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Allerhärtestes Bedauern

Womöglich war Angela Merkels Ausdruck der "Freude" über den Tod von Osama Bin Laden nur eine verrutschte Formulierung.

Hat die Bundeskanzlerin ein kaltes Herz? Es klang so, als sie am Montag sagte: "Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten." Aber es kann auch sein, dass dieser Satz nicht einem moralischen Defizit entspringt, sondern einem linguistischen. Denn Angela Merkel hat schon oft gezeigt, dass sie ein ganz eigenes Verhältnis zur deutschen Sprache hat.

Wer ihr regelmäßig zuhört, hat bald den Eindruck, dass Merkel merkwürdig redet. Ihr Satzbau und ihre Wortwahl lassen offen, was sie wirklich meint. Nicht selten müssen ihre Sätze hinterher erläutert werden, wie auch in diesem Fall von Regierungssprecher Steffen Seibert.

Es gibt jedenfalls eine Lingua Merkelae, eine eigene Sprache der Bundeskanzlerin. Hier sind die Hauptelemente:

Merkel redet oft in verrutschten Formulierungen. Einen Streit mit der CSU nannte sie "kleine Ausbuchtungen". Über ihre Jahre als Bundeskanzlerin sagte sie einmal, man werde mit der Zeit "stumpfsinniger". Gemeint war wohl: Man stumpft ab.

Merkel greift gern zu seltsamen Wörtern oder Neologismen. Sie sprach vom "Wohlfühlgefühl". Wenn etwas schwach ist, ist es für sie "unterausgeprägt".

Merkel zeigt Unsicherheit bei Emotionen. Ihre Gefühle hält sie fast immer im Zaum, und wenn es dann doch um Gefühle geht, drückt sie sich seltsam aus. Ein Beispiel ist die Freude über Bin Ladens Tod, ein anderes Beispiel ist ihr Satz zum Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler: "Ich bedaure diesen Rücktritt aufs Allerhärteste." Hier kombiniert sie in geradezu einmaliger Weise das sanfte Wort "bedauern" mit einem Kampfbegriff. Sie war zornig über diesen Rücktritt, und womöglich war dieser Satz ein ungewollter Ausdruck dieses Zorns. Merkel verirrt sich in Tautologien. Sie sprach vom "Alleinstellungsmerkmal, das nur bei den Grünen vorhanden ist", oder sagte, ihr Team tue etwas "mit aller Kraft, die wir haben".

Merkel verfällt in den Straßenjargon. Manchmal tut sie Dinge "wie bekloppt" oder rennt rum "wie'n Vollidiot". Ihr Lieblingswort ist "nüscht".

Merkel neigt zu bürokratischer Ausdrucksweise. So war sie "bei der Entstehung der Zurückziehung nicht beteiligt". Über einen Urlaub sagte die Bundeskanzlerin: "Ich glaube, dass, insbesondere wenn man sich körperlich betätigt, zum Beispiel auf Berge steigt, es eine interessante Durchlüftung auch der jeweiligen Gehirnformation ist, und dass das insgesamt der politischen Arbeit guttut."

Merkel redet in Anglizismen. Das ist relativ neu bei ihr und hat wohl damit zu tun, dass sie häufig auf internationalen Konferenzen weilt. Seit jüngster Zeit sagt sie schon mal "See you" zum Abschied. Oder wenn jemand viel Geld ausgibt, ist er bei der "spending party".

Merkels Versprecher sind legendär. Sie nannte sich selbst "Staatsoberhaupt" (das ist in Wahrheit der Bundespräsident), sie kündigte vor der Wahl 2005 an, eine Koalition mit der SPD bilden zu wollen, meinte aber die FDP. Der Sound von Merkels Sprache findet sich sehr schön in folgendem Satz wieder: "Die Vorfreude auf die Frauen-WM, die ist groß, und sie wird jeden Tag auch größer." Das klingt herzig, ist aber auch ein Sound der Umständlichkeit, der Distanz. Sie hätte sagen können: Ich freue mich riesig auf die Frauen-WM. Aber so sagt sie es nicht, mit der Freude ist es ein Problem bei ihr.

Dieser Sound korrespondiert mit vielen ihrer Sprachmarotten, vor allem den verrutschten Formulierungen, den Tautologien und Bürokratismen. Auch sie schaffen Distanz, verschleiern, verrätseln. Merkel geht sprachlich gern Umwege. Man kann es auch umdrehen: Merkel ist es nicht gewohnt, etwas direkt zu sagen. Da ist es kein Wunder, dass es schiefgeht, wenn sie mal anhebt: "Ich freue mich …"

Und hier noch ihr schönster Versprecher: "Und so werde ich dann morgen zurücktreten, äh, zurückfliegen."

DER SPIEGEL 19/2011
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