MANAGER
Geborgter Glanz
Vor ein paar Tagen feierte Thomas Middelhoff sein Comeback. Nicht, dass er einen neuen Job als Vorstandschef angetreten hätte. Aber als großer Welterklärer war er wieder da - zumindest als Erklärer in eigener Sache. Zu erklären waren nämlich merkwürdige Rechnungen über 150 000 Euro. Rechnungen für eine Festschrift, die er im Jahr 2008 verschenkt hatte.
Damals war Middelhoff Chef von Arcandor. Aber das Einzige, was der damals schon angeschlagene Handelskonzern offenbar mit dem teuren Jubelbuch zu tun hatte: Er musste es bezahlen.
Middelhoff hatte die Festschrift zum 70. Geburtstag Mark Wössners anfertigen lassen, der früher mal sein Ziehvater bei Bertelsmann war (SPIEGEL 8/2011). Und natürlich kann Middelhoff das alles rechtfertigen: Der Band mit den Aufsätzen vieler Manager, die einst als "junge Tiger" unter Wössner bei Bertelsmann gedient hatten, sei im Rahmen einer Arcandor-Präsentation überreicht worden, ließ Middelhoff via "Bild am Sonntag" mitteilen. Wirklich?
Die Staatsanwaltschaft Bochum hat da jedenfalls so ihre Zweifel. Sie ermittelt nun in der Sache. Der Verdacht: Middelhoff könnte seine Firma geschröpft haben, um im privaten Kreis der Wössner-Eleven mit dem geborgten Glanz zu punkten.
Die Arbeit an der Festschrift begann bereits ein Jahr vor der Geburtstagssause. Eingespannt wurde dafür ein Mann, der als Spezialist auf diesem Gebiet gilt. Dem SPIEGEL vertraute er sich nun an, seinen Namen will er an dieser Stelle aber nicht lesen. So wie er es damals verstand, kam der Auftrag von Middelhoff ganz privat. "Von Arcandor war nicht die Rede", erinnert er sich heute.
"Herausgegeben von Dr. Dr. h.c. Thomas Middelhoff" steht denn auch auf einer sonst weißen Seite am Anfang. Im Impressum taucht Arcandor ebenso wenig auf; Danksagungen: Fehlanzeige. Zwar kommen auf den 212 Großformatseiten die Namen Arcandor und KarstadtQuelle hier und da vor. Die des größten Konkurrenten Metro und dessen Tochter Kaufhof allerdings mehr als doppelt so oft.
Am Tag der Party holte der Koordinator der Festschrift die fertigen Exemplare aus der Buchbinderei in Leipzig ab und brachte sie persönlich nach Kitzbühel, wo sich Middelhoff und die anderen Wössner-Fans mit ihrem Lehrmeister trafen. Den Rahmen bildete ein Symposium, "Unternehmertum im Zeitalter der Globalisierung" - genauso hieß auch das Wössner-Buch. Der Abend klang mit einer feuchtfröhlichen Feier aus.
Anders als Middelhoff können sich aber gleich mehrere Gäste nicht an eine angebliche Arcandor-Präsentation erinnern: "Herr Dr. Middelhoff hat eine Rede gehalten. Ich wüsste aber nicht, dass dort der Arcandor-Konzern eine Rolle gespielt hätte", so der Projektkoordinator selbst.
Und es kommt noch merkwürdiger: Die Macher der Festschrift verschickten fünf Rechnungen, die am Ende zwar alle Arcandor bezahlte. Aber drei waren gar nicht an den Konzern adressiert, sondern an Middelhoff. Der zahlte jedoch nie. Die Rechnungen reichte er stattdessen an seine Firma weiter, die sich erst mal sperrte: "Herr Middelhoff, die Rechnung kann von der Buchhaltung (erwartungsgemäß) leider nicht beglichen werden, weil sie auf Sie privat ausgestellt ist", notierte ein Adlatus auf einer Zahlungsaufforderung. Und im Ton der Verzweiflung: "Ich weiß mir auch keinen Rat mehr." Am Ende allerdings bezahlte Arcandor trotzdem.
Auch der Koordinator der Festschrift will seine Rechnung Middelhoff direkt nach Hause geschickt haben. Nachdem er über ein Jahr gearbeitet hatte, bat er um 102 300 Euro netto. Mehrfach habe er nachgehakt. "Dann hörte ich Herrn Dr. Middelhoff auf meinem Anrufbeantworter. Er teilte mir mit, dass ein Arcandor-Mitarbeiter sich bei mir melden würde."
So kam es: Ein Mann aus der Arcandor-Pressestelle forderte ihn auf, die Rechnung neu zu schreiben. Diesmal sollte sie nicht an Middelhoff privat adressiert sein, sondern an die Firma. Auch den Text für Rechnung Nummer zwei habe der PR-Mann vorgegeben: Nun sollten nicht mehr die Arbeiten an der Wössner-Festschrift als Grund genannt werden, sondern "Beratungsleistungen". Middelhoffs früherer Mitarbeiter bestätigt den Ablauf. Nur könne er sich nicht mehr erinnern, dass er auch den Rechnungstext vorgegeben haben soll.
Kurz danach überwies Arcandor das Geld. Fragen zum merkwürdigen Procedere stellte der Macher der Festschrift nicht. Dafür stellt sie jetzt die Staatsanwaltschaft, die ihn Anfang des Jahres als Zeugen einvernahm. Und das ist nicht der einzige Ermittlungsansatz. Denn inzwischen liegt den Fahndern auch noch ein Brief vor, den Middelhoff am 13. Januar an Arcandor-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg geschickt hat.
Middelhoff erklärt in dem Schreiben, er habe mit der Festschrift die Zusammenarbeit zwischen Arcandor und der Bertelsmann-Druckereisparte stärken wollen. Von einer Arcandor-Präsentation ist allerdings auch in seinem Brief keine Rede. Middelhoff gibt sogar zu, dass er das Buch eigentlich als Privatmann hätte bezahlen müssen - aber nicht bezahlt hat. Man habe nämlich im Vorstand beschlossen, "dass die Kosten für die Festschrift durch mich getragen werden, auch wenn sie zunächst von der Arcandor AG verauslagt wurden", heißt es in dem Brief.
Erst jetzt will Middelhoff festgestellt haben, dass er noch gar nicht überwiesen hatte. Sein Vorschlag: Görg solle die Kosten der Festschrift doch einfach mit einem Teil seiner Abfindung verrechnen. Da stehe ihm ja noch etwas zu.
Auf SPIEGEL-Nachfrage bleibt Middelhoffs Anwalt dabei: Der Wössner-Geburtstag habe in "mehrfacher Hinsicht Arcandor-Bezug" gehabt. So hätten zum Teilnehmerkreis ja schließlich auch Arcandor-Führungskräfte gehört, Lieferanten, Berater und Finanzdienstleister.
Görg ist da anderer Ansicht: Er hat Ende Dezember Klage gegen Middelhoff eingereicht, von dem er noch 15,9 Millionen Euro fordert.