Lähmung des Atemzentrums
Es war von Anfang an eine dumme Idee gewesen. Sein Sohn Mutassim hatte sie gehabt, genau der, von dessen politischem Urteil er nie allzu viel gehalten hatte. Das Überraschende aber war, dass Muammar al-Gaddafi der Idee folgte: Lass uns nach Sirt gehen, hatte Mutassim vorgeschlagen, als die Familie Ende August aus Tripolis fliehen musste. Da werde sie niemand suchen oder auch nur vermuten.
Ausgerechnet Sirt, die letzte Bastion der Getreuen und Verwandten des Diktators. Das über Jahrzehnte zur Gaddafi-Metropole mit internationalem Konferenzzentrum aufgeblasene einstige Fischernest. Eine bizarre Wahl.
"Keiner hier traute dem anderen", erzählt ein Mann, der Ende vergangener Woche am westlichen Stadtrand von Sirt nach Überresten eines Freundes stochert. Wir sollen ihn Mohammed nennen und nicht fotografieren: "Die Gaddafi-Leute
hatten keinen Plan. Der Kampf ging im-
mer weiter, da keiner sich traute, einen Waffenstillstand anzubieten."
Aus abgefangenen Funksprüchen wussten die Rebellen, dass sich etwas Wichtiges im letzten verbliebenen Rückzugsgebiet der Gaddafi-Treuen befinde, dem Bezirk 2 im Westen der Stadt, nur was?
Wochenlang haben die Kämpfe angedauert, seit fünf Uhr morgens hält Mohammed Aoued am Donnerstagmorgen, dem 20. Oktober, Wache auf dem Dach des großen weißen Getreidesilos am westlichen Stadtrand von Sirt. Der 22-Jährige aus Misurata ist Mitglied der Brigade Watan, "Heimat", aber alle nennen sie nur die Pepsi-Brigade, weil ihr Hauptquartier in der ehemaligen Brausefabrik liegt.
Gegen 8.30 Uhr sieht er, wie sich Dutzende Geländewagen aus dem Bezirk 2 nähern. Und schlägt Alarm. Etwas später trifft eine von einer amerikanischen Drohne abgeschossene Rakete die ersten Wagen des Konvois. Von allen Seiten greifen Rebellen an, wagen es aber nicht, schwere Waffen einzusetzen, weil sie um ihre eigenen Kämpfer fürchten. "Ich wollte eigentlich sofort mitkämpfen", erinnert sich Aoued, "aber ich durfte nicht. Ich hatte ja bis neun Uhr Dienst." Sein Freund Siradsch al-Himali steht im Umspannwerk auf Posten, das zwischen dem Silo und den beiden Betonröhren liegt. An der Mauer des Umspannwerks kommt Gaddafis Konvoi nach ein paar hundert Metern endgültig zum Stehen. Ungefähr um elf bombardiert ein französischer Jet die wild durcheinander stehenden Wagen. Gaddafis Toyota Land Cruiser wird leicht beschädigt, er selbst habe bereits, so sein festgenommener Sicherheitschef Mansur Dau später gegenüber der "New York Times", nach diesem Angriff am Kopf geblutet.
Zu Fuß machen sich ungefähr 15 Mann, unter ihnen Gaddafi und Dau, auf den Weg vorbei an einem leerstehenden Haus zu den beiden Betonröhren, die angelegt wurden, um im Fall starker Regenfälle die Straße vor Überflutung zu schützen. Himalis Gruppe hat drei Soldaten festgenommen, von denen einer sagt, Gaddafi sei bei ihnen gewesen. Elektrisiert schwärmen die Kämpfer aus, bis sie vom anderen Ende des Tunnels Schreie hören.
Himali rennt auf sie zu und sieht sechs Kämpfer, die Gaddafi aus der Betonröhre gezerrt haben. Mohammed kommt hinterher. Umran Schaaban, ein junger Kämpfer, hat den Diktator als Erster erkannt und ihm eine Waffe abgenommen. Zunächst steht der Diktator, blutend und in einer Khaki-Kombination, stammelt, was denn los sei, ob überhaupt etwas los sei. "Er wirkte völlig desorientiert, als würde er gar nichts begreifen. Aber er stand noch", erinnert sich Mohammed. In den ersten Sekunden sei er auch nicht geschlagen, nur festgehalten worden. Sein Kopf blutet. Mohammed greift sich einen von Gaddafis braunen Socken als Andenken, Himali behält einen der schwarzen Schuhe.
Auch ein anderer von Gaddafis letzten Soldaten hatte Minuten zuvor aus der Entfernung gerufen: "Lasst mich etwas sagen, lasst mich sprechen: Gaddafi ist im Konvoi!" So erinnert sich Uthman al-Rais, ebenfalls von der Watan-Brigade, der Gaddafis Tasche durchsucht: "Er hatte komische Sachen bei sich, außer Datteln und Neun-Millimeter-Patronen auch Make-up, Cremes, Autoschlüssel und Zettelchen mit magischen Formeln." Gaddafi war bekannt dafür, dass er an Wahrsagerei glaubte. Unter den Toten seines letzten Aufgebots in Sirt sollen zwei Magier aus dem Sudan und Tschad gewesen sein, und in sein Haar hatte er ein "Ihdschab" geknotet, ein Amulett, geformt aus Papier, Blut und allerlei, daran erinnern sich sowohl die Kämpfer der Watan-Brigade als auch der Arzt, der ihn in Misurata als Erster untersuchte.
Während immer mehr Kämpfer gelaufen kommen, wie wild in die Luft ballern und "Allahu akbar" schreien, trifft Gaddafi ein Bauchschuss. "Woher der kam? Keine Ahnung, aber da begann er zu bluten", sagt Mohammed Aoued: "Wir versuchten, eine Menschenkette zu bilden", beteuert er, "aber die Menge der Kämpfer wurde immer aggressiver, außerdem kamen immer mehr angerannt, die übers Funkgerät hörten, dass wir Gaddafi gefangen hatten. Wir hätten ihn schützen sollen. Aber ihr müsst verstehen: Viele der Kämpfer haben Freunde, Verwandte verloren, sind selbst verwundet worden und waren außer sich."
Auf Handy-Bildern ist einer der Rebellen zu sehen, wie er dem Diktator einen Stock in den After stößt und sich ein dunkler Fleck auf der Khakihose ausbreitet.
Ob das ein eher symbolischer Akt war oder der Mann ihm tatsächlich den Stock in den Anus rammen konnte, bleibt ungeklärt. Die Übergangsregierung in Tripolis nimmt den Vorfall ernst genug, um ihn untersuchen zu lassen. "Das hätte man nicht tun sollen", sagt einer der Kämpfer der Watan-Brigade in Misurata, ein anderer nickt etwas betreten.
Gaddafi wird auf die Motorhaube eines Pick-ups gehievt, rutscht wieder herunter, wird auf die Ladefläche geschoben, blutet immer stärker, versucht aber noch zu sprechen. Nach "ungefähr einer Viertelstunde", so schätzt Aoued, kommt ein Krankenwagen. Ein Kamerad von ihm hilft dabei, Gaddafi hineinzuwuchten, und fährt mit: "Er atmete immer flacher, hat zweimal das Bewusstsein ganz verloren. Der Arzt im Wagen meinte, er werde sterben." Als der Krankenwagen kurz darauf einen Unfall hat, wird der Sterbende umgeladen in eine zweite Ambulanz, die wenig später von einer Reifenpanne gestoppt wird. Aber da ist Gaddafi schon tot. Erst der dritte Wagen bringt ihn schließlich nach Misurata. Zu Dr. Abu Bakr Traina.
Eine runde Sache sei das jetzt, mit ihm und dem Diktator, setzt Misuratas kommissarischer oberster Amtsarzt an zu seinen Begegnungen mit der Allmacht: "Ich habe Gaddafi dreimal getroffen. Das erste Mal am 19. Oktober 1970, ich war Oberschüler, und er erklärte uns, dass er Libyen befreien werde. Das zweite Mal vor 20 Jahren, als unser Ärztekomitee ihn besuchte. Aber er schaute nur angestrengt in die Luft, um uns zu zeigen, wie unwichtig wir seien. Ja, und das dritte Mal", ein feines Lächeln bahnt die Pointe an, "habe ich ihm nun den Totenschein ausgestellt." Er untersuchte ihn gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Hassan und wundert sich noch Tage später über die eigene Überraschtheit: "Irgendwie hatte ich ihn mir viel größer vorgestellt, so übermächtig er uns das ganze Leben hindurch erschien. Aber er war klein und zierlich."
Mit der Nüchternheit eines Naturwissenschaftlers erörtert Dr. Traina die Details der Leichenschau: "Die Leiche war interessant. Überrascht hat mich zunächst, dass der Mann keine Unterhose trug und seine Khakihose nur einen Gummizug hatte. Gaddafi hatte das verlebte Gesicht eines 69-Jährigen, aber den Oberkörper eines 40-Jährigen, kaum Falten, flacher Bauch. Und kaum Körperbehaarung, wir haben dann Proben vom Kopf und von den Schamhaaren genommen zur DNA-Bestimmung."
Äußerlich sei Gaddafis Leichnam in besserem Zustand gewesen als erwartet: "Ich dachte, er sei bestimmt furchtbar zugerichtet mit schweren Hämatomen, Brüchen, Wunden. Ich dachte, er sei totgeschlagen worden. Aber als wir ihn vom Blut gereinigt hatten, sah ich kaum blaue Flecken, auch Rippenbrüche konnte ich keine ertasten. Selbst die Bauchhöhle war nach dem Schuss nicht voller Blut gelaufen."
Gestorben sei er an seiner Kopfverletzung, "aber ob das eine Kugel war oder ein Schrapnell, wissen wir nicht, denn die Eintrittswunde in der Stirn ist ziemlich klein, nur die Austrittswunde an der Schläfe etwas größer, und das Geschoss selbst ist verschwunden." Nach allem, was er gesehen habe, sei Gaddafi an einem akuten subduralen Hämatom gestorben: "Der Druck durch das auslaufende Blut im Schädel wurde immer größer, bis es zu einer sogenannten Herniation kam, einer Einklemmung von Gehirnteilen mit einer anschließenden Lähmung des Atemzentrums." Er verstehe, dass man gern wissen möchte, woher das tödliche Geschoss gekommen sei, doch sei er skeptisch: "Der offizielle Obduktionsbericht von den Ärzten aus Tripolis wird demnächst veröffentlicht, aber ohne das Fragment können die auch nicht viel mehr sagen."
Fazit: Viele der Rebellen hätten nichts dagegen gehabt, Gaddafi zu töten, sie haben auf ihn geschossen, ihn geschlagen - aber ob sie für seinen Tod verantwortlich sind, bleibt fraglich. Immer mehr Kämpfer präsentieren in den Tagen danach stolz angebliche Kleidungsstücke Gaddafis, bald kursieren mindestens zwei Fellmützen, Uniformkäppis, Jacken. Hätte der Diktator all dies dabeigehabt, er hätte mit einem Reisekoffer in den Tunnel kriechen müssen. Auch die weltweit verbreitete Behauptung des Rebellenkämpfers Sanad al-Sadigh al-Aribi, er habe Gaddafi im Laufen gestellt und dann erschossen, erzürnt jene, die tatsächlich dabei waren: "Aribi kam doch erst, als Gaddafi bereits im Krankenwagen lag. Er hat ihm den goldenen Ring geklaut, aber ansonsten nichts mit der Festnahme zu tun", ärgert sich Uthman al-Rais, der Gaddafis Tasche durchsucht hatte.
Was sich in den Tagen danach entspinnt, ist das Missverständnis zweier Welten: Pflichtschuldig erklärt der libysche Übergangsrat für die Weltöffentlichkeit ein ums andere Mal, dass es viel besser gewesen wäre, Gaddafi vor ein ordentliches Gericht zu stellen. Doch die Sorge der meisten Libyer gilt nicht rechtsstaatlichen Regeln, sondern der bangen Frage, ob der allmächtige Diktator überhaupt tot sei. Das ist einer der Gründe, die Leiche in einem Kühlraum zur Schau zu stellen, bis sie sichtbar zu verwesen beginnt. Selbst hochrangige Politiker, die alle wiederholen, dass es besser gewesen wäre, ihn vor Gericht zu stellen, sagen: "Gott sei Dank ist er tot!" Sie wollen nur nicht zitiert werden damit.
Vier Tage lang werden die Leichen Gaddafis, seines Sohnes Mutassim und seines langjährigen Verteidigungsministers Abu Bakr Junis Dschabir in Misurata zur Schau gestellt, Gaddafi erst halbnackt, nach seiner Autopsie bis zum Hals verhüllt, um nicht zu zeigen, wie er vom Ohr bis zum Bauchnabel erst aufgeschnitten und dann wieder zugenäht worden ist.
Eigentlich werden im islamischen Kulturkreis auch die Leichen getöteter Feinde ihren Familien übergeben. Angeblich haben Gaddafis Verwandte genau das gefordert, doch der Übergangsrat entschied vorigen Montag, dass die drei an einem geheim gehaltenen Ort in der Wüste südlich von Misurata vergraben werden.
In seinem Heimatdorf im Wadi Dscharaf etwa 30 Kilometer südlich von Sirt schauen die Männer misstrauisch auf jedes fremde Auto, das vor ihrer Moschee hält. Sie haben Angst. Denn nun sind sie von Günstlingen zu Gejagten geworden, die Rebellen haben Autos beschlagnahmt, die Nato hat das Umspannwerk bombardiert, und ein alter Erdölingenieur, auch er will nur Mohammed genannt werden, sagt spöttisch: "So wollte die Nato also Zivilisten schützen." Das Telefonnetz ist tot, es gab monatelang kein Gas, keinen Strom, "also, wenn wir Kriminelle sind, weil wir Gaddafi unterstützt haben - wie viel besser sind diese Rebellen, wenn sie hier alles zerstören?"
Der Geburtsort Gaddafis, ein schmuckloser Raum inmitten eines Hofes, sieht aus wie eine Baustelle. Drei frisch gemauerte Einfassungen am Rand einer vier Meter langen, frisch ausgehobenen Grube stehen leer. Schlicht, grau, einen halben Meter hoch, und daneben ist noch viel Platz: "Die hatten mit mehr Leichen gerechnet", erklärt Mohammed, "aber nun haben sie gar keine bekommen." Muammar sollte ganz links unterkommen, dann die Söhne und andere.
Doch leer sind nicht nur diese Gräber. Ein paar Kilometer weiter nördlich, in einer marmorgetäfelten Moschee im Sirter Bezirk 60, waren Gaddafis Mutter, Großmutter und zwei Cousins bestattet, gestorben schon vor Jahren und Jahrzehnten. Doch die Gräber sind aufgehackt und die Überreste der Leichen verschleppt worden. An der Wand darüber haben die Rebellen ein Graffito hinterlassen, um keine Zweifel aufkommen zu lassen, wer hier war: "Komitee zur Vernichtung unwürdiger Gräber". ◆