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MISSBRAUCH

Die Schule hat nichts gelernt

Der Vorsitzende des Opfervereins Glasbrechen, Adrian Koerfer, 56, über Versäumnisse der Odenwaldschule beim Umgang mit Missbrauchsopfern und seine Forderung nach einer "geordneten Insolvenz" der Schule

SPIEGEL: Warum reißt Ihre Kritik an der Odenwaldschule nicht ab?

Koerfer: Weil die Schule nichts gelernt hat. Bei der Aufarbeitung des Missbrauchs und der Entschädigung der Opfer liegt die Odenwaldschule in Deutschland ganz weit hinten - sogar hinter dem, was beispielsweise im Kloster Ettal oder in anderen katholischen Institutionen gemacht wird. Die Schulleitung verweigert das Gespräch mit uns, der Trägerverein lässt uns hängen, die Lehrer haben Angst um ihren Job. Wo die Schule offen sein sollte, macht sie zu.

SPIEGEL: In dem von der Schule veröffentlichten Bericht ist die Rede von 132 Missbrauchsopfern. Sie sprechen von bis zu 500. Wie kommen Sie auf die Zahl?

Koerfer: Zum einen bekommen wir noch immer neue Meldungen von Opfern. Und dann müssen wir nur rechnen. Wir müssen von 40 Jahren Kindesmissbrauch an der Schule ausgehen, und wenn wir die Zahl der als Täter erkannten Lehrer mit der Zahl der Schüler multiplizieren, die ihnen direkt ausgeliefert waren, kommen wir auf diese Größenordnung.

SPIEGEL: Der Trägerverein hält diese Rechnung für nicht nachvollziehbar.

Koerfer: Klar, die möchten das natürlich nicht hören. Die Odenwaldschule war die bedeutendste Verbrecherschutzorganisation für Kinderschänder.

SPIEGEL: Inzwischen gibt es Berichte über zurückgehende Schülerzahlen und leerstehende Schulgebäude. Hat die Odenwaldschule noch eine Zukunft?

Koerfer: Wir wollen eine Zukunft dieser Schule. Schon allein deswegen, damit unsere Forderungen nach Entschädigung noch erfüllt werden können. Aber dafür muss sich die Schule vollkommen neu aufstellen. Das Beste wäre der Weg in eine geordnete Insolvenz.

SPIEGEL: Wie könnte das aussehen?

Koerfer: Die Insolvenz hätte den Vorteil, dass Schüler und Mitarbeiter, die gerade dort sind, die Schule nicht verlassen müssten. Die Struktur, das Führungspersonal und die Satzung der Schule müssten aber komplett ausgetauscht werden. Wichtig wäre, endlich die alte Verbindung zur Laborschule Bielefeld zu kappen, die auch den Haupttäter Becker an die Schule gebracht hat. Dann könnte man die Schule in enger Zusammenarbeit mit dem örtlichen Landrat des Kreises Bergstraße als Unternehmen führen und auch darüber nachdenken, leerstehende Häuser zu verkaufen, um endlich eine nennenswerte Summe zur Entschädigung der Missbrauchsopfer bereitstellen zu können.

DER SPIEGEL 42/2011
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