BILDUNG
Junge Linien, alte Türme
Die Balken verfolgen ihn jeden Tag. Frühmorgens, wenn er zur Arbeit fährt, natürlich tagsüber und dann auch noch nachts, wenn er sich schlafen legt. Immer diese verdammten Balken. Frank Haubitz, der Leiter des Gymnasiums Klotzsche in Dresden, fährt den Laptop hoch, und da sind sie: flache Balken am linken Bildschirmrand, hohe am rechten. "Bald platzen sie", sagt Haubitz, "dann fliegt uns der ganze Laden hier um die Ohren."
Das Gymnasium Klotzsche ist eine der erfolgreichsten Schulen Sachsens. Als Haubitz vor 21 Jahren seinen Job antrat, war er der drittjüngste Lehrer im Kollegium. Zwei Jahrzehnte später gehört er immer noch zu den Jüngeren. Und genau das ist das Problem.
Die Balken auf Haubitz' Rechner beschreiben die Altersverteilung in der sächsischen Lehrerschaft. Die Gruppe der Jungpädagogen wird von Linien markiert, die so flach sind, dass sie neben den Türmen der Alten fast verschwinden. Nur etwa vier Prozent der Lehrer in Sachsen sind jünger als 35. Viele gehen in den kommenden Jahren in Rente, ohne dass Nachfolger in Sicht wären. "Wir rasen mit 200 Stundenkilometern gegen eine Wand. Und die Staatsregierung verschließt die Augen", sagt Haubitz.
Dabei sonnt sich Sachsen seit Jahren als Musterland der Bildung, als Spitzenreiter beim deutschen Bildungsmonitor und Pisa-Champion. Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) preist überall in Deutschland den Erfolg seines Schulsystems. Kleine Klassen, engagierte Lehrer - im Südosten scheint alles besser zu laufen als im Rest der Republik. Doch diese Zeiten sind in Wahrheit vorbei. Sachsen ist dabei, seinen Bildungsvorsprung zu verspielen.
Ausgerechnet dem Pisa-Siegerland gehen die Lehrer aus. Allein in den kommenden acht Jahren scheidet ein Viertel der sächsischen Pädagogen altersbedingt aus dem Schuldienst aus. Bis 2030 erhöht sich der Anteil auf etwa 75 Prozent. In den westdeutschen Pisa-Spitzenländern Baden-Württemberg und Bayern sind die über 50-Jährigen hingegen in der Minderheit (siehe Grafik). Die sächsische Regierung hat es versäumt, sich rechtzeitig um Ersatz zu bemühen. "Es ist zehn nach zwölf", sagt Schulleiter Haubitz.
Schon jetzt lässt sich an manchen Schulen im Freistaat der Unterricht kaum noch aufrechterhalten. Eltern und Direktoren berichten von massivem Stundenausfall. Lehrer monieren, sie seien oft gezwungen, zwei Klassen zeitgleich zu unterrichten. Wahlfächer werden gestrichen, Ganztagsangebote eingestellt. Auch die erfolgreiche Kooperation zwischen sächsischen Schulen und Kindergärten wurde auf ein Minimum zurückgefahren.
Besonders schlimm ist die Lage an Grundschulen: Viertklässler sitzen tagelang in ersten Klassen. Inzwischen werden Gymnasiallehrer abgestellt, um Ausfälle an Grund- und Mittelschulen zu kompensieren. In Chemnitz haben Eltern eine Task-Force gegründet, um kranke Lehrer zu ersetzen. Zwar lag im vergangenen Schuljahr der Anteil der ausgefallenen Unterrichtsstunden in Sachsen mit 3,9 Prozent unter dem vieler anderer Bundesländer, doch halten Bildungsexperten diese Statistik für geschönt.
Wie dramatisch die Situation ist, zeigt sich auch daran, dass die Regierung inzwischen aus dem eigenen Lager beschossen wird. "In Sachsen wird ein funktionierendes Bildungssystem mutwillig ruiniert", sagt Thomas Colditz, der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag. Seinem eigenen Kultusminister Roland Wöller wirft er "eklatantes Versagen" vor. Der Minister sehe tatenlos zu, wie die sächsischen Schulen an der Sparwut der Regierung zugrunde gingen: "Wir versündigen uns an den Bürgern. Sachsen kann sich eine solche Regierung nicht länger leisten."
Ein Maßnahmenkatalog ("Bildungspaket Sachsen 2020"), der kurz vor Weihnachten mit großen Worten vorgestellt wurde, ist nach Ansicht von Bildungsexperten ebenfalls nicht geeignet, dem Lehrermangel entgegenzuwirken. Zwar verspricht Kultusminister Wöller, neue Lehramtsstudienplätze zu schaffen und neue Lehrer einzustellen. Allerdings bedeutend weniger als erwartet - und benötigt.
Wöller selbst hatte verkündet, Sachsen müsse im kommenden Schuljahr mindestens 700 und bis 2020 gar 8000 Lehrer ersetzen. Doch davon will er nun nichts mehr wissen. Lediglich 400 Stellen sollen im kommenden Schuljahr und 1800 weitere bis 2016 geschaffen werden.
Was CDU-Fraktionschef Steffen Flath als "ehrgeiziges Paket" für ein "erstklassiges Schulsystem" feiert, ist nicht mehr als das Ergebnis eines schmerzhaften Kompromisses mit dem sächsischen Finanzminister, der sich mit Blick auf den Haushalt bis zuletzt gegen weitere Ausgaben gesperrt hatte. Von einem "Armutszeugnis" spricht CDU-Mann Colditz: "Wir betrügen unsere Wähler."
Viele Eltern sind nicht länger bereit, die Einschnitte an den Schulen hinzunehmen. Manuela König, eine Mutter aus Chemnitz, hat aus Zorn über die Sparpläne der Regierung eine Demonstration vor dem Kultusministerium organisiert und Schüler in Sachsen aufgefordert, Protestbilder einzureichen. Mehr als 2000 Zeichnungen und Illustrationen hat sie an das Ministerium übergeben. Und das sei längst nicht das Ende, sagt sie: "Wir kämpfen weiter, bis die Regierung einlenkt."