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DER SPIEGEL

Bismarck - noch einmal besehen

Die Bismarck-Festspiele aus Anlaß des 100. Todestages sind vorüber. Der alte Wotansknabe ist von Kopf bis Fuß durchleuchtet worden, seine Taten und Untaten wurden aufs neue besichtigt. Das alte chinesische Sprichwort, ein großer Mann bedeute auch immer ein großes Unglück, fand seine Bestätigung. Aber: ein großer Mann eben doch.
Otto von Bismarcks Innenpolitik wird weiterhin kritisch beurteilt, mittlerweile bezieht man sogar seine Germanisierungsbestrebungen im preußischen Osten mit ein. Anders steht es, wenn von seiner wichtigsten Leistung, der Reichsgründung mittels dreier Kriege, die Rede ist. Hier hat er Kredit. Es ist auch niemand zu sehen, der die große Mogelei geschickter hätte in Szene setzen können, und das alles mit einer auf ihn persönlich zugeschnittenen Verfassung.
Nur einer will sich da ausschließen, Johannes Willms, Kulturchef der "Süddeutschen Zeitung". Obwohl er promovierter Historiker ist, müssen einen doch Zweifel beschleichen, ob er historisch einordnen kann. In seinem Bismarck-Artikel im "SZ"-Feuilleton der vorletzten Woche nennt er die Annexion Elsaß-Lothringens 1871 den "Kardinalfehler" des Fürsten, ja, er benutzt das Wort "unsinnig". Das schreibt sich so hin. Vermutlich war das ein schwerer Fehler. Aber die Frage ist doch, ob Bismarck ihn hätte vermeiden können, und erst dann mag man erörtern, ob er ihn überhaupt als solchen erkannte und hätte vermeiden wollen.
Wir wissen darüber ziemlich viel. Bismarck sah die Bedeutung der Frage nicht. Sonst hätte er nicht sogleich nach dem Einmarsch begonnen, die Verwaltung auf deutsche Verhältnisse umzustellen. Er wurde auch nicht bei seinem König Wilhelm I. vorstellig, weder in einem Memorandum noch mündlich. Sicher hat er gewußt, daß der Chef des Generalstabs, Helmuth Graf von Moltke, und dessen ihm untergebene "Halbgötter" nach Sedan beim König in diesem Krieg mehr Gehör fanden als er. Sie wollten nicht nur die Festungen besetzt halten, sondern das dazugehörende Land gleich mit. Kein noch so triftiges Rücktrittsgesuch seines ersten Ministers hätte den König davon abhalten können, den Militärs zu folgen. Kriege galten damals als normal und Annexionen auch. Nur der sozialdemokratische Abgeordnete August Bebel warnte vor der Annexion des Elsaß und von Teilen Lothringens.
Man kann sich also nicht vorstellen, wie Bismarck mit einem Friedensschluß ohne Annexion hätte durchdringen können. Straßburg, dessen Bürgerschicht von Frankreich gar nicht weg wollte, galt als urdeutsche Stadt, obwohl Brandenburgs Großer Kurfürst 1681 geholfen hatte, die Stadt an den Sonnenkönig Ludwig XIV. zu verscherbeln.
Wir kennen Bismarcks nachträgliche Rechtfertigungen, die alle irgendwo stimmen. Aber sogar er hat wohl nicht erkannt, daß er sich hier eine nationale Frage aufbürdete, die seiner preußischen Gesinnung - da hat Johannes Willms ganz recht - nicht entsprach. Alternative? Keine. Von der Macht wollte und konnte er in diesen Monaten auch nicht lassen. Er sah noch nicht einmal, welches Riesenspielzeug er sich geschaffen hatte. 1875 erwog er noch, Frankreich durch einen neuen Krieg zu schwächen, wieder getrieben von Moltke, aber die Mächte geboten ihm Einhalt. Jetzt erst begriff er, daß sein Deutsches Reich "saturiert" war. Präventivkriege würde er hinfort nicht mehr anzetteln.
Man hätte nun denken sollen, daß dieser große Staatsmann alles in seinen Kräften Stehende tun würde, um sich seine guten Beziehungen zum Zarenhof zu erhalten, da Frankreich als unversöhnlicher Feind vom Schachbrett gestoßen worden war. Nicht so der Reichskanzler. Der Fürst brüskierte Rußland 1878 auf dem Berliner Kongreß zugunsten Englands, von dem er eine Gegenleistung schwerlich erwarten konnte. Zwar ließ er es nicht zu, daß Moltke und dessen Stellvertreter Graf Waldersee im klirrenden Winter 1887/88 grundlos über Rußland herfallen konnten ("Wir Deutsche fürchten Gott ..."), aber er mochte, dem alten Denken verhaftet, nicht einsehen, daß ökonomische Rivalitäten die Beziehungen zwischen großen Staaten sehr wohl beeinträchtigen konnten. Sowenig die "Fälschung" der Emser Depesche den Krieg gegen Frankreich verursacht hatte, sowenig konnte der ebenfalls mythisierte "Rückversicherungsvertrag" das Reich vor einem Zweifrontenkrieg bewahren. Bismarck mußte die Bühne räumen. Man sah damals noch nicht, daß er sich in seinen eigenen Schlaumeiereien verfangen hatte, auch innenpolitisch war er am Ende. Ein großer Mann wird selten ohne große Fehler auskommen. Was zählt, ist die - mythisch überhöhte - Persönlichkeit.
Johannes Willms macht Bismarck verantwortlich für die allermeisten Voraussetzungen, aus denen die beiden katastrophalen Weltkriege hervorgingen; als ob es Wilhelm II. und seine Leute nie gegeben hätte!
Bismarck war keine Lichtgestalt, sondern ein skrupelloser Machtmensch. Daß auch er keinen gangbaren Ausweg mehr wußte, sah er nicht ein. Kein Stolz auf das Erreichte, nur Haß und Groll. Seine innenpolitischen Fehler währten nicht endlos. Das Reich hätte sonst den vom Generalstab angestifteten Ersten Weltkrieg nicht so lange durchstehen können. Nichts war 1890 vorherbestimmt, es sei denn, man hätte sich seine großen Staatsmänner damals backen können. Das mag Willms nicht einsehen. Vielleicht hätte man ihn mit der Reichsgründung betrauen sollen. Er meint ja auch, Bismarck habe das Zeug zum Dichter gehabt, warum dann nicht ein Kulturredakteur das Zeug zum Reichsgründer?
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 33/1998
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