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GELD

Zynische Verharmlosung

Gerhart Baum, 78, ist Partner der Düsseldorfer Kanzlei Baum, Reiter & Collegen, von 1978 bis 1982 war der FDP-Politiker Bundesinnenminister.

SPIEGEL: Herr Baum, wie viele Mandanten vertritt Ihre Kanzlei gegen den Finanzdienstleister AWD?

Baum: Es sind einige hundert. Die ersten Erfahrungen haben wir mit Anlegern gesammelt, die sogenannte Dreiländerfonds gekauft haben. Der Fonds wurde unglaublich aggressiv als "Mercedes unter den Anlagen" vertrieben, aber das war er überhaupt nicht. Die Leute haben alle Geld verloren.

SPIEGEL: Der langjährige Firmenchef Carsten Maschmeyer spricht von "Einzelfällen", die geschädigt wurden.

Baum: Das ist definitiv falsch. Es gibt Zehntausende Geschädigte. Sie selbst haben im SPIEGEL vergangene Woche berichtet, dass allein der Dreiländerfonds mehr als 34 000-mal vertrieben wurde, dazu kommen rund 13 000 Anleger, die in die verlustreichen IMF-Medienfonds investiert haben. Wenn Maschmeyer von Einzelfällen spricht, ist das eine zynische Verharmlosung.

SPIEGEL: Politiker wie Gerhard Schröder sind mit Maschmeyer befreundet.

Baum: Mich wundert das, weil die aggressive Verkaufspolitik des AWD spätestens seit dem Jahr 2000 bekannt war. Der geschmacklose Höhepunkt war der Auftritt des Kanzlers Schröder auf einem AWD-Kongress im Dezember 2004. Er erklärte den Finanzberatern, sie hätten eine "staatsersetzende Funktion", weil der Staat die Altersversorgung nicht mehr sichern könne. Es ist ja vernünftig, dass die Menschen fürs Alter vorsorgen. Aber der AWD hat den Rückenwind aus der Politik benutzt, um aggressiv riskante Finanzprodukte an den Mann zu bringen!

SPIEGEL: Der frühere Arbeitsminister Walter Riester ist beim AWD aufgetreten, sagt aber, er habe nie Werbung für das Unternehmen gemacht.

Baum: Allein dass er dort über Rente spricht, reicht doch. Riester hat sich mit AWD-Beratern vor einer AWD-Tapete fotografieren lassen, diese Fotos haben Berater im Kundengespräch gezeigt. Wie naiv muss man sein, wenn man sagt, das sei keine Werbung?

SPIEGEL: Machen Sie Schröder und Riester verantwortlich für das, was der AWD gemacht hat?

Baum: Die beiden sind zwar nicht verantwortlich für die aggressiven Vertriebsmethoden des AWD, aber sie haben sich als Werbefiguren einspannen lassen. Vor allem aber werfe ich Schröder und Riester vor, dass sie keinen gesetzlichen Rahmen geschaffen haben, der Anleger wirksam vor Abzockern schützt. Diese Gesetze wurden bis heute nicht gemacht.

SPIEGEL: Der frühere Vorsitzende des Sachverständigenrats, Bert Rürup, hat mit Maschmeyer zusammen eine Firma gegründet, die ausländische Regierungen in Rentenfragen beraten will.

Baum: Es ist unerträglich, dass Maschmeyer sich mit den beiden, die ihre Reputation in der Politik gewonnen haben, weiterhin schmückt. Ich fordere Riester und Rürup auf, ihre Funktionen nicht mehr fortzusetzen. Maschmeyer leugnet schließlich bis heute seine Verantwortung für die Schäden der Anleger.

DER SPIEGEL 11/2011
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