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Nur die Paranoiden überleben

Nike-Gründer Phil Knight über den Konkurrenten Adidas, das Milliardengeschäft mit dem Fußball und seine weltweiten Expansionspläne Von Müller von Blumencron, Mathias und Brinkbäumer, Klaus

SPIEGEL: Herr Knight, sehnen Sie sich manchmal nach den alten Tagen zurück, als Sie Ihre Turnschuhe noch aus dem Auto verkauften?

Knight: O ja, wir hatten damals verdammt viel Spaß. Wir waren Studenten, kamen quasi vom Lauftraining und gründeten 1972 diese Firma, weil wir uns mit Turnschuhen auskannten. Die sogenannte Waffelsohle erfanden wir, indem wir Gummi in ein Waffeleisen gossen. Das waren goldene Jahre. Wir trafen Entscheidungen, und schon drei Monate später wußten wir, ob sie gut oder schlecht waren. Heute dauert alles viel länger und ist furchtbar kompliziert. Ich bin lieber Gründer als Manager.

SPIEGEL: Damals schliefen amerikanische Leichtathleten noch in Zelt und Schlafsack, statt mit Nike-Hilfe in besten Hotels abzusteigen ...

Knight: ... und die Verbände haben das ganze Geld kassiert und sich an den TV-Rechten satt verdient. Nichts davon kam bei den Athleten an. Diese alten Amateurzeiten sind glücklicherweise vorbei. Es macht keinen Sinn, die Leute auf einer Wiese schlafen zu lassen, wenn sie am nächsten Tag die schnellsten 5000 Meter in der Geschichte Amerikas laufen sollen.

SPIEGEL: Vor einiger Zeit haben Sie die komplette brasilianische Fußballnationalelf für 400 Millionen Dollar gekauft; nun wollen Sie für das englische Team ähnlich viel ausgeben. Sie erfinden neue Veranstaltungen und verkaufen deren TV-Rechte. Wollen Sie die totale Sport-Herrschaft?

Knight: Wir wollen den Sport nicht regieren, wir wollen ihn fördern. Unser Geschäft lebt von den Emotionen, von der Leidenschaft, die der Sport entfacht. Und wenn er an Glanz verlieren sollte, sind wir die ersten, die Schaden nehmen.

SPIEGEL: Deutsche Fußballfunktionäre waren schockiert, als sie mit den Brasilianern ein Freundschaftsspiel für den 25. März ausmachen wollten: Verhandlungspartner war Nike. Wo bleibt der Sport, wenn Nationalteams zu Firmenmannschaften werden und Konzerne den Spielplan regieren?

Knight: Niemand will den Verbänden die Weltmeisterschaften wegnehmen. Aber in den nächsten Jahren wird sich sehr viel ändern. Da werden wir kreativ sein und auch ein bißchen aggressiver.

SPIEGEL: Der DFB klagt über immer neue Forderungen. Das Spiel soll angeblich nur zustande kommen, wenn es von zwei kompletten Kamera-Sets und mit unterschiedlicher Bandenwerbung übertragen wird - von der einen Seite des Spielfelds für Deutschland, von der anderen Seite für Nike und den Rest den Welt.

Knight: Ja, und ob es zu diesem Spiel kommt, ist immer noch nicht ganz klar. Fußball ist die größte Sportart, die es gibt, und hat ein gigantisches Potential. Das wollen wir nutzen. Ein simples Freundschaftsspiel England gegen Brasilien etwa könnte, wenn Sie es richtig anpacken, zum Weltereignis werden, das zig Millionen Zuschauer in allen Kontinenten vor die Fernseher zieht und ins Internet lockt. Wir werden dafür sorgen, daß es mehr Spiele gibt, mehr Spannung und mehr Zuschauer. Und alle werden glücklich sein - die Fans und die Teams.

SPIEGEL: Wollen Sie Leuten wie Ion Tiriac und Mark McCormack, einem der größten kommerziellen Sportveranstalter, Konkurrenz machen?

Knight: Die haben alle ein bißchen Angst vor uns. Aber das ist unnötig: Die Fernsehmacher wollen immer mehr Sport und sind bereit, gigantische Summen dafür zu zahlen. Der Markt ist so riesig und so dynamisch, da gibt es genug Platz, daß alle wachsen können. Wir wollen Fußballspiele oder Golfturniere veranstalten, weil die ein ideales Vehikel sind, um unsere Marke zu stärken. Und obendrein wollen wir noch etwas Geld verdienen.

SPIEGEL: Wann kaufen Sie die deutsche Fußballnationalelf?

Knight: Natürlich hätten wir die liebend gerne unter Vertrag. Ich sage nie, es gibt für so was keine Chance. Aber in diesem Fall gibt es wohl keine guten Aussichten. Adidas wird Deutschland nicht freiwillig hergeben.

SPIEGEL: Nike diktiert seinen Spielern bereits, bei welchem Verein sie spielen sollen. Sie haben angeblich den brasilianischen Weltstar Ronaldo gedrängt, für 60 Millionen Mark von Barcelona zu Inter Mailand zu wechseln.

Knight: Es gibt immer Leute, die uns als Bösewichte darstellen wollen. Wir sind an den Diskussionen über die Zukunft unserer Spieler beteiligt. Und wir können sie beraten, welcher Schritt für ihr Image am besten ist. Aber am Ende treffen die Spieler ihre Entscheidung allein. Wir diktieren niemandem etwas.

SPIEGEL: Sie wollen zur nächsten Weltmeisterschaft im Jahr 2002 die größte Fußballfirma der Welt sein. Heute nehmen Sie mit Fußball gerade 200 Millionen Dollar ein - bei rund neun Milliarden Gesamtumsatz. Wie soll das gehen?

Knight: Na ja, wir haben eben noch viel Potential, um zu wachsen. Es ist ein ehrgeiziges Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt.

SPIEGEL: Womöglich unterschätzen Sie Ihren Konkurrenten Adidas. Während Nikes Gewinne sinken und der Umsatz nur noch schleppend wächst, boomt das Geschäft Ihres Gegners.

Knight: Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus ist ein guter Manager, und es gibt im Sportgeschäft offenbar mehrere Leute, die gewinnen wollen. Nur einer wird es schaffen, und wir werden sehen, wer das ist.

SPIEGEL: Dreyfus wurde kürzlich vom US-Blatt "Business Week" zu einem der 25 erfolgreichsten Manager des Jahres gewählt. Sie fehlten auf der Liste.

Knight: Diese Ranglisten sind alle ganz nett, um Zeitschriften zu verkaufen. Ich war vor ein paar Jahren dabei, und es hat mich nicht allzusehr begeistert. Genausowenig betrübt es mich jetzt, wenn ein Konkurrent gekürt wird. Adidas war armselig gemanagt unter Bernard Tapie. Dreyfus hat den Laden in Ordnung gebracht, und dafür hat er Ehre verdient. Das wird uns aber nicht davon abhalten, ihn zu attackieren.

SPIEGEL: Ihre Konkurrenten werfen Ihnen vor, Sie betrieben Ihr Geschäft wie ein Feldherr.

Knight: Das war Reebok-Chef Paul Fireman, und der ist ganz still geworden, seit er ein paar hundert Leute entlassen mußte. Dieses Geschäft ist verdammt hart, genauso hart wie Hochleistungssport - ein Krieg ohne Kugeln. Unsere Leute setzen quasi ihr Leben für die Firma ein. Ihre Existenz hängt am Erfolg. Wenn Sie verlieren, und das kann ganz schnell gehen, müssen wir denen kündigen und zusehen, wie sie heulend aus der Tür laufen. Das ist kein Spiel für Amateure.

SPIEGEL: Ihre Angestellten treffen sich zu einer Art Morgenandacht. Einige haben sich den Nike-Haken auf ihren Knöchel tätowiert, und alle sind demonstrativ fit. Führen Sie einen Kult, der auch die Kunden missionieren soll?

Knight: Das wird uns immer wieder vorgeworfen, aber es ist Quatsch. Wir haben so etwas wie Kult oder Religion nie im Sinn gehabt. Natürlich wollen wir, daß sich die Käufer mit unseren Stars identifizieren, mit ihnen leiden und siegen. Wenn Sie bei einem großen Sportereignis zusehen, wie Menschen über sich hinauswachsen und etwas tun, was sie nie vorher getan haben, dann hat das tatsächlich etwas Spirituelles.

SPIEGEL: Sport rührt Sie?

Knight: Ja, und er rührt alle Menschen, er ist das Herz unserer Kultur. Diese Spiritualität hilft uns beim Verkaufen, aber mit Kult hat das nichts zu tun.

SPIEGEL: In Ihren Kaufhäusern, beispielsweise in Chicago und demnächst auch in Berlin, geht es bald ergreifender zu als in der Kirche. Die neuen "I can"-Werbespots laufen an jeder Ecke, alte Turnschuhe Ihrer Helden liegen wie Reliquien unter Glas.

Knight: So soll es sein. Wir wollen den Besuch in einem Nike-Kaufhaus zu einem emotionalen Spitzenerlebnis machen, das alle packt wie ein großartiger Wettkampf. Wenn die Kirche da nicht mithalten kann, müssen die Priester eben einen besseren Job machen.

SPIEGEL: Sie zahlen Ihren Athleten Millionen, damit Sie mit ihnen werben können. Nike avancierte zum Weltkonzern, aber der Starkult hat dem Sport auch geschadet.

Knight: Sport ist heute Big Business, und das wird auch so bleiben. Leider haben einige Spieler das Geld nicht vertragen und sind übergeschnappt. Das Publikum war zu Recht angewidert.

SPIEGEL: Ihre Konkurrenten wie Reebok haben Dutzende von Kontrakten mit Sportstars gestrichen.

Knight: Das sollen sie ruhig. Natürlich wollen die Leute weiterhin Stars, mit denen sie fiebern können. Man muß sie nur kreativ und immer wieder neu einsetzen. Unsere Kampagne mit Michael Jordan war die erfolgreichste Marketingveranstaltung in der Geschichte des Sports. Als sich das Publikum in den achtziger Jahren an die Werbespots mit ihm gewöhnt hatte und die Verkäufe zurückgingen, haben wir ihn in einem Trick-Video gegen Bugs Bunny spielen lassen. Alle fanden das witzig und kauften wieder. Vor kurzem haben wir Jordan eine Firma gründen lassen. Er verkauft unter eigenem Logo, und es ist von neuem ein Riesengeschäft. Sportkonzerne werden immer Stars für ihre Werbung nutzen.

SPIEGEL: In den USA scheint die Sneaker-Kultur ausgereizt. Ihre Verkäufe stagnieren. Jeder Amerikaner hat im Durchschnitt drei Paar Sportschuhe zu Haus. Bei vielen Jugendlichen sind die Latschen out.

Knight: Überhaupt nicht. Der Sportboom ist ein weltweites Phänomen. Er hat Japan erobert und auch Europa. In den USA haben wir ein so rasantes Wachstum gehabt, daß mich eine Pause nicht sonderlich besorgt. Sport wird weiterwachsen, bestimmt noch 20 Jahre lang.

SPIEGEL: Wie will Nike ausgerechnet in der Krise expandieren?

Knight: Eine Krise hatten wir im Jahr 1985, als wir rote Zahlen schrieben und Leute entlassen mußten. Wir hatten damals Freizeitschuhe gemacht, was ein Fehler war. Wir hatten Aerobic kaum wahrgenommen und die Bedeutung von Marketing unterschätzt. Wir hatten den Wandel von der kleinen Firma zum Konzern nicht geschafft. Heute reagieren wir anders.

SPIEGEL: Das soll heißen: professioneller?

Knight: Natürlich. Eine Strategie ist zum

Beispiel die ständige Neuaufteilung des Angebots: Zuerst gab es im Basketball nur "Air" Jordan, aber wir haben längst die "Force"-Linie mit Charles Barkley oder "Flight" mit Scottie Pippen; Andre Agassi repräsentiert vielleicht 25 Prozent der Tennisfans, aber wir haben genügend Typen für die übrigen 75 Prozent. Auch die Ausrüstung mit Sportartikeln ist ein offener Markt: Eishockeyschläger, Baseballhandschuhe und ähnliches. Wir werden uns noch eine Menge einfallen lassen, denn wir sind eine kreative Mannschaft.

SPIEGEL: Wie steht es wirklich mit dem Teamgeist der Firma? Abertausende Asiaten, die für Nike Schuhe zusammennähen und -kleben, verdienen oftmals wenig mehr als einen Dollar am Tag.

Knight: Sie können keine Schuhe mehr in den USA oder Deutschland machen, es ist zu teuer. Also gehen Sie da hin, wo es billig ist, in die Dritte Welt. Das hat nichts mit Ausbeutung zu tun, sondern es gibt den Leuten dort Arbeit, Geld und einen besseren Lebensstandard. Wir zahlen dort doppelt soviel, wie der Durchschnittslohn beträgt. Wenn Sie in ein Land gehen, wo die Leute einen Dollar am Tag verdienen, was furchtbar wenig ist, und Sie zahlen ihnen zwei Dollar, dann ist das wohl keine schlechte Sache.

SPIEGEL: Nike-Vertragsfabriken sind bekannt für rauhes Management. Es gibt viele Berichte von Mißhandlungen. Frauen, die unpassend gekleidet waren, mußten in der Mittagshitze um die Fabrik joggen.

Knight: Das meiste, was über uns geschrieben wird, ist einfach Bullshit.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Knight: Zum Beispiel, daß es Tote in Fabriken gab. Die Globalisierung macht vielen Leuten angst, und es gibt jede Menge Gruppen, die sich über freien Handel aufregen. Die haben plötzlich entdeckt, daß sie soviel Publicity wie nie bekommen, wenn sie ein Symbol für internationalen Sport attackieren. Gehen Sie zu einer dieser Fabriken, wo angeblich so schreckliche Sachen passieren!Da sehen Sie bei jedem Jobangebot einen Menschenauflauf von 300 Leuten vor der Tür. Warum kommen die? Weil wir ihnen die besten Jobs im Land bieten.

SPIEGEL: Genauso schnell sind Sie die wieder los. Immer, wenn Sie eine billigere Fabrik fanden, sind Sie weitergezogen, von Japan nach Korea, zuletzt nach Vietnam.

Knight: Wir haben eine enge Beziehung zu diesen Firmen, aber sie gehören uns nicht. Wir haben versucht, zumindest die erfahrenen Manager in die neuen Fabriken mitzuschicken. Was ist aus den Arbeitern geworden, die zurückgeblieben sind, werden Sie fragen. Die bauen heute Autos und Computer zusammen, weil es in ihrem Land aufwärts gegangen ist. Und dazu haben unsere Aufträge beigetragen. Wir haben nicht das geringste moralische Problem, wir haben ein Imageproblem. Und ich trage die Schuld daran, weil ich dachte, die Wahrheit werde sich schon durchsetzen, ohne daß unsere Marketingleute aktiv werden müßten.

SPIEGEL: Sie haben rund fünf Milliarden Dollar Vermögen angehäuft und sind einer der reichsten Männer Amerikas. Haben Sie nicht langsam genug gesiegt?

Knight: Jimmy Connors sagte mal, er hasse Niederlagen viel mehr als er es liebt zu gewinnen. Mir geht es genauso. Als wir die Spitze erklommen hatten, habe ich nicht gerade große Befriedigung empfunden. Gut, es ist ganz nett, da oben zu sein, mehr nicht. Aber es bringt mich um, wenn wir irgendwo geschlagen werden, vor allem, wenn wir uns furchtbar angestrengt haben.

SPIEGEL: Sie können Erfolg nicht genießen?

Knight: Nein. Dafür gibt es keine Zeit. Wenn ein Team die Fußballweltmeisterschaft gewinnt, können die Spieler davon vier Jahre lang leben. In meinem Geschäft kann es schon am nächsten Tag ganz anders aussehen. Nur die Paranoiden überleben, sagt Intel-Chef Andy Grove - und er hat recht. Verdammt, er hat wirklich recht.

SPIEGEL: Herr Knight, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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Umsatz der größten Sportartikel-Hersteller

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Umsatz der größten Sportartikel-Hersteller

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* Mit Redakteuren Matthias Müller von Blumencron, Klaus Brinkbäumer in der Firmenzentrale in Portland.

DER SPIEGEL 5/1998
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