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DER SPIEGEL

GESCHICHTESchwache Stimme

Hans-Peter Goldberg, 55, Bismarck-Experte, über die Entdeckung einer Tonaufnahme von 1889 mit der Stimme des damaligen Reichskanzlers Otto von Bismarck
SPIEGEL: Das Organ Bismarcks klingt überraschend tief. Bislang schrieben Historiker immer, der schwergewichtige Hüne habe eine hohe Stimme gehabt. Woher stammt diese Version?
Goldberg: Ein Reichstagsstenograf, ein gewisser Herr Schmidt, hat 1888 einen Band mit Bismarck-Anekdoten veröffentlicht. Darin behauptet er, aus dem "colossalen Manne" habe eine "fast frauenhaft schwache Stimme" gesprochen. Und dann gibt es die Erinnerungen des Diplomaten Arthur von Brauer, eines langjährigen Mitarbeiters Bismarcks. Er berichtet, dessen Stimme habe einen "hohen, beinahe Fistelklang" gehabt.
SPIEGEL: Haben die beiden gelogen?
Goldberg: Nein, die beiden sind glaubwürdig. Während der jetzt gefundenen Aufnahme war der Kanzler offenkundig entspannt. Stimmen klingen ja oft anders, wenn jemand erregt ist und vor Publikum spricht. Und Bismarck hat selbst darüber geklagt, seine Stimme sei schwach und andere würden sich beschweren, dass er nicht zu verstehen sei. Von dem Abgeordneten Eduard Lasker wissen wir, dass einige Parlamentarier um Bismarck einen Kreis bildeten, wenn dieser sprach. Dabei war die Akustik des Reichstags ausgezeichnet.
SPIEGEL: Experten streiten, ob Bismarck ein großer Redner gewesen sei. Spielt die Tonlage seiner Stimme in dieser Diskussion eine Rolle?
Goldberg: Nein, seine Reden wurden von den meisten Zeitgenossen nicht gehört, sondern in den Zeitungen gelesen.

DER SPIEGEL 6/2012
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