RECHTSTERRORISMUS
Codewort 19 Uhr
Der Verfassungsschutz hatte über einen V-Mann direkten Kontakt zu einem der untergetauchten thüringischen Neonazi-Terroristen. Im März 1999, mehr als ein Jahr nach seinem Verschwinden, meldete sich Uwe Böhnhardt bei dem rechtsextremen Aktivisten Tino Brandt, den das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz damals unter dem Decknamen "Otto" als Quelle führte. In einem Telefonat am 8. März 1999 gegen 18 Uhr bat Böhnhardt den V-Mann um Hilfe. Außerdem beschwerte sich der untergetauchte Rechtsextremist über die Unzuverlässigkeit anderer Helfer. So sei der Jenaer Neonazi André K. ein "Kameradenschwein", schimpfte Böhnhardt, weil von dem Geld, das für das Trio gesammelt worden sei, nur ein Bruchteil in der Illegalität angekommen sei. In dem Gespräch bot Tino Brandt den Neonazis offenbar auch weitere Hilfe bei der Beschaffung von Pässen an. Laut einem geheimen Gesprächsprotokoll des V-Manns soll Böhnhardt allerdings geantwortet haben, die Gruppe verfüge bereits über Pässe.
Böhnhardt avisierte dem V-Mann zudem den Anruf des Szene-Rechtsanwalts Hans-Günter Eisenecker, damals Bundesvize der NPD, Landesvorsitzender in Mecklenburg-Vorpommern und NPD-Justitiar. Wenn Eisenecker das Codewort "19 Uhr" benutze, solle Brandt umgehend einen anderen Unterstützer, Ralf Wohlleben, benachrichtigen. Unklar ist, warum es den Verfassungsschützern damals nicht gelang, Böhnhardt dingfest zu machen. Offenbar hatten es die Geheimen versäumt, eine Telefonüberwachung bei ihrem V-Mann einzurichten. Der berichtete den Verfassungsschützern seinerzeit zwar von dem Gespräch, aber mit zeitlicher Verzögerung - Böhnhardt blieb verschwunden. Im darauffolgenden Jahr sollen die Neonazis ihre Mordserie gestartet haben.
Auf einer in Zwickau sichergestellten Festplatte entdeckten die Ermittler inzwischen ein 2002 oder früher erstelltes DIN-A4-Flugblatt, mit dem der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) offenbar um Mitstreiter werben wollte. Die Gruppe verfüge zwar nicht über eine Kontaktadresse, sei aber für Kameraden, die den Kampf unterstützen wollten, "erreichbar", heißt es darin. Das Flugblatt endet mit der Parole "Sieg oder Tod" und passt zu einem 2001 erstellten, aufwendig produzierten Propagandavideo, in dem sich die Gruppe zu vier Morden und einem Sprengstoffanschlag auf ein iranisches Lebensmittelgeschäft in Köln bekennt.
Auch zu einem weiteren Mord an einem Kleinunternehmer in München im Juni 2005 gibt es neue Erkenntnisse. Die Fahnder hatten seinerzeit die Daten aller Mobilfunkzellen der Umgebung gesichert und stießen jetzt auf eine Übereinstimmung: Eines der Handys, das von dem Trio genutzt wurde, war zum Zeitpunkt des Mordes in Tatortnähe eingeloggt.
Screenshots aus Propagandavideo
V-Mann Brandt (Kreis)
SASCHA FROMM / THUERINGER ALLGEMEINE