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DER SPIEGEL

„Heros und Heulhuber“

Rudolf Augstein zum 100. Todestag der epochalen Preußen Bismarck und Fontane
Zwei berühmte Preußen, die beide im Sommer des Jahres 1898 starben, wären in Frankreich beinahe ganz ohne Ruhm ums Leben gekommen: Otto von Bismarck und Theodor Fontane.
Bismarck war von seinem König Wilhelm I. als Gesandter in Paris geparkt worden. Im Sommer 1862, von der Hitze und dem Mangel an Gesprächspartnern entnervt, floh er nach Biarritz. Im Hotel fand er den Gesandten des Zaren in Brüssel vor, den Fürsten Nikolai Orlow. Aber nicht nur ihn, sondern auch dessen 22 Jahre alte Frau Katharina, in die er sich sogleich verliebte. Unter den wohlwollenden Augen des arg versehrten Krim-Kriegers machte der bereits als "Familienhammel" - so Friedemann Bedürftig in der "Süddeutschen Zeitung" - abgestempelte 47jährige Bismarck die Erfahrung seiner letzten, einer tiefen und großen Liebe. Seiner Frau Johanna schrieb er darüber, sie zeigte nicht die Spur von Eifersucht. Ihr "Ottochen" lebte gesünder, und nur das zählte. Grund zur Eifersucht hatte sie wohl auch nicht, dafür waren Bismarck und die Fürstin zu klug.
Am Strand von Biarritz schwamm Katharina gefährlich weit hinaus und ihr Beschützer hinterdrein. Sie kehrte um, er aber wurde vom Sog ergriffen und an die scharfen Klippen getrieben. Seine Kräfte erlahmten. Da sah ihn ein Leuchtturmwärter und zog den 1,90 Meter großen Mann mit zwei Gehilfen an Land.
Die Retter sollten deswegen von ihren Landsleuten, nach dem gegen die Deutschen 1870/71 verlorenen Krieg, viel Spott ernten. Zu ebendieser Zeit, im Oktober 1870, befand sich der Apotheker I. Klasse Theodor Fontane in tödlicher Gefahr. Als Kriegsberichterstatter und bewaffnet überschritt er die feindlichen Linien, um Domrémy, den Geburtsort der Jeanne d'Arc, aufzusuchen. Franc-tireurs, Freischärler also, fingen ihn ein, machten mit ihm aber nicht den sonst üblichen kurzen Prozeß. Sie übergaben ihn der Präfektur. Bismarck, der leitende Staatsmann auf deutscher Seite, befreite ihn aus der Klemme, indem er den neutralen US-Gesandten um Intervention ersuchte. In seinem Brief zugunsten des "harmlosen Gelehrten Dr. Fontane" drohte er ein Mehrfaches an Vergeltung an, sollte Fontane etwas zustoßen. Fontane kam frei und gelangte unversehrt nach Hause.
Beide Männer, und das ist das Merkwürdige, sind einander nie begegnet oder vorgestellt worden. Spekulationen über ein mögliches Zusammentreffen, das auch der Fontane-Kenner Gordon A. Craig erwähnt, können durch einen Brief Fontanes an Emil Friedrich Pindter, Chefredakteur der "Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", vom 26. Februar 1891 hervorgerufen worden sein. Fontane bedankt sich für "2 interessante Abende": "Am Dienstag im Habsburger Hof, am Mittwoch in einem hohenzollernschen Haus und Stück. Am Dienstag Bismarck, am Mittwoch sein Vor- und sein Nachbild: Adam Schwarzenberg."
Studiert man die Briefe Fontanes genauer, zeigt sich, daß mit der Dienstagsbegegnung wohl nur der Stammtisch des "Geheimraths-Clubs" gemeint sein kann, von dem Fontane seiner Tochter Mete am 27. Februar 1891 berichtete: "Am Dienstag ... im Geh.Raths-Club hat mir Pindter 2 Stunden Bismarckiana erzählt, ganz freiweg, in einer durchaus würdigen und geschmackvollen Weise." Hätte er den Reichskanzler an jenem Tag getroffen, so wäre bei Fontanes Plauderlust diese Sensation sicher erwähnt worden.
Bismarck kannte vermutlich keinerlei Prosa des Dichters, merkte sich wohl kaum dessen Namen - Fontane wäre ohne die Person des Reichsgründers schwer denkbar. Sie zieht sich, spätestens seit den siebziger Jahren, durch sein ganzes Werk: "Bismarck hat keinen größeren Anschwärmer gehabt als mich, meine Frau hat mir nie eine seiner Reden oder Briefe oder Aeußerungen vorgelesen, ohne daß ich in ein helles Entzücken gerathen wäre ...", so Fontane 1890.
Nur kundige Leser des Romans "Effi Briest" und kundige Kinobesucher der nach diesem Stoff gedrehten Filme - der erste von Gustaf Gründgens (1939), ein weiterer von Rainer Werner Fassbinder (1974) - werden gewußt haben, um wen es sich bei dem Deus ex machina dieses Romans in Wirklichkeit handelt. Im Buch steht es so, und Theodor Fontane hat es so gemeint: der Schuldig-Unschuldige am Schicksal Effi Briests war Bismarck, der Fürst. 1894, in der Endphase von "Effi Briest", seinem bekanntesten Roman, schrieb Fontane an den Berliner Schriftsteller Maximilian Harden: "In fast allem, was ich seit 70 geschrieben, geht der ,Schwefelgelbe' um und wenn das Gespräch ihn auch nur flüchtig berührt, es ist immer von ihm die Rede, wie von Karl oder Otto dem Großen."
Schwefelgelb waren die Applikationen der von Bismarck getragenen Uniform der Halberstädter Kürassiere, und immer wieder taucht bei Fontane Gelb als Farbe der Falschheit und Niedertracht auf. "Schwefel" und "gelb" stehen für dämonische Kräfte - besonders auffällig in Effi Briests "Spukhaus", in dem es vier gelb gestrichene Zimmer gab.
Bei Fontane stirbt Effi im Alter von etwa 30 Jahren an "gebrochenem Herzen". Ihr Mann, der ihr von der Mutter mehr oder weniger aufgeredete Baron von Innstetten, war so ehrgeizig, bei Bismarck Karriere zu machen, daß die Dienstleute des Paares sich zuraunten, wer wirklich hinter der Ehekrise stecke. Effi wirft Innstetten Mangel an romantischem Gefühlsleben vor: "Du willst es bloß nicht zeigen und denkst, es schickt sich nicht und verdirbt einem die Karriere." Landrat von Innstetten (Effi: "Er ist ja ein Mann von Ehre") wird von Bismarck öfter als üblich in sein Gut Varzin in Hinterpommern gebeten. Kaum bricht Innstetten dorthin auf, beginnt Effi sich vor einem spukenden Chinesen mit "gelben Pluderhosen und flachem Deckelhut" zu fürchten. Sein kleines Abbild war von den Dienstmädchen an die Lehne eines Stuhls geklebt worden, der als einziges Möbel in den sonst leeren Räumen stand.
Der Dichter hat jede Freiheit, die ihm schmeckt. In diesem Roman geht sie dahin, daß Landrat von Innstetten sich jedem von Effi geforderten Verkauf des von ihr als "Spukhaus" empfundenen Anwesens in Kessin an der Ostsee widersetzt, obwohl er dort ein anderes leicht hätte erwerben können. Innstettens Begründung: Dies käme einer "Absage nach Varzin hin" gleich. Und Effi, die ja selbst an sozialem Aufstieg interessiert ist, scheint sich damit zu arrangieren:
Ich muß Dir ja kindisch oder doch wenigstens sehr kindlich vorgekommen sein; erst das mit meiner Angst und dann hinterher, daß ich Dir einen Hausverkauf und, was noch schlimmer ist, das mit dem Fürsten ansinne. Du sollst ihm den Stuhl vor die Tür setzen - es ist zum Lachen. Denn schließlich ist er doch der Mann, der über uns entscheidet. Auch über mich ...
Weil der "Fürst nach Friedrichsruh" will, "das ihm immer lieber zu werden scheine", plant das Paar zwar noch einmal eine Reise nach Italien, wo es seine Flitterwochen verbracht hatte, es wird aber nicht dazu kommen.
Vorbild für die literarische Figur des Barons von Innstetten war ein Mann, der keineswegs zu Bismarcks Getreuen gehörte, der Berufsoffizier Armand Léon von Ardenne. Dieser Armand hatte 1886 den mit ihm befreundeten Amtsrichter Emil Hartwich aus Düsseldorf in einem Duell getötet. Der erschossene Amtsrichter und die Ehefrau Ardennes, Elizabeth, wollten beide geschieden werden. Sie meinten es ernst, das war also keine Affäre so nebenbei, nicht nur ein einfacher Fehltritt, wie Fontane ihn in seinem Roman beschreibt.
Fontanes Haltung zu diesem Duell "der Ehre wegen" läßt sich dem Gespräch zwischen Innstetten und seinem Freund Geheimrat Wüllersdorf entnehmen, den er bittet, sein Sekundant zu sein.
Wüllersdorf versucht, den Gehörnten von seinem Vorhaben abzubringen, verspricht ihm ewiges Schweigen über die Untreue seiner Frau Effi und führt ihm die Folgen vor Augen: "Ihr Lebensglück ist sozusagen doppelt hin, und zu dem Schmerz über empfangenes Leid kommt noch der Schmerz über getanes Leid." Innstetten beharrt nach einigem "hin und her überlegen" doch auf seinem Vorhaben, "weil es trotzdem sein muß". Denn, "man ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an", und auf das Ganze habe man beständig Rücksicht zu nehmen, auf das "tyrannisierende Gesellschafts-Etwas". Wüllersdorf gibt schließlich nach: "Unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der Götze gilt."
Der Sieger im Duell mit Hartwich war der 38 Jahre alte Armand von Ardenne, der keineswegs dem Trübsinn verfiel wie Innstetten bei Fontane. Er wurde unter Hindenburg General in Magdeburg und aus einem für Kaiser Wilhelm II. typischen Grund aus dem Militärdienst entfernt: Der Kaiser hatte ihn 1906 beauftragt, eine Expertise über den Rückstoß bei Kanonen auszuarbeiten. Wilhelm II. hatte bei Gelegenheit deutlich gemacht, daß er die Firma Krupp vorziehen werde. Ardenne dagegen hielt das von der Rheinischen Metallwarenfabrik erstellte Gerät für tauglicher. Er wurde entlassen.
Diese Art von kaiserlicher Impotenz hat auch den Ersten Weltkrieg angestoßen.
Ob der Fürst von dem Duell zwischen dem preußischen Amtsrichter und dem Berufsoffizier je erfahren hat, ist ungewiß. Die Doppelbödigkeit der Ehre war in den meisten Staaten ähnlich. Der Duellsieger Ardenne wurde zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt, milde genug, aber von Kaiser Wilhelm I. höchstselbst begnadigt, so daß er seine Karriere fortsetzen konnte. 1914 wurde er, 65 Jahre alt, nicht - wie der sieben Monate ältere Hindenburg - reaktiviert, er starb 1919. Seine Frau, Else von Ardenne, bewahrte ihr Geheimnis bis zum Jahre 1939, als der dem Fontane-Roman nachempfundene Gründgens-Film "Der Schritt vom Wege" mit Marianne Hoppe als Effi in die Kinos kam. Erst da ließ sie nach und nach die Wahrheit heraus.
Es stimmte, daß Armand ihr den Zugang zu den beiden Kindern erschwert hatte. Aber sie bereute nichts und starb 1952 nach einem karitativen Leben.
Fontanes Effi stellt die Gesellschaftsordnung kurz vor ihrem Tod nicht in Frage, sie beschwert sich nur darüber, daß Innstetten ihr Kind gegen sie abgerichtet habe.
Allein das Beispiel des Romans "Effi Briest" würde genügen, um zu zeigen, wie sehr Fontane dem von ihm verehrten, zugleich aber auch als lächerlich empfundenen Fürsten anhing. Die Rede- und Schreibkunst seines Idols schätzte Fontane vorbehaltlos. Doch ließen Bismarcks Charakterschwächen "reine helle Bewunderung" bei ihm nicht aufkommen: "Etwas fehlt ihm und gerade das, was recht eigentlich die Größe leiht." Den 80. Geburtstag des Kanzlers, in Berlin reichlich mit Fahnen bedacht - nicht aber im Hause Fontane - kommentierte er spöttisch: "Jude Neumann, uns gegenüber, hat auch nicht geflaggt und Arm in Arm mit Neumann fordre ich mein Jahrhundert in die Schranken." Und zwei Jahre später bekennt er: "Ich bin kein Bismarckianer, das Letzte und Beste in mir wendet sich von ihm ab, er ist keine edle Natur."
Fontanes lebenslange Ambivalenz gegenüber allem und jedem läßt sich in dem authentischen Satz zusammenfassen: "... nur Wien könnte mich verführen, wenn es nicht gerade wiederum Wien wäre."
Der Dichter hat es selten gewagt, sicher mit gutem Grund, Gefechte gegen Bismarck direkt auszutragen. Die Entwürdigung seines Heros wird er den Briefen vorbehalten. 1895 schreibt er an seine Tochter Mete:
Bismarck-Tag mit wahrem Hohenzollernwetter ... Es ist Schade, daß dieser Tag - wenigstens in meinen Augen - doch nicht das ist, was er sein könnte. Und das liegt - noch einmal nach meinem Gefühl - an Bismarck. Diese Mischung von Uebermensch und Schlauberger, von Staatengründer und Pferdestall-Steuerverweigerer ... von Heros und Heulhuber, der nie ein Wässerchen getrübt hat, erfüllt mich mit gemischten Gefühlen ...
Wo Bismarck sich kleinlich, gehässig und rachsüchtig, ja sogar geldgierig zeigte, machte sich der Briefschreiber Luft: "Er hat die größte Aehnlichkeit mit dem Schillerschen Wallenstein: Genie, Staatsretter und sentimentaler Hochverräther." Fontane setzt hinzu: "Der historische war anders", und tatsächlich ist dieser Vergleich ja nicht ganz einleuchtend. Verrat an seinen drei Dienstherren hat der Kanzler nicht begangen. In seinem letzten Roman "Der Stechlin" läßt Fontane den alten Dubslav vernehmen: "Sehen Sie sich den alten Sachsenwalder an, unsern Zivil-Wallenstein. Aus dem hätte schließlich doch Gott weiß was werden können."
Wenn Bismarck in den Augen Fontanes als "Werkzeug der göttlichen Vorsehung" handelte, bewahrte er ihm strikt die Treue. Er war eben doch, wie Goethe gesagt hätte, gut bismarckisch gesinnt. Die Abtretung von Teilen Lothringens an das Reich 1871 sah der Hugenottensproß nur ungern; von "Mehrheitsbeschlüssen" aber hielt er, wie der Reichskanzler, nichts.
Gesinnungsromane wollte der im Grunde unpolitische Autor nicht schreiben. Aber mit dem 1888 erschienenen Roman "Irrungen, Wirrungen" ist er seinem Vorsatz nicht ganz treu geblieben. Er läßt dort in einer Herrenrunde eine kontroverse Diskussion zu, die seinerzeit von jedem halbwegs Kundigen als die Affäre um den Grafen Harry von Arnim verstanden werden mußte.
Der war von seinem Botschafter-Posten in Paris abberufen und 1874 aus dem Dienst entlassen worden - bis dahin korrekt - , da er Bismarcks Politik nicht teilte. Aber kleinlich und gehässig, wie der Fürst sein konnte, sorgte er dafür, daß der Adelsmann zunächst mit Gefängnis und nach seiner Flucht in die Schweiz zu fünf Jahren Zuchthaus wegen Landesverrats verurteilt wurde.
Der "Arnim-Paragraph" (§ 353a StGB), mit dem die nicht autorisierte Veröffentlichung amtlicher Papiere strafbar wurde, ist seit 1876 im Strafgesetzbuch zu finden.
Der Kaiser hielt still, doch in Adelskreisen wurde der eigenmächtige Gerichtsherr scheel angesehen. Der alte Baron Osten, ehemals preußisches Kürassier-Regiment, läßt sich in "Irrungen, Wirrungen" so vernehmen:
Ist es nicht so, daß man sich als ein Märkischer von Adel aus reiner Edelmannsempörung einen Hochverratsprozeß auf den Leib reden möchte? Solchen Mann ... aus unsrer besten Familie ... vornehmer als die Bismarcks ... und der Boitzenburger (mit den Arnims verschwägert und ein Führer der Konservativen) kommandiert sie. Und solcher Familie solchen Affront. Und warum? Unterschlagung, Indiskretion, Bruch von Amtsgeheimnis. Ich bitte Sie, fehlt nur noch Kindsmord und Vergehen gegen die Sittlichkeit, und wahrhaftig, es bleibt verwunderlich genug, daß nicht auch das noch herausgedrückt worden ist.
Fontane kann sich als Erzähler heraushalten, aber er läßt in Gestalt des Gardedragonerleutnants von Wedell doch die Schlußfolgerung durch:
... die Worte sind mir im Gedächtnis geblieben, daß der Schwächere darauf verzichten müsse, dem Stärkeren die Wege kreuzen zu wollen, das verbiete sich in Leben wie Politik, es sei nun mal so: Macht gehe vor Recht.
Man mag sich fragen, warum Bismarck den Dichter Fontane nicht zur Kenntnis genommen hat. Das läßt sich erklären.
Zeit zum Lesen hatte Bismarck seit 1862, seiner Ernennung zum "Konfliktminister", kaum noch. Er kannte Shakespeare, Byron, Heine, Turgenjew, auch Goethe, den er einen Bürokraten nannte, der "stolzer auf seine Ministerwürde als auf sein Dichtertalent" gewesen sei. Dem Balladendichter und Schlachtenbummler aus Neuruppin gelang der Durchbruch zudem erst mit dem 1888 erschienenen Roman "Irrungen, Wirrungen", in dem die Gegner der Ständeordnung den kürzeren ziehen müssen, wo aber auch der Adel gezaust wird. Bismarcks Lieblingsdichter war und blieb Schiller, den er vor allem in den Reden zitierte.
Anders als der Fürst, der Wünsche und Buchgaben des Dichters durch magere Kanzlei-Antworten abfertigen ließ, gab ihm der alte Feldmarschall Helmuth Graf Moltke nach Zusendung der "Kriegstagebücher" eine Antwort, die Fontane als "knapp, in jedem Wort von Bedeutung, gütig und wahrhaftig" fand. Sie wird demgemäß kurz gewesen sein. Auch Kaiser Wilhelm I., so hörte Fontane, habe die vier Bände zum Frankreich-Krieg ständig auf seinem Schreibtisch liegen. Bei Hofe gelesen zu werden schmeichelte ihm: "Die Gnade unsres herrlichen alten Wilhelm", schrieb Fontane 1873 an seinen Verleger Rudolf von Decker, "trifft natürlich Sie und nicht mich, ich sonne mich aber gern in diesem Strahle mit und setze mich zu diesem Behuf an den äußersten Rand meiner Diogenes-Tonne". Ebendieser herrliche Kaiser sieht die Säule des Landes im Adel, von dem Fontane sich später allenfalls an das "aegyptische Museum" erinnert fühlt - eine Meinung, von der dann die traditionsstarre Domina des Klosters Wutz in seinem Alterswerk "Der Stechlin" Zeugnis ablegt.
Das endlose Zwiegespräch mit Bismarck, seiner Politik und deren Folgen setzte der 1894 zum Dr. h. c. promovierte Erzähler in diesem Roman fort, von dem er selbst sagte, es sei ein "politischer Roman" geworden. Die Arbeit daran strapazierte ihn. Der bald 80jährige sprach von einem krankhaften Zustand, in dem er sich befände, und doch ist sein Hauptwerk entstanden. Es ist kaum zu unterscheiden, ob Fontane darin von der Romanfigur des märkischen Junkers Dubslav von Stechlin, von Bismarck oder von sich selbst erzählt. Die Gespräche kreisen unablässig um die märkisch-bismarcksche Kleinadels- und Junkerkaste mit ihren Vorlieben und Macken, was dieses Werk für den Fontane-Liebhaber besonders reizvoll, für heutige Lesegewohnheiten jedoch schwer verdaulich macht.
Seine Frau Emilie schrieb das Manuskript so gelangweilt ab, daß der Dichter sich vornahm, hinfort einen "Abschreiber, koste es, was es wolle", zu beschäftigen. Emilie hielt nicht viel von seinem poetischen Genie und hätte sich lieber als Frau eines Mannes mit festem Einkommen gesehen. Von den beiden unehelichen Kindern, "die mir", wie Fontane klagte, "die Haare vom Kopf fressen", ahnte sie wohl nichts, wie der Fontane-Kenner Helmuth Nürnberger in seiner großen Biographie "Fontanes Welt" vermutet.
Anders als Emilie Fontane wußte Thomas Mann das Werk des Apothekersohnes besser einzuschätzen. Er schrieb von einem "Gefühl tiefer Verwandtschaft" zu ihm, ja, er sah in ihm den "Vater" des Romans - eine erstaunliche Ehre für einen in ständiger Geldnot lebenden Familienernährer, der ehedem zehn Jahre lang Redakteur der konservativen "Kreuzzeitung" und als preußischer Agent in London tätig gewesen war.
Bismarcks Laufbahn hatte ihren Zenit zwischen 1881 und 1883 überschritten. 1887 konnte man damit rechnen, daß ein Kaiserwechsel bevorstehen würde. Der Thronfolger des alten Kaisers Wilhelm I. war an Kehlkopfkrebs tödlich erkrankt und "regierte" als Friedrich III. nur 99 Tage.
Bismarck sah sich plötzlich einem 28jährigen Herrn, dem unreifen Kaiser Wilhelm II., gegenüber, den der Fürst selbst gegen dessen Vater ausgespielt hatte. Jeder, der sich auf die Geschehnisse einen Vers machen konnte, sah, daß der so viel Ältere dem Jüngeren werde weichen müssen.
Nach seiner brüsken Verabschiedung wütete Bismarck gegen seinen eigenen Ruhm. Pietät sei ihm gegenüber nun nicht mehr angebracht, schrieb der Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt. Ihm sei "das Individuum" Bismarck "von jeher widrig" gewesen. Jedoch: Mit seinen drei Kriegen, so Burckhardt 1872, habe Bismarck "nur in eigene Hand genommen, was mit der Zeit doch geschehen wäre, aber ohne ihn und gegen ihn". Dem habe der Kanzler sein "ipse faciam" entgegengesetzt.
Hier widerspricht Burckhardt seiner eigenen Definition von historischer Größe. Den Mann erkennt er als "groß", der "unersetzlich" sei und ohne den die betreffende Epoche nicht denkbar wäre, "ohne den die Welt uns unvollständig schiene". Er meint hier Napoleon, aber doch auch Bismarck, den "großen Mann in Berlin".
Die Zeitgenossen konnten nicht, wie wir heute, erkennen, daß Bismarck sich in seinem eigenen System verheddert hatte. Jeden Schritt zu einer modernen Entwicklung hatte er abgeblockt. Man sah damals nur, wie Jacob Burckhardt, den "Autoritätsverlust", der mit dem Ende des Systems Bismarck verbunden war, zudem hatte der Preuße gegen den jungen, eitlen Herrn frondiert. Gleichwohl, ein Dankesbrief Bismarcks an den Kaiser, drei Tage nach dem erzwungenen Rücktrittsgesuch, enthielt noch die alte Floskel "In tiefster Ehrfurcht ersterbe ich".
Mit der gleichen höfischen Floskel wie der Reichskanzler unterzeichnete Theodor Fontane als Sekretär der Königlichen Akademie der Künste sein Entlassungsgesuch an den Kaiser und König von Preußen. "Ich ersterbe" fällt bei ihm unangenehm auf.
Weniger höflich und auch nicht höfisch sagte der Geheimrat Friedrich von Holstein, der schon 1861 als sein Adlatus in St. Petersburg Proben Bismarckscher Tücke erlebt hatte, nach dessen Rausschmiß zum Sohn des Reichsgründers, dem Grafen Herbert von Bismarck: "Ihr Vater wäre 1883 ohne Schwenninger (den bayerischen Leibarzt) tot, aber er wäre groß gestorben." Das können wir Nachgeborenen nicht so sehen.
Bismarck wob und strickte an seiner Legende. Fontane wußte nicht, an welchem Webstuhl der Alte saß, aber er ahnte es, nicht zuletzt, weil Bismarck eben Teil seines Lebens war.
Bismarcks Ende ist eine Jahrhunderttragödie. Unter recht entwürdigenden Umständen entlassen, man kann sagen, aus dem Amt gejagt, fuhr er nach Friedrichsruh. Er wurde nun das, was er nie und nimmer hatte werden wollen: ein ohnmächtiger Oppositionsführer.
Die beiden Männer waren nach 1890 - Bismarck fast fünf Jahre älter als Fontane - in unterschiedlicher Verfassung; ihrer beider Reizbarkeit war verschiedener Natur. Fontane, der zu Depressionen neigte, geriet in eine anhaltende psychische Krise, die ihn 1892 fast in eine Nervenheilanstalt gebracht hätte. Sein Hausarzt riet ihm, sich intensiv mit seiner Kindheit zu befassen. Das Buch "Meine Kinderjahre", das daraufhin entstand, brachte Fontane auf den Weg, den "Stechlin" zu schreiben.
Als genauer Beobachter war er voller Vorfreude auf die Zeiten, die nun mit dem neuen jungen Kaiser anbrechen sollten und frischen Wind versprachen. Fontane schrieb in sein Tagebuch:
... alles atmete auf, als das Kranken- und Weiberregiment ein Ende nahm und der jugendliche Kaiser Wilhelm II. die Zügel in die Hand nahm. Es war hohe Zeit: Alles hat wieder die Empfindung, daß die Gewohnheitspferde nicht bloß so weiter trotten und instinktmäßig den Abgrund vermeiden, sondern daß ein "Dirigent" da ist, der nicht alles bloß dem Zufall überläßt.
In Berlin waren von Bismarck beeinflußte Leitartikel nur für diejenigen von Bedeutung, die seine Rückkehr fürchteten. Langeweile machte sich breit, die durch das Gedonnere aus dem Sachsenwald kaum unterbrochen wurde.
Bismarck fand nur nominell einen Nachfolger, den General von Caprivi, so hatte er seine Verfassung ja auch angelegt. Da weckte der junge Kaiser, ein Blender, schon mehr Interesse. Die Außenpolitik bestimmte nun ganz wesentlich der Geheimrat Friedrich von Holstein, ein öffentlichkeitsscheuer Mensch, der Bismarck ebenso haßte wie der Alte umgekehrt ihn. Er dachte nur teilweise in Bismarckschen Traditionen, übernahm von ihm aber die falsche Parole, Bär und Walfisch könnten zueinander nicht finden, gemeint waren Rußland und England.
Der Fürst diktierte sein Buch "Erinnerung und Gedanke" dem langjährigen Vertrauten Lothar Bucher in die Feder, kein sehr zuverlässiges Werk, da der große Mann, wie Bucher klagte, "bei nichts, was mißlungen ist", beteiligt gewesen sein wollte. So wollte er von der Mission, die Bucher selbst vor Ausbruch des 1870er Krieges nach Madrid geführt hatte, nichts mehr wissen. Der Stil dieser Erinnerungen war bester Bismarck.
Fontane hatte, wie viele andere auch, die Entlassung des Alten für gerechtfertigt gehalten, nur in der Form beanstandet. Zornig wurde er, als Wilhelm II. die beiden wichtigsten Heroen der drei Einigungskriege, Bismarck und Moltke, für bloße "Handlanger", ja gar für "Pygmäen" erklärte. Dem wachsenden Mythos des sich selbst stilisierenden Schmerzensmannes in Friedrichsruh konnten derartige Albernheiten nichts anhaben. Moltke stand ohnehin über den Dingen.
1894 starb Bismarcks Frau Johanna, und das erschütterte seine Gesundheit sichtbar. Er wurde nun mehr und mehr ein unleidlicher Greis, dem einer der beiden Diener weglief, während der andere das Trinken anfing. Seine neuralgischen Gesichtsschmerzen ließen ihn laut stöhnen, auch beim Essen hielt er eine Wärmflasche an seine Wange. Bismarck fiel in alte Gewohnheiten zurück und verlor zunehmend an Beweglichkeit. Lediglich seine "alte Freundin, die Flasche" - Champagner - konnte ihn aufheitern, das Morphium steigerte man nur allmählich.
Leibarzt Schwenninger riet zu Ausfahrten mit der Kutsche. Das half eine Weile, zumal immer ein Fäßchen kaltes Bier mitgeführt wurde. Bald wollte er auch das nicht mehr, weil er zuviel Mühe beim Einsteigen hatte und weil er sich nicht gern von den Gaffern bestaunen ließ.
Als der Staatssekretär des Reichsmarineamts, Admiral Alfred von Tirpitz, ihm auf englisch, weil der Kutscher mithören konnte, seine Flottenpläne erläuterte, zeigte der Landjunker wenig Interesse: Seine Aufgabe sei getan, es gebe für ihn keine Zukunft und keine Hoffnungen mehr. Wenig später klagte er: "Ich lebe zu lange, das ist meine Krankheit."
Hier hatte er nur zu sehr recht. Die Art, wie er seinen Körper lebenslang traktierte, ließ kaum erwarten, daß er, wie Fontane, sanft in den Tod gleiten würde.
Am 16. Dezember 1897, als der Patient schon Schwarzbrand am linken Fuß hatte, sagte sich Kaiser Wilhelm um zehn Uhr morgens mit 14 Personen zum Abendessen an. Der Fürst zeigte Grandezza, die Küche schaffte auch das. Im Kasino-Ton unterhielt Wilhelm II. die Runde, aber auch Bismarck fand nicht den Einstieg in ein politisches Gespräch: "Majestät, solange Sie dies Offizierskorps haben, können Sie sich freilich alles erlauben; sollte das nicht mehr der Fall sein, so ist das ganz anders." Was hätte Wilhelm dazu sagen können?
Der große Moltke saß neben Tirpitz. Sein Nachfolger, der Generalfeldmarschall Graf Schlieffen, arbeitete bereits an seinem verhängnisvollen "Schlieffen-Plan", der im Ersten Weltkrieg nicht zum Sieg, sondern zum Stellungskrieg und in die Niederlage führte. Das preußische Offizierskorps unter der Führung des Moltke-Neffen, den der Kaiser mit "Julius" anredete, drängte den zaudernden Monarchen in den Ersten Weltkrieg. Tirpitz hatte den Krieg hinausschieben wollen, bis der Kaiser-Wilhelm-Kanal in Schleswig-Holstein für die Durchfahrt von Kriegsschiffen vertieft worden war, konnte sich aber gegen Helmuth von Moltke nicht durchsetzen.
Verabschiedung, der Kaiser hatte sich überzeugen können, daß er Schwenningers Gesundbeterei nicht mehr trauen mußte.
Drei adlige Damen um die 50 wurden von der Familie auserwählt, die Pflege des Moribunden zu übernehmen. Zwei Tage vor seinem Tode flackerte der Lebensgeist des Kranken noch einmal auf, als man den im Rollstuhl an der Tafel Sitzenden auf fast nüchternen Magen anderthalb Flaschen Champagner trinken ließ. Er schlief manchmal ein, war aber in wachen Augenblicken geistesgegenwärtig.
Und wie erging es dem alten Fontane? Der Dichter wird in den "Briefen aus der Reichshauptstadt" von dem 28jährigen Journalisten Alfred Kerr, später ein gefürchteter Kritiker, als ein "großgewachsener Herr" beschrieben, der aus Furcht vor Erkältungen, "ein großes Tuch um den Hals gelegt, das über dem dicken Mantel sitzt", dicht an den Häusern die Potsdamer Straße entlangeilte. "Er hat etwas Altfränkisch-Militärisches. Er hat das Gesicht eines friedlichen pensionierten Offiziers aus den dreißiger Jahren. Über dem ganzen Mann schwebt im Äußeren ein Hauch der guten alten Zeit."
Von Todesahnungen erfaßt, schickte der Dichter, fünf Wochen bevor er starb, das "Stechlin"-Manuskript an den Verleger Adolf Hoffmann mit den Worten "Ich sehe in den Sonnenuntergang."
Spökenkieker könnten zu der Erkenntnis gelangen, daß Fontane am Ende seines Lebens vor allem im Sinn hatte, den Alten im Sachsenwald zu überleben.
Er überlebte ihn - um zweiundfünfzig Tage. Zeit genug also, um am 3. August 1898 sein berühmt-berüchtigtes Gedicht "Wo Bismarck liegen soll" zu verfassen. Der Urpreuße wird darin zum Sachsen umgemendelt; beide Zeitgenossen sind nun schulbuchreif:
Nicht in Dom oder Fürstengruft,
Er ruh in Gottes freier Luft
Draußen auf Berg und Halde,
Noch besser, tief, tief im Walde;
Widukind lädt ihn zu sich ein:
"Ein Sachse war er, drum ist er mein,
Im Sachsenwald soll er begraben sein."
Der Leib zerfällt, der Stein zerfällt,
Aber der Sachsenwald, der hält,
Und kommen nach dreitausend Jahren
Fremde hier des Weges gefahren
Und sehen, geborgen vorm Licht der Sonnen,
Den Waldgrund in Efeu tief eingesponnen,
Und staunen der Schönheit und jauchzen froh,
o gebietet einer: "Lärmt nicht so!
Hier unten liegt Bismarck irgendwo."
Fontane war zu Ohren gekommen, daß Wilhelm II. erwog, den Reichsgründer neben den Hohenzollern in Berlin beizusetzen, "in Dom oder Fürstengruft" also. Das hielt Fontane denn doch für absurd.
Den Dichter geleitete ein Trauerzug auf den Berliner Friedhof der Französischen Reformierten Gemeinde an der Liesenstraße. Der Tod des Reichskanzlers wurde zumindest von der Bevölkerung nicht sonderlich interessiert aufgenommen. Kerr notierte am 4. August 1898 in sein Tagebuch:
Ein Schauern und Zittern ergreift einen - auch wenn man nicht will. In dieser Sekunde fühlt man, mag eine Art Haß die Grundempfindung gegen ihn gewesen sein, wie tief man ihn immer grollend geliebt hat ... Die äußere Wirkung, welche dieser Tod in Berlin hervorrief, ist von einigen Zeitungen übertrieben worden. Sie war, sieht man von einigen Fahnen ab, so gut wie null ... Es war wie an allen Sonntagen. Man muß als anständiger Chronist nicht verheimlichen, daß stramm getanzt wurde an diesem Tage. Alle Biergärten zum Brechen überfüllt. Volksbelustigungen im ausgelassensten Betriebe. Und getanzt wie verrückt ...
Fontane allerdings, so lesen wir in Tochter Metes Briefen, saß da und weinte.
Bismarcks Sterbetag, der 30. Juli 1898: Der Fürst lag in seinem Bett, die meiste Zeit tief schlafend. Am Nachmittag wachte er auf und sah seine Tochter Marie neben seinem ältesten Sohn Herbert stehen: "Warum ist Marie so traurig?" fragte er, "weil du so krank bist, Papa", antwortete Graf Herbert.
Schwenninger, der nachts auf Umwegen aus Berlin nach Friedrichsruh geeilt war, trat hinzu. Während er Bismarcks Hand mehr an sich nahm, als daß sie ihm gereicht wurde, will er gehört haben - und dies war des Fürsten letztes Lebenszeichen -, daß der leise die Lieblingsarie seiner Tochter vor sich hin pfiff: "La donna è mobile."
* 1862 in Biarritz, Foto aus Bismarcks privatem Album. * Im Weißen Saal des Berliner Schlosses.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 28/1998
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