FINANZMÄRKTE
Mehr als ein Banker
Drei Tage lang warteten Anshu Jain und sein Cousin Amit in einem indischen Nationalpark auf den Tiger. Der Investmentbanker Anshu war eigens aus New York angereist, doch das Tier ließ sich nicht blicken.
Enttäuscht bestiegen die beiden Männer mit ihren Frauen den klapprigen Ambassador und fuhren aus dem Park. Plötzlich kreuzte eine der imposanten Raubkatzen ihren Weg. Die beiden kletterten auf das Dach ihres Autos, die Videokamera im Anschlag.
Anshu Jain war so begeistert, dass er vom Auto sprang. Seit Kindheitstagen schwärmt er für den verstorbenen Tigerschützer Jim Corbett. Und so jagte er, mit der Videokamera vor dem einen Auge, zu Fuß dem Tiger hinterher. Seine Frau Geetika geriet in Panik.
Nun kletterte auch Cousin Amit vom Auto. Das Dach des Ambassador, das die beiden Männer ausgebeult hatten, sprang mit einem lauten Knall in seine Ursprungsform zurück. Der Tiger verschwand mit großen Sprüngen.
Amit Jain erzählt diese zwei Jahrzehnte zurückliegende Geschichte lachend im 20. Stock eines futuristischen Glaspalastes in Delhi. Er hat wie viele Jains Karriere gemacht und leitet die indische Niederlassung des Chemiekonzerns Akzo Nobel.
Sein älterer Cousin Anshu hat es noch weiter gebracht in der Welt. Er soll im Mai Vorstandschef der Deutschen Bank werden. Zusammen mit dem Norddeutschen Jürgen Fitschen als Co-Vorstandschef wird Jain Josef Ackermann beerben.
Der Mann, der Tiger liebt, wird damit einer der mächtigsten Männer dieses Landes sein. Schon bisher war er Chef des Investmentbanking und damit für die profitträchtigsten - aber auch die umstrittensten - Geschäfte der Deutschen Bank verantwortlich. Geschäfte, die die Welt in die Finanzkrise und an den Rand des Abgrunds führten.
Seine Freunde und Verwandten zeichnen das Bild eines naturliebenden und natürlichen Mannes, bodenständig und bescheiden. Aber auch das eines hochintelligenten kühlen Analytikers. Seine Gegner sehen in ihm die Verkörperung des angloamerikanischen Finanzkapitalismus, für den nur die Rendite zählt.
Die Deutsche Bank steht nicht nur mit ihrem Namen für Deutschland. Das größte deutsche Kreditinstitut und sein Führungspersonal wurden, ob sie wollten oder nicht, immer für mehr als nur den nächsten Quartalsgewinn verantwortlich gemacht. Sie war, im Guten wie im Schlechten, immer mehr als eine Bank. Und ihre führenden Köpfe waren mehr als Banker.
Einer der Vorgänger, Hermann Josef Abs, handelte 1953 für Deutschland das Schuldenabkommen mit den internationalen Gläubigern aus. Der frühere Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen starb 1989 durch ein RAF-Attentat. Er war eine der Symbolfiguren der alten Bundesrepublik, ein politischer Kopf, der weit über die Bankenwelt hinausdachte.
Auch Ackermann ist ein gefragter Gesprächspartner der Politik, er berät wie selbstverständlich Bundeskanzlerin Angela Merkel und wirkt bei der Vorbereitung der G-20-Gipfel der wichtigsten Nationen mit. Sein Verhältnis zur Bundesregierung ist allerdings nicht ganz ungetrübt, und in der deutschen Öffentlichkeit war der Schweizer lange wenig beliebt.
Und nun kommt Jain, ein Inder aus Delhi, der in London lebt und verärgert abdreht, wenn er nach seinen Deutschkenntnissen gefragt wird. Doch seit vergangenem Jahr lernt er heimlich Deutsch, weil er sich auch auf diesen neuen Job akribisch vorbereitet.
Tatsächlich hat die Deutsche Bank zwei Gesichter, sie ist unverzichtbar für Deutschland, aber dem Land auch längst entwachsen. Ihre offizielle Unternehmenssprache ist schon seit mehr als zehn Jahren Englisch, ihre Mitarbeiter kommen aus 120 Ländern.
Jains Ernennung spiegelt die Realität einer Bank wider, die durch massive Investitionen zu einer der großen Investmentbanken der Welt aufgestiegen ist. In guten Jahren war er mit seinen fixen Händlern aus aller Herren Länder für zwei Drittel aller Gewinne verantwortlich.
Doch es gab auch schlechte Jahre. 2008 machte Jains Truppe über sieben Milliarden Euro Verlust. Damals waren es die stabilen, scheinbar langweiligen Brot- und Buttergeschäfte mit dem deutschen Mittelstand und den Privatkunden, die die Bank stabilisierten. Nur deshalb blieb die Bank ohne direkte Staatshilfe liquide.
Indirekt aber profitierte auch die Deutsche Bank von der staatlichen Stütze. Dass in Deutschland der Immobilienfinanzierer HRE und in den USA der Versicherer AIG gerettet wurden, ersparte der Bank Milliardenverluste, möglicherweise wäre sonst sogar das ganze Finanzsystem kollabiert.
Doch verglichen mit den meisten Konkurrenten steht die Deutsche Bank auch heute, mitten in der Weltfinanzkrise, gut da. In den vergangenen Wochen war die Verankerung in Deutschland ein Garant dafür, dass das Institut nicht wie viele Konkurrenten aus Italien oder Griechenland jede Nacht davor zittern muss, ob am nächsten Tag noch genug Geld da ist.
Das heißt nicht, dass die Aktivitäten der Deutschen Bank auf den Finanzmärkten als besonders solide eingeschätzt würden. Der Aktienkurs sackte seit Anfang Juli um über 40 Prozent ab - auch weil der Bank in den USA gleich mehrere Milliardenklagen drohen.
Die Deutsche Bank gehörte zu den großen Spielern auf dem US-Immobilienmarkt, bevor dieser 2007 zusammenbrach. Jain, der für die Zinsprodukte der Bank zuständig war, förderte den Aufbau nach Kräften. Insgesamt gab die Bank zwischen 2005 und 2008 strukturierte Anleihen auf Wohnungsbaukredite im Wert von 84 Milliarden Dollar heraus.
Als die Immobilienblase platzte, waren diese Papiere nicht mehr viel wert. Viele Kunden fühlen sich deshalb von der Bank getäuscht. Einige große Investoren haben bereits Klage eingereicht, weitere dürften folgen. Anfang des Monats kam die US-Hausfinanzierungsbehörde dazu, sie wirft dem Institut sowie 16 anderen Banken falsche Angaben zur Qualität von Hypothekenverbriefungen vor. Die Deutsche Bank hatte zwei halbstaatlichen Hypothekenfinanzierern Papiere im Wert von 14,2 Milliarden Dollar verkauft.
Sogar die US-Regierung klagt gegen die Deutsche Bank. Die hatte 2007 den Hypothekenfinanzierer MortgageIT übernommen, der sich mit falschen Angaben zu faulen Krediten den Zugang zu einem Regierungsprogramm erschlichen haben soll. Dem Staat soll ein Schaden von 370 Millionen Dollar entstanden sein.
Die Deutsche Bank betont, dass der größte Teil des möglichen Fehlverhaltens vor ihrem Kauf passiert sei. Jain hatte den Erwerb in der Spätphase des Immobilienbooms nach langem Zögern befürwortet, um noch höhere Marktanteile in dem scheinbar weiter boomenden US-Markt zu erobern. Heute sieht er darin einen schweren Fehler.
Die Risiken aus diesen juristischen Auseinandersetzungen sind enorm. Schadensersatz und Geldstrafen werden möglicherweise ein oder zwei Jahresgewinne in den USA ausradieren, heißt es in der Investmentbank. Aber das sei alles verkraftbar.
Der Imageschaden ist trotzdem gewaltig. Ein US-Senatsbericht führt die Deutsche Bank neben Goldman Sachs als eine der Hauptschuldigen der amerikanischen Immobilienkrise vor.
Und ausgerechnet jetzt wird die Deutsche Bank dem für all diese Geschäfte verantwortlichen obersten Investmentbanker anvertraut.
Seit Anshu Jain 1995 bei der Deutschen Bank anfing, liegt sein Arbeitsplatz in einem kleinen transparenten Glaskasten neben dem großen Handelssaal der Deutschen Bank in London. Die Tür zum Büro ist meist offen, das Geschrei der Händler schallt herein. Direkt nebenan zapfen die Banker in Pappbechern einen dünnen Kaffee mit etwas Schaum obendrauf. Hier besuchte ihn 2003 auch Angela Merkel, als sie noch nicht Bundeskanzlerin war. Sie wollte wissen, wie die Finanzmärkte funktionieren, und bekam, wie die meisten Besucher, eine kurze, scharfe Analyse.
Jain war nie Händler. Er betreute bei der Deutschen Bank immer die großen Kunden, die die Milliarden auf dem Globus hin und her bewegen. Er war es auch, der die Kontakte zu Hedgefonds-Managern wie George Soros herstellte. "Bis 1995 waren wir in dieser Liga gar nicht vertreten", sagt einer, der den rasanten Aufstieg von Jain aus der Nähe mitverfolgt hat.
Heute macht die Bank ihre besten Geschäfte mit Spekulanten wie dem Amerikaner John Paulson, der im vergangenen Jahr fünf Milliarden Dollar Gewinn erzielte. Auch die großen US-Fondsgesellschaften wie Capital Group oder Blackrock wollen ihre Investitionsideen mit jemand wie Jain diskutieren, der als brillanter Analytiker gilt. Die Deutsche Bank profitiert davon, weil diese großen Kunden letztlich große Aufträge vergeben.
Typisch die Geschichte, die Ajit Jain erzählt. Auch er ist ein Cousin von Anshu - und gleichzeitig der potentielle Nachfolger von Warren Buffett, einem der reichsten Männer der Welt, bei dessen Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway.
"Vor zehn Jahren arrangierte ich ein Treffen zwischen Anshu und meinem Boss in Omaha", sagt Ajit. Die beiden Männer hätten zu Mittag gegessen und den halben Tag miteinander geredet. Später habe Buffett ihn angerufen und von dem jungen Banker geschwärmt. "Dieser Junge wird über kurz oder lang eine Investmentbank leiten", prophezeite der alte Mann, den die Finanzwelt als das Orakel von Omaha verehrt.
Anshu hatte Buffett, der mit Coca-Cola-Aktien reich geworden ist und jetzt gerade die Bank of America mit fünf Milliarden Dollar aus einer misslichen Lage befreite, mit seinem Detailwissen zu gedeckten Schuldverschreibungen beeindruckt. "Wenn das Telefon klingelt, hoffe ich, dass es Anshu ist", soll Buffett noch gescherzt haben.
Es sind solche Kontakte, die für die Deutsche Bank, vor zehn Jahren noch ein Emporkömmling in der Welt des Investmentbanking, unbezahlbar sind. Es ist wohl vor allem Jain zu verdanken, dass das Institut zum größten Devisen- und Anleihehändler der Welt aufstieg. Der Gewinn der Investmentbank lag in den ersten sechs Monaten dieses Jahres bei fast vier Milliarden Euro.
Jain gehört deshalb mit manchmal zweistelligen Millionenbeträgen im Jahr zu den bestbezahlten Bankern der Welt. Er kassierte meist mehr als sein Chef Ackermann, der oft die Rangliste der bestbezahlten Manager in Deutschland anführt. Wer goldene Eier legt, so die eherne Regel im Investmentbanking, wird mit Geld überschüttet.
Jain seinerseits hat seine 16 000 Investmentbanker verwöhnt. Der Bonustopf war immer mit mehreren Milliarden Euro gefüllt. Einmal, 2007 war das, ließ er sogar die Rolling Stones zu einem Privatkonzert nach Barcelona einfliegen.
So etwas würde Jain heute nicht mehr machen. Die Zeiten haben sich geändert. Nun lädt er seine Großkunden und die wichtigsten Banker jedes Jahr in ein Londoner Hotel. Noch immer treten Top-Musiker auf, aber deren Namen werden wie ein Staatsgeheimnis gehütet.
Auch die Manager, die die anrüchigen Immobiliengeschäfte in den USA tätigten, gehörten jahrelang zu den bestbezahlten Bankern. Jain entließ sie, ohne zu zögern, als ihre Geschäfte der Bank und ihren Kunden um die Ohren flogen. Doch den Schaden muss nun die Bank ausbaden.
"Persönlich geht Jain ungern Risiken ein", sagt einer seiner Adjutanten. So befürwortete er gigantische Wetten auf den weiteren Aufschwung des Häusermarkts jenseits des Atlantiks. Gleichzeitig ließ Jain zu, dass ein Teil seiner Investmentbanker auf einen Zusammenbruch des US-Immobilienmarkts setzte. Darum wurde die Bank nicht ganz so stark wie viele Wettbewerber getroffen. Aber genau diese Geschäfte machen die Bank nun juristisch und moralisch angreifbar.
Persönlich, so versichern Jains Freunde in Indien und anderswo, bedeute Jain Geld nicht wirklich viel. Er wohnt immer noch mit Frau und zwei Kindern in einem relativ bescheidenen Haus in Westlondon. "Als Anshu im vergangenen März seinen 25. Hochzeitstag feierte, waren keine Berühmtheiten, sondern nur die alten Freunde aus vielen Ländern der Welt eingeladen", erzählt Madhur Singh, eine Freundin der Familie.
Jain hat die Bodenständigkeit wohl seinen Eltern zu verdanken. Sein Vater machte zwar 1955 das beste Eingangsexamen für den indischen Staatsdienst, blieb aber ein eher schlecht bezahlter Beamter. Sein Sohn fuhr mit einem öffentlichen Bus zur Schule, die allerdings eine der besten Privatschulen in Neu Delhi war.
Seinem Vater hat Jain einen BMW mit Chauffeur geschenkt. Doch der 80-Jährige will lieber selbständig zum Bridge fahren und hat sich vor kurzem, sehr zum Amüsement seiner Familie, einen Tata Nano gekauft, das billigste Auto der Welt.
Jain, ein schlanker, sportlicher Mann, isst als Veganer keine tierischen Produkte. Das sorgt bei deutschen Gesprächspartnern manchmal für Verunsicherung, "Gemüse und Pasta" beschreibt ein enger Mitarbeiter seine Essgewohnheiten.
Schon der Name weist ihn als "Jain" aus. Mahavira, der Stifter dieser asketischen Religion, predigte wie sein Zeitgenosse Buddha Gewaltlosigkeit und legte im Verhalten gegenüber Tieren sogar noch strengere Vorschriften fest. In Indien gibt es gut vier Millionen Jains, sie lehnen das Kastenwesen ab und legen bei ihren Kindern besonderen Wert auf Bildung.
Natürlich hat die Kombination Jainismus und Investmentbanker manche Journalisten zu eifrigen Recherchen getrieben. Doch es gibt im Haus der Jains keine Puja-Ecke, keinen vertrauten Familienschrein, berichten Mitglieder der Familie. Jain hat offenbar selbst bei den dreiwöchigen Heimaturlauben um die Weihnachtszeit schon seit mindestens zehn Jahren keinen Tempel mehr betreten.
Es ist wie bei vielen Familien in anderen Teilen der Welt auch. Die Religion lebt vor allem in dem Wertekanon weiter, der den Kindern vorgelebt wird. "Unsere Väter wollten, dass wir einen guten Charakter haben und diszipliniert leben", sagt Cousin Amit über die Erziehungsprinzipien in der Familie Jain. Wer als Teenager eine rote Linie überschritt, musste mit Strafe rechnen.
Jains Frau Geetika, eine Reisejournalistin und Kinderbuchautorin, fragt sich, so berichtet eine Freundin, in einem Anflug von schlechtem Gewissen manchmal, ob sie ihre Kinder nicht öfter zum Tempel der Jains oder der Sikh hätte schicken sollen. Sie ist eine Sikh und isst wie ihre Kinder Fleisch am Londoner Familientisch. Wie der Jainismus weist auch der Sikhismus das Kastenwesen und andere Diskriminierungen zurück, legt jedoch nicht so viel Wert auf die Askese.
Geetika ging nach ihrem Bachelor-Abschluss an der Universität in Delhi für ihr Master-Studium in die USA. Kurz darauf, mit 20 Jahren, folgte ihr Anshu Jain, der dann an der University of Massachusetts in Amherst seinen MBA machte.
Seit 28 Jahren lebt die Familie nun im Ausland. London ist zu ihrer zweiten Heimat geworden. Jain und seine Familie haben die britische Staatsbürgerschaft angenommen.
Doch wird Jain auch in Deutschland heimisch werden?
Jain versichert neuerdings, wie wichtig Deutschland für die Deutsche Bank ist - das ist eine seiner Lehren aus der Finanzkrise. Den Standort bezeichnet er heute als einen der größten strategischen Vorteile der Bank.
Vorsichtshalber hat ihm der Aufsichtsrat mit Jürgen Fitschen, 63, für drei Jahre einen Co-Vorstandschef zur Seite gestellt, der für die wichtigen Kontakte zur deutschen Politik und zur deutschen Öffentlichkeit zuständig sein soll. Fitschen ist ein jovialer, kommunikativer Banker alter Schule mit besten Kontakten in alle Führungsebenen des Hauses und zu vielen deutschen Vorstandschefs. Er und seine Leute haben prinzipiell ein Vetorecht, wenn es um die Einführung neuer Produkte geht. Nicht alle Dinge, die sich beispielsweise ein gewiefter Investmentbanker in London ausdenkt, passen in die Welt eines schwäbischen Mittelständlers.
"Das ist ein eingebauter und gewollter Konflikt", sagt einer von Fitschens Vertrauten. Im Idealfall seien so Fehler, die die Reputation der Bank und die Laune der Kunden beeinträchtigt hätten, vermieden worden.
Aber es bietet natürlich auch reichlich Sprengstoff. Die gegensätzlichen Positionen wurden nur dadurch gemildert, dass sich Jain und Fitschen auf einer persönlichen Ebene durchaus schätzen. Der Norddeutsche war beispielsweise lange Jahre für das Asien-Geschäft zuständig.
Natürlich war Jain, der das gewinnträchtigste Geschäft in der Bank verantwortet, meist in der stärkeren Position. Denn Fitschen konnte keine Geschäfte oder gar Profite vorweisen.
Zudem gelang es dem Investmentban-
ker vor einem guten Jahr, das wichtige
Transaktionsgeschäft in seinen Bereich zu integrieren. Der scheinbar langweilige Zahlungsverkehr, den die Bank für Unternehmen organisiert, liefert jedes Jahr viele wichtige Kontakte und knapp eine Milliarde Euro Gewinn ab. Diese Erträge schwanken nicht so stark wie die Gewinne der Händler.
Als Konsequenz aus der Finanzkrise hat Jain die Bank noch mehr auf das Geschäft im Auftrag von Großkunden fokussiert. Das ist weniger riskant als der umstrittene Handel auf eigenes Risiko und wirft trotzdem hohe Gewinne ab, wenn man wie die Deutsche Bank zu den Größten im Markt gehört.
Weil viele Wettbewerber durch die Finanzkrise ausgeschieden sind, konnte die Deutsche Bank in den Ranglisten nach oben klettern. "Wir sind die Gewinner der Konsolidierung", sagte Jain siegesgewiss bei einer Analystenkonferenz.
Es kann deshalb gut sein, dass die beiden Partner an der Spitze der Deutschen Bank eine gemeinsame Basis finden. Wenn sie sich nicht einigen, stärken sie nur den künftigen Aufsichtsratsvorsitzenden Ackermann. Und das wollen wohl beide nicht.
Der Mann, der über allem wacht, denkt im Zweifelsfall sowieso, dass er vieles besser könne als seine Nachfolger. Das Verhältnis zwischen Ackermann und Jain ist nicht das beste, seit der Schweizer nicht seinen erfolgreichen Investmentbanker, sondern den ehemaligen Bundesbank-Präsidenten Axel Weber als seinen Nachfolger favorisierte.
Vergangene Woche setzte sich Ackermann zudem erstaunlich kritisch mit den Geschäften auseinander, die Jain bisher so erfolgreich betrieb. "Die Fragen nach der Effizienz der Finanzmärkte und nach der Sinnhaftigkeit manch moderner Finanzprodukte werden immer lauter", sagte er auf einer "Handelsblatt"-Tagung. Die Bankenbranche müsse ihre gesamte Tätigkeit daraufhin prüfen, "ob wir damit unseren genuinen Aufgaben als Diener der realen Wirtschaft gerecht werden".
So viel Kritik, die ja auch Selbstkritik sein müsste, ist von Jain nicht zu erwarten. Seine Investmentbank lebt vom steten Auf und Ab der Märkte. Für ihn spiegeln die Preise an den Börsen immer noch die kollektive Weisheit der besten Gehirne der Welt wider.
Es ist noch ein großer Schritt, bis aus dem selbstbewussten Chef einer Investmentbank Mister Deutsche Bank wird. Der Aufsichtsrat hat Jain einen Fünf-Jahres-Vertrag gegeben.