USA
Guter Draht zur Spitze
Im Paris Club von Chicago tragen sogar die Toilettentüren französische Aufschriften, und der Discjockey präsentiert sich im Jackett. Coole Elektroklänge drängen durch das Loft, die Gäste, fast ausschließlich Weiße, nippen an Mai-Tai-Cocktails und Mojitos, mindestens 50 Dollar Eintritt hat jeder bezahlt.
Zum Tanzen ist niemand gekommen. Die Hipster in Anzug und Abendkleid wollen Barack Obamas Nähe spüren, hier in seiner Heimatstadt. Der Präsident ist zwar nicht persönlich im Paris Club erschienen, dafür aber ein kleiner drahtiger Mann, der als Obamas Alter Ego gilt. Nicht als seine bessere, eher als seine skrupellose Hälfte. Rahm Emanuel, 51, bis zum Oktober 2010 Stabschef im Weißen Haus, pflügt sich durch die Menge, er posiert vor Schildern, auf denen "Mayor Emanuel" zu lesen ist.
Der Mann, der Bürgermeister von Chicago werden möchte, gilt als einer der engsten Berater von Obama, fast zwei Jahre lang glänzte er in der Rolle des Ausputzers für den Präsidenten, boxte dessen Gesundheitsreform im Kongress durch.
Emanuel ist bekannt für seine politische Aggressivität. Wenn jemand in Washington nicht spurte, dann schrie ihn der Stabschef nieder, egal ob es sich um einen Minister oder einen Senator handelte. "Rahmbo" hieß er in der Hauptstadt.
Erst war der eher sanfte Obama auf den harten Emanuel angewiesen, dann brauchte Emanuel den Präsidenten: Als Richard Daley, der langjährige Bürgermeister von Chicago, seinen Rückzug ankündigte, entschloss sich Obamas Helfer, lieber Erster in der Provinz zu sein anstatt Zweiter im Weißen Haus.
Obama gab seinen Segen zu dem Plan und lobte den Kandidaten bereits als "tollen Bürgermeister". Elf Millionen Dollar Wahlkampfspenden hatte Emanuel blitzschnell gesammelt, Starregisseur Steven Spielberg gab ihm Geld, Apple-Boss Steve Jobs, alle wollten nah dran sein am Mann mit dem guten Draht zur Spitze.
Und doch gibt es unerwartete Hürden für Emanuel. Weiße Wähler, wie sie sich zur Wahlparty im Paris Club versammelt haben, bilden nicht mehr die Mehrheit in Chicago. Die lebt, weit weniger vornehm, im heruntergekommenen Süden der Stadt. Hier hält die örtliche Abgeordnete Freddrenna Lyle ihre Sprechstunde ab, beinahe alle Bürger in Lyles Wahlkreis sind Schwarze. Als Obama noch Sozialarbeiter war, schaute er hier oft vorbei, an der Wand hängen Bilder von ihm.
Lyle hat Obamas Wahlempfehlung zur Kenntnis genommen, glücklich darüber ist sie nicht. "Emanuels Wahlkampf ist mir zu inszeniert, zu sehr Hollywood", sagt sie. Was Emanuel für die Stadt tun wolle, wisse sie nicht, in ihren Wahlkreis traue er sich ja kaum. Ihre Wähler, glaubt sie, würden für Carol Moseley Braun stimmen, Emanuels afroamerikanische Gegenkandidatin.
So skeptisch äußern sich viele der mächtigen Schwarzenführer Chicagos. Um die Kandidatur von Moseley Braun versammeln sich vor allem solche Bürgerrechtsaktivisten, denen der geschmeidige Obama nicht eindeutig genug Partei für die Afroamerikaner ergriffen hat und die ihn auch in vergangenen Wahlen bekämpft haben.
Ein paar Straßen von Lyle entfernt hat Bobby Rush sein Büro. Der Kongressabgeordnete bezwang Obama 2000 im Vorwahlkampf der Präsidentenwahl - die einzige Niederlage, die der Präsident jemals hinnehmen musste. Rush behauptet, dass sich Obama erst nach diesem Rückschlag den federnden Gang von heute angewöhnt habe, wohl, weil er damit seine Zugehörigkeit zur schwarzen Community betonen wolle. Seine wahre Meinung verheimlicht Rush nicht: "Wenn man den König nicht kritisieren will, zielt man eben auf seinen Berater", sagte er der "Washington Post".
Chicagos Bürgermeisterwahl ist damit keine lokale Angelegenheit mehr, sie wird auch zu einem Referendum über den Präsidenten und die Rassenfrage. 34 Prozent der Wähler in der Illinois-Metropole sind Afroamerikaner, 27 Prozent Latinos.
So entwickelte sich der Wahlkampf für Emanuel härter als erwartet. Seinen Gegnern gelang es vorübergehend, ihn per Gerichtsentscheid von der Wahlliste zu entfernen, weil er angeblich zu lange nicht in Chicago gelebt habe. Erst in der letzten Instanz konnte er seine Kandidatur zurückgewinnen. Und auf Chicagos Straßen tauchte ein Flugblatt auf, das Emanuel als gierigen "Holocaust-Überlebenden" verunglimpft.
Den Posten des Bürgermeisters wird Emanuel - spätestens in einer Stichwahl - gleichwohl gewinnen, seine Gegenkandidaten sind zu zahlreich und zu zerstritten. Bezeichnend aber ist, dass Obama seinem Freund nicht länger öffentlich zu Hilfe kommt. Denn nirgendwo hat der Präsident mehr enttäuschte Anhänger als in seiner Heimatstadt.
Dennoch will Obama von Chicago aus ein zweites Mal die Nation erobern. Als erster Präsident wird er die Wiederwahlzentrale nicht in Washington ansiedeln, sondern am Ufer des Lake Michigan.
Da kommt ein Freund im Rathaus gerade recht.