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BANKEN

Posse hinter Glasfassaden

Der Machtkampf um die Führung der Deutschen Bank eskaliert: Vorstandschef Josef Ackermann will Aufsichtsratschef Clemens Börsig beerben - doch der will nicht weichen. Nun droht eine Kampfabstimmung im Kontrollgremium. Von Pauly, Christoph und Seith, Anne

In der Berliner Repräsentanz der Deutschen Bank wissen die Mitarbeiter, was zu tun ist, wenn Clemens Börsig, 62, seinen Besuch anmeldet. Der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank kann ziemlich ungemütlich werden, wenn nicht wie gewohnt ein Schälchen mit frischer Ananas serviert wird. Und er besteht auf Geschirr der Königlichen Porzellan-Manufaktur.

Am Donnerstag vergangener Woche war es wieder so weit. Börsig kam nach Berlin, er war auf Wahlkampftour. Denn der Oberaufseher macht sich mit seinen Schrulligkeiten nicht nur immer unbeliebter, er muss nun ernsthaft um seinen Job fürchten. Sein Gegner: der Vorstandsvorsitzende Josef Ackermann, 63. Der Machtkampf zwischen den beiden ist eskaliert, Ackermann will den als überheblich verschrienen Oberaufseher loswerden - und wenn es sein muss höchstpersönlich an der Aufsichtsratsspitze ablösen.

Für vergangenen Sonntag war ein Treffen der beiden Kontrahenten hinter den Glasfassaden der Deutsche-Bank-Türme in Frankfurt am Main anberaumt: Der dreiköpfige Nominierungsausschuss des Aufsichtsrats war geladen, auch Ackermann wollte kommen - denn bei dem Treffen sollte eigentlich seine eigene Nachfolge geklärt werden.

Die Frage, wer die Deutsche Bank in Zukunft führen soll, ist der eigentliche Grund für die absurde Posse, die sich bei Deutschlands größtem Geldhaus gerade abspielt. Der Vertrag des amtierenden Vorsitzenden läuft 2013 aus. Spätestens dann soll es eine Doppelspitze geben, zumindest vorübergehend, der erfolgsverwöhnte Investmentbanker Anshu Jain, ein Inder mit Sitz in London, ist als Chef schon gesetzt. Aber allein ist der gewiefte Finanzjongleur ohne die nötigen Deutschkenntnisse nicht vermittelbar.

Ackermann favorisierte deshalb den ehemaligen Bundesbank-Chef Axel Weber für die Co-Position. Doch der gab am Freitag vorvergangener Woche plötzlich seinen Wechsel an die Spitze der Schweizer Großbank UBS bekannt. In der Deutschen Bank finden viele, Ackermann eingeschlossen, dass Börsig Weber verprellt hat. Der Oberaufseher, formal für die Suche eines neuen Chefs zuständig, habe Weber zu lange hingehalten, heißt es.

Der Hahnenkampf der beiden Spitzenbanker wird für Deutschlands einziges Geldhaus von Weltrang, gerade erst als "Best Global Bank 2011" ausgezeichnet, immer peinlicher. Obwohl Ackermann eigentlich bereits 2010 in Rente gehen wollte, schafften es die beiden Alphatiere jahrelang nicht, gemeinsam eine Nachfolgelösung zu finden. Stattdessen verfolgte jeder seinen eigenen Plan.

2009 eskalierte der Zwist erstmals, als Börsig sich selbst als nächsten Bank-Chef ins Gespräch brachte. Schon damals verwarf deshalb Ackermann seine Rentenpläne und verlängerte seinen Vertrag um drei Jahre.

Nach der Absage von Weber schritt Ackermann nun erneut zur Tat. In der Vorstandssitzung am Dienstag vergangener Woche berichtete er, internationale Investoren hätten ihn gedrängt, weiter an Bord zu bleiben. Obwohl er noch im April betont hatte, keinesfalls Aufsichtsratsvorsitzender werden zu wollen, wolle er sich der Pflicht nicht entziehen.

Dann schaute der Schweizer, der für dieses Jahr einen bei der Deutschen Bank nie dagewesenen Gewinn von zehn Milliarden Euro verkünden will, seinen Kollegen fest in die Augen. Die meisten in dem Führungsgremium sprachen sich für diese Lösung aus. Selbst Jain, der sich in dem Machtkampf lange Zeit auf keine Seite geschlagen hatte, begrüßte Ackermanns Entscheidung.

Börsig hat sich mit seinem herrschaftlichen Verhalten zuletzt wenig Freunde gemacht. Mal lädt er Geschäftsfreunde zum Tennisturnier nach Wimbledon, mal feiert er drei Tage seinen Geburtstag mit Auftritt von Opernsängern in Baden-Baden. Seit der Finanzkrise kommt so was nicht gut an. Börsig halte gern Hof, heißt es. Bei der Suche nach einem Ackermann-Nachfolger, für die er eigentlich einen "geordneten Prozess" versprochen hatte, setzte der Aufsichtsratschef dagegen auf wenige Eingeweihte.

Nur der Nominierungsausschuss des Aufsichtsrats, dem Börsigs einstiger Weggefährte aus seiner Zeit bei Bosch, Tilman Todenhöfer, und Ex-Bayer-Chef Werner Wenning angehören, wurde einbezogen. Im Plenum des Aufsichtsrats sei die Nachfolgefrage nie wirklich diskutiert worden, beschwert sich ein Kontrolleur. In diversen Sitzungen des Gremiums habe man "keine Zeit gefunden oder keine finden wollen".

Ein Treffen mit den Vertretern der Anteilseigner im Aufsichtsrat am Tegernsee im Juni wurde kurzerhand abgesagt. "Es gibt viel Frustration", heißt es im Kontrollgremium. Neun von zehn Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat sollen sich auf Ackermanns Seite geschlagen haben, auch manch anderer Aufseher findet, dass Börsig Konsequenzen ziehen muss.

Ackermann erscheint nun plötzlich unersetzlich. Wie kein anderer Chef vor ihm hat er das Kreditinstitut auf sich zugeschnitten. Er gilt als die Integrationsfigur, die bei den traditionellen Bankern in Frankfurt und den Investmentbankern in London gleichermaßen angesehen ist. Er hat es bisher geschafft, die tiefen Gräben zwischen diesen beiden Gruppen zu überbrücken.

Vor allem aber wird er als Mann mit einzigartigen politischen Verbindungen gepriesen, dessen Rat in aller Welt gefragt ist. Und auf den offenbar auch die Bundesregierung ungern verzichten will.

Was für eine Kehrtwende. Es ist noch nicht lange her, da war Ackermann der Buhmann der Nation, er galt als Personalisierung des bösen Bankers, als eiskalter Kapitalist, dem es an politischem Gespür mangelt.

Immer wieder wurde darauf verwiesen, dass der Schweizer Reserveoffizier 2005 in einem Atemzug einen Milliardengewinn verkündete und im nächsten den Abbau Tausender Stellen. Dass er im Mannesmann-Prozess die Finger zum Victory-Zeichen spreizte. Und dass er mitten in der Finanzkrise erklärte, er würde sich schämen, wenn seine Bank auf Staatshilfe zugreifen müsste, was die Bundesregierung als Affront empfand.

Doch Ackermann war es auch, der erstmals einen Rettungsschirm für die Finanzwirtschaft vorschlug. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise handelte er am Handy mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ein Hilfspaket für die von der Pleite bedrohte HRE aus. Er wird zu Spitzentreffen der G 20 eingeladen, und die neue brasilianische Präsidentin, Dilma Rousseff, hat ihm kurz nach ihrem Amtsantritt einen Termin frei geräumt, heißt es bewundernd. "Für die Bank und für Deutschland wäre es ein Segen, wenn er bliebe", sagt ein Aufseher.

Dennoch ist der Schweizer als Aufsichtsratschef, anders als sein Umfeld Glauben machen will, noch nicht gesetzt. Bei der Vorstandssitzung vergangene Woche hatte immerhin einer den Mut, auf mögliche Probleme hinzuweisen. Jürgen Fitschen, im Vorstand für das Deutschland-Geschäft und für das weltweite Regionalgeschäft zuständig, hielt es erkennbar für keine gute Idee, dass Ackermann in den Aufsichtsrat wechselt.

Immerhin sollen laut Corporate Governance Kodex Vorstandsmitglieder eigentlich zwei Jahre pausieren. Es gilt als problematisch, wenn die alten Chefs über ihr eigenes Erbe wachen können. Um diese Vorgabe zu umgehen, müssen auf der Hauptversammlung 25 Prozent der Anteilseigner für diese Lösung stimmen.

Das peinliche Theater um seine Nachfolge hat zudem nicht nur Börsig, sondern auch Ackermann beschädigt. Schließlich war auch er in die Nachfolgersuche hinter den Kulissen einbezogen, schließlich hat auch er verpasst, mit Börsig rechtzeitig eine Lösung zu finden.

Und dass er Ex-Bundesbank-Chef Weber, einen Professor ohne praktische Bankerfahrung, in den vergangenen Wochen so offen favorisierte, kam bei manchem Vorstandsmitglied schlecht an. Die richtige Persönlichkeit könne alles lernen, hatte Ackermann zuletzt der "Welt am Sonntag" gesagt: "Persönlichkeit aber kann man nicht lernen." Solche Statements seien "nicht kollegial", entgegnet ein Vorstand. Manch einer habe das so verstanden, als ob es der Bank an eigenen Persönlichkeiten mangle.

Auch nicht alle Aktionäre sind von Ackermanns Ambitionen begeistert. Der einflussreiche britische Finanzdienstleister Hermes, der mehrere bei der Deutschen Bank investierte Pensionsfonds berät, äußert "erhebliche Zweifel". Ein neuer Vorstandschef werde es schwer haben, neben Ackermann "eigenes Profil zu entwickeln und wenn notwendig Veränderungen vorzunehmen", sagt Hermes-Manager Hans-Christoph Hirt und verlangt eine "sehr gute Begründung" sowie "eine überzeugende Gesamtlösung für den Aufsichtsrat und insbesondere für den Vorstandsvorsitz". Es gibt schließlich viele Gerüchte über angebliche Differenzen zwischen Ackermann und Jain sowie anderen Vorständen.

Börsig favorisiert neben Jain Deutschland-Chef Fitschen als gleichberechtigten Vorstandschef. Befürworter dieser Lösung loben den Hanseaten als kompetent und abgeklärt. Fitschen, im September 63 Jahre alt, wird dem Durchmarsch des energischen Inders aber, wenn überhaupt, wegen seines Alters nur für begrenzte Zeit Widerstand leisten können.

Ackermann neigt zu Risikovorstand Hugo Bänziger, Schweizer Reserveoffizier wie er. Auch Bänzigers Vorsicht wird es zugeschrieben, dass die Bank die Finanzkrise vergleichsweise glimpflich überstand. Zudem hat Privat- und Geschäftskundenvorstand Rainer Neske als Vertreter der stabileren Geschäftsbereiche eine Chance. Weil das Investmentbank-Geschäft durch höhere Kapitalanforderungen in Zukunft schwieriger wird, erscheint der Ausbau seines Bereichs unerlässlich.

Das Tauziehen um den Aufsichtsratschefposten könnte sich noch bis zur offiziellen nächsten Sitzung des Gremiums am 26. Juli hinziehen. Dann droht ein Eklat. Börsig werde niemals freiwillig gehen, sagt ein Kontrolleur. Also müssten andere Aufseher aufstehen und eine Kampfabstimmung verlangen.

Zuvor allerdings wird wohl noch allerhand Stimmung gemacht. Ackermann jedenfalls hat seinen Urlaub, den er eigentlich traditionell im Juli nimmt, schon auf August verschoben.

DER SPIEGEL 28/2011
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