LITERATUR
Im Reich der Alligatoren
Auch so kann ein amerikanischer Familienroman aussehen: bevölkert vom Geist einer toten Mutter, von Schwestern mit übersinnlichen Kräften und von fast hundert Alligatoren. Statt Psychologie viel schwebend-leichte Phantasie. Die Familie der Bigtrees lebt in den Sümpfen Floridas, sie betreibt dort den Freizeitpark "Swamplandia". Dessen Attraktionen sind eine Alligatoren-Show, ein Reptilien-Lehrpfad und ein Braunbären-Auftritt zu der Melodie von "Somewhere over the Rainbow". Alles wird beleuchtet von bunten Glühbirnenketten. Als nicht weit entfernt die "Welt der Finsternis" eröffnet, ein gigantischer Vergnügungspark im Stil von Disneyland, geht es mit Swamplandia und der Familie Bigtree bergab.
Der Roman von Karen Russell, der deren Schicksal beschreibt, erhebt sich wiederum in magische Höhen. Während der Bruder sein Glück auf dem Festland sucht und der Vater sich klammheimlich davonmacht, als die Schulden überhandnehmen, finden die beiden Schwestern Osceola und Ava auf einem verrottenden Bibliotheksschiff ein Buch mit dem Titel "Der spiritistische Telegraph". Das hat Folgen: Zuerst versuchen die beiden, Kontakt zu ihrer an Krebs gestorbenen Mutter aufzunehmen, dann beginnt die 16-jährige Osceola, sich mit Geistern zu verabreden. Auf der Suche nach ihr begibt sich die junge Ich-Erzählerin Ava auf eine Odyssee in den sumpfigen Dschungel.
Die Autorin Karen Russell, 29, schreibt in der Tradition des magischen Realismus eines Gabriel García Márquez. Vor allem aber folgt sie ihrer eigenen unbekümmerten, poetischen Stimme: "Kaleidoskopartig schwirrten die Falter durcheinander, was mich an sichtbare Musik erinnerte - etwas, das für einen Alligator oder Waschbären problemlos vernehmbar war, jedoch nicht für uns menschliche Bigtrees. 'Hörst du was?', fragte ich mei-ne Schwester. Sie zog sich gerade die Unterhose zurecht, die ihr zwischen die Pobacken gerutscht war."