FUSSBALL
Hetze von den Rängen
Als Maciej Luczak, Verteidiger bei Cracovia Krakau, auf einer Krankenliege vom Platz getragen wird, begleitet ihn das Gebrüll der gegnerischen Fans vom Lokalrivalen Wisla Krakau. "Do pieca, do pieca", schreien sie ihm hinterher, "in den Ofen", was so viel heißt wie: ab in die Gaskammer.
Die Anhänger von Cracovia revanchieren sich, als Cléber, ein brasilianischer Spieler von Wisla Krakau, vom Platz muss. Sie kratzen sich unter den Achseln und machen Affengeräusche. Nach dem Schlusspfiff hallen antisemitische Schmähungen durch das Stadion.
Das Derby zwischen den polnischen Erstligaclubs ist eines von vielen Fußballspielen, die im Jahresbericht des Eastern Europe Monitoring Centre dokumentiert sind. Der Report listet rassistische Vorfälle in den Ligen Osteuropas auf. Vor allem in Polen und der Ukraine, den Gastgebern für die Europameisterschaft 2012, gehören Ausschreitungen rechter Fans zum Ligaalltag. Experten warnen bereits davor, die Fremdenfeindlichkeit könne das Turnier überschatten.
In Polen sind Fußballfans tief in der rechten Szene verwurzelt. Bei Ligaspielen in Warschau und Posen schwenken Anhänger Flaggen mit SS-Symbolen. In Stadionheften unterer Ligen tauchen antisemitische Aufkleber auf. Als im vorigen November am Unabhängigkeitstag 2000 Faschisten durch Warschau marschierten, waren darunter 350 Anhänger von 10 verschiedenen Fußballclubs. "Polen den Polen", so lautete ihre Parole.
In der Ukraine zeigte sich im September, welches Potential die Rechten auf die Straße bringen. In der Hauptstadt Kiew protestierten 5000 Fußballfans gegen ausländische Spieler in den Profiteams. Zu der Demonstration aufgerufen hatte die rechtspopulistische Partei Swoboda, die bei der nächsten Wahl wohl ins ukrainische Parlament einziehen wird.
Bei der Kundgebung sprach auch der Swoboda-Funktionär Igor Miroschnitschenko, ein Mann, der im Fußballgeschäft gut verankert ist: Der smarte Rechtsaußen arbeitet als Sportkommentator für den Privatsender ICTV und war bis 2008 Sprecher des ukrainischen Fußballverbands. Miroschnitschenko glaubt, dass die Profis aus dem Ausland und ihre Familien die "ethnische Landkarte der Ukraine verändern", deshalb sollten sie "zurück in ihre Heimat gehen".
In Warschau kämpft Jacek Purski seit Jahren gegen die rassistischen Strömungen im Fußball. Der Aktivist der Organisation Never Again und des Netzwerks Football Against Racism in Europe hält Vorträge vor Schiedsrichtern oder Verbandsdelegierten. Der europäische Fußballverband Uefa unterstützt Purski mit Fördergeldern. Dennoch fühlt er sich oft auf verlorenem Posten.
Viele Polizisten würden nicht mal die verschiedenen Symbole der rechten Fans kennen, sagt Purski. So könnten sich Neonazis ungehindert auf den Tribünen breitmachen. Auch bei der EM werde das nicht zu verhindern sein, glaubt Purski: "Ich sehe die Gefahr, dass das Turnier vom Rassismus verschmutzt wird."
Die Clubs unternehmen nichts gegen die rabiate Anhängerschaft. Vor drei Jahren beschwerte sich der Afrikaner Dickson Choto, Nationalspieler Simbabwes und Verteidiger bei Legia Warschau, in einem Interview mit der BBC über den Rassismus auf den Rängen. Wenig später nahm er alle Anschuldigungen auf der Club-Website zurück.
Dabei kam es schon zu direkten Angriffen auf Spieler. Der Nigerianer Stanley Udenkwor, ehemals Stürmer des Erstligaclubs Polonia Warschau, wurde nach einem Heimspiel von Fans attackiert. Ein Angreifer zog ihm eine Bierflasche über den Kopf, Udenkwor kam erst im Krankenhaus wieder zu sich.
Udenkwor beendete vor gut zwei Jahren seine Karriere. Während seiner aktiven Zeit sprach er nie offen über den Rassismus in den Stadien. "Ich hätte meinen Job verloren. Niemand stellt sich in Polen vor einen Schwarzen", sagt Udenkwor.
Bei der EM soll der rechte Mob gar nicht erst in die Stadien kommen. Polizeibekannte Hetzer erhalten Stadionverbot. Polens Justizminister will elektronische Fußfesseln einsetzen, um Schläger zu überwachen. Erst Anfang des Jahres starben zwei Fans bei Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Hooligan-Gruppen in Krakau und Lodz.
Die EM werde ein Fest frei von "Intoleranz und rassistischen Symbolen" sein, verspricht Adam Olkowicz, polnischer Turnierdirektor. Ex-Profi Udenkwor kann darüber nur lachen. Für den Nigerianer ist Fremdenfeindlichkeit in Polen "ein Alltagsproblem".
Unlängst vergriff sich sogar der Trainer der Nationalmannschaft, Franciszek Smuda, im Ton. Als er in einer Sportsendung darauf angesprochen wurde, dass sein Team in der Weltrangliste hinter Uganda liege, platzte es aus ihm heraus. "Das ist ein Witz", sagte Smuda, "diese afrikanischen Mannschaften hängen nur im Busch rum, stehen aber weiter oben als wir, das ist lächerlich."