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DER SPIEGEL

„Es lebe die Republik“

Unter den vielen finsteren Kapiteln der deutschen Geschichte findet sich ein erfreuliches: Vor 150 Jahren kämpften liberale Bürger erstmals für einen demokratischen Nationalstaat. Mit dem Scheitern der Revolution von 1848/49 nahm auch die deutsche Tragödie ihren Lauf.
Am 23. Juli um 17.30 Uhr war alles vorbei. Ängstlich stolperten die angetrunkenen Revolutionäre in Zweierreihen aus der Rastatter Festung. Vor dem Niederbühler Tor warteten preußische Soldaten mit entsicherten Gewehren. Den ersten Freischärler, der rauchend an ihnen vorüber wollte, traf ein Faustschlag ins Gesicht: "Ihr Schweinehunde wollt rauchen vor königlich preußischen Truppen?"
Oben auf dem Festungswall mußten die Freiheitskämpfer ihre Säbel ins Gras werfen. Dann wurden sie in feuchte Kasematten gesperrt.
Drei Wochen lang hatten die gut 5600 Männer im Juli 1849 der Belagerung durch eine vielfache preußische Übermacht getrotzt, ehe sie sich auf "Gnade und Ungnade" ergeben mußten. Die preußischen Generäle ließen jeden zehnten Aufständischen hinrichten. Die Revolution war niedergeschlagen.
Dutzende von Gefechten hatten die Revolutionäre mit den fürstlichen Heeren bis dahin ausgefochten, Hunderttausende von Bürgern hatten Barrikaden gebaut und die Wahl zum ersten freigewählten Parlament der Deutschen erzwungen. 17 Monate lang, vom März 1848 bis zum Sommer 1849, schien er zum Greifen nahe, der Traum von einem demokratischen und geeinten Deutschland.
Nie zuvor waren die Deutschen so selbstbewußt und ihrer Bürgerrechte so sicher gewesen. Nie zuvor auch hatten sie sich mutiger an die Reform ihres in 39 Staaten zersplitterten Landes gemacht. Nie zuvor wurden die autoritätshörigen Deutschen so verunsichert wie in den chaotischen Wochen und Monaten dieser Revolution.
Als ob sie die Demokratie erfunden hätten, debattierten die Deutschen über Pressefreiheit und Grundrechte, sie führten Wahlkampf und wählten eine Nationalversammlung, die in der Frankfurter Paulskirche tagte. Sie waren so basisdemokratisch, so rechtsstaatlich und - das leider auch - so nationalistisch wie Dänen und Engländer, Italiener und Franzosen.
Tatsächlich stellten sich die Deutschen damals zum erstenmal mit an die Spitze der demokratischen Bewegung Europas. Die von den Frankfurter Parlamentariern beschlossene Reichsverfassung war ihrer Zeit weit voraus; sie diente 1919 der Weimarer Reichsverfassung und noch 100 Jahre später dem Parlamentarischen Rat in Bonn als Vorbild: Ganze Passagen des Grundgesetzes beruhen auf ihr.
Wenn es nach der Mehrheit der 48er gegangen wäre, so hätte sich in Deutschland freilich keine Republik, sondern eine parlamentarische Monarchie etabliert - mit Preußens König Friedrich Wilhelm IV. als Erbkaiser.
Doch als die Frankfurter Abgeordneten dem Hohenzollern im April 1849 die Krone antrugen, wies der sie schnöde zurück. "Hundehalsband" schimpfte der Monarch die demokratisch geweihte Kaiserkrone und setzte seine Soldaten in Marsch. In Rastatt wurden die letzten Truppen der Revolution aufgerieben, die Revolutionäre aus dem Lande gejagt.
Statt Einigkeit und Recht und Freiheit gab es Autokratie und Kleinstaaterei. Erst 1871, nach drei Kriegen mit Dänemark, Österreich und Frankreich, verwirklichte Otto von Bismarck den nationalen Traum der Revolutionäre - in der Hoffnung, die Erfüllung des demokratischen in ferne Zeiten verbannen zu können: Das deutsche Kaiserreich von 1871 war ein autoritäres Kanzlerregime mit parlamentarischer Fassade, hinter der das liberale Bürgertum die feudal-militärische Lebenswelt der Herrschenden nachzuahmen suchte.
Doch hatte die Revolution 1848/1849 überhaupt eine Chance? Hätten die Deutschen
die finsteren Etappen ihrer Geschichte zwischen 1849 und 1949, ja 1989 auslassen und den direkten Weg in ein demokratisches Europa nehmen können? Hat gar der Sieg der Reaktionäre die Weichen zum Ersten Weltkrieg und zur Machtergreifung Adolf Hitlers gestellt?
Das alles sind Fragen, mit denen sich die Historiker noch 150 Jahre später herumschlagen. Und in keinem Fall wird die Antwort eindeutig ausfallen.
Die Aufgaben, vor die sich die Revolutionäre 1848 gestellt sahen, waren gewaltig. Aus 39 Staaten mußte ein einziger geformt werden. Und der sollte dann eine möglichst freiheitliche Verfassung erhalten. Die französischen Revolutionäre von 1789 hatten es da einfacher. Sie konnten sich darauf beschränken, die Privilegien der Stände und das Königtum abzuschaffen. Den Nationalstaat Frankreich gab es schon seit dem Mittelalter.
Umstritten unter Deutschlands Demokraten war zudem, wer eigentlich zu einem geeinten Reich gehören sollte. Wie sollen sie es mit dem von den Dänen besetzten Schleswig-Holstein halten, wie mit dem Großherzogtum Posen?
Vor allem aber: Die Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung wollten unbedingt die deutschen und böhmischen Länder des Kaiserreichs Österreich dabeihaben, also die sogenannte großdeutsche Lösung. Das aber wäre das Ende des Habsburger Reiches gewesen. Und so mußten sich die Demokraten schließlich mit der kleindeutschen Variante zufriedengeben, einem deutschen Reich unter Preußens Führung.
Die Revolutionäre, soviel allerdings steht fest, sind nicht allein an der Größe ihrer Aufgaben, sondern auch am fehlenden Rückhalt im Volk gescheitert: Die Deut-
* Die "Kaiserdeputation" am 3. April 1849 im Berliner Schloß (kolorierter Holzstich, 1849).
** Dieter Langewiesche (Hrsg.): "Europa 1848: Revolution und Reform". Verlag Dietz, Bonn; 1280 Seiten; 124 Mark.
schen waren zu bieder, zu brav, zu untertänig. Zweimal riefen badische Revolutionäre die Republik aus, dreimal zogen sie los, um die neue Zeit mit Waffengewalt zu erzwingen: Das Volk schaute stets nur zu - und verpaßte die Revolution. Ein "stilles Plebiszit" gegen den Umsturz, wie der Historiker Dieter Langewiesche meint**.
"Viel Geschrei und wenig Wollen", lästerte der Dichter Theodor Fontane hinterher über seine revolutionsfaulen Landsleute.
"Es ist das geschichtliche Leid der Deutschen, daß die Demokratie von ihnen nicht erkämpft wurde", klagte später der erste Bundespräsident Theodor Heuss. Tatsächlich mußte die Demokratie erst von den Alliierten auferlegt werden, um in der Bundesrepublik auf Dauer bestehen zu können.
So richtig populär wurde die gescheiterte Revolution von 1848 nie. Erst jetzt, zum 150. Jahrestag der 1848er Bewegung, wird die historische Heldenverehrung in vollen Zügen nachgeholt: Allein im Südwesten Deutschlands, dem Kernland der Aufstände, sind über 600 Veranstaltungen geplant. Frankfurt am Main wird die Nationalversammlung feiern, die FDP die Geburtsstunde der Liberalen, der Bundestag den Anfang des Parlamentarismus. 1848, jubelt der Sozialdemokrat Wolfgang Thierse, sei auch der "Auftakt zu 150 Jahren sozialer Demokratie" gewesen.
Die Frankfurter Paulskirche, heute Gedenkstätte, dürfte in diesem Jahr zum meistbesuchten Gotteshaus der Republik werden. "1848 - Aufbruch zur Freiheit" lautet der Titel der Mammutausstellung, die in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle eingerichtet wird. "Was 1789 für Frankreich war, war 1848 für Deutschland", behauptet der Historiker und Ausstellungsmacher Lothar Gall. 1848 also als Ausgangspunkt einer deutschen Freiheitsgeschichte, die direkt von der Paulskirche über die Weimarer Republik zur Bundesrepublik führt? Die Deutschen als unermüdliche Kämpfer für "liberté toujours"?
Schön wär''s. Wer sich in Deutschland für Freiheit und Menschenrechte einsetzte, hatte immer einen schweren Stand. So erfolgreich die Revolution von 1848 zunächst auch war, am Ende erlosch sie aus einem simplen Grund: Der Mehrheit der Deutschen war sie egal, den Sturz der Majestäten wollte nur eine Minderheit.
Die deutschen 48er hatten den Aufstand auch keineswegs aus eigener Kraft in Bewegung gesetzt: Der revolutionäre Funke war aus Frankreich übergesprungen.
Am 22. Februar 1848 hatten die Pariser begonnen, für eine Wahlrechtsreform zu demonstrieren. Zuerst hieß es nur "Es lebe die Reform", dann wurde daraus "Es lebe die Republik", und als die Soldaten auf die Demonstranten schossen, jagten die Pariser den "Bürgerkönig" Louis Philippe davon.
Für die regierenden deutschen Royalties war das ein schlechtes Zeichen. Aus Paris kam im 19. Jahrhundert schließlich alles, was später anderswo chic wurde: geschwungene Tischbeine, weiche Filzhüte und eben Revolutionen. "Der Satan ist wieder los", schimpfte Preußens Friedrich Wilhelm IV., als er von dem Pariser Aufstand erfuhr, und wollte am liebsten gleich in Frankreich einmarschieren.
Denkbar war das durchaus. Die drei europäischen Supermächte Österreich, Preußen und Rußland hatten sich nach dem Sieg über Napoleon 1815 zur "Heiligen Allianz" zusammengeschlossen. Und die war alles andere als heilig: Mit vereinten Kräften wurden all jene niedergehalten, die Freiheit wollten. Mal kartätschten die Russen rebellische Polen zusammen. Mal schickten Allianz-Mitglieder Truppen gegen aufständische Spanier. Auch die deutschen Kleinstaaten hielten sie fest im Griff.
Wie später Stasi und KGB tauschten die Geheimpolizisten in St. Petersburg und Berlin Daten über Oppositionelle aus. Dazu zählte jeder, der für Deutschlands Einheit eintrat. Sogar der ultrakonservative "Turnvater" Friedrich Jahn - er hielt die Deutschen für ein "heiliges Volk" und ertüchtigte seine Jünger mit Gymnastik für große Taten - mußte dafür jahrelang in den Knast. Der dichtende Professor Ernst Moritz Arndt ("Das ganze Deutschland soll es sein") bekam 20 Jahre Berufsverbot.
Ein Heer von Zensoren sorgte in den Jahren vor der Revolution, im "Vormärz", dafür, daß kritische Zeilen nicht veröffentlicht wurden. Versammlungen und Demonstrationen waren strengstens verboten, selbst das Rauchen in der Öffentlichkeit stand unter Strafe. Der preußische König behandle sein Volk "wie eine Herde kleiner Kinder", schimpfte der liberale Arzt Rudolf Virchow.
Der Erfinder dieses repressiven Systems war Österreichs Staatskanzler Fürst Clemens von Metternich. 27 Jahre lang leitete der verhaßte Grande von seinem Amtssitz am Wiener Ballhausplatz die Politik des Habsburger Reichs. Daß er mit seinem Regime langfristig auf verlorenem Posten stand, ahnte Metternich schon selbst: "Die Zeit schreitet in Stürmen vorwärts, ihren ungestümen Gang gewaltsam aufhalten zu wollen, wäre ein eitles Unternehmen."
Metternich spürte, wie das anbrechende Industriezeitalter die feudale Gesellschaft auflöste: Aus Landleuten wurden Städter, aus Knechten Proletarier, aus manchem findigen Handwerker ein schwerreicher Industrieller.
"Alles hatte sich von Grund aus geändert", beobachtete Theodor Fontane, der damals sein Geld in einer Berliner Apotheke verdiente und seine Kammer mit zwei anderen Männern teilen mußte ("wie ein Salzhering in der Tonne").
In nur 100 Jahren hatte sich Europas Bevölkerung verdoppelt, doch die Felder gaben nicht einmal genug her, um die Landbewohner zu versorgen. Dazu zählten damals noch mehr als zwei Drittel aller Deutschen. Schon kleine Mißernten führten große Katastrophen herbei: In Schlesien revoltierten die Weber 1844 und reimten verbittert: "Was kümmert''s euch, ob arme Leut, Kartoffeln satt könn'' essen, wenn ihr nur könnt, zu jeder Zeit, den besten Braten fressen."
Auch die gerade erst errichteten Fabriken in den Städten gerieten 1847 in eine erste Absatzkrise. Lokomotivenfabrikant Borsig entließ in Berlin jeden dritten Arbeiter.
Zwei deutschen Journalisten im belgischen Exil, Karl Marx und Friedrich Engels, paßte die Krise des heraufziehenden Kapitalismus ins Konzept. Sie glaubten an das nahe Ende der Herrschaft des Bürgertums, noch ehe sie überhaupt etabliert war. Für ihren politischen Verein, den Bund der Kommunisten, schrieben sie ein Programm zwecks Vorbereitung auf die proletarische Revolution: "Das Manifest der Kommunistischen Partei".
"Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus", prahlten die beiden in dem erstmals im Februar 1848 veröffentlichten Pamphlet. Der Bund der Kommunisten besaß lediglich ein paar Dutzend Mitglieder. Die wirkliche Gefahr für die Fürstenherrschaft ging nicht von den Arbeitern aus, sondern vom aufbegehrenden Bürgertum.
Einen Tag brauchte die Kunde von der Pariser Revolution, um nach Deutschland zu gelangen. Dann ging es los, zuerst in Karlsruhe, der Hauptstadt des Großherzogtums Baden.
Dort saß Friedrich Hecker, der Führer der Oppositionellen, mit Freunden am Abend des 26. Februar 1848 im Gasthaus Pariser Hof, "den Gang des politischen Lebens besprechend". Für den idealistisch gesinnten Rechtsanwalt war es nun "an der Zeit, die Forderungen des Volkes aufzustellen".
Gemeinsam mit seinem Freund, dem Anwalt und Publizisten Gustav von Struve, verfaßte er eine Petition für "Wohlstand, Bildung und Freiheit für Alle". Wichtigste Punkte: Pressefreiheit, Volksbewaffnung und ein Parlament für das ganze Deutschland. Am 1. März 1848 demonstrierten 20 000 Menschen in Karlsruhe für die Märzforderungen, wie die Ziele der Petition fortan genannt wurden.
Viele der Demonstranten waren mit der neuen Eisenbahn in die badische Residenzstadt gekommen. Vergebens hatte der besorgte preußische Gesandte in Karlsruhe vorgeschlagen, die Züge aus Mannheim und Heidelberg einfach auf halber Strecke halten zu lassen. Badens Großherzog Leopold setzte lieber auf Kompromiß: Er wechselte seine Regierung aus, versprach die Erfüllung aller Forderungen und betrank sich heimlich in seinem Schloß.
Auch die meisten anderen Majestäten der Klein- und Mittelstaaten zeigten sich ziemlich kleinlaut und sagten zu, was immer die demonstrierenden Massen forderten. Noch allzu gut hatten die Fürsten das Ende der französischen Majestäten unter der Guillotine in Erinnerung. Den Erfolg, erkannte Revolutionsführer Hecker, verdanke man "nicht den Anstrengungen des eigenen Volkes, sondern den Leichen der Franzosen".
Bayerns König Ludwig I. wollte sich allerdings nicht fügen. Ein "deutsches Parlament ist ein Unsinn", glaubte der Monarch, dankte dann aber wenig später zu Gunsten seines Sohnes ab: Die bayerischen Kassen waren ohnehin leer, nicht einmal für den eigenen Hofstaat reichte es noch, und Ludwigs Freundin Lola Montez, einer Schottin, die als spanische Tänzerin auftrat, verwüsteten die Demonstranten die Villa. Da machte das Regieren keinen Spaß mehr.
Insgeheim hofften die deutschen Regenten, daß die Großmacht Österreich ihnen zu Hilfe eilen werde. Doch schon am 13. März stürmten die Wiener unter der Losung "Fort mit Metternich" das Landhaus - dort tagte das regierungstreue Ständeparlament des Vielvölkerstaats. Wütend bewarfen die Demonstranten das heranrückende Militär mit Armlehnen und Polstersesseln. Da schossen die Soldaten zwei Salven in die Menge und töteten fünf Wiener. Tausende bedrängten daraufhin die kaiserliche Residenz. Vom Kärntner Tor bis zur Hofburg strömte Gas aus den zerstörten Leitungen, ein Feuerkranz flammte rings um die Innenstadt. Kaiser Ferdinand I. bekam es mit der Angst zu tun - "Ja, derfn''s denn das?" - und nahm Metternichs Rücktrittsangebot an. Unter falschem Namen und mit 1000 Dukaten floh der Staatskanzler aus der Stadt.
In Berlin hatte König Friedrich Wilhelm IV. zunächst gleichfalls nachgegeben und eine Verfassung versprochen. Zweimal zeigte er sich am 18. März der begeisterten Menge vor dem Schloß. Doch dann ließ der Kommandeur der Gardetruppen, General von Prittwitz, den Platz mit blankem Säbel räumen.
Schließlich schossen zwei Soldaten, angeblich aus Versehen: "Auf uns, auf ganz reputierliche Leute, die grüßen, wenn eine Prinzessin vorbeifährt, und die prompt ihre Steuern bezahlen!" empörte sich der Apotheker, bei dem Fontane damals logierte.
Bis zu 10 000 Bürger, so schätzt der Berliner Historiker Rüdiger Hachtmann, errichteten nun Barrikaden. Auch Fontane war dabei, er stürmte mit der Menge das Königstädter Theater und bewaffnete sich mit einem verrosteten Karabiner aus der Requisitenkammer. Der stammte aus dem beliebten Lustspiel "Sieben Mädchen in Uniform".
Die Bewaffnung der Aufständischen war dürftig: In ihre beiden Messing-Kanonen füllten sie mit Murmeln gefüllte Strümpfe. In der ganzen Innenstadt wurde geschossen und gefochten. Doch das Militär mußte sich am Ende zurückhalten: Von den fast 1000 Barrikaden eroberten die Soldaten nicht einmal jede zehnte; für den Straßenkampf gegen das eigene Volk, das spürten die preußischen Generäle, waren Dragoner und Husaren ungeeignet.
Zermürbt befahl Friedrich Wilhelm IV. in der Nacht, die Truppen aus der Stadt abzuziehen, schickte seinen General von Prittwitz mit einem "überaus gnädigen Gute Nacht" ins Bett und schrieb einen Aufruf "An meine lieben Berliner".
Die waren allerdings nur schwer zu besänftigen. Am nächsten Morgen bahrten sie ihre Toten demonstrativ im Schloßhof auf. Als der König herauskam, brüllte die Menge "Hut ab". Totenbleich zog der Regent seine Feldmütze, dann wollte er sprechen, doch die Berliner sangen ihn nieder, mit "Jesus meine Zuversicht". "Nun fehlt bloß noch die Guillotine", jammerte Friedrich Wilhelms Gattin Elisabeth.
"Die Forderungen sind alle bewilligt", versuchte der junge Fürst Lichnowsky die Berliner zu beschwichtigen, als sie ins Schloß eindringen wollten. "Ooch det Roochen?" "Ja, auch das Rauchen" "Ooch im Dierjarten?" "Ja, auch im Tiergarten darf geraucht werden, meine Herren." Da schlug die Stimmung um, und die Menschen gingen friedlich nach Hause.
Nie zuvor hatte ein deutscher Monarch eine so tiefe Demütigung erlebt wie Friedrich Wilhelm IV. auf seinem Schloßhof. Sein Bruder Wilhelm, der die Aufständischen niederschießen wollte und deswegen als "Kartätschenprinz" in die Geschichte einging, floh sogar nach London.
Der 19. März war der große Siegestag der Aufständischen. Das reaktionäre Preußen schien in die Knie gezwungen. Er wolle, verkündete der Monarch nun auf einmal, "Deutschlands Freiheit" und "Deutschlands Einigkeit". Mit einer Armbinde in den Farben der Revolution, Schwarz-Rot-Gold, ritt der preußische König durch die Stadt. "Der Jubel", berichtete der österreichische Gesandte, "war unbeschreiblich."
Für seine Untertanen hatte der Monarch dennoch nur Verachtung übrig: "Das Volk ist mir zum Kotzen." Und wenig später schöpfte der Hohenzoller schon wieder Hoffnung: "Die Reichsfarben mußte ich freiwillig aufstecken, um Alles zu retten. Ist der Wurf gelungen, so lege ich sie wieder ab", schrieb er an seinen Bruder Wilhelm. Der wankelmütige König hätte sich wahrscheinlich gebeugt, wenn die Revolutionäre nur standhaft geblieben wären.
Das wußte auch ein 32jähriger Landadliger namens Otto von Bismarck. "Weichlichkeit, gedrängt durch weibliche Tränen", schimpfte er noch Jahrzehnte später über die Nachgiebigkeit des Monarchen. Im März 1848 hatte Bismarck kurzerhand angeboten, mit den Bauern des väterlichen Gutes Schönhausen nach Berlin zu marschieren, um die Revolution niederzuschlagen. General von Prittwitz lehnte ab: "Schicken Sie uns lieber Kartoffeln und Korn!"
Bismarck erwog sogar den Sturz Friedrich Wilhelm IV., um die Rebellion zu unterdrücken. Die eingeweihten Hohenzollern-Prinzen zogen jedoch nicht mit. Die Krone habe "selbst die Erde auf ihren Sarg geworfen", klagte der Junker vor dem Vereinigten Landtag und brach in Tränen aus.
Ohne triftigen Grund, wie sich bald herausstellte. Denn die erste große Chance zum Sieg der Revolution verstrich ungenutzt. Die Armee wurde nicht entwaffnet, kein Gutsbesitzer enteignet, kein Beamter entlassen, kein Komitee zur Auflösung der Geheimpolizei gebildet.
Auch andernorts gaben sich die Revolutionäre damit zufrieden, daß die Potentaten Verfassungen in Aussicht stellten und liberale Oppositionelle zu "März-Ministern" ernannten. "Durch die Ernennung gewinne ich Zeit und vermeide blutige Szenen", freute sich Württembergs König Wilhelm I.
Anfang April beschlossen die 574 Männer des sogenannten Frankfurter Vorparlaments, Wahlen zu einer deutschen Nationalversammlung auszuschreiben und bis dahin alles Wichtige zu vertagen.
Demokratisch legitimiert waren sie dazu nicht. Politisch bewegte Bürger, darunter bekannte Oppositionelle wie Heinrich von Gagern, Karl Mathy und Friedrich Christoph Dahlmann, hatten sich in einer eher zufälligen Auswahl nach Frankfurt aufgemacht.
Statt für den Umsturz und eine echte Republik votierten die Vorparlamentarier für den Marsch durch die Institutionen. Der Antrag des radikalen Badeners Struve, das Volk zu bewaffnen, Adel und Beamtentum abzuschaffen und die Fürsten abzusetzen, kam gar nicht erst zur Abstimmung; Heckers Vorschlag, das Parlament als dauerhaftes Revolutionsorgan zu konstituieren, wurde mit 368 gegen 148 Stimmen abgewiesen.
Die Frankfurter Versammlung wolle "keine Republik, aber entschiedene Reform", berichtete der Mannheimer Unternehmer Friedrich Daniel Bassermann in einem Brief an seine Frau. Der führende Liberale umschrieb damit die Grenzen des bürgerlichen Forderungskatalogs: Ja zu Einheit und Freiheit, aber keinen Umsturz (und schon gar keine Umverteilung zwischen Arm und Reich).
Wieso sich den Zauderern im Vorparlament kaum jemand entgegenstellte und warum die Aufständischen nach ihrem Sieg in der Märzrevolution die Macht nicht an sich rissen - darüber rätseln die Historiker bis heute: Hatten sich die Deutschen zu sehr daran gewöhnt, daß Reformen - wenn überhaupt - in Deutschland immer nur von oben kamen? Oder waren sie noch nicht im Industriezeitalter angekommen? Hielten sie die politische Ordnung gar - wie einst im Mittelalter - für gottgewollt?
Den Einsatz von Gewalt gegen die Obrigkeit haben die Deutschen kaum je gewagt. Der Sinn für Ordnung ging selbst während der Berliner Barrikadenkämpfe nicht verloren. Man solle die Laternen nicht zerschlagen, sondern lieber den Gashahn zudrehen, mahnte einer der Rebellen seine Kameraden, die sich in der Dunkelheit verbergen wollten: "Wir müssen bezahlen, was zerstört ist."
Einige - immerhin - verweigerten sich der Reformpolitik des Vorparlaments. Es sei "an der Zeit, an die Stelle nutzloser Reden die Tat zu setzen", fand der Badener Hecker und rief am 12. April 1848 in Konstanz die Republik aus. Hecker wollte durchs Land ziehen, um massenhaft Mitstreiter anzuwerben - ein "Angriff gegen die Staatsordnung", protestierte das liberale badische Innenministerium.
Mit nur 80 Getreuen zog Hecker schließlich los. Und mehr als 4000 Revolutionäre sollten es am Ende auch nicht sein. Es war, so der Historiker Langewiesche, "eine Abstimmung mit den Füßen gegen eine republikanische Revolution der Gewalt".
Revolutionär war die Mehrheit der Badener nur in ihren Liedern: "Schmiert die Guillotine mit Tyrannenfett, reißt die Konkubine aus des Pfaffen Bett. Fürstenblut muß fließen, fließen stiefeldick, und daraus ersprießen, die rote Republik."
Am 19. April stoppten württembergische und hessische Soldaten die erschöpften Freiheitskämpfer vor Kandern in Südbaden. Einmal schoß jede Seite, zwölf Tote blieben liegen, dann flohen die Revolutionäre in die Wälder. Hecker mußte sich in die Schweiz absetzen und emigrierte später nach Amerika (siehe Seite 60).
Er wurde trotz der Niederlage zum Revolutionshelden, den die Badener bald in vielen Versen verewigten: "Und sollt Euch einer fragen: Lebt denn der Hecker noch? So sollet Ihr ihm sagen: der Hecker lebet noch. Er hängt an keinem Baume, er hängt an keinem Strick, sondern an dem Traume, der deutschen Republik."
Außerhalb Badens träumten die Bürger bescheidener. Sie warteten geduldig auf die Verfassungen, die ihnen ihre Regenten versprochen hatten, und genossen die neuen Freiheiten. Die Demokraten tagten auf dem Demokratenkongreß, die Katholiken auf dem ersten Katholikentag, die Friedliebenden trafen sich zum Friedenskongreß (wo der französische Schriftsteller Victor Hugo erstmals die Vereinigten Staaten von Europa beschwor).
Die langweiligen, von der Zensur auf Linie gebrachten Zeitungen hatten ausgedient. Die Leser verlangten mehr als "bloß Rat, wenn sie Butter und Bücklinge kaufen wollen, sondern auch, wie sie am besten für das Wohl der Stadt und des Vaterlandes zu handeln haben", notierte der "Dortmunder Anzeiger".
Zumindest auf den Straßen war die Stimmung revolutionär. Wilde Bärte suggerierten Mannesmut und Rebellenstolz, der verwegene Kalabreserhut ersetzte den Zylinder des Spießbürgers und der schwarze Leibrock die Militäruniform.
Und es durfte heftig politisiert werden. 1848 wurde zum ersten Superwahljahr der deutschen Geschichte. In Preußen und Österreich fanden Wahlen zu verfassunggebenden Versammlungen statt. Am 1. Mai wurde im gesamten Deutschen Bund die Nationalversammlung gewählt. Die sollte in Frankfurt tagen, der alten Krönungsstadt der deutschen Kaiser.
Fleißig entwarfen die Deutschen Wahlprogramme und taten sich "für die Sache des deutschen Vaterlandes" in politischen Vereinen zusammen; Parteien gab es noch nicht. Vor dem Vaterlandsverein in Dresden forderte der Königlich-Sächsische Hofkapellmeister Richard Wagner "den Untergang auch des letzten Schimmers von Aristokratismus".
Gewählt wurde von Land zu Land verschieden: mal direkt, mal über Wahlmänner, in vielen Kleinstaaten durften nur Selbständige votieren, in Preußen und Österreich hingegen alle Berufsgruppen. Insgesamt waren etwa drei Viertel der volljährigen Männer zur Wahl zugelassen - so demokratisch ging es in keiner anderen Nation Europas zu. Das Wahlrecht für Frauen allerdings wurde nicht einmal erwogen.
Das Ergebnis war damals soziologisch so wenig repräsentativ wie in dem heute nach allgemeinem Wahlrecht gewählten Bundestag: 60 Prozent der Abgeordneten hatten Jura studiert und über die Hälfte als Beamte gearbeitet. Bauern fehlten fast völlig, die Arbeiter waren nicht vertreten. Aber: Das allgemeine Wahlrecht war in Grundzügen etabliert - sogar Bismarck mußte es in seine Reichsverfassung von 1871 übernehmen.
Im ersten gesamtdeutschen Parlament saßen freilich mehr Dichter und Denker als in allen Volksvertretungen danach: der Dichter Ludwig Uhland, zum Beispiel, oder der Historiker Johann Gustav Droysen. Selbst der Märchensammler und Germanist Jacob Grimm legte für ein halbes Jahr seine Arbeiten am Deutschen Wörterbuch beiseite und eilte in die Paulskirche.
Das Frankfurter Gotteshaus hatten die Parlamentarier ausgewählt, weil der eigentlich vorgesehene Kaisersaal im Römer zu klein war. Doch Kirche und Staat sollten streng getrennt werden. Über dem Altar der Paulskirche hing während der Beratungen ein Vorhang, und die Orgel wurde von einem Gemälde verdeckt, das eine vollbusige Germania zeigte.
Das parlamentarische Procedere freilich mußte erst noch erfunden werden. Es gab keine Geschäftsordnung, keine Parlamentsverwaltung, keine Assistenten, und die Diäten waren kümmerlich. Der Wortführer der Radikaldemokraten, Robert Blum, war bald so klamm, daß er seine Verlagsbuchhandlung in Leipzig einstellen mußte.
Anfangs wußten die Abgeordneten nicht einmal, wo sie Platz nehmen sollten. Nach französischem Vorbild setzten sich schließlich links die Demokraten, in die Mitte die Liberalen und rechts die treuen Monarchisten. Vorn stand der Tisch des Parlamentspräsidenten Heinrich von Gagern.
Ihre Namen liehen sich die Fraktionen von den Gasthäusern, in denen die Abgeordneten logierten. Im "Donnersberg" zechte die revolutionäre Linke, im "Steinernen Haus" tagte die konservative Rechte, die Abgeordneten dazwischen verteilten sich auf zahlreiche andere Lokale.
Mit der Frankfurter Nationalversammlung, urteilt der münstersche Historiker Wilhelm Ribhegge, "begann die Geschichte der modernen politischen Parteien und des Parlamentarismus in Deutschland"*.
Es begann damals auch die Geschichte der Demokraten-Hasser und Parlaments-Verächter. Bismarck schimpfte auf den "unermeßlichen Wortschwall" der Abge-
* Wilhelm Ribhegge: "Das Parlament als Nation". Droste-Verlag, Düsseldorf; erscheint im April.
ordneten. Und der Revolutionsdichter Georg Herwegh reimte frech: "Trotz aller Professoren, Im Parla- Parla- Parlament, Das Reden nimmt kein End!"
Zunächst wählten die Volksvertreter eine provisorische Zentralregierung, Erzherzog Johann von Österreich wurde zum Reichsverweser, einer Art Interimspräsident, ernannt.
Dann stritten sie über Grundsatzfragen wie Erbkaisertum oder Wahlmonarchie, Standesprivilegien oder Gleichheitsgrundsatz, Groß- oder Kleindeutschland - am Ende, in der 196. Sitzung, beschloß die Frankfurter Nationalversammlung die modernste Verfassung Europas, mit allgemeinem Wahlrecht, Judenemanzipation und Rechtsstaatlichkeit. Auch die heutige Machtverteilung von Bundestag und Bundesrat war schon damals angelegt: Zwei Kammern sollte es geben, eine direkt gewählt, die andere von den Ländern beschickt. "Es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem Tropfen demokratischen Öls gesalbt ist", schwärmte der Tübinger Poet Uhland.
Manche Parlamentarier tönten vom Rednerpult freilich schon wie die häßlichen Deutschen des 20. Jahrhunderts. "Ein Krieg mit Rußland ist Lebensbedingung", meinte etwa Robert Blum. Dieser Kampf sei "die Luft für den Atem unserer Freiheit". Gerade die Linken wollten Europa mit Befreiungskriegen überziehen, wie es einst ihre Vorbilder, die Franzosen, nach der Revolution von 1789 getan hatten.
Der Berliner Wilhelm Jordan schlug vor, gleich ganz Südosteuropa zu germanisieren, so "daß einst die deutsche Küste bespült werde von den Wogen des schwarzen Meeres". Und Ernst Moritz Arndt, dessen Lied "Des Deutschen Vaterland" zur heimlichen Hymne von 1848 wurde, wünschte sich die "Weltherrschaft über die Meere".
Mit dem Multi-Kulti-Gemisch im Deutschen Bund wollten die 48er möglichst schnell aufräumen. Der Abgeordnete Samuel Kerst von den Linksliberalen warb dafür, die polnische Mehrheit im Großherzogtum Posen "rücksichtslos zu germanisieren". Und in Böhmen wollte der rechtsliberale Deputierte Anton Ritter von Schmerling "das Deutsche" zumindest "überwiegend" machen.
Trübster Nationalismus auf allen Flügeln. Selbst der inzwischen nach Köln gezogene Friedrich Engels hielt die "Germanisierung des abtrünnig gewordenen Hollands und Belgiens" für eine "politische Notwendigkeit".
Als sich während des Zweiten Weltkriegs britische Historiker überlegten, wieso die Deutschen größenwahnsinnig geworden waren, dachten sie auch über die Revolutionshelden von damals nach. Die Frankfurter Paulskirche sei der fruchtbare Schoß des aggressiven deutschen Nationalismus gewesen und die Liberalen von 1848 gar "Vorläufer Hitlers", behauptete Lewis Namier 1944.
Doch der Nationalismus der Frankfurter Abgeordneten war bei allem Verbalradikalismus nicht auf militärische Eroberungen ausgerichtet. Und die Frankfurter Verfassung hätte die nationalen Minderheiten trotz manch finsteren Geraunes wohl vorbildlich geschützt, wenn - ja wenn - sie je umgesetzt worden wäre.
Daß daraus nichts wurde, hatten sich die Abgeordneten auch selbst zuzuschreiben. Denn als es darauf ankam, stellten sie Ruhe und Ordnung über alles.
Im Sommer 1848 bereiteten Hohenzollern und Habsburger in Preußen und Österreich den großen Gegenschlag vor. Die Monarchen antworteten "auf die halbe Revolution mit einer ganzen Konterrevolution", analysierte später Karl Marx.
Erst schossen österreichische Truppen die aufständischen Tschechen nieder. Dann besiegte der 81jährige Feldmarschall von Radetzky die rebellierenden Italiener bei Custozza. Kaiser Ferdinand I., der mit dem Hof nach Innsbruck geflohen war, fühlte sich wieder so sicher, daß er in die Wiener Hofburg zurückkehrte.
Preußens Friedrich Wilhelm IV. weigerte sich einfach, den vaterländischen Krieg gegen Dänemark fortzusetzen, obwohl die Nationalversammlung die Heimholung des von den Dänen besetzten Schleswig zur Reichssache erklärt hatte.
Das Parlament nahm diesen Affront schließlich hin. Als daraufhin frustrierte Demonstranten am 18. September die Sitzung in der Paulskirche stürmen wollten, räumten preußische und österreichische Truppen rüde den Vorplatz der Kirche. Die wütende Menge - viele vermuteten schon lange hinter den andauernden Parlamentsdebatten Verrat an der Revolution - errichtete sofort mehr als 40 Barrikaden. Waffen besorgten sich die Aufständischen beim Bankier Flörsheim, der die Spieße und Hellebarden seiner Sammlung herausrücken mußte. Als der Philosoph Arthur Schopenhauer aus dem Fenster seiner Frankfurter Wohnung schaute, sah er erstmals das Zeichen der Kommunisten: "die rote Fahne".
Vergebens versuchte der Linke Blum zu vermitteln: "Soll das Blut der Freunde der Freiheit vergossen werden?" Der ehemalige Abgeordnete Ritter von Schmerling, inzwischen Innenminister der provisorischen Zentralregierung, gab das Feuer frei. Resultat: über 80 Tote auf beiden Seiten, darunter auch die Abgeordneten Fürst Lichnowsky und Hans von Auerswald.
Die Edelleute hatten zunächst nur für die preußischen Truppen die Lage erkundet. Einige Arbeiter erkannten sie jedoch. Lichnowsky schoß sofort. Zuerst wurde Auerswald erschlagen, dann Lichnowsky selbst. "Vogelfrei" stand auf dem Pappschild, das an seiner Leiche baumelte.
Heckers Mitstreiter Struve, der das Gerücht gehört hatte, der Aufstand am Main sei erfolgreich gewesen, jubelte: "Triumph! Das Frankfurter Parlament ist entlarvt!" und rief in Lörrach am 21. September 1848 die Republik aus.
Nun, im zweiten Versuch, sollte die Revolution endlich vollendet werden. Struve - Marx hielt ihn für "völlig unfähig" - wollte Adel und Kirche auf der Stelle enteignen, redete jeden nur noch mit "Bürger" an und setzte darauf, daß das Gute im Menschen siegen werde.
Größeren Erfolg als Hecker hatte auch er nicht. Zwei Bataillone genügten der badischen Regierung, um Struves Freischärler auseinanderzutreiben. Die geflohenen Kampfgenossen wollten ihn später beinahe lynchen. Sie glaubten, er habe die gemeinsame Kasse geplündert. Auch Struve floh nach Amerika.
Auf die Frankfurter Paulskirche konnten die Republikaner also nicht rechnen. Der "bewaffnete Aufruhr" habe die "Ehre Deutschlands befleckt", schimpften selbst linke Parlamentarier.
Die Nationalversammlung sah im Druck von unten nur eine Bedrohung und machte damit einen schweren Fehler. Die genialen Verfassungsväter erwiesen sich als miserable Machtpolitiker. Sie hatten "mehr Angst vor der geringsten Volksbewegung als vor sämtlichen Komplotten sämtlicher deutscher Regierungen zusammengenommen", spottete Engels später.
Österreichs Kaiser Ferdinand I. ließ im Oktober mit Brachialgewalt in Wien für Ruhe sorgen. Der aus Frankfurt herbeigeeilte Blum, der den Aufständischen beistehen wollte und auch selbst zur Waffe griff ("In Wien entscheidet sich das Schicksal Deutschlands"), wurde im Hotel verhaftet. Mit der standrechtlichen Erschießung Blums am 9. November begann die lange Tradition schicksalsschwerer deutscher Novembertage.
Mit seinen letzten Worten - "das Vaterland möge meiner eingedenk sein" - wurde Blum zum großen Märtyrer der Revolution. In Leipzig trauerten 10 000 Menschen auf einer Totenfeier um ihn. Die Paulskirchen-Versammlung forderte die Bestrafung der Schuldigen, konnte ihnen jedoch nicht beikommen.
Friedrich Wilhelm IV. machte es dem Wiener Kollegen nach. "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten", fand der Preußenkönig, gab seinen Truppen Geld und Bier, holte sie von Potsdam nach Berlin und verhängte den Belagerungszustand. Nur das öffentliche Rauchen blieb erlaubt. "Nun bin ich wieder ehrlich", freute sich der Monarch.
Als General von Wrangel mit 15 000 Mann der Gardetruppen am 10. November an den Berliner Stadttoren aufmarschierte, fragte der Führer der Bürgerwehr: "Wenn ich nun Gewalt gebrauche, werden Sie dann wieder Gewalt gebrauchen?" "Na, das sehen Sie ja." "Nun gut", erwiderte der brave Mann, "so weiche ich der Gewalt", und ließ die Soldaten ungehindert einmarschieren.
Die waren erstaunt, wie leicht das ging. Sogar die bewaffneten Arbeiter bei Borsig rückten ihre Gewehre sofort heraus, als ihnen der Chef mit Entlassung drohte.
Immerhin, kaum saß er wieder fest im Sattel, verordnete Friedrich Wilhelm IV.
seinen Preußen eine Verfassung. Die garantierte zwar einige Grundrechte, aber sie kam von oben, von Gottes Gnaden - das machte den Unterschied. "Revolutionen", stellte Bismarck später fest, "machen in Preußen nur die Könige."
Als sei in Wien und Berlin nichts geschehen, debattierten die Frankfurter Abgeordneten den ganzen Winter darüber, ob sie nun den österreichischen Kaiser oder lieber den preußischen König zum Oberhaupt Deutschlands ausrufen sollten.
Die Frage war hypothetisch. Ferdinand I. winkte schon vorher ab. Er hätte für ein Großdeutschland auf die ungarischen und italienischen Teile seines Reiches verzichten müssen. Und Friedrich Wilhelm IV. wollte die Frankfurter Krone auch nicht haben. "Schweinekrone" schimpfte er, an ihr hafte "der Ludergeruch der Revolution" - und fertigte die Kaiserdeputation, geführt vom Liberalen Eduard Simson rüde ab. Simson führte auch 1870 die Kaiserdeputation, die dem Preußen-König Wilhelm I., dem "Kartätschenprinzen" von 1848, die Krone anbot.
Kaum ein Trost für die Deutschen, daß auch die Franzosen mit ihrer Revolte nicht glücklich wurden. Sie warfen sich schnell dem Parvenu-Autokraten Louis Napoléon Bonaparte in die Arme, der sie in die Katastrophe des Krieges von 1870/71 führte.
Erst nach der Absage Friedrich Wilhelms im April 1849, viel zu spät, wurden die deutschen Paulskirchen-Parlamentarier rebellisch und wandten sich an das Volk. Das sollte nun die von der Paulskirche beschlossene Verfassung zu "Anerkennung und Geltung bringen". In Dresden baute Architekt Gottfried Semper sofort Barrikaden. Sein Künstlerkollege Richard Wagner schob Wache auf dem Turm der Kreuzkirche. In Baden gab es nun schon den dritten Aufstand.
Doch gegen die preußischen Truppen, mit der Eisenbahn auf Wunsch des Königs von Sachsen und des Großherzogs von Baden herbeigebracht, waren die Rebellen in Dresden und Karlsruhe chancenlos. Die Frankfurter Parlamentarier, die größtenteils ins liberale Stuttgart geflohen waren und dort als Rumpfparlament in einer Reitschule tagten, trieb die württembergische Kavallerie auseinander. Am 23. Juli 1849 fiel die letzte Bastion der Revolution, die Festung Rastatt. Einer der Rebellen machte Karriere: Der geflohene Revolutionsleutnant Carl Schurz brachte es 1871 zum Innenminister der USA.
Badens Frauen sangen ihre Babys mit einem Protestlied in den Schlaf: "Mein Kind, schlaf leis! Dort draußen geht der Preuß. Deinen Vater hat er umgebracht, Deine Mutter hat er arm gemacht. Und wer nicht schläft in stiller Ruh, Dem drückt der Preuß die Augen zu."
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Revolutionskalender 1848/1849
Deutscher Bund 1847/48
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Revolutionskalender 1848/1849
Deutscher Bund 1847/48
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Der lange Marsch
Die Verfassungen der Deutschen von 1849 bis zum Grundgesetz HT: 1849 Umfangreiche Grundrechte wie Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit sollten dem Bürger garantiert werden. An der Spitze des Staates war ein Erbkaiser vorgesehen, der über Kriege zu entscheiden und die Minister zu berufen hatte. Gesetze hätte nur der Reichstag beschließen dürfen, der aus dem Volkshaus gewählter Abgeordneter und einem Staatenhaus der 39 deutschen Einzelstaaten bestehen sollte.
+ 1871 Bismarck setzte Preußens Hegemonie durch: Der König von Preußen war zugleich deutscher Kaiser. Der Reichstag wurde in geheimer, gleicher und direkter Wahl bestimmt. Gesetze mußten sowohl den Reichstag als auch den Bundesrat passieren. Den Reichskanzler konnte nur der Kaiser einsetzen und entlassen.
+ 1919 Der direkt gewählte Reichspräsident konnte den Reichskanzler entlassen, durch Notverordnungen am Reichstag vorbeiregieren und die Grundrechte außer Kraft setzen. Dank des uneingeschränkten Verhältniswahlrechts zogen auch Splitterparteien in den Reichstag ein - was maßgeblich zum Scheitern der Weimarer Republik beitrug.
+ 1949 Nach den Erfahrungen von Weimar sollte das Grundgesetz vor allem eines: den demokratischen Staat stabilisieren. Der Kern der Grundrechte, die Rechtsstaatlichkeit und der Föderalismus sind unantastbar. Das Bundesverfassungsgericht kann Verstöße gegen das Grundgesetz ahnden und verfassungswidrige Parteien verbieten. Die Ländervertretung - der Bundesrat - bildet ein Gegengewicht zu Bundesregierung und Bundestag. Zum Sturz des Kanzlers kommt es nur bei einem konstruktiven Mißtrauensvotum - die Bundestagsparteien müssen also einen anderen Kandidaten wählen. Über die Zusammensetzung der Regierung entscheidet allein der Kanzler. Anders als der Weimarer Reichspräsident hat der Bundespräsident vor allem repräsentative Aufgaben.
* Gemälde von Philipp Veit. * Die "Kaiserdeputation" am 3. April 1849 im Berliner Schloß (kolorierter Holzstich, 1849). * Wilhelm Ribhegge: "Das Parlament als Nation". Droste-Verlag, Düsseldorf; erscheint im April. * Gemälde von Carl Steffeck (1848/49).

DER SPIEGEL 7/1998
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