KOLUMBIEN
Schnee von gestern
Das schwarze Pulver, das per Luftfracht aus Kolumbien in Bingen am Rhein eintraf, war als Textilveredelungsmittel deklariert. Die Absender hatten es in sechs Plastikbeutel zu 2,6 Kilo abgefüllt und beim Zoll als Natriumbenzolverbindung gemeldet, eine krebserregende und explosive chemische Substanz. So hofften sie wohl, die Inspektoren von näheren Untersuchungen abzuschrecken.
Die Beamten wurden dennoch mißtrauisch, denn der angegebene Warenwert der 15,6 Kilo schweren Sendung war weitaus geringer als die bezahlte Luftpostgebühr. Beim Labortest stellte sich heraus, daß die schwarze Chemikalie 5,8 Kilo reines Kokain enthielt.
Rauschgift wurde schon in Shampooflaschen, Spargeldosen und Autoreifen nach Europa geschmuggelt. Listige Drogenhändler versteckten es auch in Bonbons, Teddybären und Schiffsmotoren. Doch eines galt bislang als sicher: Kokain ist weiß - so weiß, daß ein simpler Farbtest normalerweise ausreicht, um die Droge zu identifizieren.
Nun ist auch diese Gewißheit Schnee von gestern. Findige Schmuggler färben das Kokain neuerdings schwarz, um die Polizei zu täuschen. Kolumbianische Chemiker mischen die Droge mit Eisenspänen oder lösen sie in dunklen Flüssigkeiten auf.
Hunde spüren das so getarnte Rauschgift nur selten auf, die Zusatzstoffe überlagern meistens den Kokaingeruch. Die Empfänger brauchen nur Aceton oder andere Lösungsmittel, um das Rauschgift aus der Trägerchemikalie zurückzugewinnen.
Der Drogenfund von Bingen ist die erste Spur von schwarzem Kokain in Deutschland. Entdeckt wurde die Sendung bereits im Februar, doch erst vor zwei Wochen gab die Polizei den Coup bekannt. "Wir wollten die Hintermänner aufspüren", begründet Peter Höding, Chef der Drogenfahndung am Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz, die Verzögerung.
Die Abholer des Luftfrachtpakets, zwei Deutsche aus Mainz, hatten vor, die Drogen zu ihren Verbindungsleuten über die Grenze nach Holland zu schaffen. Fahnder Höding: "Einer der beiden, ein gelernter Chemietechniker, plante offenbar, in seiner Wohnung ein Labor zum Weißwaschen des Rauschgifts einzurichten."
Kurz nach dem Fund von Bingen warnte die Welt-Zollorganisation in Brüssel alle europäischen Grenzstellen vor schwarzem Kokain. Bei ihren Nachforschungen stießen die Drogenfahnder auf Spuren, die bis nach Togo und Albanien führten.
In Kolumbien wurde das erste schwarze Kokain im April beschlagnahmt: Auf dem Flughafen von Bogotá entdeckte die Polizei zwei Fässer mit insgesamt 115 Kilo Rauschgift, das mit Eisenspänen versetzt und für Italien bestimmt war.
Das Kokain wurde nur entdeckt, weil die Absender ein Detail nicht bedacht hatten: Kolumbien exportiert gar keine Eisenspäne, es muß dieses Material selbst importieren. Polizeichef Rosso Serrano staunte: "Die Vorstellungskraft meiner Landsleute ist schier unerschöpflich."
In Wirklichkeit haben Kolumbiens Drogenhändler den Trick mit dem schwarzen Kokain von ihren Konkurrenten in Fernost abgekupfert: In Asien war voriges Jahr erstmals rot und rosa eingefärbtes Heroin aufgetaucht.
"Seit die großen Mafia-Organisationen zerfallen sind, suchen die Drogenhändler neue Schmuggelrouten", sagt Klaus Nyholm, Leiter des Drogenkontrollprogramms der Vereinten Nationen in Bogotá. Die mächtigen Kokain-Kartelle von Medellín und Cali existieren nicht mehr: Pablo Escobar, der gefürchtete Chef des Medellín-Kartells, starb 1993 im Kugelhagel, als die Polizei sein Versteck stürmte; und die Bosse des Cali-Kartells sitzen seit drei Jahren im Gefängnis.
* Nach einer Militäroperation in Kolumbien.
Seither ist der kolumbianische Drogenmarkt in eine Vielzahl kleiner Banden und Gruppen zersplittert. Früher kam die Koka-Paste, der Rohstoff für das Kokain, aus Peru und Bolivien. Die Kolumbianer sorgten nur für die Weiterverarbeitung und den Transport in die USA und nach Europa. Heute hat Kolumbien die Nachbarländer als wichtigstes Anbaugebiet verdrängt. Guerrilleros der Bewaffneten Revolutionären Kräfte kontrollieren riesige Koka-Plantagen im Süden des Landes. "Die Drogenmafia macht sich den Bürgerkrieg zunutze", sagt Nyholm, "in weiten Teilen des Landes ist der Staat praktisch nicht präsent."
Die neuen Bosse handeln diskreter und sind flexibler als die alten Paten. Kuriere setzen sie meistens nur für den Schmuggel von Heroin ein. Das Kokain versenden die Drogenhändler vorwiegend per Schiff oder Luftfracht. Oft lösen sie die Droge in Wein oder anderen Flüssigkeiten auf. Im April verhaftete die peruanische Polizei einen Spanier auf dem Flughafen von Lima, der sich auffällig oft kratzte. Seine Kleidung war mit Kokain imprägniert.
Einen bedeutenden Lieferanten des schwarzen Kokains in Kolumbien hat die Polizei inzwischen dingfest gemacht: Ende Mai verhaftete sie einen Chemiker in Bucaramanga, der die Droge mit Säure versetzte. Das dunkel eingefärbte Rauschgift wurde als Industriefarbstoff deklariert und nach Europa geschmuggelt.
Doch die Fahndungserfolge der Polizei stacheln die Phantasie der Drogenhändler nur weiter an. Die brasilianischen Behörden beschlagnahmten jüngst an der Grenze zu Kolumbien die erste Ladung farblosen Kokains. Die Droge war in Aceton aufgelöst und zwischen zwei Lagen Klarsichtfolie gepreßt worden, die als Schutz für Baupläne von Industrieanlagen dienten. Sie war geruchlos, resistent gegen chemische Oberflächentests und durchsichtig wie Fensterglas.