mehr sein.

Die S-Bahn in Berlin ist nur noch ein winziger Teil dieser Welt. Wahrscheinlich ist das ein Problem.

Grube schreibt weiter seine A4-Blätter voll, er spricht von "Lösungen über 2017 hinaus", und nach zweieinhalb Stunden auf der Anklagebank läuft Grube los, er rennt fast die Treppe vom Abgeordnetenhaus hinunter. Grube muss noch rüber in den Bundesrat und dort den Verkehrsministern die Lage erklären.

Die Berliner Ausschussmitglieder bleiben im Raum 376 zurück, müde Ankläger, und mit ihnen ein enttäuschter Mann in der zweiten Zuschauerreihe, Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband.

Wieseke ist 46 Jahre alt und hat sein Leben der S-Bahn gewidmet, sie ist für ihn viel mehr als ein Geschäft. Mit seinem Verein ist Wieseke der ehrenamtliche Vertreter der Berliner S-Bahn-Kunden, ein Fahrgastlobbyist.

Der Verein unterstützt ein wundersames Museum am Rande von Berlin: das S-Bahn-Museum. Im Winter ist das Museum geschlossen, weil es erstens keine Heizung gibt und zweitens auch kein Geld für eine Heizung. Aber zusammen mit Wieseke kommt man trotzdem hinein, und Udo Dittfurth ist an diesem Abend auch noch da, ein weiterer S-Bahn-Fan und Museumsmitarbeiter.

Wenn man ermessen will, was die Deutsche Bahn der S-Bahn gerade antut und diese wiederum der Stadt Berlin, muss man sich nur in den alten S-Bahn-Wagen setzen, der in der Mitte des Museums steht, und in der Zeit zurückfliegen. Der Wagen der Baureihe "Stadtbahn" wurde konstruiert in den zwanziger Jahren. Berlin lag damals verkehrstechnisch vorn, die Stadt mit der modernsten S-Bahn der Welt. Eine schnelle Metropole, bewundert für den Takt ihrer Fahrpläne, die zuverlässigen Züge.

Einige Wagen der alten Baureihe fuhren, leicht umgebaut, fast bis zum Ende des Jahrtausends durch Berlin. Bis 1997.

Die Türen des Wagens fühlen sich schwer an, runde Griffe aus Metall, sie öffnen ohne Elektronik, man sitzt auf Bänken aus Holz, in einem S-Bahn-Wagen, der den Zweiten Weltkrieg überstand, die Teilung der Stadt und etliche schneereiche Berliner Winter. Ein vierschrötiger, einen durch alle Stürme der Zeit bringender Waggon.

"Der Klang der S-Bahn war ein Röhren, ein charakteristisches, ästhetisches Röhren", sagt Wieseke verträumt. Uwe Johnson, der Dichter, hat es mal so beschrieben: "Die klirrende Durchfahrt, nachts das atmende Bremsen und Anfahren, singende Beschleunigung." Und dazu die Farben der Wagen. Als die S-Bahn sie einmal etwas veränderte, gab es Proteste in der Stadt. "Das Dunkelkarmin, das Ochsenblutrot, das behäbige Gelb", schrieb Johnson.

Wieseke und Dittfurth wollen aber nicht die alten Zeiten zurück und auch nicht die kantigen Wagen. Nur die alten Maßstäbe. Das alte Selbstverständnis von Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit, ohne das eine Großstadt wie Berlin lange nicht denkbar war. "Nach der S-Bahn konnte man noch vor zehn Jahren die Uhr stellen", sagt Dittfurth. "Der Zug-Takt war hoch, man hatte das Gefühl: Die S-Bahn ist ein beständiger Strom durch Berlin."

Und heute? 2011? Was ist passiert?

Eine Mischung aus "überzüchteter Elektronik", Wartungsmängeln und Einsparungen habe die Krise verursacht, glaubt Dittfurth. Die Deutsche Bahn hat die S-Bahn mürbe saniert, sagt Wieseke. "Flugschnee gab es ja schon immer."

Das Wetter hat den Skandal nicht ausgelöst. Es hat ihn jetzt nur bloßgelegt. Bei der S-Bahn wurde gespart, so wie überall bei der Deutschen Bahn. Der Konzern wollte börsentauglich werden, schlank. Die Renditeziele waren hoch, die S-Bahn sollte ihren Beitrag leisten: 34,9 Millionen Euro im Jahr 2007, 57,5 Millionen Euro im Jahr 2008, 87,7 Millionen Euro im Jahr 2009. 2010 sollte der Gewinn bei 125 Millionen liegen.

Dafür wurden Werkstätten geschlossen, Mitarbeiter entlassen, die Züge nicht gepflegt und alte Züge verschrottet, die man heute als Ersatz gut gebrauchen könnte.

Wozu das alles führte, zeigte sich erstmals vor zwei Jahren, am 6. Januar 2009. Nach einer Nacht mit minus 17 Grad Celsius fielen tagelang Bahnen aus, Weichen froren fest. Im Mai 2009 entgleiste eine S-Bahn, im Juni legte das Eisenbahn-Bundesamt fest, dass massenhaft Räder an den Zügen ausgetauscht werden müssen, im September kamen Probleme mit den Bremsen hinzu, im November mit Kupplungen. Dann wurde es wieder Winter, es gab wieder Schneeprobleme.

Seit zwei Jahren gibt es in Berlin keinen normalen S-Bahn-Verkehr mehr. Nur einen eingeschränkten. Oder einen Notfahrplan. Oder einen Not-Notfahrplan.

Wieseke und Dittfurth setzen immer noch darauf, dass politisch etwas passiert. Vielleicht kommt ja ein S-Bahn-Rettungsschirm. Sie hoffen auf eine Rückbesinnung auf das Gemeinwohl, sie glauben an die Möglichkeiten der Politik, die viel größer sein müssen als die von zwei Männern in einem ungeheizten Museum am Rand der Stadt.

Vor ein paar Tagen hat Peter Ramsauer, der Bundesverkehrsminister, Investitionen von der Deutschen Bahn gefordert. Bis zu zwei Milliarden Euro soll der Konzern in neue S-Bahnen für Berlin stecken. Einfach zwingen kann Ramsauer die Deutsche Bahn allerdings nicht.

Bleibt also erst mal nur die Verkehrssenatorin von Berlin, Ingeborg Junge-Reyer. Ihr Gesicht ist das Gesicht der S-Bahn-Krise, seit zwei Jahren schon. Klaus Wowereit, ihr Chef im Senat, hält sich in der Öffentlichkeit zu diesem Thema meist zurück. Im September sind Wahlen in Berlin, und die S-Bahn-Krise soll nicht Wowereits Ruf versauen.

Ingeborg Junge-Reyer hat sich in einen langen Schal gewickelt, und wenn man sie in ihrem Verwaltungshochhaus in Berlin-Wilmersdorf besucht, hat man das Gefühl, die Senatorin sitze in einer Art Zeitschleife fest. Ähnlich wie der Held in dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier". Bill Murray spielt einen Mann, der immer wieder denselben Tag erlebt, einen 2. Februar in der verdammten amerikanischen Kleinstadt Punxsutawney.

Bei Junge-Reyer ist es immer wieder Januar, immer wieder S-Bahn-Krise.

Vor einem Jahr, im Januar 2010, trug Ingeborg Junge-Reyer ebenfalls einen langen Schal und erklärte geduldig, warum das Problem, das sie lösen sollte, eigentlich nicht zu lösen sei. Nicht von ihr jedenfalls. Die Verkehrssenatorin hat keine Reservezüge herumstehen, keine Werkstätten. Was also sollte sie tun?

Sollte sie den Vertrag, den das Land Berlin mit der S-Bahn hat, einer Tochter der Deutschen Bahn, kündigen? Aber kein anderes Unternehmen hat Züge für das Berliner S-Bahn-Schienensystem.

Also neue Züge bauen lassen? Ist für die Stadt viel zu teuer und dauert auch mindestens fünfeinhalb Jahre. Die S-Bahn strenger kontrollieren? "Wir sind nur in der Rolle des Kunden, der einen Vertrag abgeschlossen hat", sagte die Senatorin, damals im Januar 2010.

Das ist auch heute noch eine ziemlich blöde, machtlose Rolle. Junge-Reyer kann den Bahn-Verkehr bestellen und bezahlen. Anschließend kann sie nur hoffen, dass die Deutsche Bahn, der ehemalige Beamtenbetrieb, den Job zuverlässig erledigen wird. Die Nachteile der alten und der neuen Welt, das Monopol und die Einflusslosigkeit, fügen sich zusammen. Junge-Reyer hätte den freien Markt etwas anstoßen und vor drei Jahren einige Bahn-Strecken neu ausschreiben können. Aber das tat sie dann doch nicht.

Sollte Junge-Reyer also nun die Bahn scharf angreifen, in der Krise? Eine böse Senatorin sein? Auch schwierig. Die Bahn ist einer der größten Arbeitgeber in Berlin, der armen Stadt.

Die Verkehrssenatorin tat das, was ihr übrigblieb. Sie führte politische Gespräche. Sie redete viel, in Runden, Ausschüssen, Gremien, sie verhandelte den S-Bahn-Vertrag nach. Kurz bevor es dann wieder Winter wurde, im November 2010, redete Junge-Reyer noch einmal mit Grube, dem Bahn-Chef. Grube sagte, die Bahn sei diesmal gut auf den Winter vorbereitet. Junge-Reyer fragte, ob auch die S-Bahn-Weichen halten würden.

Sie kam sich komisch vor in diesem Moment, sagt sie. Die Verkehrssenatorin von Berlin fragt den Chef eines weltweiten Verkehrskonzerns nach S-Bahn-Weichen. Keine Sorge, antwortete Grube.

Dann kam die Kälte, der Schnee, der Not-Notfahrplan der S-Bahn, und alles wurde noch schlimmer als im Jahr zuvor.

Jetzt ist wieder Januar.

Ingeborg Junge-Reyer forderte die Bahn diesmal auf, schriftlich zu erklären, wie es weitergehen soll. Vor ein paar Tagen bekam sie einen Brief, neun Seiten lang, in dem stand, dass die Bahn auch nicht wisse, wann die Berliner S-Bahn wieder nach Fahrplan verkehre.

"Das ist nicht befriedigend", sagt Junge-Reyer. Sie kann die Zahlung an die S-Bahn jetzt nur wieder mindern.

"Ein Eisenbahnunternehmen muss doch in der Lage sein, die Qualität zu liefern, die bestellt ist", sagt Junge-Reyer.

Wenigstens sind die Außenäste der S-Bahn wieder erreichbar. Die Vororte Hennigsdorf, Strausberg-Nord, Wartenberg und Spandau. Dort, am Rand, sitzt Andreas Schulz, der Bürgermeister von Hennigsdorf. Schulz ist noch machtloser als Junge-Reyer. Die ärmste Sau von allen. Bei Schulz rufen die Chefs der S-Bahn nicht mal mehr an, bevor sie den Zugverkehr kappen. Schulz, der Bürgermeister, erfuhr nur aus den Medien davon. Als Zeitungsleser gewissermaßen.

Hennigsdorf, der Vorort, braucht Berlin. Aber braucht Berlin Hennigsdorf?

Burkhard Kieker braucht ja nicht mal eine funktionierende S-Bahn. Bei Kieker hat sich jedenfalls in diesem Winter noch kein Kunde beklagt, weil eine S-Bahn nicht fuhr. "Keine einzige Beschwerde-Mail, da muss ich Sie enttäuschen."

Für einen Moment könnte man denken, dass Kieker mit Berlin gar nichts zu tun hat. Aber dann schaut man auf den Fußboden im Flur zu seinem Büro, auf dem Teppich sind lauter kleine Brandenburger Tore, und über den Flur strömen fröhliche junge Frauen zu einer Morgenkonferenz. Die Frauen verkaufen Berlin an die Welt. So wie Kieker, ihr Chef.

Kieker hat gerade nur eine englische Visitenkarte zur Hand, auf der steht: Berlin Tourism, CEO. Kieker leitet Berlins Tourismus-Büro. Er kennt die Stadt ziemlich gut. Es ist allerdings eine ganz andere Stadt, keine Stadt voller armer Teufel, die auf den Ersatzverkehr warten und Berlin verfluchen.

S-Bahn-Chaos, Katastrophenwinter, Zusammenbruch des Nahverkehrs?

In Kiekers Berlin haben die letzten Wochen geglitzert. Ganz so, wie es die "Winterzauber"-Kampagne seines Büros vorsieht. Die Kampagne warb mit den Weihnachtsmärkten in der Stadt. Dann die Silvesterparty am Brandenburger Tor, 350 Fernsehstationen weltweit wollten die Bilder haben. Und auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof liefen die Leute sogar Ski. Möglicherweise kann Burkhard Kieker Berlin demnächst auch noch als Wintersportgebiet vermarkten.

Schon jetzt gibt es eigentlich keine Jahreszeit mehr, in der nicht massenhaft Touristen nach Berlin kommen. 2010 waren es so viele wie nie zuvor, mehr als 20 Millionen Übernachtungen buchten sie in der Stadt. Berlin ist in Europa jetzt auf Platz drei der beliebtesten Städte, vor Rom, hinter London und Paris.

Für den Erfolg von Kiekers Berlin ist es egal, wie oft die S-Bahn fährt. Die Touristen kommen schließlich nicht aus Hennigsdorf, sie wollen auch nicht dorthin. "Wenn die S-Bahn morgen komplett aus Berlin verschwinden würde, würde es kein Tourist merken", sagt Kieker. Er lehnt in seinem Sessel und sagt schnell noch, dass es für ihn als Bürger dieser Stadt und für die Pendler natürlich schlimm sei mit der Krise.

Die Berlin-Touristen aber kommen zum Beispiel aus Italien oder Brasilien. Für Italiener und Brasilianer ist der Nahverkehr in Berlin auch ohne S-Bahn "paradiesisch", sagt Kieker. Oder die Touristen kommen aus London, "dort können sie nicht für drei Euro zum Flughafen fahren".

Im Zentrum fahren die Touristen in U-Bahnen, Bussen, mit der Straßenbahn. Nur als die BVG einmal streikte, da haben sich Touristen beschwert.

Und wenn die S-Bahn zum Flughafen Schönefeld nicht fährt?

"Dann warten die Touristen eben auf den Airport-Express. Da sprechen die Schaffner sogar Englisch, da muss man die Bahn auch mal loben", sagt Kieker.

Es ist nicht leicht, in Berlin gerade jemanden wie Burkhard Kieker zu finden. Einen Kunden, der die Bahn lobt.

Von Kiekers Büro aus läuft man durch einen Park, auf den Wegen schmilzt das letzte Eis, es ist mild geworden in Berlin. Hinter dem Park liegt der Potsdamer Platz, und dort steht ein Turm aus Glas, eines der höchsten Gebäude der Stadt. In diesem Turm sitzt Ulrich Homburg.

Mild, ja, aber wer weiß, was noch kommt in diesem Winter, sagt Homburg.

Der Turm gehört der Deutschen Bahn, hier ist die Zentrale des Konzerns. Homburg sitzt in der 22. Etage, fast ganz oben, er ist Vorstand für den Bereich Personenverkehr, Chef über ICE, IC und Regionalbahnen in Deutschland.

Homburg ist der Mann, bei dem man landet, wenn man eine Woche lang in der Pressestelle der Berliner S-Bahn um ein Gespräch zur Krise bittet.

Eigentlich würde man gern mit Peter Buchner reden, dem Berliner S-Bahn-Chef, weil man denkt, dass der S-Bahn-Chef auch der S-Bahn-Krisenmanager ist. Der S-Bahn-Chef habe aber leider keine Zeit für ein Gespräch, sagt ein Sprecher der Bahn. Und der oberste Krisenmanager der Berliner S-Bahn sei ohnehin Herr Homburg.

In Berlin gilt Homburg bei Abgeordneten, Journalisten, Bahn-Fans nicht als der oberste Krisenmanager, sondern als der Mann, der die Krise verursacht hat. Der oberste Sanierer, der die S-Bahn-Vorstände einst zum Sparen zwang. Der größte aller Schurken.

Homburg kennt seinen Ruf und winkt ab. "Ich kann den Unmut der Politiker und der Bürger ja auch verstehen", sagt er. Homburg saß ein paarmal im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses und hat sich dort beschimpfen lassen. So wie sich jetzt Grube beschimpfen ließ.

Homburg spricht nicht von Schuld. Zumindest nicht von seiner Schuld. Man sitzt bei ihm und könnte denken: alles Schicksal. Mit der Berliner S-Bahn ist eine öffentliche Einrichtung langsam verfallen. Über Jahre haben Aufsichtsgremien eines Bundesunternehmens und Politiker aller Parteien diesem Verfall zugesehen. Ob ein S-Bahn-System funktioniert oder nicht, scheint so richtig nur noch diejenigen zu interessieren, die jeden Tag in einer S-Bahn sitzen. Aber nicht mehr diejenigen, die politisch oder wirtschaftlich verantwortlich sind. So wird aus einer Krise des Nahverkehrs eine Krise des Gemeinwohls.

Von Homburgs Turm aus wirken der Reichstag, das Kanzleramt und das Brandenburger Tor wie Häuschen auf der Platte einer Modelleisenbahn. Warum fährt die S-Bahn da unten, in Berlin, schon seit zwei Jahren nicht mehr nach Plan, Herr Homburg?

"Wir sind jetzt wieder auf dem Niveau vor dem Wintereinbruch angekommen", sagt er. Über die Ursachen der Krise könnte Homburg lange reden, Listen füllen mit Konstruktionsmängeln der Zugreihe 481. Die Elektronik, von der sie dachten, sie spinnt im Sommer, spinnt nun auch im Winter. "Wir haben in den letzten zehn Jahren von keinem Hersteller völlig mängelfreie Züge ausgeliefert bekommen." Und das Wetter werde auch immer extremer.

Als die Mauer noch stand, war Homburg mal in Berlin, er erinnert sich daran, wie die Leute ihm abrieten. Er solle bloß nicht mit der S-Bahn fahren. Die Züge der alten Baureihe, für die die Männer vom S-Bahn-Museum schwärmen, "die würden doch heute keine Sicherheitsüberprüfung mehr überstehen". Homburg denkt einen Moment nach. "Hatten die nicht sogar Holzsitze?"

Holzsitze ist ein merkwürdiges Wort in seiner Welt. Am Vormittag hat Homburg neue IC-Züge präsentiert, weiße Doppelstockwagen mit Steckdosen an jedem Sitzplatz, mit Internetempfang und kleinen Bildschirmen überall, die anzeigen, wo der Zug gerade langfährt.

Bis zum Jahr 2024 brauchte auch die Berliner S-Bahn eine ganz neue Wagenflotte, sagt Homburg.

Und wann fährt die S-Bahn in Berlin wieder nach Plan, zu 100 Prozent?

"Wir wollen den Betrieb wieder hinbekommen, ist doch klar", sagt Homburg.

Wann? Tja.

"So schnell wie möglich, keine Frage." Er wolle sich aber nicht festlegen, sagt Homburg, der Krisenmanager. Alles hänge auch sehr vom Wetter ab.

Der Flugschnee, sagt Homburg.

DER SPIEGEL 3/2011
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