SATIRE
Mit dem Ritterschwert auf dem Schaukelpferd
SPIEGEL: Sie haben Guido Westerwelles nahezu komplettes öffentliches Leben analysiert, seine Reden angehört, über Monate seine Bücher und Interviews gelesen. Wie fühlen Sie sich?
Meurer: Ich bin völlig fertig. Es war die härteste Gedankenerfahrung, die ich je gemacht habe.
SPIEGEL: Westerwelle ist nicht mehr Vizekanzler und nicht mehr FDP-Chef. Wieso sollte man jetzt noch ein Buch über ihn lesen?
Meurer: Bald wird Westerwelle ganz aus der Politik verschwinden. Jetzt ist eine gute Zeit, sich mit seiner großen Lebensleistung zu beschäftigen: dem humoristischen Vermächtnis, das er uns hinterlässt.
SPIEGEL: Bitte?
Meurer: Westerwelle ist ein Kreativer, der permanent absurde Gebilde erschafft. Man denke an die "spätrömische Dekadenz", die er ausgerechnet Hartz-IV-Empfängern vorwirft. Oder denken Sie an seine Formulierung von der "gefühligen 'Knutisierung' der deutschen Politik", als er die Kuschelmentalität innerhalb der Großen Koalition monierte. Da geht es nicht um formale Stringenz, sondern um maximale ästhetische Wucht.
SPIEGEL: Was hat Sie denn am meisten überrascht bei der Recherche?
Meurer: Die Dreistigkeit, mit der Westerwelle sich selbst widerspricht. Nach Möllemanns Selbstmord sagte er beispielsweise in einem Interview, dessen Tod mache ihn ernster. Wenige Tage später ließ er sich in Huckelriede zum Spargelkönig küren.
SPIEGEL: Ist Westerwelle eine Art Witzfigur, die sich in die Politik verirrt hat?
Meurer: Absolut. In der Satire funktioniert er einfach perfekt. Stellen Sie ihn sich als Wilhelm-Busch-Figur vor: "Doktor Guido Westerwelle fegt durch alle Hühnerställe: Mit dem großen Parapluie stürzt er sich aufs Federvieh." Oder als Held in einem Bilderbuch à la "Struwwelpeter": "Mit seinem blanken Ritterschwert saß Guido auf dem Schaukelpferd."
SPIEGEL: Haben Sie an Westerwelle auch etwas Liebenswertes entdeckt?
Meurer: Er ist wie ein großes Kind. Oft reagiert er sehr spontan, fast gedankenlos. Er echauffiert sich über die kleinsten Kinkerlitzchen - vor einem riesigen Publikum. Das ist nicht unsympathisch.
SPIEGEL: Angenommen, Sie wären Politikberater: Was würden Sie Guido Westerwelle empfehlen?
Meurer: Westerwelle sollte aus der Politik aussteigen und zu "Wetten, dass ...?" gehen, er wäre der ideale Nachfolger für Thomas Gottschalk. Westerwelle ist eigentlich ein verhinderter Künstler, kein Politiker.