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KARRIEREN

Sitz! Platz! So ist's brav!

Das Geschäft mit Haustieren boomt. Der Hundepsychologe Martin Rütter füllt mit seinen Shows inzwischen große Hallen. Von Kühn, Alexander

Was Schnauzer denken und Doggen fühlen, meint man nach zweieinhalb Stunden selbst als Nichthundehalter einigermaßen nachempfinden zu können. Wie aber lässt sich das Verhalten der Frauen in Freiburg erklären?

Nach dem Ende der Show stehen sie im Foyer der Rothaus Arena Schlange für ein Foto mit Martin Rütter, dabei ist er doch kein Popstar, sondern Hundetrainer; seine Selbstbeschreibung lautet: "dicker Mann aus dem Fernsehen".

Sie lassen sich seine Bücher und DVDs signieren, eine Dame sogar den Unterarm. Aus dem Autogramm möchte sie ein Tattoo stechen lassen, sie jauchzt: "Ich hab Herzklopfen! So nah war ich ihm noch nie!" Manchmal stecken Verehrerinnen ihm Plüschhunde zu. Oder Selbstgebackenes für seine Retriever-Dame Mina. Rütter sagt, das alles sei ihm mittlerweile ein wenig unheimlich.

Aber gilt das nicht für seine ganze Karriere? Der 41-Jährige zählt zu den wundersamsten Erscheinungen im boomenden deutschen Tiergeschäft, das Filialketten wie Fressnapf heute Multimillionen-Umsätze beschert. In unsicheren Zeiten wie diesen bieten Hunde, Katzen, Hamster & Co. offenbar letzte Hoffnung darauf, dass es noch jemand ehrlich mit einem meint - und wenn er auch vier Beine hat. Entsprechend gepflegt werden die Untermieter. Entsprechend viel lässt man sie sich kosten.

Rütters Bühnenshow ist eine ernstzunehmende lustige Konkurrenz für Erfolgskomiker wie Mario Barth, der Hundetrainer füllt neuerdings Hallen mit Tausenden Zuschauern. Seine eigentliche Mission jedoch bleibt die friedliche Koexistenz von Mensch und Hund. Sitz. Platz. Aus.

So wurde Rütter zur Super Nanny für alles, was kläfft und beißt: Wenn er als "Der Hundeprofi" verzogene Tölen und verzweifelte Besitzer besucht, bringt er dem TV-Sender Vox hohe Quoten. Er bändigt aggressive Rüden (das weist ihn als Beschützertyp aus) und erlangt das Vertrauen verhuschter Welpen (was Frauen signalisiert: Der kann bestimmt auch gut mit Kindern!). Genügt das bereits als Erklärung für seinen Schlag beim weiblichen Publikum? Männer kämen zu seinen Auftritten meist nur ihren Partnerinnen zuliebe, sagt Rütter.

Auf der Bühne hat er keine Hunde dabei, aber viele Geschichten. Im "Der tut nix"-T-Shirt hechelt er die Spleens verhaltensauffälliger Hundebesitzer durch - für die meisten Zuschauer mit Selbsterkennungsgarantie.

Es geht um erwachsene Menschen, die zur Schonung des Hunderückens einen höhenverstellbaren Fressnapf anschaffen. Oder laut Rütter über Jahre auf Kinobesuche verzichten, um dem Tier zur gewohnten Zeit das Abendmahl zu servieren. Genüsslich weist Rütter darauf hin, dass der Hund vom Wolf abstammt, der sich auch nicht darauf verlassen kann, dass Punkt 18 Uhr ein Kaninchen um die Ecke gehoppelt kommt.

Man lernt viel. Über Menschen. "Die Hunde sind selten das Problem", sagt Rütter, der einst einen Fernlehrgang in Tierpsychologie absolviert, Praktika in Wolfszuchtstationen gemacht, in Australien Dingos beobachtet sowie Blindenhunde ausgebildet hat. 50 Hundeschulen in Deutschland arbeiten nach seiner Lehre.

Als er vor gut 15 Jahren zum ersten Mal über Hundehaltung referierte - in einer Kneipe in der Eifel, verliebt in die Details des eigenen Fachwissens -, hatte er zu Beginn des Abends sieben Zuhörer und nach der Pause noch drei. Im Lauf der Jahre ist seine Hundekunde zur Comedy mutiert, zur munteren Analyse der Hunderepublik Deutschland, in der ein Yorkshireterrier oder Pudel bisweilen besser behandelt wird als mancher Ehepartner, aber weniger Benimm hat als ein pubertierendes Kind.

Auf der Bühne steht eine Hundehütte, in der ein Kleinwagen Platz fände, der Napf hat die Dimension eines Planschbeckens. Daneben wirkt Rütter wie auf Pinscherformat geschrumpft.

Vergangenes Jahr hat RTL sein Bühnenprogramm ausgestrahlt, nächstes Jahr soll Rütter bei dem Kölner Privatsender seine eigene TV-Show mit Spielen und Quizfragen rund um den Hund bekommen. Er sagt, solange seine Kinder auf die Frage nach dem Beruf ihres Vaters "Hundetrainer" antworteten und nicht "Witzeerzähler", sei alles in Ordnung. Außerdem steht ja jeder Witz im Dienst einer höheren Sache. Rütter und sein Publikum bilden geradezu eine Glaubensgemeinschaft, vereint in der Zuversicht, dass das Leben mit Hund schöner sei als ohne. Rütters Credo: "Wir sind Hundemenschen."

Um auch eigene Unzulänglichkeiten zu offenbaren, redet er in seinem Programm immer mal wieder von seiner Mina, die trotz strengen Verbots heimlich vom Komposthaufen frisst.

Was er bislang geheim hielt: Mina ist nicht mehr. Sie starb an einem Samstag im Juli, satt und ohne Schmerzen. Zwei Leckerli, eine Spritze; eine befreundete Tierärztin erlöste die 16-Jährige von allen Beschwerden des Alters. Auf der Bühne hat Rütter das noch nicht erzählt, dort spricht er von Mina weiter im Präsens. "Ich habe Angst, dass ich sofort losheule", sagt er.

Aus Minas Asche will er sich einen Diamanten pressen lassen. Wenn es um letzte Dinge geht, darf sich vielleicht auch ein Profi einen Spleen erlauben.

DER SPIEGEL 42/2011
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