INNERE SICHERHEIT
Eine Bombe für Deutschland
Man hat es nicht leicht als militanter Islamist. Abdeladim el-K. und Jamil S. wissen das spätestens seit Dienstag vor zwei Wochen. Da sitzen die beiden Männer in ihrer Zweizimmerwohnung in der Düsseldorfer Witzelstraße und jammern, wie kompliziert es doch sei, einen funktionierenden Sprengsatz zu bauen. "Bombe ist nicht so schwer wie Zünder", sagt Abdeladim el-K., "weil Zünder ist mehr gefährlich als Bombe."
In den Handbüchern von al-Qaida klingt das so einfach. Man kauft Grillanzünder, extrahiert das Hexamin und hat schon einen Bestandteil für den Sprengsatz. Funktioniert offenbar überall, nur in Deutschland ist die Gefahr groß, dass der Dschihad scheitert - am Grillanzünder. Der hat hierzulande eine andere chemische Zusammensetzung als in einigen anderen Ländern. Die Ermittler werden in Düsseldorf später bei der Durchsuchung einen Kochtopf finden, in dem die Anzünder möglicherweise eingedampft werden sollten.
Die Wohnung der beiden Bombenbastler ist verwanzt, die Telefone, die Computer. Die Polizei hört seit Wochen alles mit, nur manchmal stören der Fernseher und die Waschmaschine. Als die Männer am Mittwoch in ihrem Migrantenslang davon reden, es "an Bushaltestelle zu machen" oder vielleicht auch in einem Bus, will die zuständige Bundesanwaltschaft nicht länger warten, bis die Bombe für Deutschland einsatzbereit ist.
Am Freitagmorgen nach Ostern nehmen Fahnder den Marokkaner Abdeladim el-K., 29, fest, den deutsch-marokkanischen Elektriker Jamil S., 31, und den deutsch-iranischen Schüler Amid C., 19, der demnächst sein Abi machen wollte.
Im Zentrum der Düsseldorfer Ermittlungen steht Abdeladim el-K. Die Ermittler halten ihn für den Kopf der Zelle. Er soll den Virus des islamistischen Terrors aus Afghanistan nach Düsseldorf geschleppt und Kontakt zu dem hochrangigen Qaida-Funktionär Attija Abd al-Rahman gehalten haben. Er hatte ihn wohl in Pakistan in einem Ausbildungslager von al-Qaida kennengelernt. K., so scheint es, war der Qaida-Mann für Rhein und Ruhr.
Vieles hat sich in den fast zehn Jahren nach den Anschlägen des 11. September 2001 in der islamistischen Terrorszene der Bundesrepublik geändert, doch eine Konstante ist geblieben. Der überwiegende Teil der militanten deutschen Dschihadisten ist, wie die Todespiloten des 11. September, in einem Trainingslager von al-Qaida oder von befreundeten Gruppen ausgebildet worden.
Dort werden die Techniken des Terrors vermittelt und die Aufträge für Europa erteilt. Trainiert wird nach wie vor am Hindukusch, nur etwas südlicher als früher, in der Grenzregion zwischen Afghanistan und Pakistan. Daran hat die westliche Invasion Afghanistans ebenso wenig geändert wie zahllose Militäroffensiven oder US-Drohnen-Angriffe.
Osama Bin Laden ist tot, so wie viele seiner engen Mitstreiter. Doch die Rekrutierung des Nachwuchses funktioniert wie eh und je. Das Terrornetzwerk hat sich ständig gewandelt, neue Terroristen sind nachgewachsen, sie kommandieren einzelne Lager, kleinere Organisationen, verschwinden wieder.
Al-Qaida gleicht heute einer Armee, deren Bataillone nach dem Fall Afghanistans auseinandergerissen wurden und deren überlebende Truppenteile nun in weitgehender Autonomie operieren. Doch immer noch gibt es viele Soldaten, die kämpfen wollen, auch aus Deutschland. "Monatlich kommen so viele Leute, dass es Probleme gibt, sie alle unterzubringen", sagt der Hamburger Qaida-Verdächtige Rami Makanesi, der selbst am Hindukusch ausgebildet wurde.
Die vielen Splittergruppen machen es islamistischen Fanatikern mit ihrer neuen Struktur paradoxerweise einfacher, bei einer der Organisationen anzudocken. "Die Bedrohungslage in Deutschland durch al-Qaida hat in den letzten Jahren eher zugenommen", sagt deshalb Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU).
Noch nie haben sich so viele Freiwillige aus Deutschland in Terrorcamps ausbilden lassen wie in den vergangenen zwei Jahren. Allein 2009 wollten nach Zählung des Bundesamts für Verfassungsschutz 138 Personen aus Deutschland ein Ausbildungslager besuchen. Seitdem tauchen im Schnitt Monat für Monat fünf Freiwillige ab, um in Pakistan in den Kampf zu ziehen. Mindestens 220 Menschen aus Deutschland haben im vergangenen Jahrzehnt eine Terrorausbildung durchlaufen, etwa die Hälfte davon ist zurückgekehrt.
Die deutschen Behörden wissen inzwischen, wie es in Orten wie Mir Ali und Miram Shah zugeht, zwei Zentren der Dschihad-Bewegung in den pakistanischen Stammesgebieten. Sie wissen, dass der Emir eines Ausbildungslagers seinen Rekruten pro Tag nur ein paar Rupien zahlt, so dass es nicht einmal für ein Stück Fleisch reicht.
Sie haben gehört, dass sich Aktivisten der "Deutschen Taliban Mudschahidin" und die deutschen Mitglieder von al-Qaida mittags beim Einkaufen auf dem Markt von Mir Ali treffen und plaudern. Die Männer der "Islamischen Bewegung Usbekistans" dagegen sind unbeliebt, weil sie angeblich auftreten wie Besatzer.
Und sie kennen den Spott der Kämpfer über das Großmaul der Szene, den Bonner Mounir Chouka, der so viele Propagandavideos produziert hat, dass die Ermittler kaum mit dem Zählen nachkommen. Intern gilt der Mann als Feigling, weil er regelmäßig verschwindet, bevor die ersten Schüsse fallen.
Ihr Wissen verdanken die deutschen Ermittler vor allem den Aussagen dreier deutscher Mitglieder von al-Qaida aus dem vergangenen Herbst, darunter die beiden Hamburger Freunde Ahmad Sidiqi und Rami Makanesi, der im März 2009 abtauchte.
Makanesi verschwand unauffällig, er nahm den Zug nach Wien und flog von dort nach Teheran. Hätte er sich zwei Wochen nach seinem Verschwinden nicht telefonisch aus Pakistan bei seiner Ehefrau in Hamburg gemeldet, wäre den Ermittlern anfangs gar nicht klar gewesen, wo er war. Erst gut ein Jahr später, im Juni 2010, nachdem er bei der deutschen Botschaft in Islamabad angerufen hatte und zurück nach Deutschland wollte, wurde er in Pakistan festgenommen, verkleidet unter einer Burka.
Er sitzt heute im Gefängnis Weiterstadt und wartet auf seinen Prozess vor dem Oberlandesgericht Frankfurt. Für die Bundesanwaltschaft ist Makanesi, 25, zu einem wertvollen Zeugen geworden. Sein Fall ist geradezu exemplarisch für die vielen jungen Männer aus Deutschland, die sich al-Qaida anschließen.
Makanesi wird im Frankfurter Stadtteil Bockenheim geboren. Sein Vater stammt aus Syrien und handelt mit Autos, mal in Deutschland, mal in Rumänien. Rami ist in der sechsten Klasse, als sich die Eltern trennen. Mit zwölf fängt er an zu kiffen und konsumiert wenig später Haschisch, wie andere Zigaretten rauchen, fünf bis zehn Joints am Tag. "Ich bin stoned eingeschlafen, ich bin aufgewacht, habe wieder geraucht, und das war immer so", erzählt Makanesi den Ermittlern, "ich war dauer-high." Mit 14 ist er auf Koks.
Er bekommt zwei Wochen Jugendarrest. Kurz darauf: noch einmal zwei Wochen. Ein Seminar gegen Gewalt. Der Rausschmiss von der Georg-Büchner-Schule in Frankfurt wegen destruktiven Verhaltens. Irgendwie schafft er es doch, an der Volkshochschule den Hauptschulabschluss nachzuholen.
Zum Fastenmonat Ramadan 2007 kommt der Wendepunkt. Makanesi begegnet den Wanderpredigern der stramm konservativen Bekehrungsvereinigung Tabligh-i-Jamaat. Die Tablighis veranstalten ein zehntägiges Seminar in einer Frankfurter Moschee. Makanesi schläft dort, er kifft ausnahmsweise nicht, sondern hört den islamischen Vorträgen zu. Begeistert. Er nimmt keine Drogen mehr. Seine neue Sucht ist die Religion. Jetzt geht es ganz schnell.
Er lernt eine deutsche Konvertitin über das Internet kennen, sie heiraten bald nach islamischem Recht, ohne standesamtliche Urkunde. "Für uns ist das deutsche Recht nicht maßgeblich", prahlt er.
Ende September 2008 trifft sich in Bonn eine Gruppe von Islamisten spät am Abend auf den Rheinwiesen. Die Sicherheitsbehörden observieren das Treffen, aber die Islamisten haben sich abgeschottet. An der Zufahrtsstraße zu der Parkanlage stehen Posten, sie achten auf fremde Autos, auf Scheinwerfer, die Beschatter haben keine Chance.
An dem Treffen nimmt auch Makanesi teil. Bis heute ist unklar, was damals am Rhein genau besprochen wurde; die Ermittler vermuten, dass es um die geplanten Schleusungen nach Pakistan ging. Makanesi wohnt mittlerweile in Hamburg, betet in der al-Quds-Moschee, in der sich bereits Mohammed Atta und die Todespiloten des 11. September trafen.
Anfang 2009 wollen ihn die Beamten des BKA als Zeugen befragen. Sie treffen auf einen selbstbewussten, fast gönnerhaften Mann. "Ich erkläre Ihnen das mal", sagt Makanesi der Kommissarin, "die al-Qaida und die al-Qaida im Zweistromland helfen der Bevölkerung. Das ist dasselbe wie ein Nachbar, der Ihnen zu Hilfe kommt, wenn Sie angegriffen werden."
Vier Wochen später ist er weg.
Er kommt nach Mir Ali, nach Waziristan, in das wilde Grenzgebiet Pakistans. Eine usbekische Gruppe nimmt Makanesi bei seiner Ankunft das Geld und die Sachen ab, sie verhören ihn, die Angst vor Verrätern ist groß. Makanesi mietet sich ein Zimmer für 500 Rupien im Monat, etwa 5 Euro, gleich neben der größten Moschee des Ortes. Auf dem Basar kauft er Pepsi-Cola und Nutella, ein wenig Heimweh hat er doch. Die Kartoffeln mit Öl, die die Paschtunen servieren, ekeln ihn.
Als der Krieg im Herbst 2009 nach Waziristan kommt, schleppt Makanesi Flugabwehrraketen einen Hügel hinauf, für den Kampf gegen die pakistanische Armee, die auf dem Vormarsch in die Stammesgebiete ist. Vom Krieg versteht er nicht viel, er wiegt 125 Kilo, die Knie und die Schulter sind kaputt, es fällt ihm leichter, das große Wort zu führen als schwere Waffen.
Die Verteidigung scheitert jämmerlich. Makin, eine Stadt in der Nähe, ist gefallen, die Qaida-Kämpfer bauen die Maschinengewehre, die auf Drehlafetten montiert sind, wieder ab und fliehen.
Wer in jenen Tagen in Waziristan ist, wird fast automatisch zu einem Kämpfer, auch die meisten Deutschen. Das BKA führt eine geheime Liste mit Personen aus der Bundesrepublik, die sich in Waziristan aufhalten sollen; ihre Zahl pendelt zwischen 30 und 40, allein aus Berlin sind es über ein Dutzend. Einer von ihnen ist Fatih T., 27.
In den Propagandavideos, in denen T. Jugendliche in Deutschland anspricht, zeigt er stolz auf die Wrackteile eines abgeschossenen Helikopters. Er trägt einen dichten schwarzen Vollbart und ruft die Jugendlichen in Stadtteilen wie Berlin-Kreuzberg oder in Hamburg-Wilhelmsburg dazu auf, so wie er in den Kampf gegen die Ungläubigen zu ziehen. Es gehe darum, "auch in euren Ländern den Dschihad zu machen", sagt er.
Im Berliner Stadtteil Lankwitz gilt Fatih T. als unauffällig und freundlich. Er besaß ein iPhone, er fuhr Motorroller und studierte offiziell an einer technischen Hochschule, inklusive Bafög, zuletzt etwa 600 Euro im Monat, doch als Angehörige seine Wohnung aufräumten, fanden sie unter anderem das Buch "39 Möglichkeiten, den Dschihad zu unterstützen".
In Pakistan ist er jetzt "Abd al-Fattah al-Muhadschir", der Führer der "Deutschen Taliban Mudschahidin". Das soll furchteinflößend klingen, auch wenn die Gruppe in Wahrheit aus kaum mehr als einer Handvoll Mitgliedern besteht.
Vor der Bundestagswahl 2009 hatten die deutschen Taliban in einem Video vor Anschlägen in Deutschland gewarnt und dabei Fotos des Brandenburger Tors, des Hamburger Hauptbahnhofs und des Münchner Oktoberfests eingeblendet. Der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) nahm die Warnung ernst. T. und seine Freunde durften sich sehr wichtig fühlen.
Von Waziristan aus dirigiert Fatih T. ein Netzwerk an Unterstützern, vor allem in Berlin. Mal fordert er dazu auf, ihm alle drei Monate bis zu 2000 Dollar zu schicken, mal mahnt er, bestimmte Islamkurse in türkischer Sprache anzuhören. Telefonieren könne er nicht, er halte sich in einem Land auf, das von den Ungläubigen als gefährlich angesehen werde.
Seine Angehörigen erhalten eine Mail. Fatih T. habe einen Nierentumor und liege in einem Krankenhaus im Jemen, er brauche dringend Geld für eine Transplantation, die rund 50 000 Euro koste. Die Mail kommt in Wahrheit nicht aus dem Jemen, sondern aus Pakistan. Die Kämpfer brauchen das Geld offenbar für den heiligen Krieg.
In einem Chat versucht Fatih T. einen alten Bekannten aus Kreuzberg zu einem Selbstmordattentat in Deutschland zu überreden. So jedenfalls interpretieren deutsche Ermittler die Zeilen, die T. in seinen Rechner hackt. Zwei Unterstützer hat das Berliner Kammergericht mittlerweile verurteilt, zu zweieinhalb Jahren und 22 Monaten Haft. Gegen einen seiner engsten Kontaktmänner läuft das Verfahren noch.
In den Mails aus Waziristan, die in Berlin eintreffen, heißt es, Fatih T. sei "bei Adrenalin". Gemeint sind damit offenbar die Kämpfe, blutige Gefechte, bei denen die Verluste hoch sind. Von T.s Freunden, die ihn begleiteten, sind schon mehrere gestorben, erschossen von der pakistanischen Armee.
Die Namen der Gefallenen sprechen sich in Mir Ali schnell rum, auch zu Makanesi, in dessen Umfeld es ähnlich düster aussieht. 13 seiner Kampfgefährten habe er schon verloren, sagt Makanesi in einem Telefonat mit seiner in Deutschland gebliebenen Ehefrau. Makanesi hat Todessehnsucht und gleichzeitig Angst davor zu sterben, er fragt sich, wann Allah ihn zu sich ins Paradies holt. Oder ob er nach Deutschland zurückkehren soll, zu Frau und Tochter.
In einem Brief an den Ortsvorsteher von Mir Ali, der zur Qaida gehört, bittet er um ein Gespräch. Kurz darauf fährt in einem Toyota-Geländewagen ein Mann vor, der sich Mohammed Younis al-Mauretani nennt. Der Scheich ist schlank und hat dunkle Augen, ein spitzes Kinn, braunes Kraushaar. Er kann den Koran auswendig aufsagen. Eines Nachts beobachtet Makanesi Scheich Younis dabei, wie er stundenlang ein Wirtschaftssimulationsspiel auf dem Computer spielt.
Er könne für al-Qaida in Deutschland Geld sammeln, sagt Makanesi. "Perfekt, genau das, was ich haben möchte", soll Scheich Younis geantwortet haben.
Sie trainieren am Computer, Scheich Younis, Makanesi, sein Freund Ahmad Sidiqi und ein Hamburger Islamist aus dem Umfeld der Todespiloten. Der Scheich unterrichtet sie in zwei Computerprogrammen: "Asrar" und "Camouflage". Das eine ist ein Verschlüsselungsprogramm für Nachrichten, das andere dient dazu, verschlüsselte Nachrichten in Bilddateien zu verstecken. Auf diese Weise will al-Qaida mit der künftigen deutschen Zelle um Makanesi kommunizieren.
Scheich Younis erzählt den Deutschen, er habe Bin Laden um Erlaubnis gefragt, die Zelle zu gründen. Der Terrorchef habe seine Zustimmung gegeben und einen Teil der Finanzierung zugesagt. Der Kontakt kommt offenbar über einen Qaida-Mann zustande, der für Deutschland eine wichtige Rolle spielen wird, aber das weiß Makanesi zu diesem Zeitpunkt nicht: Attija Abd al-Rahman, ein Libyer mit einem schmalen Oberlippenbart und einem Turban, der laut Makanesi der Chef von al-Qaida in Afghanistan ist.
In jenem Sommer und Herbst, in denen Makanesi und sein Freund Ahmad Sidiqi zu reden beginnen, sagt auch ein dritter Deutscher aus, der im November 2010 beim BKA anruft (SPIEGEL 47/2010). Er berichtet wie Sidiqi von weiteren Zellen auf deutschem Boden, er beschreibt Personen. Die Teile fügen sich zusammen, als die amerikanischen Geheimdienste Anfang 2011 den Deutschen mitteilen, ein Spitzenfunktionär von al-Qaida habe aus Pakistan online Kontakt mit einem Mann aus Düsseldorf aufgenommen.
Die deutschen Ermittler sind alarmiert, als sie hören, wer der mysteriöse Unbekannte vom Hindukusch sein soll: Es ist nicht Mohammed Younis, sondern Attija Abd al-Rahman, der nach Erkenntnissen der US-Behörden bereits als Jugendlicher in den achtziger Jahren zu Bin Laden stieß. Deutsche und amerikanische Ermittler halten ihn für einen der fünf wichtigsten Funktionäre von al-Qaida, auf seinen Kopf ist in den USA eine Million Dollar ausgesetzt. Abd al-Rahman sei die einzige Person, die mit Bin Laden in Verbindung gestanden habe, sagt Makanesi. Er beschreibt den Top-Terroristen als "sehr intelligent", einen "sehr genauen und ernsten Menschen", der kaum lache. Der Deutsche traf Abd al-Rahman im Sommer 2009, der Qaida-Chef sei herumgefahren und habe aus seinem Leben erzählt. Anschließend habe er Namen von Kämpfern notiert.
Das BKA ermittelt mit Hochdruck gegen die Düsseldorfer Zelle. Die Computer melden 740 Treffer, zehn Personen bleiben im Verdachtsraster hängen. Am Ende passt alles auf Abdeladim el-K. Die Überwachung mehrerer Callshops ergibt, dass der Marokkaner mehrmals versucht, Abd al-Rahman zu kontaktieren. Doch die weiteren Kommunikationsversuche scheitern. Die Düsseldorfer Zelle ist nun ein Satellit, der den Kontakt zur Bodenstation verloren hat.
Vieles spricht dafür, dass al-Qaida in Pakistan und Afghanistan gezielt nach Freiwilligen wie Abdeladim el-K. aus Deutschland sucht und sie zurück in ihre alte Heimat schickt, um dort Anschläge auszuführen. Irgendeine Zelle, das ist die Hoffnung der Islamisten, wird am Ende schon erfolgreich sein. Makanesi, der seine Zeit bei al-Qaida mittlerweile angeblich bereut, sagt heute, er habe manchmal das Gefühl gehabt, "dass wir benutzt wurden, um zu testen, wie weit man in Europa gehen kann".
Nach dem 11. September galten einige Gewissheiten. Dass die in Deutschland aufgewachsenen türkischstämmigen Jugendlichen der dritten Generation ein moderateres Islamverständnis haben und deshalb wenig anfällig für sunnitischen Extremismus sind. Dass es vor allem Araber sind, die mit Bin Laden sympathisieren. Dass man Terroristen daran erkennen kann, dass sie mit anderen Terroristen, etwa in Afghanistan, Kontakt halten.
Heute gibt es keine Gewissheiten mehr. Junge Deutsch-Türken wie Fatih T. ziehen voller Hass in den Dschihad und landen bei irgendeiner Splittergruppe. Andere radikalisieren sich völlig unbemerkt und werden zu Einzeltätern wie der Frankfurter Flughafenattentäter Arid U., der im März zwei amerikanische Soldaten hinrichtete. Und es gibt Leute wie Makanesi und Abdeladim el-K., die offenbar direkten Kontakt zu Qaida-Funktionären hielten.
Anfang des Jahres verschwand K. für einige Wochen in seiner Heimat Marokko, wo ihn der dortige Geheimdienst auf Schritt und Tritt überwachte. Nach seiner Rückkehr nach Düsseldorf wurde er immer vorsichtiger, fast paranoid. Die Wohnung in der Witzelstraße verließ er nur noch mit einer Perücke auf dem Kopf, als könnte er seinen Beschattern so entgehen. Geholfen hat es ihm ebenso wenig wie Bin Laden sein Versteck im pakistanischen Abbottabad.
Marcel Rosenbach, Holger Stark