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AUSSTELLUNG

Ich war gefangen

Martin Walser, 84, über das Kafka-Buch "Beim Bau der chinesischen Mauer", das er dem Literaturarchiv Marbach für die Schau "Schicksal" überlässt (5. Mai bis 28. August): Heute drängt alles, was man schon hat oder nicht will, zu allen Öffnungen herein, da ist es nicht möglich, dem Überversorgten verständlich zu machen, was es bedeutet hat, ein Buch von Kafka aufzutreiben, als es weit und breit keinen Kafka zu kaufen gab. Ich hatte in einer Berliner Zeitschrift auf schlechtem Papier "Die Verwandlung" gelesen. Das muss Ende 1946 gewesen sein. Damit war ich gefangen. Das wiederum muss heute keinem mehr erklärt werden. Dann also dieses Büchlein mit kürzeren Texten, die sich auf die Wirklichkeit des Jahrhunderts, in dem sie geschrieben wurden, nicht mehr einlassen als die Texte des Neuen Testaments. Ich glaube, es war diese vollkommene Innerlichkeit, die mir für einige Jahre jede Sprache entwertete, in der es realer zuging. Als ich eine Dissertation über Kafka schreiben wollte, so um 1949 herum, da rettete ich mich in die dann greifbaren Romane. Die reine Innerlichkeit der kürzeren Texte wagte ich nicht zu beschreiben. Ich war, so darf ich sagen, Kafkafromm. Und dieses kleine Buch war meine Bibel.

DER SPIEGEL 18/2011
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