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DER SPIEGEL

FUSSBALL„Das war doch mein Bruder!“

Die Zwillinge Lars und Sven Bender, 22, über Verwechslungen, ihre erstaunlich parallel verlaufenden Karrieren und den Konkurrenzkampf in der Nationalmannschaft
SPIEGEL: Herr Bender, nervt es Sie manchmal, wenn Sie mit Ihrem Zwillingsbruder Sven verwechselt werden?
Lars Bender: Man gewöhnt sich daran. Früher bei 1860 München haben sie oft einfach nur "Bender" gerufen. Ich habe mich auch schon umgedreht, wenn jemand von der Trainerbank "Sven" gerufen hat und ich wusste: Er meint eigentlich mich.
Sven Bender: Es ist nicht immer lustig. In der B-Jugend hat mir der Schiedsrichter einmal die gelbe Karte gezeigt für ein Foul, das Lars begangen hatte. Ich habe noch gerufen: Das war doch mein Bruder! Aber es war nichts zu machen. Als ich danach wirklich mal foul spielte - mein erstes Foul in dieser Partie -, bekam ich gleich Gelb-Rot und musste vom Platz. Da war ich ziemlich bedient.
SPIEGEL: Sie haben beim TSV Brannenburg, bei der Spielvereinigung Unterhaching und dann bei 1860 München zusammen gespielt. Seit dem Wechsel in die Bundesliga vor zwei Jahren - zu Borussia Dortmund der eine, zu Bayer Leverkusen der andere - spielen und wohnen Sie erstmals getrennt. War die Umstellung hart?
Lars Bender: 80 Kilometer Entfernung gehen ja noch. Früher haben wir jeden Tag miteinander verbracht, daher müssen wir auch jetzt irgendwie immer in Kontakt bleiben. Dass wir uns mal zwei Wochen nicht sehen, das ginge nicht. Richtig schwer war die Zeit, als Sven schon in Dortmund war und bei mir der Zeitpunkt des Transfers noch nicht feststand.
Sven Bender: Lars blieb dann noch bis zum Ende der Transferperiode in München, daher waren wir fünf Wochen lang über eine große Distanz getrennt. Fünf Wochen, so lange waren wir noch nie auseinander gewesen! Für mich war es überhaupt das erste Mal, dass ich komplett allein wohnte, und dann noch weit weg von zu Hause.
SPIEGEL: Haben Sie ernsthaft erwogen, wegen der Trennung die Karrierechance Dortmund verstreichen zu lassen?
Sven Bender: Als ich das Angebot von Borussia bekam, stand fest, dass Lars spätestens ein Jahr später nach Leverkusen wechseln würde. Das hieß aber auch: Es hätte passieren können, dass wir uns ein ganzes Jahr lang kaum sehen.
Lars Bender: Aber du wusstest nicht, ob eine solche Chance wie Dortmund wiederkommen würde.
SPIEGEL: Sie haben also alle Karriereschritte gemeinsam durchdiskutiert?
Sven Bender: Tja.
SPIEGEL: So wurden Sie kurz nacheinander Bundesliga-Profis. In diesem Jahr wurden Sie beide binnen fünf Monaten Nationalspieler; schon 2008 waren Sie in Tschechien gemeinsam Europameister mit der U-19-Auswahl. Halten Sie diesen parallelen Karrierenverlauf eigentlich für Zufall?
Lars Bender: Sie meinen wegen der Gene und so?
SPIEGEL: Immerhin wurden Sie als eineiige Zwillinge mit den gleichen Erbanlagen geboren.
Lars Bender: Wir sind glücklich damit, wie es ist. Und ich bin froh, dass ich einen Zwillingsbruder habe.
SPIEGEL: Haben Sie sich nie gewünscht, dass der andere wenigstens einen anderen Beruf hat?
Sven Bender: Nein, warum? Wir haben beide unseren Traum verwirklicht. Es ist doch etwas Besonderes, dass wir beide in der höchsten Spielklasse Fußball spielen können.
Lars Bender: Für mich wäre es schlimm, wenn nur ich allein es zum Fußballprofi gebracht hätte und er nicht. Wahrscheinlich wäre ich dann auch gar nicht so weit gekommen, es hätte mich sicher gehemmt in der Entwicklung. Schließlich haben wir uns immer gegenseitig angestachelt dadurch, dass wir alles parallel gemacht haben.
Sven Bender: Immer auf Augenhöhe, auf demselben Niveau. Ist Ihnen was aufgefallen? Im ersten Bundesliga-Jahr war er mit Bayer Vierter, ich mit Borussia Fünfter. Im zweiten: er Zweiter, ich Erster.
SPIEGEL: Sie sind bereits das neunte Zwillingspaar in der Fußball-Bundesliga.
Sven Bender: Das zeigt wahrscheinlich, dass Talent vererbt wird.
SPIEGEL: Sie haben jedoch nicht einfach nur beide Fußballtalent. Sie spielen auf der gleichen Position im defensiven Mittelfeld, als Sechser, beide robust, aggressiv, zuverlässig, laufstark. Wären Sie austauschbar? Könnte der eine kurzerhand den Job des anderen in dessen Mannschaft übernehmen?
Lars Bender: Nein, dafür ist die Feinabstimmung der jeweiligen Mannschaft zu wichtig. Die tägliche Arbeit mit den Mitspielern, dem Trainer - darauf könnte man ja sonst verzichten. Da kann sich nicht einfach einer von außen in die Mannschaft stellen und drauflosspielen.
Sven Bender: Es kommt auf diesem Niveau darauf an, wie man sich in eine Mannschaft einfügt. Das geht nicht von heute auf morgen.
SPIEGEL: In der Nationalmannschaft passierte aber neulich vor dem Länderspiel gegen Polen Folgendes: Sven Bender fiel wegen Verletzung aus, und wen nominierte Joachim Löw für diese Position nach? Einfach den anderen Bender.
Sven Bender: So nach dem Motto: Da haben wir doch noch mal genau den gleichen Spieler.
Lars Bender: Ich sehe es einfach so: Es ist ein Sechser ausgefallen, und man holt einen anderen Sechser nach.
Sven Bender: Früher in München haben uns viele immer nur als Paket gesehen, wir waren einfach "die Benders".
Lars Bender: Wie in der Schule, da haben die Lehrer uns manchmal der Einfachheit halber die gleiche mündliche Note gegeben: Geben wir mal beiden 'ne Drei.
SPIEGEL: Angeblich hat Ihnen Ihr gemeinsamer Berater empfohlen, einmal getrennte Wege zu gehen.
Lars Bender: Das haben früher auch schon andere geraten. Und es stimmt, unserer persönlichen Entwicklung hat es gutgetan, dass wir in unterschiedlichen Vereinen spielen. Man will ja als eigenständige Person wahrgenommen werden. Als Doppelpack kann man sich nicht weiterentwickeln. Man muss sein eigenes Ding durchziehen.
SPIEGEL: Um dann festzustellen, dass der andere für sich das Gleiche erreicht?
Lars Bender: Ja. Sven ist zwar Deutscher Meister geworden und ich nicht. Aber wir waren dennoch beide erfolgreich, es gibt nun mal nicht zwei erste Plätze. Wir freuen uns füreinander.
SPIEGEL: Sie gehören nun beide zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft. Da könnte es passieren, dass nur einer von Ihnen nächstes Jahr zur Europameisterschaft mitfahren darf. Sind Sie erstmals Konkurrenten?
Lars Bender: Wenn nur einer von uns Europameister werden würde, wären wir einfach beide glücklich.
SPIEGEL: Wenn bei dem einen die Karriere irgendwann ins Stocken gerät, der andere aber internationale Titel abräumt, könnte sich der Gestrandete Vorwürfe machen: Er sieht, was mit seinen Anlagen möglich gewesen wäre.
Lars Bender: Es gibt aber keinen Neid zwischen uns, und bisher haben wir uns immer aneinander hochgezogen.
Sven Bender: Im Fußball kann es immer mal für einen blöd laufen, auch durch äußere Umstände, Verletzungen.
SPIEGEL: Wissen Sie eigentlich, wenn Sie den Bruder im Fernsehen spielen sehen, welchen Pass er im nächsten Moment spielen wird?
Lars Bender: Das nicht unbedingt. Aber was er fühlt.
Sven Bender: Wenn er zum Beispiel gerade ein weniger gutes Spiel gemacht hat, weiß ich genau, was er denkt. Und dass ich dann besser den Mund halte.
Von Maik Grossekathöfer und Jörg Kramer

DER SPIEGEL 43/2011
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