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PROTEST

Der Sprung

Ein unscheinbarer Bürger, Elektriker, Vater zweier Kinder, stürzt sich während einer Parlamentssitzung in Bukarest von einem Balkon. Eine politische Aktion, die den ehrgeizigen EU-Staat Rumänien erschüttert - mit welchen Folgen? Von Barbara Supp Von Supp, Barbara

Um drei Uhr morgens stand er auf, seiner Frau sagte er nicht, warum. Er suchte sich ein weißes T-Shirt und schrieb mit dunklem Stift auf den Stoff: "Ihr habt uns niedergemäht. Ihr habt die Zukunft unserer Kinder zerstört. Ihr könnt uns Geld und Leben nehmen, aber nicht die Freiheit."

Er zog ein Hemd über das T-Shirt und ging zur Arbeit, an diesem Tag führte ihn sein Job als Beleuchter beim staatlichen Fernsehen wie so oft ins Bukarester Parlament. Er wartete auf einem der Balkone, sieben Meter über dem Sitzungssaal, und dann, als der Premierminister zum Pult getreten war, stand Adrian Sobaru, ein schmaler Mann, 42 Jahre alt, auf der Brüstung dieses Balkons, riss das Hemd auf, sah hinunter zur Regierung und sprang.

"Wie ein Flugzeug", sagt der Oppositionspolitiker Eugen Nicolaescu. "Er breitete die Arme aus, als wollte er fliegen. Er landete hinten auf der Bank."

"Ich sehe es vor mir", sagt Gheorghe Ialomitianu, der Finanzminister. "Es ist schwer, das zu vergessen."

Es geschah am 23. Dezember, in der letzten Sitzung am Ende eines unschönen politischen Jahres, und was sie zu bedeuten hat, diese Tat, darüber streiten Politik und Wirtschaft im jungen, finanzschwachen EU-Staat Rumänien. Jeder hat seine Haltung dazu, Regierungs- und Oppositionspolitiker, Gewerkschafter, Unternehmer. Wie ist sie zu sehen, als befremdliche Verirrung? Oder als Revolte, als symbolischer Akt des Protests, der im kollektiven Gedächtnis bleiben wird und politische Konsequenzen erzwingt?

Gheorghe Ialomitianu, Finanzminister Rumäniens, empfängt im halbkreisförmigen Ministerpalast, wird betreut von einem Stab, der schon viele Finanzminister gesehen hat. Seit Ende 2008 ist er im Amt, ein Herr in dunklem, dezent gestreiftem Anzug, wie die Hochfinanz ihn gern trägt. Er spricht an diesem Tag für eine Regierung, die vieles schon praktiziert hat, was in Griechenland, Portugal noch bevorsteht. Spricht für die liberaldemokratische Regierung des Emil Boc, die im selben Jahr 2010 den Lohn im Öffentlichen Dienst um ein Viertel kürzte, Pensionen und Sozialbeihilfen zusammenstrich und die Mehrwertsteuer von 19 auf 24 Prozent anhob. "Wichtige Entscheidungen" seien es gewesen, so sieht es der Minister, "um die ökonomische und wirtschaftliche Stabilität zu sichern. Manche betreffen bestimmte soziale Bereiche. Das ist hart, aber notwendig. Alternativlos. Wir mussten es tun".

Ein Austeritätsprogramm, ein Sparkurs, der härteste in Europa.

Verwirklicht wurde er in einem Land, das nicht so im Fokus steht wie andere, weil es zwar zu Europa gehört, aber noch nicht ganz, nicht zur Schengen-Zone, nicht zur Euro-Zone, wohin es aber strebt. Ein Land mit Niedriglöhnen, das jahrelang als internationale Produktionsstätte seinen Aufschwung erlebt hat und einen steilen Absturz, als die Finanzkrise kam. Berüchtigt für Schattenwirtschaft, Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit, auf der Liste der korrupten Staaten von Transparency International belegt Rumänien zusammen mit Griechenland und Bulgarien die Spitzenplätze in Europa. Das Land ist hochverschuldet, bei der EU, der Weltbank und vor allem beim IWF, dem Internationalen Währungsfonds.

Der IWF pflegt Druck zu machen, wenn er seine Kredite vergibt, auf Sparsamkeit, Privatisierung, auf Haushaltssanierung. Ialomitianu sitzt in seinem Finanzministerium und legt Wert darauf, dass er für eine Regierung spricht, die selbst die Entscheidungen treffe, nicht der IWF, nicht die EU-Kommission. Die Regierung habe von sich aus die drastischen Sparmaßnahmen beschlossen, die Adrian Sobaru auf den Balkon des Parlaments und im Herbst zuvor die Demonstranten auf die Straße trieben. Auch der Finanzminister musste schon vor aufgebrachten Finanzbeamten, die ihm die Kürzungen übelnahmen, in sein sicheres Ministerbüro flüchten. Er lasse sich nicht schrecken. Es gehe wirtschaftlich voran in Rumänien. Künftige Regierungen würden für die Entscheidungen dankbar sein.

Gheorghe Ialomitianu ist Finanzwissenschaftler mit Studium in Transsilvanien und Weiterbildung in diversen Staaten Europas und wünscht sich, dass Rumänien am liebsten schon morgen die Kriterien erfüllt, um nicht nur zur EU, sondern auch zur Euro-Zone zu gehören; das Jahr 2015 wird meist als Ziel benannt. Der Minister hofft auf mehr ausländische Investoren. Seine Sätze signalisieren Entgegenkommen für die Märkte. Er sagt: "Natürlich ist es hart für die Menschen. Niemand mag es, wenn man ihm das Einkommen kürzt." Sobarus Sprung hat er durchaus als Kritik verstanden.

Der Minister war dort, er hat gesehen, wie die Wirklichkeit von draußen in den geschützten Raum des Parlaments einbrach. "Ein schrecklicher Moment. Keine Regierung, die Entscheidungen trifft, wünscht sich, dass so etwas passiert." Der Minister räuspert sich, er sucht einen Satz zwischen Anteilnahme und Empörung, er sagt dann: "Ich denke nicht, dass dies eine angemessene Art ist, wie man seine Unzufriedenheit zeigt."

Ein paar Tage vor dem Sprung schrieb Adrian Sobaru einen Brief, den er an niemanden schickte, er schrieb mit rotem Stift auf liniertem Papier. "Ihr habt das Land und seine Menschen verkauft", schrieb er, "wollt ihr denn, dass wir alle den Müll durchwühlen? Rumänien fällt auseinander. Man hat uns betrogen und belogen, jeden Tag." Seine Familie liebe er mehr als sein Leben, schrieb er und erzählte von Calin, seinem Sohn, der Autist sei und eine spezielle Behandlung brauche, aber jetzt reiche das Geld dafür nicht mehr. "Ich bin müde", schrieb er. "Wir haben keine Träume mehr."

"Hier oben stand er", sagt der Oppositionspolitiker Eugen Nicolaescu und blickt vom Balkon hinab auf den Sitzungssaal, "auf der Bank dort ist er gelandet. Die Ärzte kamen schnell."

Das Parlament tagt im ehemaligen "Haus des Volkes" des ehemaligen Diktators Nicolae Ceauşescu, und dieser Prunkbau wurde nicht in kleinen Dimensionen erdacht. Sieben Meter sind viel, das ist zu spüren, wenn man in den Saal hinabschaut. Die Abgeordneten liefen durcheinander, manche sahen das Blut, manche weinten. Der Premierminister lief vom Podium zu Sobaru. Sanitäter trugen den Schwerverletzten durch die Palastflure davon. Der Senatssprecher brach die Sitzung ab. Eigentlich stand für diesen Tag ein Misstrauensvotum gegen die Regierung auf dem Programm.

Nicolaescu, ein drahtiger Mittvierziger mit grauem Haar und suggestivem Blick, ist Vizechef der nationalliberalen Partei PNL, die von den regierenden Liberalen im Grunde nicht weit entfernt, aber mit ihnen zerstritten ist; bis Oktober 2009 regierten die beiden Parteien gemeinsam das Land. Nicolaescu sagt: "Dieser Mann, der gesprungen ist, wollte deutlich machen, wie schlecht Rumänien regiert wird. Er wollte klarmachen, dass sich etwas ändern muss."

Das harte Sparen und Kürzen finden die Nationalliberalen prinzipiell in Ordnung. Die Mehrwertsteuererhöhung stört sie allerdings. Sie sind fürs Steuernsenken, die niedrige "flat tax" von 16 Prozent für alle Einkommen und Unternehmen hätte Nicolaescu, im Wettbewerb der Niedrigsteuerländer, gern noch weiter gesenkt.

Nicolaescu war drei Jahre lang Gesundheitsminister, hat aber Wirtschaftswissenschaft studiert. Es wäre ihm lieber, wenn das Austeritätsprogramm nicht dazu dienen würde, Bedingungen des IWF zu erfüllen. Nicolaescu würde sich wünschen, dass Rumänien aus eigener Kraft, mit eigenem harten Kurs seine Finanzen in Ordnung bringt.

Seit anderthalb Jahren ist seine Partei nicht mehr an der Macht und wünscht sich so sehr, dorthin zurückzukehren, dass sie in der Opposition ein Bündnis mit den Sozialdemokraten geschlossen hat, die ihr doch sehr viel ferner liegen als die Regierungsparteien. Misstrauensvoten, das war bis dahin schon der gemeinsame Oppositionskurs gewesen. Auch am 23. Dezember 2010 stand wieder so ein Versuch an, mit wenig Aussicht auf Erfolg.

"Wir haben nicht abgestimmt an jenem Tag. Wir von der Opposition haben nach dem Vorfall den Saal verlassen. Wir fanden, dass der Akt dieses Mannes mehr war als ein Misstrauensvotum, mehr als eine bloße Abstimmung. Die Menschen in Rumänien haben alle davon gehört."

Man habe natürlich über Sobaru und seine Tat geredet in der Partei, sagt Nicolaescu, er senkt jetzt die Stimme, dunkel, bedeutungsschwer. "Er sprang, als der Premierminister sprach. Wir müssen das ernst nehmen. Wenn wir etwas beschließen, müssen wir uns immer fragen: Was würde dieser Mann jetzt dazu sagen?"

Ein narbiger Wohnblock im Nordwesten von Bukarest, karge Bäume, zugeparkt mit Kleinwagen, an der Hauswand Klingelschilder ohne Namen. Oben, im zehnten Stock, empfangen Madalina Sobaru und Calin, der autistische Sohn, und Alexia, dessen kleine Schwester. Und Adrian Sobaru, der Überlebende, er hinkt ein wenig, er lächelt, ein stiller Mann.

Er reicht Chips und Nüsschen und Wasser und Wein und Limonade, im Couchzimmer der vollgewohnten Dreizimmerwohnung, wo er mit Frau und Kindern und Mutter und Onkel lebt. Er spricht höflich von großer Ehre und versucht, Calin zu übertönen, der die Handys der Besucher einsammeln und untersuchen möchte. Calin läuft nicht davon, er hat einen Satz, den er immer wieder spricht, auf Englisch, ein halbes Weinen: "I want to go to Germany." Ein 15-Jähriger, tapsig, der Dinge weiß, die viele nicht wissen, Fakten, Wörter und Zahlen, der den Computer liebt und schnell die Chips wegisst, wenn man ihn lässt.

Den Sturz seines Vaters hat Calin im Internet gesehen. Sobaru selbst hat den Videoclip nur zur Hälfte angeschaut, so lange, wie er fliegt.

"Ich wollte etwas sagen. Deswegen war ich dort." Es sei nicht so wichtig gewesen, sagt Sobaru, wer in jenem Moment im Saal unten am Pult stand. Sobaru meinte alle. Alle Politiker, alle Parteien.

Adrian Sobaru ist kein Mensch, der auffällt, jedenfalls war es so bisher. 1989 - das war ein Schub, ein kurzes Glühen, als die Diktatur Ceauşescus ihr Ende fand, als "Freiheit" das große Wort war und Adrian Sobaru, 21 Jahre alt, "ein Kind damals", sagt er, raus auf die Straße zog, raus in die Revolution, in die neue Zeit. Aber dann - es war nicht das, was er sich unter einer Revolution vorgestellt hatte. Schüsse, Sirenen, Krankenwagen, ein Durcheinander, kein Plan, keine Richtung, keine Logik, ein Chaos, fragmentarisch, nichts fand zusammen, wie ein missratenes Theaterstück, so schien es Sobaru. Ein paar gute Momente gab es, doch er ging nach Hause zurück, enttäuscht.

Sobaru war damals Elektriker in einer Firma, die Drehmaschinen herstellte, zur Wendezeit kam dorthin ein Fernsehteam; beim Fernsehen arbeiten, das war nun sein nächster Traum, und der immerhin wurde wahr. Er fand Madalina mit den lachenden Augen, und dann kam Calin, das Kind, das immer wieder lebensbedrohlich krank war und immer wieder gerettet wurde. Ein Kind, das nicht sprechen mochte und am liebsten auf den Zehenspitzen ging.

Adrian Sobaru war ein strenger Vater, der das Kind herunter auf die Fußsohlen zwang, es musste sein. Dieses Kind, das zum Zentrum der Familie wurde, Calin, der Unbeholfene, der seine kleine Schwester so sehr liebte, dass es anfangs für sie gefährlich war. Der lernte, zu sprechen und Nähe zu ertragen, aber er braucht seine Medikamente und seine Therapie. Das kostet. Die Familie hat 3000 Lei, etwa 740 Euro pro Monat, sagt Sobaru, für sechs Personen; allein für Calin müssten sie fast die Hälfte davon ausgeben, aber das geht nicht. Sobaru hat sich schon länger daran gewöhnt, die Kleider für die Familie nur im Secondhand-Laden zu kaufen, er schämt sich ein bisschen deswegen, aber es geht. Bis zum letzten Jahr fand er wie so viele Menschen, die er kennt, dass das Geld gerade so eben zum Leben reichte. Und dann wurde weiter gekürzt.

Es kam Maßnahme nach Maßnahme nach Maßnahme, "und bei jeder Maßnahme, die sie verkündeten, hatten sie ein Lächeln im Gesicht. Dieses Lächeln fing an, mich zu irritieren".

Es gab die Demonstrationen im letzten Jahr, gegen diesen Staat, der es gerecht findet, die Lasten nach unten durchzureichen zu denen, die ohnehin nicht viel haben, aber Adrian Sobaru hatte den Eindruck, dass viele der Demonstranten nicht ernst genug bei der Sache waren, nicht so ernst jedenfalls, wie er die Sache nahm.

"Es ist schwierig", sagt Marius Petcu, als Gewerkschaftsführer ist er von Berufs wegen mit Protesten befasst. "Es ist schwierig in Rumänien. Die Leute sollten demonstrieren gehen, weil sie finden, dass man demonstrieren muss. Und nicht, weil es ihnen ein Gewerkschaftsführer sagt."

Zu wenige seien auf der Straße gewesen im letzten Jahr. Mehr Unzufriedenheit hätten die Rumänen zeigen sollen, nicht gewalttätig wie in Griechenland, aber eindrucksvoll, es fehle in Rumänien, sagt er, "an Solidarität".

Petcu ist Chef des größten Gewerkschaftsbundes seines Landes, ein Herr in seriösem Anzug, der an einem grauen Bukarester Vorfrühlingstag in seinem Besprechungszimmer mit folkloristisch geschnitztem Wandschrank und stummem Fernseher sitzt, in dem Nutella-Werbung läuft. Die einsame Tat des Adrian Sobaru, für ihn ist sie Ausdruck einer politischen Entwicklung, die er ins Fürchterliche führen sieht. Rumänien sei dabei, ein Labor der Deregulierung zu werden, eine Avantgarde, eine "Inspirationsquelle" für Neoliberale in Europa: Wie viel Rechte kann ich den Unternehmen geben? Und den Arbeitern nehmen?

"Flexibilisierung" heißt das nächste Projekt der Regierung. In einem internen Report im Mai 2010 hatte der IWF die "Starrheit" des rumänischen Arbeitsmarkts beklagt, "verglichen mit anderen in der Region". In einer Absichtserklärung versprach die Regierung, neue Bedingungen zu schaffen für eine "Flexibilisierung der Arbeitszeiten", für "geringere Einstellungs- und Entlassungskosten durch flexiblere Verträge". Für "größere Flexibilisierung im Lohnbereich", auch dafür wolle sie sorgen, schrieb die Regierung, also für mehr befristete Verträ-ge und geringere Bezahlung. Und das tut sie nun.

Petcu sagt, nichts falle der Regierung ein außer Kürzen und Flexibilisieren, wo blieben die echten Investitionen? Beispielsweise in dringend nötige Infrastruktur? Wo kümmere sich die Regierung um die Nachfrage? Um den Konsum?

Er ist nicht allein mit dieser Ansicht. Aus der ILO, der Internationalen Arbeitsorganisation, sind ähnliche Töne zu hören, auch von Wirtschaftsexperten in den USA, in Deutschland, in Rumänien; der extreme Sparkurs, so heißt es, werde den Konsum behindern und der Krisenbewältigung nicht dienlich sein. Aber es ist schwierig, mit solchen Ansichten bei den Einflussreichen in Rumänien Gehör zu finden.

"Wir haben viele Gegner", sagt Petcu. "Sie beschuldigen uns, dass wir nicht glaubwürdig seien", und das stimmt. Petcu selbst vor allem hat jetzt das Problem. Es ist schwierig, einen Gewerkschaftsführer als glaubwürdigen Zeugen zu betrachten, der seit Ende April unter Anklage steht, weil er dabei erwischt wurde, wie er von einem Bauunternehmer 40 000 Euro kassierte. Bestechung, sagt die Staatsanwaltschaft. Rückzahlung eines Darlehens, lässt Petcu ausrichten. Seiner Glaubwürdigkeit dient die Angelegenheit jedenfalls nicht.

Es ist noch kühl in Bukarest, kein richtiger Frühling, das sind die Nachrichten des noch jungen Jahres:

Das Haushaltsdefizit Rumäniens des Jahres 2010 betrug 200 Millionen Lei, knapp doppelt so viel wie im Jahr 2008.

Der IWF hat ein neues, milliardenschweres Kreditpaket bewilligt. Für 2011 rechnet der IWF mit einem Wachstum von 1,5 Prozent, die Rezession sei knapp überwunden.

Die Krise aber nicht, sagt der Staatspräsident.

Zwei nationalliberale Bürgermeister stehen wegen des Vorwurfs der Bestechlichkeit vor Gericht. Ebenso ein leitender Beamter der Steuerbehörde. Liberaldemokratische Parteikritiker sprechen von 200 PDL-Bürgermeistern, gegen die ermittelt werde. Ein liberaldemokratischer Arbeitsminister musste zurücktreten, weil seine Familie massiv von EU-Fördermitteln profitiert hat. Ein ehemaliger Außenminister, jetzt Europaabgeordneter der Sozialisten und der Korruption verdächtigt, wird in Straßburg ausgeschlossen aus der sozialistischen Fraktion.

Unter den 20 ärmsten Regionen Europas sind 6 rumänische.

Die Schattenwirtschaft beträgt geschätzte 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Rumänien hatte im Januar, Februar, März und April dieses Jahres EU-weit die höchste Inflation.

In seinem Wohnblock im Nordwesten Bukarests sitzt ein schmaler Mann mit dunklen Augen, der leicht hinkt und den Gebrauch der kaputten Hand noch üben muss, der eine Titanplatte im Schädel trägt und den Geruchssinn verloren hat, der nicht mehr so gut schmecken kann wie vorher und in der Nähe nicht mehr so gut sieht und der sagt, "ich hatte Glück", er hätte tot sein können oder, "noch schlimmer", gelähmt.

Er arbeitet jetzt wieder beim Fernsehen, aber nicht mehr im Parlament, das darf er nun nicht mehr. Es ist ein seltsames Leben jetzt, im Internet kann jeder Sobarus Sturz sehen, von manchen wird er zum Helden verklärt, wird zu Demonstrationen eingeladen. "Freiheit!", habe er gerufen vor dem Sprung, weswegen ihm ein Internetmagazin eine Freiheitsurkunde verlieh, was meint er mit Freiheit? "Ich weiß nicht, was das ist."

Freiheit heißt auswandern, sagen viele, sagte Sobarus Bruder und ging nach Kanada mit seiner Frau, als er feststellte, dass zwei Gehälter zu Hause zum Leben nicht reichten. Adrian Sobaru sagt, er könne sich das Auswandern nicht vorstellen, bis jetzt.

Sein Staat hat kein Geld, aber auch Ideen hat er nicht, wie der Mangel gerecht zu verteilen sei. Ziele, Pläne, darum geht es, immer wieder wechselt die Regierung, aber Sobaru hat den Eindruck, es bessere sich nichts, manchmal denkt er, es sei gleichgültig, wer in seinem Land regiert. Er ist gesprungen, und die anderen deuten sich das so zurecht, wie es ihnen passt.

Die Kinder, er redet immer von den Kindern. Von Calin, dem man die Beihilfe für Behandlungen kürzt, das Lernen schwierig macht, die Hoffnung auf die Zukunft nimmt. Von Alexia, die später eine von denen sein wird, die die rumänischen Schulden beim IWF und anderswo tilgen müssen.

Alexia wird bald acht und lernt jetzt Schach und Geige. Calin soll IT-Unterricht bekommen und später ein eigenes Leben führen, so gut es geht. Calin hat sich am Computer ein bisschen Englisch beigebracht. "I want to go to Germany", damit kommt er jetzt immer. Irgendetwas hat ihn auf die Idee gebracht, dass in Deutschland alles besser sei.

Draußen, an einem Boulevard im Norden, Richtung Flughafen, sitzt einer in einem gläsernen Bürohaus, mit Sekretariaten und Referenten und Modellflugzeug der eigenen Luftfahrtgesellschaft auf dem Schreibtisch, der kam zurück aus diesem Germany und ist einer der reichsten Männer Rumäniens, wie reich, das wisse er selbst nicht. "Das wüsste ich erst, wenn ich alles verkaufen würde", sagt Ion Tiriac, Flugunternehmer, Reiseunternehmer, Versicherungsunternehmer, Autoleasingunternehmer und noch einiges mehr, er sitzt da graubärtig und schmaler als zu den Zeiten, als er noch Boris Beckers Tennismanager war.

Sein Deutsch ist gerostet und einem rustikalen Englisch gewichen, er ist international unterwegs als Geschäftsmann und in Rumänien zu Hause. In diesem Land, das zeitweise "der Superstar in Europa war", so sieht er das, mit seinen sieben, acht, neun Prozent Wachstum, bis die Krise kam. Die Krise, ja, auch ihn habe sie getroffen. "Vor drei Jahren war ich dreimal reicher als jetzt." Aber es gehe ihm gut. "Ich kann dreimal am Tag essen und das Benzin für mein Flugzeug bezahlen, das ist für mich wie der Wagen zum Büro."

Tiriac raucht jetzt schlanke, weiße Damenzigaretten und hat hinter sich an der Wand die Tennisfotos aus großen Tagen, kennt "praktisch jeden" in Politik und Wirtschaft, "weil ich alt bin und weil ich ein Sportler war". Die Politik betrachtet er eher distanziert, "Politiker sind alle gleich, streiten sich, bekämpfen sich", sagt er; die Macht scheint er nicht wirklich im Parlament zu sehen. "Was kann ein Politiker mir schon antun?"

Erwarten würde Tiriac, dass die Politik "den Motor wieder richtig zum Laufen bringt". Zu spät habe die Politik auf den Absturz des Superstars Rumänien reagiert, zu spät seien die drastischen Maßnahmen ergriffen worden, die Lohnkürzungen, beispielsweise. Die Lohnnebenkosten hätte er gern niedriger, die Gewerkschaften sind ihm zu mächtig, und der Kündigungsschutz, so wie er bisher war, hat in seinen Augen das Adjektiv "sozialistisch" verdient.

Ion Tiriac ist eine Stunde lang ein gesprächiger Herr von 72 Jahren, gern auch bereit, über Boris Becker zu plaudern, er treffe ihn gelegentlich, sein neues Baby habe Becker ihm gezeigt, woraufhin er, Tiriac, zu Becker gesagt habe: "Du hast eine schöne Frau, Boris. Lass das Baby lieber wie sie aussehen, nicht wie du."

Das Thema Adrian Sobaru dämpft seine Gesprächslaune. Er mag es nicht. "Lady", sagt Tiriac. "Ein Typ springt runter im Parlament. Ein anderer kommt unters Auto. Ein anderer bringt sich um, weil er verrückt ist oder warum auch immer. So was passiert überall."

Es war nichts Besonderes geschehen am Tag vor dem 23. Dezember, sagt Adrian Sobaru, es war vieles geschehen, die Nachrichten knäuelten sich im Kopf, Staatsschulden, noch mehr Staatsschulden und noch ein Korrupter in der Politik und noch ein bisschen Geld, das denen genommen wird, die es brauchen, und noch ein Lächeln dazu, nichts Besonderes, nur das Gefühl, dass es kein Licht gibt irgendwo, "dass wir Zahlen sind, sonst nichts, und dass wir weiterlaufen wie Roboter, und wir sagen es nicht, das Rückgrat haben wir nicht", so dachte er, und schrieb diesen Brief und sagte Madalina nichts davon und stand dann auf, morgens um drei.

Schrieb diese Sätze aufs T-Shirt, falls die Stimme nicht reichen würde. Wollte der Regierung und den anderen etwas sagen, sagte etwas, da oben auf dem Balkon, und weiß nicht mehr was, Zukunft und Kinder und Brot, irgend so etwas, das letzte Wort jedenfalls war Freiheit, und danach, sagt Adrian Sobaru, danach war Adrenalin und Zittern und Kontrollverlust, das Hemd musste er aufreißen, die Finger wollten nicht, er sah nach unten, sah niemand Konkretes an, hatte eigentlich nur geplant zu schreien und nicht zu springen, aber vielleicht fand er, da oben, dass die Wörter nicht reichten oder dass er die richtigen nicht hatte, er weiß es nicht mehr, den Moment, als er sich in die Luft warf, er weiß ihn nicht mehr, er landete, die lederbezogene Bank fing ihn ab, und er überlebte, er lag da unten im Blut und weiß es nicht mehr, und immer noch, erfuhr er später, habe er das Wort "Freiheit" gesagt, immer noch dasselbe Wort. ◆

DER SPIEGEL 21/2011
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