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AUTORENNEN

Der schwarze Beckham

Kein Pilot hat die Formel 1 so schnell erobert wie Lewis Hamilton, Weltmeister von 2008. Nun aber inszeniert sich der Engländer, als sei er ein Popstar - und provoziert viele Landsleute. Von Hacke, Detlef

Vater Beckham ernährte die Familie mit dem Einbau von Küchen, die Mutter verdiente als Friseuse ein paar Pfund dazu. Sie liebten den Fußball und gingen oft ins Stadion. Ihr Sohn David fiel mit ungewöhnlichem Talent am Ball auf. Schon als Jugendlicher wurde er Profi bei Manchester United, bald darauf englischer Meister, Nationalspieler, Europacup-Sieger. Er kam von ganz unten und gelangte bis nach oben.

Aber das war erst der Anfang.

Er heiratete Victoria, eine Popsängerin, überzog seinen Körper mit Tätowierungen, parfümierte sich und trug schicke Sonnenbrillen und ausgefallene Mode. Er entwarf eine eigene Kollektion und wird zu königlichen Hochzeiten eingeladen. Auf die Frage, ob David Beckham, 36, eigentlich noch Fußball spielt, wüssten wohl die wenigsten spontan die Antwort.

Vater Hamilton schaute sich gern mit seinem kleinen Sohn Lewis im Fernsehen Grand-Prix-Rennen an. Sie lebten in einer Sozialwohnung, Hamilton senior arbeitete bei der Bahn. Um für den Jungen ein Kart anschaffen zu können, nahm er nebenher noch andere Jobs an. Lewis siegte in allen Nachwuchsserien und stieg in die Formel 1 auf. Schon 2008, in seiner zweiten Saison, gewann er den Weltmeistertitel. Da war er erst 23 und schon ein Star seines Sports.

Ist das erst der Anfang?

Noch ein kurzer Blick auf das Spiegelbild in der Glastür, kurz die Sponsorenkappe zurechtgezupft, alles sitzt, T-Shirt, Hose, Lächeln. Dann nimmt Lewis Hamilton Platz, an einem Tisch im klinisch aufgeräumten Motorhome des McLaren-Teams. Alles an ihm strahlt Selbstgewissheit aus, der gerade Blick, die leicht zurückgelehnte Haltung, die locker gefalteten Hände. Fühlt er sich besser denn je? "Yeah", sagt er, "ich bin glücklich."

Seit diesem Jahr hat der Formel-1-Pilot einen neuen Manager, einen, der Menschen berühmt machen kann und berühmte Menschen zu Marken. Der Brite Simon Fuller, 51, hat die Castingshow "Pop Idol" erfunden, die in ähnlichen Versionen weltweit läuft, unter anderem als "Deutschland sucht den Superstar". Fuller betreute früher die Spice Girls, bei denen Victoria Adams sang, die spätere Mrs. Beckham. Sie und ihr Mann sind heute das Vorzeigepaar für Fullers Geschäftsmodell der totalen Vermarktung. David Beckham hat mit dieser Methode die Grenzen einer Sportkarriere gesprengt.

Nun also Hamilton, der neue Klient, das nächste Projekt. Fuller sagt: "Er wird ein ganz Großer werden, davon bin ich überzeugt." Hamilton sagt: "Simon hat gute Referenzen. Ich wolle nicht den durchschnittlichen Rennsportmanager, sondern jemanden, der einen anderen Blick auf die Formel 1 hat, weil er dort nicht tief drinsteckt. Ich möchte meine Möglichkeiten für die Zukunft entwickeln, weil ich ab einem gewissen Zeitpunkt etwas anderes machen werde." Hat er schon Pläne? "Habe ich. Aber die behalte ich für mich."

Das klingt danach, als nahe der Ausstieg aus dem Cockpit, aber das täuscht. Hamilton ist immer noch sehr jung, 26, er hat noch eine Zukunft in der Formel 1, sein Ehrgeiz ist ungebremst. Es geht darum, schon als Pilot zum Popstar aufzusteigen. In letzter Konsequenz hat das bislang niemand versucht, es gibt im Motorsport nirgendwo einen Beckham. Rennfahrer werden eines Tages zu Ex-Rennfahrern, ihnen haftet weiter der Benzingeruch an. Manche bleiben dem Sport als Kommentatoren treu, andere tragen ihren vergilbenden Ruhm im Fahrerlager herum und fallen langsam aus der Zeit.

Hamilton ist schlagfertig, intelligent, außerdem sieht er attraktiv aus, trägt Ohrstecker und exakt gezeichnete Bartvariationen. Seine Freundin ist eine Schönheit. Die Amerikanerin Nicole Scherzinger, 33, geboren in Honolulu, sang und tanzte bei den Pussycat Dolls, jetzt strebt sie eine Solokarriere an. Als sie Ende Mai vor dem Grand Prix in Monte Carlo auf einem Partyabend auftrat, widmete sie ein Lied ihrem Lewis, der vor ihr in der ersten Reihe war. Im weißen Anzug. Hamilton ist angekommen in der Glamourwelt.

Niemand hat sich so rasant in der Formel 1 durchgesetzt wie er. Als erster schwarzer Pilot eroberte er diese Domäne der Weißen, ähnlich wie Tiger Woods den Golfsport. Bereits in seiner Debütsaison, 2007, hätte Hamilton im McLaren-Mercedes fast den WM-Titel geholt. "Seitdem habe ich jedes Jahr mindestens ein Rennen gewonnen - jedes Jahr", sagt er. "Gibt es sonst noch einen Fahrer, dem das gelungen ist?"

Seine Ziele verfolgt er rigoros, so ist er erzogen worden, so hat er sich durchgesetzt.

Anthony Hamilton, 51, hat sein eigenes Leben lange dem seines Sohnes verschrieben. Als Lewis seine ersten Erfolge im Kartsport feierte und von der Formel 1 zu träumen begann, schlossen die beiden einen Pakt: Der Vater widmete Zeit und Geld dem Fortkommen des Sohnes; der sollte sich im Gegenzug auf seine Ambitionen als Rennfahrer konzentrieren, ohne die Schule abzubrechen. "Mein Job war es stets, dafür zu sorgen, dass er keine Last hatte, keine Bedenken, keine Zweifel", sagt Anthony Hamilton.

Er ist ein freundlicher, aber ernster Mann, klein, kräftig, fit. Die Geschichte der Hamiltons ist die von tüchtigen Aufsteigern. Anthonys Eltern waren einst aus dem karibischen Grenada nach England eingewandert, er selbst arbeitete in verschiedenen Jobs, dann gründete er eine Firma, die Service für Computer anbietet. 60 Angestellte, 500 Kunden, so erzählt er, dann habe er die Mehrheit daran verkauft. "Bevor Lewis in die Formel 1 kam, hatte ich mein eigenes Geld gemacht." Es scheint, als sei er geradezu beseelt davon, wie erfolgreich sein Leben verlaufen ist.

"Den Schlüssel dazu, ein großer Rennfahrer zu werden, vergleiche ich mit dem eines guten Hirnchirurgen", sagt er. "Viele wären klug genug dafür. Aber es kommt drauf an, wie sehr man es werden will. Möchte man über sich sagen können, ich bin Hirnchirurg, weil es toll klingt? Dann wird man nicht hart genug daran arbeiten. Erst wenn du der beste Hirnchirurg der Welt werden willst, studierst du jeden Tag mit der nötigen Hingabe."

An Wochenenden fuhr Anthony Hamilton mit Lewis zu den Kartrennen. Als Lewis mit 13 von McLaren-Mercedes in ein Förderprogramm aufgenommen wurde, unterzeichnete Anthony Hamilton den Vertrag. Er wuchs in die Rolle des Managers hinein. Der Vater-Sohn-Pakt festigte sich. Und hielt.

Heute hält er nicht mehr. Anthony Hamilton ist nicht mehr der Manager seines Sohnes und betreut inzwischen andere junge Rennfahrer. Er hätte aufhören sollen, sagt er, als Lewis die Weltmeisterschaft gewonnen hatte und damit das gemeinsame Ziel erreicht war. Doch bei den Testfahrten im Frühjahr 2009 erwies sich der neue McLaren als zu langsam. "Als Manager war mein Job erledigt, als Vater konnte ich nicht gehen und sagen: All deine Probleme sind jetzt nur noch deine eigenen Probleme. Ich wollte auch da sein, wenn es schlecht läuft. Das war ein Fehler. Ich hätte früher loslassen sollen."

Es kam vieles zusammen. Die beiden fanden keinen Modus, um die Krise zu bewältigen - sie hatten ja vorher nie solch eine Krise erlebt. Ratschläge klangen für den Sohn plötzlich wie Bevormundungen, Lewis rebellierte, es setzte ihm zu, dass ihm der in der Vorsaison erkämpfte Titel entglitt, weil der Wagen nicht an der Spitze mithielt. Gleichzeitig begann er, sich abzunabeln und eigenständige Vorstellungen von der Zukunft zu entwickeln. Als Jugendlicher hatte er die Pubertät ignoriert und alles danach ausgerichtet, was nützlich und was hinderlich ist, um voranzukommen. Er blieb dankbar für all das, was der Vater für ihn getan hatte, aber Ratschläge holte er sich von nun an lieber bei anderen.

"Es war ein langer Prozess zwischen uns", sagt Lewis Hamilton jetzt. "Wir verbringen jetzt mehr produktive Zeit miteinander." Produktiv? "In dem Sinne, dass wir nicht mehr übers Geschäft reden. Sondern über Autos, Frauen, Essen, Reisen, Flugzeuge. Dinge, die Spaß machen."

Lewis Hamilton hat sein Umfeld neu geordnet, Manager Simon Fuller eröffnet ihm neue Perspektiven. Sein ohnehin schon ausgeprägtes Selbstbewusstsein hat dadurch nochmals zugenommen - was ausgerechnet auf der Piste zuletzt nicht sonderlich gut ankam.

Beim Rennen in Monaco im Mai drängte Hamilton zuerst einen Ferrari in die Leitplanken, dann schob er einen Williams ins Aus. In Kanada, beim nächsten WM-Lauf, rutschte er nach dem Start dem Red Bull von Mark Webber in die Seite. Später krachte er seinem McLaren-Kollegen Jenson Button so unvermittelt ins Auto, dass Button fassungslos in den Teamfunk schrie: "Was macht der da?!"

Einsicht? Schuld sind die anderen. Nach Zieldurchfahrt in Monaco schimpfte der Draufgänger in einem BBC-Interview über seine Unfallopfer: "Diese Fahrer sind so was von lächerlich." Auf die Nachfrage, warum er so oft bei den Rennkommissaren zum Rapport antreten müsse, antwortete Hamilton: "Vielleicht, weil ich schwarz bin. Das ist, was Ali G sagt."

Es sollte ein Witz sein. Ali G ist eine Kunstfigur des britischen Komikers Sacha Baron Cohen: ein Weißer, der sich so sehr für einen Gangsta-Rapper hält, dass er überzeugt ist, er sei schwarz. Man muss Hamiltons Scherz nicht lustig finden, aber es wäre absurd, ihm vorzuwerfen, er bezichtige die Kommissare des Rassismus. Doch das geschah. Erst ein Entschuldigungsbrief bewahrte Hamilton davor, für mehrere Rennen gesperrt zu werden.

Die Kritik an seinem aggressiven Fahrstil nimmt jedenfalls zu, die britische Presse, lange auf seiner Seite, wendet sich ab. Sie nennt ihn "übergeschnappt", rät ihm, "werde endlich erwachsen", und sieht in ihm ein "trotziges Kind, das unsouverän mit Niederlagen umgeht". Zitiert wird Englands Rennlegende Stirling Moss, 81. Hamilton brauche wieder mehr Führung durch den Vater, sagte der Alte in der "Daily Mail". Er selbst habe schließlich "auch mit 50 noch auf meinen Vater gehört. Genauer gesagt, bis zu seinem Tod".

Britanniens Debatten um Lewis Hamilton gleichen therapeutischen Sitzungen einer Nation, die sich als Mutterland der Formel 1 betrachtet und auf deren Insel immer noch die meisten Teamzentralen stehen. Hamilton wundert sich manchmal, worüber sich manche Menschen seinetwegen den Kopf zerbrechen. Er gibt sich stets entschlossen: über nichts nachdenken, was ihn schwächen könnte, Neid ignorieren, positive Energien aufnehmen, Kurs halten auf dem Weg, "der beste Fahrer aller Zeiten zu werden".

Vor einer Woche sprach er plötzlich von der Gefahr eines Burnouts, falls er so weitermache mit seinem Pensum. Er habe zu viele Termine im Kalender. Eine Eintagesreise nach Indien wurden auf seine Bitte abgesagt. Vor dem deutschen Grand Prix am Sonntag auf dem Nürburgring bekommt er vom Team eine PR-Pause zugestanden, um sich zu erholen. Hamiltons Vertrag bei McLaren läuft noch bis Ende 2012, schon jetzt droht er: "Wenn ich ihn verlängern sollte, werden sie schockiert sein, wie viele Tage weniger ich da sein werde." Vor allem fordert er, die Zahl der Werbeauftritte für Sponsoren spürbar zu reduzieren.

Lange hatte Hamilton vieles klaglos mitgemacht. Er ließ sich auf Jetski setzen, um vor Kameras über die Themse zu brausen, er steuerte auf Oldtimerfestivals alte Rennwagen oder schlüpfte für Katalogaufnahmen in Anzüge.

Jetzt will er mehr Zeit für sich. Kürzlich lief Hamilton in Los Angeles bei einer Filmpremiere mit seiner Freundin Nicole Scherzinger über den roten Teppich, es ging um seine erste kleine Rolle im Kino. Persönlich ist er in dem Film nicht zu sehen, nur zu hören. In dem Animationsstreifen "Cars 2" spricht er den Text eines dunklen Rennwagens namens Lewis.

Ein Auto, das so heißt und redet wie er. Hollywood fängt an, sich für ihn zu interessieren.

DER SPIEGEL 29/2011
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