SPIEGEL-GESPRÄCH
Das Glück rennt hinterher
SPIEGEL: Frau Dörrie, Sie erzählen in Ihrem neuen Buch von einer Hippie-Mutter aus Göttingen, die Mitte der Siebziger in Spanien herumgammelt, sich kaum um ihre Tochter kümmert, mit einem spießigen Familienvater eine Affäre beginnt und damit so viel Unglück anrichtet, dass die Beteiligten 30 Jahre später noch schwer daran zu tragen haben. Wollten Sie mit den Hippies abrechnen?
Dörrie: Nein, es geht mir nicht ums Abrechnen. Ich will weder die Ideen der Hippies noch die Romanfigur Ingrid verurteilen, ich will sie aber auch nicht entschuldigen. Mich interessiert die Ambivalenz. Ingrid lebt als junge Frau eine große Freiheit, und natürlich sieht sie darüber hinweg, dass die Freiheit, die sie in Anspruch nimmt, sich für ihre Tochter nicht so toll anfühlt. Aber diese Ingrid ist eben auch ein Kind ihrer Zeit. Sie ist eine alleinerziehende, unglücklich verliebte Mutter, die niemandem Böses will.
SPIEGEL: Die ihrer Tochter aber dennoch schadet. Ihre Ingrid lässt an die Verwünschungen des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq denken, der unter seiner eigenen Hippie-Mutter angeblich schwer gelitten hat. Houellebecq hat geschrieben, für ihn sei-en Hippies wie Serienkiller, weil sie die Erfüllung der eigenen Wünsche über das Gemeinwohl stellten und über alle Moral.
Dörrie: Kann sein, dass Houellebecq diese autobiografische Erfahrung hat. Ich habe die nicht. Ich bin kein Kind von Hippies und war nie ein Hippie. Ich war im Grunde nie Teil von irgendwas, ich habe mich immer als Beobachterin gefühlt. Ich war zu jung für 68 und zu jung für die Hippies. Als Schülerin in Hannover, so mit zwölf Jahren, bin ich Marxistin-Leninistin geworden, aber nur weil ich total verknallt war in einen Typen, der steinalt war: Der war schon 17 und bei der KPD/ML, bei der Kommunistischen Partei Deutschlands, Unterabteilung Marxisten-Leninisten. Als ich dann nach dem Abitur 1973 zum Studieren in die USA ging, habe ich dort sehr viel von den Nachwirkungen der Hippie-Zeit mitbekommen.
SPIEGEL: Was haben Sie dort erlebt?
Dörrie: Ich war in Kalifornien, auf der Universität in Stockton, nicht weit entfernt von San Francisco. Dort gab es viele Drogenwracks, die Überbleibsel der Hippie-Bewegung waren, und Kriegsheimkehrer aus Vietnam. Ich erinnere mich, dass in diesem wunderschönen, friedlichen College wirklich nachts Leute auf der Straße lagen und schrien wie am Spieß, weil sie gerade auf einem schlechten Trip waren. Man musste immer den Betreuer anrufen, wenn es Krach gab. Dort kam schon damals ein psychotherapeutischer Betreuer auf zehn Studenten. Ich fand das sehr befremdlich. Ich hatte noch nie einen Psychotherapeuten zu Gesicht bekommen. Ich habe das alles wie auf einer Bühne gesehen.
SPIEGEL: In Ihrem Buch beschreiben Sie das Hippie-Leben der Siebziger als absurdes Theater, in dem Ihre Helden tagsüber halbnackt am Strand von Torremolinos in der Hitze herumhüpfen, abends auf Bongos trommeln und nachts in ihre stinkenden Schlafsäcke heulen. War es wirklich so schlimm?
Dörrie: Ich war Ende der Siebziger öfter in Spanien und habe damals genau das beobachtet und mich etwa gefragt, ob die Kinder dieser Hippies so glücklich sind mit ihren Rastazöpfen und damit, dass sie sich ihren Po von morgens bis abends im Sand wundscheuern. Oft haben sich diese verwilderten kleinen Kinder auf mich gestürzt, wohl weil ich jünger war als ihre Eltern, ihre Verlorenheit hat mich sehr berührt.
SPIEGEL: Ihre Ingrid hat ihrer Roman-Tochter den typischen Hippie-Namen Apple gegeben. Sie schreiben, Kinder wie Apple würden ihren Eltern später "hauptberuflich ihr Leben von damals übelnehmen". Zu Recht?
Dörrie: Wissen Sie, ich versuche zu erzählen, nicht zu urteilen. Ich glaube, dass Eltern auf sehr unterschiedliche Weise das Leben ihrer Kinder versauen können. Was die Hippies auf ihre Art falsch gemacht haben, machen heutige Eltern vielleicht auf andere Art falsch. Ist unser Eltern-Egoismus heute wirklich besser? Verbrämen viele von uns mit ihrer großen Fürsorge für die Kinder nicht ganz eigene Interessen? Beobachten wir womöglich unsere eigenen Kinder zu sehr, versuchen wir viel zu stark, über sie zu leben, und werden ihnen damit zur Last? Diese ständige Kontrolle in den sehr kleinen Familien, in denen wir inzwischen leben, ist auch eine Form von Egozentrik. Es kann gut sein, dass unsere Kinder uns das später auch um die Ohren hauen und sagen: Mein Gott, ihr habt ja irgendwie immer nur auf uns gestarrt!
SPIEGEL: Sie schicken im Buch die altgewordenen Egozentriker der siebziger Jahre an die Costa del Sol der Gegenwart, wo sie in den dortigen deutschen Altenheimen auf ziemlich komische Art den Traum vom Lebensabend in der Sonne hassen lernen. Ist das der Beitrag zum Modethema alternde Gesellschaft?
Dörrie: Mich interessieren nicht Themen, sondern Geschichten.
SPIEGEL: Klingt sehr nach amerikanischer Schule. Wie stark hat Ihre Studienzeit in den USA Ihre Vorstellung vom Schreiben und vom filmischen Erzählen geprägt?
Dörrie: Ich hatte in Amerika ein Erweckungserlebnis. Ich kam aus Hannover, aus einer humanistisch geprägten Umgebung mit Griechisch und Latein, mein Vater hatte schon Griechisch und Latein gelernt, meine Mutter auch. In der ersten Vorlesung in Theaterwissenschaften in Stockton zog der Professor dann die "Antigone" heraus. Ich dachte sofort an die gefühlten fünf Jahre mit dieser Tragödie im Griechischunterricht: Um Gottes willen, jetzt geht das wieder los! Doch dieser Professor hat nur gesagt: Okay, Sie lesen das jetzt, und ich will von Ihnen nur eines wissen - is it a good story, yes or no? Das fand ich großartig. Das hat mich sehr befreit.
SPIEGEL: Für viele deutsche Literaturkritiker ist es ein eher nachrangiges Kriterium, ob die Geschichte, die ein Roman erzählt, nun ein Reißer ist. Die interessiert mehr die Eleganz der Sprache oder die Entwicklung von Figuren.
Dörrie: Ich finde, diese Dinge müssen etwas mit der Story zu tun haben. Selbst in der Oper interessiert mich nie die Musik allein, sondern auch die Frage: Ist es gut erzählt? In der Oper ist es fast ein Tabu zu fragen, ob "Rigoletto" oder "Don Giovanni" eine gute Geschichte erzählen. Mich würden diese Opern aber nicht interessieren, wenn nicht großartige Storys in ihnen stecken würden.
SPIEGEL: In fast allen Ihren Büchern und in Filmen von "Männer" bis "Kirschblüten - Hanami" strampeln sich Leute ab, weil sie partout glücklich sein möchten. Sie haben mal den schönen Satz gesagt: Die größte Befreiung für die Menschen bestünde darin, nicht ständig glücklich sein zu wollen.
Dörrie: Das ist so.
SPIEGEL: Warum hetzen dann auch in Ihrem neuen Werk alle Ihre Figuren diesem Glücksanspruch, den sie sich in den Kopf gesetzt haben, wie besessen hinterher - weil man ihnen diesen Anspruch nicht ausreden kann?
Dörrie: Wir alle rennen dem Glück nach, das Glück rennt hinterher. Die Suche nach dem Glück ist ein klares Indiz da-für, wie gesättigt eine Gesellschaft ist. Es gibt diese Glücks-Nationenwertungen, für die man die Bewohner sämtlicher Länder der Welt befragt, wie glücklich sie sich fühlen. In denen erkennt man, dass mehr Reichtum nicht automatisch glücklicher macht. Auch Bewohner von Ländern mit geringem Bruttosozialprodukt können sich als glücklich einschätzen. Warum? Sie haben gar nicht so viel Zeit, darüber nachzudenken, ob sie jetzt glücklich sind oder nicht. Sondern sie denken darüber nach, ob ihre Kinder und sie heute oder morgen was zu essen haben. Erst wenn unsere Grundbedürfnisse abgesichert sind, machen wir uns Gedanken darüber, ob wir eigentlich glücklich sind. Dann definieren wir uns aus dem Mangel heraus, darüber, was wir alles nicht haben. Dann sind wir plötzlich nicht jung genug, dann sind wir nicht schön genug, dann sind wir nicht schlank genug, dann kommen halt sehr, sehr viele Dinge, die
mit den Grundbedürfnissen erst mal gar nichts zu tun haben.
SPIEGEL: Die Hippies haben ihre Vorstellung vom Glück einerseits vom materiellen Reichtum abgekoppelt, andererseits haben sie den Anspruch auf Glück zum Maßstab dafür gemacht, ob das Leben gelingt oder nicht. War das der Grundirrtum?
Dörrie: Die Idee, den zu lieben, der neben mir steht, nach dem Hippie-Motto "love the one you're with", war gar nicht so schlecht. Aber die Abkopplung vom Materiellen hat nicht funktioniert. Die meisten Hippies waren gutsituierte Kinder des Mittelstandes. Die waren keine armen Schlucker. Und bei allem Hippie-Gehabe hatten sie später oft genug Geld, um sich in den Hippie-Paradiesen auch Häuser und Altenheimplätze zu kaufen. Selbst im Spanien der siebziger Jahre hatten die Hippies im Vergleich zu den Fischern viel Geld. Und wenn es nur Bafög war.
SPIEGEL: Trotz des schärferen Blicks zeichnet Ihre Bücher und Filme eine Milde aus. Sie geraten Ihnen immer zu Komödien. Fehlt Ihnen der Mut zur Tragödie?
Dörrie: Nein, ich möchte unterhalten! Nicht langweilen. Ob eher traurig oder komisch - es sind andere, die auf alles, was ich mache, immer Komödie draufschreiben. Weil sich das halt gut verkauft oder weil es ab und zu mal was zu lachen gibt. Ich habe mich dagegen immer gewehrt, auch der Film "Männer" war für mich keine Komödie. Ich würde mich solchen Bezeichnungen gern verweigern.
SPIEGEL: Warum lassen Sie Ihre Geschichten fast nie tragisch ausgehen?
Dörrie: Weil die Tragödie großes Pathos behauptet und meistens nicht der Wahrheit entspricht. Die ganz große Tragödie in der Kunst ist oft eine Einladung, sich erhaben zurückzulehnen. Deshalb begegnet man bei mir so oft dieser fatalen Mischform, die im Leben besonders schwer zu ertragen ist. Bei mir sind die Dinge immer in der Schwebe und können auch in ihrer größten Tragik durchaus komisch sein. Vielen von uns Deutschen fehlt der schwarze Humor, um diese Komik zu sehen, die Engländer zum Beispiel sind darauf einfach besser trainiert oder sogar gedrillt.
SPIEGEL: Ihr nächstes Filmprojekt ist die Verfilmung einer Erzählung des Anwalts und Bestsellerautors Ferdinand von Schirach, die ausgerechnet "Glück" heißt. Was reizt Sie an dem Stoff, außer dem Titel?
Dörrie: "Glück" hat mich sofort angesprungen, weil diese Geschichte verdreht und kompliziert ist. Es ist erst mal die tragische Story von zwei Außenseitern, die in Berlin zueinanderfinden, einem Punk und einer Prostituierten. Ihr Glück ist extrem, kippt und wird zerstört, als ein Freier tot in der Wohnung der Prostituierten liegt. Am Ende schaffen die beiden dann doch fast ein Happy End. Dabei haben sie, auch weil sie traumatisiert sind, eine sehr bescheidene und vielleicht sogar spießige Vorstellung vom Glück. O Gott, die sind glücklich, wenn sie zusammen im Zimmerchen sitzen und Abendbrot essen am gedeckten Tisch mit Messer und Gabel! So was finde ich interessant, gerade weil es von meiner Glücksvorstellung ziemlich weit weg ist.
SPIEGEL: Wie sieht die aus?
Dörrie: Hmm. Abendbrot auch ab und zu, absolut! Aber ansonsten die Fähigkeit, von einem Moment zum nächsten zu gehen und dabei zu schauen: Wie beschenkt mich dieser Moment, oder wie kann ich ihn so gestalten, dass es ein glücklicher Moment wird, nicht nur für mich, sondern auch für andere?
SPIEGEL: Das hört sich an wie aus einem dieser Glücksratgeberbücher. Kann es sein, dass Sie mit Ihren Filmen und mit Ihren Büchern auch Lebenshilfe geben?
Dörrie: Ich glaube, dazu sind meine Figuren zu widersprüchlich, als dass es so funktionieren könnte.
SPIEGEL: Der strenge Filmtheoretiker Georg Seeßlen hat Ihre Werke trotzdem mal als "Feelgood-Pharmaka" bezeichnet. Steckt darin für Sie ein Kompliment?
Dörrie: Ich hoffe jedenfalls, der Herr hat viel davon eingeschmissen. Im Ernst glaube ich, dass Kunst eine Form von Ener-gie vermitteln kann. Ich sehe keine gute Grundvoraussetzung darin, sich vorzunehmen, dass jemand meine Romane liest oder in meine Filme geht und sich danach beschissener fühlt als vorher. Ich erwarte, wenn ich ein Buch lese oder wenn ich ins Kino gehe oder in eine Ausstellung, dass ich Freude oder Begeisterung empfinde, dass ich innerlich etwas in Bewegung komme durch Gefühle, Gedanken oder auch durch Mitleiden. Und ich erhoffe mir von meinen Arbeiten, dass sie diese Art von Energie in die Welt setzen.
SPIEGEL: Was lehren Sie Ihre Studenten?
Dörrie: Ich erzähle ihnen Geschichten vom Scheitern.
SPIEGEL: Warum?
Dörrie: Gerade unter Filmemachern ist die Haltung verbreitet, total cool erscheinen zu wollen, als habe man alles im Griff. Diese Haltung lässt aber nichts entstehen. Deshalb bitte ich alle Gastdozenten, die ich in die Hochschule einlade, erst mal von ihrem Scheitern zu erzählen. Was ich meinen Studenten primär beizubringen versuche, ist das Management der eigenen Angst. Beim Filmemachen passiert vieles unvermittelt, oft ist schon am ersten Drehtag klar, ob ein Projekt hopp oder top ist. Man muss sich nackt zeigen können, wenn man inszeniert, vor den Schauspielern, vorm Team. Man muss sich trauen, sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Nur dann trauen sich die anderen auch. Deshalb versuche ich immer, am Set der allererste Depp zu sein - der, der die Spielregeln aufstellt. Jeder darf sich lächerlich machen. Daraus entsteht in der Regel sehr viel mehr, als wenn alle aus Angst heraus behaupten: Ich bin cool, ich bin super.
SPIEGEL: War es für Sie ein Akt der Selbstverwirklichung, Regisseurin zu werden und Bücher zu schreiben? War es ein Versuch, Ihr persönliches Glück zu finden?
Dörrie: Ich hätte das nie so bezeichnet, nein. Es war keine Selbstverwirklichung. Sondern der eigentlich sehr kühle Wunsch, diesen Beruf zu ergreifen.
SPIEGEL: Frau Dörrie, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
ist ein Doppeltalent. Ihre Romane und Erzählungen sind ebenso erfolgreich wie ihre Filme. Dörrie, 56, wuchs in Hannover auf und begann 1973 in den USA ein Studium, das sie in München fortsetzte. Sie wurde mit Filmen wie „Männer“ (1985), „Ich und Er“ (1988), „Keiner liebt mich“ (1994) und „Kirschblüten – Hanami“ (2008) bekannt, als Buchautorin begann sie mit der Geschichtensammlung „Liebe, Schmerz und das ganze verdammte Zeug“ (1987). Seit einigen Jahren inszeniert Dörrie auch Opern, aktuell erarbeitet sie in Hamburg Mozarts „Don Giovanni“, Premiere ist im September. Mit ihrem Roman „Alles inklusive“ (Diogenes Verlag, Zürich; 256 Seiten; 21,90 Euro) geht Dörrie im Herbst auf Lesereise.