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Drei Tage nachdem er bei "Günther Jauch" wieder mal rumgerüpelt und ein Verbot der Linkspartei gefordert hat, steht Alexander Dobrindt im Foyer der Münchner CSU-Zentrale und möchte zeigen, wie modern und weltoffen er und seine Partei in Wahrheit sind.
"Sie sehen, der Pförtner sitzt nicht mehr hinter Panzerglas", sagt Dobrindt. "Habe ich veranlasst." Er schaut zum Ausgang. "Die Drehtür ist auch weg. Wir haben im Eingangsbereich keine Schleusensituation mehr." Er öffnet die Tür, die keine Drehtür mehr ist, und tritt auf den Hof. Wie er jetzt dasteht, mit schmaler Krawatte im schwarzen, enggeschnittenen Dreiteiler und sich die neue Designerbrille mit dem Schriftzug "KRASS" zurechtrückt, ähnelt er dem Fußballtrainer Felix Magath. In seinem Blick liegt dieselbe Süffisanz.
Hier vorn, sagt Dobrindt, werde er bald anbauen. Er redet von Präsentationsflächen, die entstehen werden, von Presseräumen und Kommunikationsinseln, es klingt alles sehr transparent, das Wort "modern" kommt in manchen Sätzen gleich mehrmals vor. Er wirkt höflich, lächelt gern, ein wenig verschmitzt vielleicht, aber freundlich.
Dobrindt, 41, wirft einen letzten Blick auf den grauen Betonklotz, vor dem er steht. "Ich will die Hütte schnell auf einen modernen Stand kriegen. Damit man auch von außen sieht, dass sich was ändert. Das passt ja alles nicht mehr in die Zeit."
Es gibt eine merkwürdige Diskrepanz zwischen dem Dobrindt, der gerade seine Hütte modernisieren will, und jenem Dobrindt, der die Linkspartei verbieten will und Hannelore Kraft "das faulste Ei in der deutschen Politik" genannt hat. Mal klingt er wie der Chef einer Werbeagentur, der weiß, was in die Zeit passt und was sich überholt hat, ein anderes Mal wie ein Raufbold alter Schule. Dobrindt nannte die FDP eine "Gurkentruppe" und mutmaßte, dem Liberalen Wolfgang Kubicki sei wohl die "Schweinegrippe aufs Gehirn geschlagen". In der FDP heißt er seither Doofbrindt.
Das Land verdankt ihm zudem Weisheiten wie diese: "Diejenigen, die gestern gegen Kernenergie, heute gegen Stuttgart 21 demonstrieren, müssen sich nicht wundern, wenn sie irgendwann ein Minarett im Garten haben." Mit derlei Sprüchen wirkt Dobrindt, der so gern modern sein möchte, wie eine Figur von gestern.
Traditionell waren CSU-Generalsekretäre meistens Männer, denen man ungern im Dunkeln begegnete. Es gab den Eisernen Vorhang, die Marktwirtschaft kämpfte gegen den Kommunismus und Bayern gegen den Rest der Welt. Die Dinge waren übersichtlich. Die Generalsekretäre hießen wie sie sich gaben, Tandler, Protzner, Goppel, sie trugen Spitznamen wie "blondes Fallbeil" (Edmund Stoiber) oder "Wadenbeißer" (Erwin Huber). Der letzte Vertreter ihrer Art war Markus Söder.
In der modernen Welt aber sind Generalsekretäre eher als Eventmanager und Produktdesigner gefordert. Der erste CSU-Generalsekretär des neuen Typs war Karl-Theodor zu Guttenberg, auch wenn er nicht lange im Amt blieb. Es scheint, als habe sich Dobrindt noch nicht entschieden, zu welcher Welt er gehören möchte.
Bevor er Berufspolitiker wurde, studierte er Soziologie und arbeitete bei einem Gerätebauunternehmen in seinem Geburtsort Peißenberg. Dort, im Schatten der Zugspitze, wurde er dreimal schon Schützenkönig. Seine Frau ist Schriftführerin in einem CSU-Kreisvorstand.
Er läuft aus dem Hof hinaus zur Straße, vorbei an der Parteizeitungs-Zentrale des "Bayernkuriers", bald steht er vor dem Parteirestaurant. Was Dobrindt im Großen mit der CSU vorhat, hat er hier, im Kleinen, bereits umgesetzt.
Jahrzehntelang hieß das Restaurant "Löwe & Raute". Dann kam Dobrindt, änderte erst den Namen in "franz josef", weil er fand, "dass bayerische Vornamen sehr angesagt sind", und änderte dann den Rest. Wie Rach der Restauranttester.
Er bittet an einen Tisch neben der Glasfront. "Das war hier alles Wand." Er klopft gegen das Glas. Dunkel sei es hier gewesen, die Tischgarnituren traditionell. "Haben wir alles rausgeschmissen."
Dann deutet er auf die Fotografien an den Wänden, sie zeigen altdeutsche Schriftzüge bayerischer Biermarken oder das Schild eines Sudkessels. Man hätte das Schild natürlich im Original an die Wand hängen können, sagt Dobrindt. Er aber habe sich bewusst für Fotografien entschieden. "Das ist ja gerade das Supermoderne: auf klassische, traditionelle Motive hinzuweisen, ohne sie wirklich zu haben."
Dobrindt ist jetzt in Modernisierungslaune. "Da hinten", sein Finger zeigt in den Nebenraum. "Da versuchen wir die jungen Leute anzusprechen, mit hohen Stühlen und hohen Tischen, das ist etwas, das mehr der modernen Ausgehsituation entspricht."
Dobrindt reibt sich die Hände, er wirkt sehr zufrieden mit sich. "Da muss man nicht drüber reden, das sieht ja jeder, der reinkommt, dass das hier funktioniert." Seit der Neueröffnung des Parteirestaurants im vergangenen Oktober habe man doppelt so viel Kundschaft wie früher. Das Publikum sei jünger. So ähnlich stellt er sich das auch mit der CSU vor.
Dann beugt er den Kopf weit über die Tischplatte. "Sagen Sie: Wie stellen sich Ihre Freunde in Berlin eine typische Veranstaltung der CSU vor?" Herausfordernder Blick, süffisantes Magath-Lächeln. Die Antwort gibt er gleich selbst "Ich sag Ihnen, was die denken: Die treffen sich im Gasthof 'Zum Hirsch' im Hinterzimmer, trinken Weißbier, essen Schweinsbraten, und einer erzählt dann was." Dann folgt sein Plan: "Wer künftig an die CSU denkt, denkt nicht mehr an den 'Goldenen Hirschen' und an Schweinsbraten, der denkt an die supermoderne BMW-Welt, mit offenen Foren, modernen Farben, moderner Form."
Zwei Tage zuvor stand Dobrindt in der Münchner BMW-Welt, einem futuristischen "Erlebnis- und Auslieferungszentrum", und begrüßte tausend Gäste beim "Europakongress" der CSU. Scheinwerfer tauchten den Saal in kühles, hellblaues Licht. Es wirkte wie die Präsentation eines Sportwagens.
"Darstellung, Inhalt, Optik, Präsentation, Internet." Bei jedem Wort klappte ein Finger an Dobrindts Hand hoch. "Das sind die Schlüsselwörter."
Vor einem Jahr erfand er deshalb die "Lounge in the City", in der "Ladies After Work Partys, powered by CSU" stattfinden. Demnächst soll mit "Talk in the City" ein weiteres Event folgen. "Das wird auch ein Riesenerfolg - weiß ich jetzt schon." Und bei der Landtagswahl im nächsten Jahr werde man "den modernsten, den hipsten, den angesagtesten Wahlkampf" führen, den eine Partei derzeit führen könne. Es klingt wie das größte Modernisierungsprogramm seit Roosevelts New Deal.
Dobrindt bestellt jetzt Würstl mit Sauerkraut, dazu eine Cola Light, Tradition und Moderne. Irgendwann fiel ihm auf, dass er selbst nicht in die Events passte, die er geschaffen hatte. Vor acht Monaten habe er sich deshalb "bewusst hingesetzt" und nachgedacht, ob er so weitermachen wolle wie bisher. Damals wog er rund hundert Kilogramm, trug Doppelkinn und weite Anzüge. Er erinnerte mehr an seinen fülligen Vorgänger Bernd Protzner als an Magath oder Guttenberg.
Er habe leidenschaftlich Schokoriegel, Gummibärchen und Kuchen genascht, erzählt Dobrindt. "Ich hätte jeden Nachmittag fünf Stücke Kuchen essen können." Aber er litt unter seiner Leidenschaft, und er spürte, dass sein Äußeres nicht mehr zur neuen Botschaft passte, der modernen Partei. Es vertrug sich noch mit dem Gasthof "Zum Hirsch" und dem Schweinsbraten, aber nicht mehr mit der "Ladies After Work Party, powered by CSU".
"Es gibt so Momente, da spürt man: Jetzt ist es Zeit", sagt Dobrindt. "So war es auch beim Projekt Gewichtsabnahme." Er hält inne, dann korrigiert er sich: "Oder besser: Gewichtsmodernisierung."
Von jenem Sonntag an verzichtete Dobrindt auf Schokoriegel, Gummibärchen, Kuchen und Alkohol. Er verlor 19 Kilo in acht Monaten, kaufte sich neue, gutgeschnittene Anzüge und eine kluge Felix-Magath-Brille. "Ich fand's an der Zeit, einfach persönlich mich auch weiterzuentwickeln", sagt er. "Die Partei wird noch fitter werden, und ich will das auch." Die Reduktion der Politik auf das Äußerliche ist mit Dobrindt in eine neue Dimension vorgestoßen. Er hat sich selbst passend gemacht, hat sein Leben verändert, um sein Produkt besser verkörpern zu können.
Warum aber leistet er sich immer wieder diese Ausfälle? Warum die Forderung nach einem Verbot der Linkspartei, warum die Pöbeleien gegen den politischen Gegner? Wie passt das zu seiner Modernisierungsstrategie?
Dobrindt knetet die Hände, er weiß um diese Diskrepanz, er ringt mit einer Antwort. "Das ist eben der klassische Teil meiner Aufgabe", sagt er schließlich. "Der ist auch notwendig, nach wie vor." Er klingt jetzt kleinlauter als zuvor, zögerlicher, als sei er sich selbst nicht mehr ganz sicher. "Die Basis erwartet nun mal eine gewisse Zuspitzung von mir."
Vielleicht aber ist die Basis längst viel klüger, als Generalsekretäre gern unterstellen. Vielleicht weiß sie längst, dass diese Schaukämpfe nicht mehr glaubwürdig sind, dass es sich um Rituale aus einer schlichteren Welt handelt. Vielleicht ahnt sie auch, dass ihr Generalsekretär, gleich nachdem er bei "Günther Jauch" ein Verbot der Linken gefordert hat, mit deren Vertreter Dietmar Bartsch bis weit nach Mitternacht Bier trinken geht.
Im "franz josef" ist Dobrindt noch etwas eingefallen. Vor einiger Zeit habe er Uli Hoeneß zu einer Vorstandsklausur eingeladen, weil der es mit dem FC Bayern geschafft habe, "eine Modernität hinzukriegen, um für alle fanbar zu sein". Man habe an diesem Abend viel über das Spannungsverhältnis von Tradition und Moderne gesprochen, sagt Dobrindt. Hoeneß habe ihnen dann von seinem Versuch berichtet, seine Wurstfabrik zu modernisieren. Mehrfach habe er probiert, die Würstl mit Hilfe einer Maschine in die Plastikverpackung zu bekommen. Nach vielen Versuchen habe er es aufgegeben. Die Würstl würden noch heute handverpackt.
"Sehen Sie", sagt Dobrindt und lächelt. "Es gibt auch Dinge, die müssen bleiben, wie sie waren." ◆