Lade Daten...
Inhaltsverzeichnis

Querwaldein

In seinem Buch "Der Große Fall" erzählt Peter Handke stolpernd und suchend von einer Wanderung in die große Stadt. Von Hage, Volker

Ein Schauspieler in der Krise. Wenn Philip Roth in seinem vorletzten Roman "Die Demütigung" von einem solchen Mann erzählt, dann klingt das so:

Er hatte seinen Zauber verloren. Der Impuls war erloschen. Auf der Bühne hatte er nie versagt - alles, was er getan hatte, war stark und erfolgreich gewesen, doch dann war das Schreckliche geschehen: Er konnte nicht mehr spielen.

In seiner Erzählung "Der Große Fall", die in dieser Woche erscheint, porträtiert Peter Handke einen ähnlich an sich zweifelnden Schauspieler:

Mit seinem Gehampel, dem so schlecht gemachten wie schlecht machenden, vor dem Unsichtbaren und vor aller Welt hatte er sich sein Spielertum verscherzt und seine Spielerehre verloren, nicht für immer, aber für eine Zeitlang, für die folgende Stunde, für den Weg quer durch die Lichtung, für drei Schritte …

Handke hat den Vergleich selbst herausgefordert. Vor einem Vierteljahr wetterte er in einem Interview gegen das "rezepthafte Schreiben" amerikanischer Erzähler. Jonathan Franzen folge einem Strickmuster, und auch Philip Roth sei "letzten Endes nur ein Conférencier". In der Literatur, so Handke, müsse "sprachlich die Suchbewegung drin sein", es müsse "Ausbrüche geben, ein beherrschtes Sichgehenlassen".

Die Suchbewegung des Schreibens sichtbar zu machen, das ist Handkes Konzept seit eh und je: So kommt sein tastendes, stolperndes, sich selbst ins Wort fallendes Erzählen zustande. Das klingt eben nicht souverän wie bei Roth, birgt dafür eine ganz eigene Faszination. Und oft genug hat Handke es verstanden, damit eine innere Spannung aufzubauen.

Und in seiner neuen Erzählung? Sie hebt an mit einem verlockenden Satz: "Jener Tag, der mit dem Großen Fall endete, begann mit einem Morgengewitter." So könnte ein Krimi beginnen. Hier aber geht es - natürlich - um eine ganz andere Geschichte, um eine Suchbewegung der gemächlichen Art: eine Wanderung von der Peripherie ins Zentrum einer großen Stadt, querfeldein, oder wie es hier heißt: "querwaldein", vom Morgen bis in den Abend.

Handkes namenloser Schauspieler erwacht durch einen lauten Donnerschlag in einem fremden Bett. Die Frau, mit der er die Nacht verbracht hat, ist leise gegangen, um ihn nicht zu wecken. Mehr erfährt der Leser darüber nicht, aber der Held macht sich immerhin einige Gedanken über die eigene Lieblosigkeit. "Wahr: Er liebte die Frau nicht, hatte es ihr auch gesagt, am Anfang, später noch einmal, und dann hatte es sich wohl erübrigt."

So wandert er allein los, ins Selbstgespräch vertieft, das er sich zu verbieten sucht: "Still! Nicht so. Überhaupt nichts sagen!" Dieser paradoxe Imperativ verfängt zum Glück nicht: Das Spiel mit der Einsamkeit des Wanderers gehört zu den besten Momenten dieser Erzählung.

Aber was ist schon der Tag eines Schauspielers gegen den "Nachmittag eines Schriftstellers"? Diese Erzählung Handkes aus dem Jahr 1987 begeisterte sogar den US-Autor John Updike, der von einem "überaus empfindsamen Sprachregister" schwärmte und davon, "dass wir wie in eine übernatürliche Dimension einzutreten scheinen".

Diese Dimension fehlt im "Großen Fall" fast völlig, und nicht nur der Wanderer ermüdet im Verlauf des Tages. Gegen Abend erschlafft selbst das Interesse an der Frage, was es denn nun mit dem geheimnisvollen Titel auf sich hat. Das bleibt ohnehin ein Rätsel.

Geschrieben hat Peter Handke die Erzählung übrigens in Amerika, im Sommer 2010. Der Name der Stadt in Montana: Great Falls.

DER SPIEGEL 11/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

Inhaltsverzeichnis
Top

© SPIEGEL ONLINE 2013 Alle Rechte vorbehalten