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AUSSENPOLITIK

Die Blümchenrepublik

Angela Merkel war zuletzt viel auf Reisen - Neu-Delhi, Singapur, Washington. Sie wurde gefeiert, vertrat aber auch ein Land, das derzeit als Freak der Weltpolitik gilt. Von Kurbjuweit, Dirk

Kann es sein, dass Angela Merkel "Millionen weltweit inspiriert hat", dass sie "eine außerordentliche Führungskraft ist"? Kann es sein, dass Angela Merkel "herausragende Anstrengungen" unternommen hat, um "Harmonie, Stabilität und Fortschritt in einer Zeit des internationalen Übergangs zu fördern"? Kann es sein, dass Angela Merkel eine "Wärme und Güte" ausstrahlt, die sich zu ihrer "stabilen und klaren Vision addiert, die weit über unmittelbare Vorurteile hinausgeht"? Kann es also sein, dass sich Deutschland in der Bundeskanzlerin weitgehend irrt?

Denn so schöne Worte hat Merkel daheim lange nicht mehr über sich gelesen oder gehört. Sie musste schon nach Washington und Delhi fliegen, musste die amerikanische Freiheitsmedaille und den indischen Nehru-Preis entgegennehmen, um solche Flötentöne genießen zu können. In Washington saß sie im Rosengarten des Weißen Hauses und hörte eine schwärmerische Laudatio des amerikanischen Präsidenten Barack Obama. In Delhi saß sie in einem prachtvollen Palast und hörte eine blumige Laudatio der indischen Präsidentin Pratibha Patil.

Sie schien in eine Traumwelt versetzt, Merkel die Gute, Große, Gütige. Es liegt eine Wahrheit darin, Merkel wird international durchaus geschätzt, die Preise sind keine Lügen, aber sie sind auch nicht die ganze Wahrheit.

Merkels Deutschland hat in der Welt in diesem Jahr einen eigentümlichen Weg beschritten, einen Sonderweg. Es ließ seine westlichen Verbündeten im Krieg um Libyen im Stich, es zog aus der Katastrophe von Fukushima als einziges Land die Konsequenz, dass man ruck, zuck aus der Atomkraft aussteigen muss. Und es hat sich in der Euro-Krise den Ruf erworben, vor allem das eigene Geld schützen zu wollen.

Im Prinzip geht es dabei um die konstituierenden Ängste der Bundesrepublik, um Krieg, Atom und Inflation. Diese Ängste bestimmen derzeit Merkels Außenpolitik.

Sie hat in den vergangenen zwei Wochen zwei Auslandsreisen gemacht, zwei Reisen auf dem Sonderweg sozusagen, ein kleiner Test für Deutschlands Rolle in der Welt außerhalb Europas. Insgesamt war sie 113 Stunden unterwegs, davon 44 Stunden im Flugzeug, drei Städte, Delhi, Singapur und Washington, und drei vollkommen verschiedene Systeme: das demokratische Schwellenland Indien, in dem 1,2 Milliarden Menschen leben, der autoritäre Stadtstaat Singapur, der ein beinahe permanentes Wirtschaftswunder organisiert, und die angeschlagene Supermacht USA, die nicht davon lassen will, die Welt militärisch zu ordnen.

Dreimal Merkel in drei verschiedenen Welten. Wie hat sie das gemacht? Welches Deutschland war da unterwegs? Und was ist sein Platz unter den Völkern?

Eine erste Antwort wurde schon im Flugzeug gegeben, auf dem Weg nach Delhi. Iran sah ein Problem mit der Fluggenehmigung und ließ die Maschine der Kanzlerin zwei Stunden lang über der Türkei kreisen. Während die Diplomaten in Berlin, Teheran und der "Konrad Adenauer" rangelten, schlief Merkel. Sie überschlief die Krise, und als sie aufgewacht war und sich dazu äußern sollte, winkte sie ab, keine Aufregung, nicht schlimm. Sie war schon wieder gut frisiert, hatte aber noch ein bisschen Schlaf in den Augen. Sie hatte zwei Stunden länger ruhen können als gedacht, Krisen können auch Vorteile haben.

Vor hundert Jahren hätte man wegen einer Affäre dieser Art Kanonenboote losdampfen lassen, aber Deutschland ist in Ehrenfragen nicht mehr reizbar, und Merkel ist es schon gar nicht. Merkel macht sich eher klein als groß.

In Indien wirkte sie fast ein bisschen zu klein für diese Welt. Vom 78-jährigen Premierminister Manmohan Singh, der bei der Pressekonferenz vor allem dadurch auffiel, dass er seine Sätze zeitlupenhaft hervorbrummte, sprach sie mit einer Hochachtung, als wäre er der Papa und sie das Töchterchen. Merkel hat ja ohnehin ein Talent dafür, manchmal goldig zu wirken. Bei älteren Männern, die sie weise findet, tritt es besonders deutlich hervor. Sie sah sich auch nicht in der Position, Singh irgendwelche Ratschläge zu geben, da er ein Volk von 1,2 Milliarden regiert, sie eines von 82 Millionen. Dazu gehört dann auch, dass sie ihm nicht das deutsche Modell des Atomverzichts nahelegte. Es war auf allen drei Stationen ihrer Reisen kein großes Thema. In Singapur warb ein Minister gegenüber Regierungssprecher Steffen Seibert leidenschaftlicher für die Prügelstrafe als die deutsche Delegation für den Atomausstieg.

Es wirkt fast, als komme man sich selbst etwas sonderbar vor. Deutschland ist in dieser Frage der Freak der Weltpolitik, macht sein Ding und schweigt. Die anderen wundern sich und klopfen vielleicht auch mal heimlich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn.

Dabei ist ein Atomausstieg ja keine schlechte Sache, aber das Missionieren liegt Merkel nicht. Deshalb hielt sie den Machthabern von Singapur auch keine großen Lektionen über die Vorzüge der Demokratie, sie erwähnte, dass eine Opposition beflügelnd sein kann, und hörte sonst zu. Das kann sie, Zuhören ist im Ausland eine der großen Stärken Merkels.

Auch in Singapur zeigte sie Hochachtung - für das phänomenale Wirtschaftswachstum, 13,9 Prozent im vergangenen Jahr. Deutschland hat deutlich weniger, wie sie anmerkte, kann auch "nicht mithalten in der Vielfalt von Blüten und bei den Temperaturen". Es war heiß und schwül in Singapur. Immerhin gibt es nun eine Orchidee, die "Angela Merkel" heißt, im Park von Singapur durfte die Bundeskanzlerin als Erste daran schnuppern. Sie nahm zwei Nasen, weil es schön war offenbar. Blümchenrepublik Deutschland - so wirkte das für einen Moment, ein sauberes, herziges, friedliches Land, das still vor sich hin blüht. Es gab mal Cool Britannia, nun gibt es Clean Germania. Ein Produkt aus Merkels Regierungsfabrik.

Um die Friedlichkeit ging es dann in Washington, wo die Bundeskanzlerin am Montag und Dienstag war. Anders gesagt: Dort ging es um die Bereitschaft, Soldaten in Kriege zu schicken. Es gibt derzeit drei wichtige Kriterien für Bedeutung in der Weltpolitik, für jedes stand eine von Merkels Stationen: In Delhi war es die schiere Zahl der Menschen, in Singapur die wirtschaftliche Dynamik, in Washington der Wille, Waffen sprechen zu lassen.

Was die Menschen angeht, ist Deutschland angesichts der Milliardenvölker China und Indien eher bei den mittelgroßen Zwergen. Die wirtschaftliche Dynamik ist für westliche Verhältnisse gut, bleibt aber hinter China, Indien, Singapur zurück. Beim Willen zur Waffe zeigt man sich insgesamt zögerlich und will in Libyen gar nicht mitmachen.

In Washington veranstaltete Obama für die Bundeskanzlerin ein großes Brimborium, und das war stark militärisch geprägt. Ehrenformationen, Kanonendonner, wieder Ehrenformationen, und manchmal fiel einer um, zum Glück aber nur wegen der Hitze. Das war alles so stramm, stolz und schnieke, wie das nur eine Nation mit ungebrochener Kriegstradition aushalten oder gar mögen kann.

Deutschland gehört nicht zu diesem Kreis. Deshalb war die spannende Frage in Washington, wie der Anführer des bellizistischen Landes USA mit der Anführerin des pazifistischen Landes Deutschland über Libyen reden würde. Nach allem, was nach außen drang, hat Merkel immer Afghanistan gesagt, wenn Obama Libyen gesagt hat. Will meinen: Wir tun doch was, wir sind nicht feige, aber mehr als Afghanistan geht eben nicht. Sie kam ganz gut durch damit. Deutschland wird dann eben für den Wiederaufbau Libyens zahlen müssen. Man kennt diese Rolle ja.

Aber Geld, um es mal schmerzlich klar zu sagen, zählt im internationalen Politikgeschäft nicht so viel wie Blut. Von Mittelmacht muss man nicht mehr reden. Randmacht trifft es mehr.

Aber es gibt ein Thema, das hat in Delhi, Singapur und Washington Neugier geweckt. Das ist die Wende hin zu den erneuerbaren Energien. Hier ist Deutschland auf dem Weg zum Weltlabor. Die anderen schauen zu, und wenn die Bundesrepublik bei der Öko-Wende ihre Wirtschaftskraft abwürgt, werden sie den Finger heftig gegen die Stirn klopfen: diese deutschen Schrate. Wenn es gelingt, wird Deutschland viele Plätze hochrücken in der globalen Hierarchie.

Im Moment ist man das Land, das die Straßen der Welt auch nach der Krise mit prächtigen Autos füllen kann und ansonsten durch seine nette Bundeskanzlerin gefällt. Auf der Reise wirkte sie bescheiden, manchmal sympathisch-ungeschickt. Als sie in Washington eine Ehrenformation abschreiten sollte, steppte sie ein wenig herum, bis sie den Gleichschritt fand und den Platz auf der richtigen Seite ihres militärischen Begleiters. Einmal vergaß sie beinahe, ihren Ehemann mitzunehmen zu den wartenden Obamas. Und herrlich kindlich sind immer wieder die Gesichter ihrer Freude und ihres Unmuts.

"Ein weltgewandtes Land" heißt ein grandioses Gedicht von John Ashbery über Amerika. Zu Merkels Deutschland fiele einem diese Zeile nicht ein. Nach der Wiedervereinigung wurde oft vom "größer gewordenen Deutschland" gesprochen. Ein Satz, der so richtig nicht stimmt, in Wahrheit ist die Bundesrepublik, was die Weltpolitik angeht, kleiner geworden und provinziell geblieben. Man hätte sich nicht gewundert, wäre die Maschine nach dem Rückflug nicht in Berlin gelandet, sondern in Bonn.

DER SPIEGEL 24/2011
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