GESUNDHEIT
Ärzte verstehen ihre eigenen Tests nicht
SPIEGEL: Sie haben ein Buch mitherausgegeben, dem zufolge vielen Ärzten schlichtweg das Wissen fehlt, um ihre Patienten richtig zu behandeln. Kann man dem Doktor nicht trauen?
Gigerenzer: Ärzte werden leider so gut wie gar nicht darin ausgebildet, wie sie Risiken und Unsicherheiten bewerten müssen. 80 bis 90 Prozent der Mediziner, die wir befragt haben, verstehen die Vorsorgetests, die sie ihren Patienten anbieten, selber nicht.
SPIEGEL: Was ist die Folge?
Gigerenzer: Es kursieren viele irreführende Informationen. Nachteile einer Methode werden in Fachartikeln mit statistischen Tricks heruntergespielt, Vorteile übertrieben. Das führt zu schlecht informierten Ärzten und Patienten. 98 Prozent aller Frauen in Deutschland etwa überschätzen den Nutzen der Mammografie.
SPIEGEL: Was kann man gegen diese Fehleinschätzungen tun?
Gigerenzer: Wer zum Arzt geht, sollte viel mutiger nachfragen - und sich klarmachen, dass viele Ärzte ihnen schon allein deshalb alle möglichen Dinge vorschlagen, damit man ihnen, falls etwas schiefgeht, kein Versäumnis nachweisen kann. Auf diese Weise kommt es zu vielen Diagnosen und Therapieversuchen, die den Arzt schützen, dem Patienten aber schaden.
SPIEGEL: Doch wie soll ein Patient vernünftige Auskunft vom Doktor erwarten, wenn der, wie Sie sagen, selbst kaum Ahnung hat?
Gigerenzer: Ein Patient kann sich zwar nicht alle medizinischen Kenntnisse aneignen. Aber er kann sich eine Kompetenz zulegen, wie er Wahrscheinlichkeiten bewertet. In anderen Bereichen bilden sich die Leute ständig weiter. Wer sich einen neuen Computer kauft, informiert sich doch auch vorher.