AFGHANISTAN
Hamid und seine Brüder
Höchst staatsmännisch reagierte Präsident Hamid Karzai, als er vorigen Dienstag von der Ermordung seines Halbbruders Ahmed Wali erfuhr. "Das ist der ultimative Preis für die Freiheit, ihn bezahlt jedes afghanische Haus", sagte Karzai. Allerdings war seine Familie von tödlichen Attentaten lange verschont geblieben, obwohl die Karzais mit ihrem Netzwerk inzwischen fast das ganze Land abdecken. Der ermordete Ahmed Wali, Chef des Provinzrates und "König von Kandahar", war einer der Mächtigsten des Clans. Ihm folgt nun Shah Wali Karzai, ebenfalls Halbbruder des Präsidenten und Inhaber einer Unternehmensberatung in Kandahar - Hamid setzte ihm letzten Mittwoch eigenhändig den entsprechenden Turban auf den Kopf. Shah Wali war nach dem sowjetischen Einmarsch in die USA gezogen, wo die Karzais Restaurants in San Francisco, Boston, Chicago und Baltimore betrieben. Nach dem Sturz der Taliban kehrten fast alle Mitglieder des Clans nach Afghanistan zurück - und wurden nach dem Aufstieg Hamids ins höchste Staatsamt mit einflussreichen Posten ausgestattet. Abdul Ahmed, der dritte Halbbruder, arbeitet in der afghanischen Investitionsagentur, Hamids Vollbrüder Abdul Qayum und Mahmoud aber sind noch einflussreicher: Der eine führt als Präsidentenberater die Verhandlungen mit den Taliban, der andere war bis zum Skandal um die Kabul Bank deren drittgrößter Anteilseigner. Auch seine restliche Verwandtschaft hat der Präsident versorgt: Taj Ayubi, der früher Möbelverkäufer in Virginia war und dessen Schwester in den Clan einheiratete, stieg zu Karzais außenpolitischem Berater auf, Onkel Azizullah, 74, war Botschafter in Saudi-Arabien und amtiert nun in Moskau. Neffe Yama Karzai bezieht sein Salär als hoher Geheimdienstler in Kabul, Cousin Hashim hat sich bei der Fluggesellschaft Pamir Airways einen Posten gesucht. Weitere Cousins kümmern sich um den Nachschub für die US-Armee und für die Nato. Präsident Karzai habe sich mit seinen Verwandten ein Netz aufgebaut, das ihm nach Abzug der westlichen Truppen das Überleben sichern soll, sagt Ronald E. Neumann, bis 2007 US-Botschafter in Kabul: So habe es auch Staatschef Nadschibullah nach Abzug der Sowjets getan. Dem allerdings half das nicht viel, er wurde drei Jahre darauf gestürzt, später von den Taliban ermordet und an einer Kreuzung in Kabul aufgehängt.