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AUTOINDUSTRIE

Ungeduldiger Chef

Opel kommt nicht zur Ruhe. Jetzt gibt es Spekulationen, die US-Mutter General Motors wolle Opel doch wieder verkaufen - und ein Dementi, das einiges offenlässt. Von Hawranek, Dietmar

Dan Akerson ist ein Freund des deutlichen Wortes. Der Manager hatte sein Berufsleben in der Telekommunikationsindustrie und bei einer Private-Equity-Firma verbracht, bevor er 2010 Boss von General Motors (GM) wurde.

Bei dem US-Konzern läuft nach durchstandenem Insolvenzverfahren anscheinend alles wieder bestens. Ein Börsengang brachte Milliarden, das Unternehmen fährt Gewinne ein. Es gibt nur eine Region, die noch Verluste macht: Europa, mit der Tochter Opel. Das sorgt in der GM-Zentrale zunehmend für Verärgerung. Auf die Frage, wie viel Zeit er Opel noch gebe, sagte Akerson im März dieses Jahres: "Ich bin ungeduldig."

Das klang wie eine Drohung. Und sie ist wohl ernster gemeint, als manche in Rüsselsheim wahrhaben wollten. Top-Manager in der deutschen Autoindustrie diskutieren darüber, welche Folgen es hätte, wenn General Motors seine Tochter Opel nun doch wieder verkaufen wollte - und zwar an Interessenten aus China.

Es gibt Informationen, die auf einen Strategiewechsel in Detroit hindeuten. Auch VW-Chef Martin Winterkorn hat davon gehört. Es wäre ein Deal, der nicht nur Opel träfe, sondern die Gewichte in der Autoindustrie verschieben würde.

Die chinesischen Hersteller wollen seit langem auf den europäischen Markt vordringen. Doch die Versuche mit eigenen Modellen scheiterten im ersten Anlauf an den schlimmen Ergebnissen von Crash-Tests. Und auch die Übernahme des schwedischen Nischenanbieters Volvo durch den chinesischen Hersteller Geely muss VW, Ford, Fiat, Peugeot und Renault nicht beunruhigen.

Sollte China dagegen die europäischen GM-Aktivitäten mit Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall übernehmen, wäre die aufstrebende Autonation mit einem Schlag ein mächtiger Mitspieler auf diesem Markt.

Aber wie belastbar sind die Hinweise, die in der Branche zirkulieren? "Das ist ganz klar eine reine Spekulation", sagt Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke, "dazu nehmen wir grundsätzlich keine Stellung."

Ein hartes Dementi klingt anders.

Opel droht eine neue Debatte um die Zukunft der Marke, nachdem die Diskussionen über Arbeitsplatzabbau und Sparmaßnahmen gerade beendet waren.

Der neue Opel-Chef Stracke sollte für den Aufbruch stehen. Er ist Techniker und setzte sich gleich nach seinem Amtsantritt für zusätzliche Modelle ein. Opel sollte wieder mit seinen Autos für Schlagzeilen sorgen, mit dem Ampera beispielsweise, der im Herbst auf den Markt kommt. Der Ampera, sagt Stra-cke, sei "das erste voll alltagstaugliche Elektroauto eines europäischen Herstellers".

Doch wer soll sich für das Elektroauto aus Rüsselsheim interessieren, wenn die US-Mutter jetzt schon wieder die Zukunft von Opel in Frage stellt? Und wer soll die vielen Wendungen der US-Manager noch nachvollziehen?

Vor zweieinhalb Jahren, als GM in eine existenzbedrohende Krise gestürzt war, wollte die Mutter in Detroit ihre deutsche Tochter verkaufen. Das Projekt löste in Deutschland eine Debatte darüber aus, ob der Staat Opel helfen darf. Kanzlerin Angela Merkel war dazu bereit, wenn Opel an ein Konsortium des Zulieferers Magna und der russischen Sberbank veräußert würde. Doch kurz vor Vertragsabschluss zog der US-Konzern zurück. Opel stehe nicht mehr zum Verkauf, entschied der Verwaltungsrat.

Die Kanzlerin stand als Blamierte da. Immerhin klangen die Argumente des damaligen GM-Verwaltungsratschefs Ed Whitacre plausibel. Der US-Konzern benötige seine europäische Tochter, weil er spritsparende Motoren und Modelle, die in Rüsselsheim entwickelt werden, auch für seine US-Marken brauche.

Akerson soll diese Wende im Verwaltungsrat unterstützt haben. Doch warum könnte er jetzt anderer Meinung sein?

Der US-Konzern ist schneller genesen, als die meisten dachten. Durch das Insolvenzverfahren hat sich GM eines Großteils seiner Schulden entledigt. Marken wie Saturn, Pontiac und Hummer wurden eingestellt, Saab wurde verkauft. 23 000 Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz. Spätestens nach dem Börsengang ist das Selbstbewusstsein des neuen GM-Managements so hoch, wie das ihrer Vorgänger es jahrelang war.

Für US-Manager ist schwer nachvollziehbar, dass in Europa noch immer Verluste anfallen, 390 Millionen Dollar allein im ersten Quartal. Steve Rattner, der für US-Präsident Barack Obama die Rettung der US-Autokonzerne leitete, hatte in einem Interview angekündigt: "Lange wird GM-Chef Akerson sich das nicht ansehen."

Mittlerweile sind einige GM-Manager davon überzeugt, dass die US-Mutter nicht mehr auf Opel angewiesen sei. Sparsame Motoren und Modelle könnte GM auch aus Korea beziehen, von der Konzerntochter Daewoo, die jetzt in GM Korea umbenannt ist.

Wenn GM die Tochter Opel verkauft, könnte der VW-Konzern nicht tatenlos zusehen. Vor zwei Jahren bereits, als Opel offiziell zum Kauf angeboten wurde, hatten VW-Manager analysiert, ob diese Marke noch in den Konzernverbund passen würde. Vorstellbar sei dies durchaus, so ein VW-Manager damals. Besonders die starke Stellung der Schwestermarke Vauxhall in Großbritannien gefiel den Wolfsburgern. Doch konkret wurden die Überlegungen nicht, denn der Verkauf von Opel an Magna schien besiegelt.

Bei einem drohenden Verkauf von Opel an die chinesische Konkurrenz müssten die Wolfsburger prüfen, ob sie den Konkurrenten nicht lieber selbst übernähmen.

In Rüsselsheim sind die Arbeitnehmervertreter von Opel stinksauer über die aufkommenden Spekulationen. Klaus Franz, der Betriebsratsvorsitzende von Opel, hält sie "für ein Störfeuer, mit dem Konkurrenten davon ablenken wollen, dass wir auf dem Markt wieder erfolgreich werden".

Aber wie sicher kann Franz sich sein? Der Betriebsratschef verfügt über gute Drähte in die Konzernzentrale in Detroit. Aber auch Franz wurde schon mal von den plötzlichen Wendemanövern der US-Manager überrascht.

DER SPIEGEL 24/2011
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