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NIGERIA

Hafen für Dschihadisten

Die Terrorgruppe Boko Haram, die an Weihnachten einen Selbstmordanschlag auf Christen verübte, ist Teil eines Qaida-Netzwerks, das bis nach Somalia reicht. Von Knaup, Horand

Es war kurz vor acht Uhr morgens, als der goldfarbene Toyota auf das Gelände der Kirche St. Theresa am Stadtrand von Abuja rollte. Hunderte Gläubige hatten gerade das Gotteshaus verlassen. Der Fahrer des Toyota ignorierte die Zeichen der Wächter am Tor und fuhr einfach weiter. Dann gab er Gas und steuerte direkt in die Menge.

Augenblicke später war überall Blut, Leichen und abgerissene Körperteile lagen herum, zurück blieben verkohlte Bäume und ein metertiefer Krater im Sand: Nach offiziellen Angaben starben mindestens 27 Menschen bei dem Anschlag am Weihnachtssonntag. Vermutlich, so sagen Augenzeugen, waren es viel, viel mehr.

Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas, hat im Kampf um die Aussöhnung von Muslimen und Christen einen schweren Rückschlag erlitten. Präsident Goodluck Jonathan, ein Christ, brauchte lange, länger als der Papst und die britische Regierung, um dafür Worte zu finden: "Ein hässlicher Vorfall", sagte er schließlich.

Die Täter bekannten sich kurz danach selbst: Die islamistische Gruppe Boko Haram hatte das Selbstmordkommando zu verantworten. Es sollte Christen töten und die Regierung bloßstellen. Und es gab nicht nur diese Bombe, allein 2011 starben bei Anschlägen und Überfällen der Gruppe bis zu 600 Menschen.

Vor wenigen Jahren waren die Kämpfer aus dem Nordosten noch mit vergifteten Pfeilen und Macheten gegen die Polizei vorgegangen, Mitte 2009 schienen sie am Ende zu sein. Inzwischen aber haben sie sich reorganisiert. Und sie haben Anschluss an das globale Terrornetzwerk gefunden. Ein Netz, das die Schabab-Milizen in Somalia, militante Gruppen in Pakistan sowie die Qaida in der Sahara umfasst.

Im September hatte der Chef der US-Truppen in Afrika, General Carter F. Ham, gewarnt: "Wenn wir nichts tun, entsteht da ein Netzwerk, von Ostafrika bis in den Sahel und Maghreb." Tatsächlich aber existiert es längst. Es reicht von Somalia am Indischen Ozean bis nach Mauretanien am Atlantik.

Vor allem in der menschenleeren Sahara und im angrenzenden Sahel haben die Terroristen ein ideales Rückzugsgebiet gefunden. Die Region, größer als die USA, ist weitgehend unkontrolliert, Staaten wie Mauretanien, Mali, Niger und Algerien sind arm, schwach und korrupt. Hier treffen Anhänger der "Qaida im Islamischen Maghreb" (AQMI) auf Waffen- und Drogenschmuggler und verbünden sich bei Bedarf auch mit Tuareg-Nomaden.

Die AQMI-Kämpfer gingen vor fünf Jahren aus der algerischen "Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf" hervor. Ihre Anhänger - etwa 400 sollen es sein - sind nur schwer zu fassen, sie bewegen sich geschmeidig in den Stein- und Sandwüsten Malis und Mauretaniens.

Neben Schmuggelgeschäften hat sich das Entführungsgewerbe zu ihrer einträglichsten Einkommensquelle entwickelt: AQMI soll seit 2005 rund 65 Millionen Dollar an Lösegeldern eingenommen haben. Zurzeit halten die Kämpfer 13 Geiseln aus sechs Ländern fest, zuletzt wurden bei zwei Überfällen Ende November fünf Weiße in Mali gekidnappt.

Mit dieser Art des Kampfes hatte die nigerianische Boko-Haram-Gruppe lange nichts zu tun. Gegründet wurde sie etwa Mitte der neunziger Jahre nahe der Millionenstadt Maiduguri im armen Nordosten des Landes. Vor rund zehn Jahren übernahm Mohammed Yusuf, ein Anhänger der Scharia, die Führung.

Von den Öleinnahmen des christlichen Südens ist in Maiduguri, außer in den Taschen des Gouverneurs und seiner Helfershelfer, nie etwas angekommen. Hinzu kommen Arbeitslosigkeit, Korruption und eine Polizei, die erst schießt und dann fragt.

"Diese Missstände haben zu Sympathie unter der lokalen muslimischen Bevölkerung geführt, trotz der Gewalttaten von Boko Haram", heißt es in einem gerade veröffentlichten Bericht des US-Repräsentantenhauses.

Yusuf schuf in den ersten Jahren einen Staat im Staate, mit eigenen Steuern, eigenem Gesundheitssystem und eigener Polizei. Im Juli 2009 stürmten Hunderte Boko-Haram-Anhänger die Gefängnisse und Polizeiposten von Maiduguri, die Regierung in Abuja entsandte Spezialeinheiten.

Es gibt Videoaufnahmen aus jener Zeit, die zeigen, wie Uniformierte mutmaßliche Sektenmitglieder von einem Pick-up zerren und auf der Stelle erschießen.

Auch von Yusuf gibt es Bilder nach seiner Verhaftung, beim Verhör auf der Polizeistation. Kurz darauf lag er, erkennbar gefoltert, erschossen auf der Straße. Offiziell war von 700 Toten die Rede, Augenzeugen sprachen von mehreren tausend Opfern, von Exekutionen und nächtlich ausgehobenen Massengräbern.

Von da an hatte die Gruppe mehr Zulauf denn je. Und Boko Haram wandelte sich von einer regionalen Sekte zu einer Terrorgruppe, die sich als Teil des globalen islamistischen Netzwerks versteht.

Experten war schon vor über einem halben Jahr aufgefallen, dass sich im Selbstverständnis der Terroristen etwas geändert hatte. Damals, am Morgen des 16. Juni, steuerte der 35-jährige Mohammed Manga, Händler und Vater von fünf Kindern, einen Honda Accord in das Polizeihauptquartier von Abuja. Er löste den Zünder und riss drei Unschuldige mit in den Tod. Kurz darauf jagte sich ein Attentäter im Uno-Hauptquartier in Abuja in die Luft, rund zwei Dutzend Menschen starben. Zum ersten Mal fiel die Gruppe mit fast simultanen Selbstmordattentaten auf, das war neu.

Schon die Entführung eines Briten und eines Italieners, Mitarbeiter einer Baufirma im Nordwesten Nigerias, im Mai hatte nicht der traditionellen Vorgehensweise von Boko Haram entsprochen. Im August tauchte dann ein Video der beiden Entführten auf, sie waren Gefangene von AQMI.

Französische Geheimdienste hatten die Verbindungen beider Gruppen schon früh bemerkt. "Die Franzosen glauben, dass AQMI aktiv versucht, seinen Einflussbereich zu erweitern und offensichtlich in direktem Kontakt mit den Extremisten von Boko Haram steht", warnte die US-Botschaft in Paris im Februar 2010 in einer Depesche nach Washington.

Im Juni 2010 dann räumte AQMI-Führer Abdelmalek Droukdel ein, dass seine Gruppe Boko Haram mit Waffen unterstütze. Der Austausch ist rege: Die Nigerianer sollen auch in somalischen Trainingscamps der Schabab-Milizen gewesen sein. AQMI-Kader wiederum, so heißt es, hätten Experten zur Schulung im Umgang mit Bomben nach Nigeria entsandt.

"Ohne eine sinnvolle Politik", sagt Jerôme Spinoza, Leiter des Afrikabüros im französischen Verteidigungsministerium, "könnte die Region bald zu einem sicheren Hafen für Dschihadisten werden." Hinzu kommt, dass AQMI in den Besitz von großen Waffenarsenalen gekommen sein soll, die in den Endtagen Gaddafis in die Sahelzone geschafft wurden.

Die Nigerianer selbst haben die von Boko Haram ausgehende Gefahr lange unterschätzt. Noch Anfang 2010 attestierte ein hoher Geheimdienstmann der Gruppe "mangelnde organisatorische Fähigkeiten". Sie seien nicht in der Lage, "ausländische Interessen zu gefährden".

Als im Juni dann erstmals auch die Hauptstadt Abuja zum Angriffsziel wurde, verkündete ein hilfloser Präsident, die Regierung werde die Bombenleger vor Gericht bringen. Bei diesen Ankündigungen ist es geblieben. Schlimmer noch, es sieht sogar so aus, als ob die Gruppe hochrangige politische Unterstützung hatte. Im November wurde ein Senator verhaftet. Er soll mit Boko Haram in Kontakt gestanden haben.

Manche halten nach den jüngsten Attentaten sogar eine Spaltung des Landes für möglich. Der Generalsekretär der christlichen Kirchen im Norden des Landes rief bereits zur Selbstverteidigung auf. "Es reicht. Wir fürchten, dass die Lage in einen Religionskrieg ausartet." Das dürfte das geeinte Nigeria dann nicht überleben.

DER SPIEGEL 1/2012
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