SPANIEN
Dorf im Glück
Es ist noch dunkel, als die Frauen von Sodeto am frühen Morgen, den Rosenkranz betend, in einer Prozession durch das Dorf ziehen. Der Wind weht eisig, und Olga Bonet hofft, die Menschen mögen nicht der Sünde der Maßlosigkeit verfallen. Sie feiern den Tag der heiligen Agatha, Schutzpatronin der Frauen, und die Frauen waren es, die das Geld nach Sodeto brachten.
Nur 250 Menschen leben in dem unwirtlichen Ort am Rande der Monegros, einer nordspanischen Hügellandschaft. Luxus gab es hier nie, bis vor ein paar Wochen ein Geldsegen von 120 Millionen Euro auf Sodeto und die umliegenden Dörfer niederprasselte. Sie hatten "El Gordo" - den Dicken - gewonnen, den Hauptpreis der staatlichen Weihnachtslotterie. In der gesamten Provinz Huesca wurden rund 700 Millionen Euro ausbezahlt.
Das Besondere an Sodeto: Hier hatten alle Familien gewonnen. So wurde, in Zeiten der spanischen Wirtschaftskrise, ein kleines Bauerndorf zum Synonym für Glück. Und während die Rating-Agentur Fitch in London die Kreditwürdigkeit des Landes um zwei weitere Stufen auf A herabsenkte, floss in Sodeto noch immer der Champagner.
Olga Bonet, 48 Jahre alt, kaum Zähne im Mund, ist Schatzmeisterin des Hausfrauenvereins, der bei der Weihnachtslotterie den Verkauf der Lose in Sodeto und in ein paar Nachbardörfern organisiert. Im nächstgrößeren Ort Grañén hatten die Frauen sich in einem Lotterie-Geschäft mehrere Nummern zeigen lassen. In Spanien macht man keine Kreuze, man kauft Anteile einer feststehenden Nummer. Die Hausfrauen erstanden für 6000 Euro eine 17-prozentige Beteiligung am Spielschein mit der Nummer 58 268. Ihre Beteiligung ergab wiederum 1200 einzelne Lose, eine Art Tippgemeinschaft.
Olga Bonet marschierte von Haus zu Haus, um die Lose mit einem kleinen Aufschlag zugunsten des Hausfrauenvereins weiterzuverkaufen. "In diesem Jahr war es besonders schwer", erzählt sie, "die Leute hatten weniger Geld." Einigen musste der Verein die sechs Euro für ein Los auslegen. Vier Lose kauften sie, wie jedes Jahr, für den Hausfrauenverein selbst, und auf ein paar Losen blieben sie sitzen. Die kauften Olga und ein paar Freundinnen zusätzlich.
Nummer 58 268 knackte den größten Jackpot in der Geschichte der spanischen Weihnachtslotterie. Die Nummer war nur in der Provinz Huesca verkauft worden, dort gibt es jetzt überall Lotterie-Millionäre. In Sodeto hatte jeder Haushalt zumindest ein Los erworben, so bekam jede Familie wenigstens 100 000 Euro, die meisten deutlich mehr.
Auf die gute Nachricht folgten Tage des kollektiven Rausches, die Bewohner von Sodeto versammelten sich vor dem Bürgermeisteramt, sie tranken und bestellten Paella für alle. Die Frauen kündigten ihre Jobs als Putzhilfe, die Männer hörten auf, ihre Felder zu bestellen. Banker stürmten das Dorf, überboten sich gegenseitig mit günstigen Anlagemöglichkeiten: fünf Prozent Jahreszins, sieben Prozent.
Dann kamen das lokale Fernsehen und die Autohändler. Ein Lastwagen fuhr ein, darauf ein weißer Jaguar. Es folgten Immobilienmakler, Vertreter für Alarmanlagen, Möbel und Reisen in die Karibik.
"Wir haben uns eine neue Matratze gekauft", erzählt Olga Bonet. Dank der zusätzlich gekauften Lose ist die Hausfrau nun Millionärin. Sie esse jetzt öfter mal Schinken. Aber das sei schon alles. Luxus interessiere sie nicht. Sie trägt immer noch ihren billigen Modeschmuck, die alten Röcke. Bislang führten sie und ihr Ehemann ein bescheidenes Leben. Ihr Mann, ein Bauarbeiter, verlor vor drei Jahren seinen Arbeitsplatz. Nach dem Bauboom auf Pump war damals die spanische Immobilienblase geplatzt.
Im Nachbarort Tardienta, so erzählt man sich, soll der Besitzer einer Bar noch am Tag des Gewinns nach Kuba verschwunden sein. Die Bar ließ er offen stehen und lud zur Lokalrunde ein: "Trinkt, was ihr wollt!"
Die Bürgermeisterin von Sodeto schüttelt den Kopf. So etwas werde es hier nicht geben. "Wir bleiben die Alten", meint auch die Sekretärin des Hausfrauenverbandes. Sie hat sich allerdings eine Harley Davidson geleistet. Etwas müsse man sich ja gönnen, sagt sie.
Nein, sie ließen sich nicht beeindrucken von jenen Vertretern, die täglich in der einzigen Bar des Dorfes lungern, Männer im Nadelstreifenanzug mit Krawatte, die einen "Cortado" bestellen und ihre dicken Mappen auf den Tresen legen, während die bärtigen Einheimischen am Nebentisch ungerührt ihr Kartenspiel fortführen.
"Was ich hier leiste, ist Detektivarbeit", sagt der Autohändler Fernando Redondo. "Ich muss das Vertrauen der Menschen gewinnen und herausfinden, wer besonders viel gewonnen hat." Er windet sich auf seinem Barhocker. Die Zeiten sind nicht gut. Weil 2011 so wenig neue Autos verkauft worden sind wie zuletzt 1993, hatte Redondo im August seinen Job verloren. Im Januar wurde er wieder eingestellt, um die nunmehr reiche Provinz Huesca zu betreuen. "Es ist, als hätte ich selbst im Lotto gewonnen", meint er.
Borja Viñuales, 26, lenkt seinen Traktor aus der Garage. Der junge Bauer sieht seine Zukunft in der Region, in Schweinemast und Genmais. In seinem knallblauen Jogginganzug würde er eher auf eine HipHop-Party passen, aber er fährt auf ein Feld unweit von Sodeto, am Horizont sandfarbene Bergketten. Der Roggen muss umgewälzt werden. Für seinen Anteil am Gewinn hat sich Viñuales einen Güllewagen gekauft.
"Die Landwirtschaft ist stabil", glaubt er. Die Bauern in Sodeto hätten kaum etwas mitbekommen vom Aufschwung und jetzt auch wenig von der Krise. Deshalb habe er einen Kurs im Management landwirtschaftlicher Betriebe absolviert und sei aus der Stadt Huesca zurück ins Dorf gekommen. Er will sich dort ein Haus bauen.
Seine Großeltern waren in den sechziger Jahren nach Sodeto gezogen. Das Dorf war damals eine Art Vorzeigeprojekt des Diktators Francisco Franco, der trockene Regionen für die Landwirtschaft erschließen ließ. Jeder Siedler bekam ein Stück Land, eine Kuh und ein Pferd.
In seinen besten Zeiten hatte Sodeto mehr als 400 Einwohner. Doch weil die Jungen keine Perspektive sahen, wanderten sie in die Städte ab. Sodeto schrumpfte. Heute gibt es gerade mal 15 Kinder im Ort.
Aber Viñuales ist überzeugt: "Die Jungen kommen wieder." Bei einer Arbeitslosenquote von 23 Prozent werde die Landwirtschaft wieder attraktiver. Der Lottogewinn sei genau die richtige Investitionshilfe, eine wirkliche Chance. Die Familien könnten sich größere Felder kaufen oder endlich ihre neuen Bewässerungssysteme abbezahlen, die nun überall Pflicht seien, da Wasser gespart werden müsse.
Vielleicht gelingt es den Bewohnern von Sodeto ja wirklich, ihr Geld sinnvoll zu investieren. Präzedenzfälle geben allerdings wenig Anlass zur Hoffnung: Da gab es etwa das süditalienische Fischerdorf Peschici, dessen Bewohner 1998 umgerechnet 32 Millionen Euro im Lotto gewannen. Das vermeintlich bessere Leben brach über den Ort herein, Peschici wurde zu einer Art Soziotop der Neureichen. Zehn Jahre später war von dem Reichtum nicht mehr viel übrig: eine Alfa-Romeo-Spezialanfertigung mit Bordcomputer und Echtholzarmaturen sowie ein paar Ferienwohnungen, in denen heute kaum jemand mehr Urlaub machen möchte. Lauter Fehlinvestitionen. Am Ende beneidete mancher Peschicianer jenen Mitbürger, der sein Geld gleich für Kokain und Reisen ausgegeben hatte.
Eine Studie des Harvard-Professors Dan Gilbert ergab, dass Lottogewinner häufig schon nach kurzer Zeit ähnlich unglücklich seien wie querschnittsgelähmte Unfallopfer. In Peschici gab es damals Schutzgelderpressungen. Die Menschen lernten schnell, ihren Reichtum zu verstecken.
In Sodeto lautet der Lieblingssatz der Leute derzeit: "Ich habe gar nicht viel gewonnen."
Es ist Sonntag. Nach der Messe treffen sich die Einwohner von Sodeto in der Dorfhalle, um heißen Schokoladenpudding zu essen und eine Tombola zu veranstalten. Sie verlosen all jene Dinge, mit denen Banker das Dorf überschütteten: Wein, Geschirr, Bürobedarf. Für jeden Dorfbewohner haben die Frauen ein kleines Geschenk vorbereitet. Die Stimmung ist ausgelassen. Nur Olga Bonet will sich nicht recht freuen. Sie denkt über die vier Lose nach, die aus der Vereinskasse bezahlt wurden. "Der Verein hat also 400 000 Euro gewonnen", erzählt Bonet. Mehrere zehntausend Euro hätten sie für das Neujahrsfest ausgegeben, für Langusten, ein Zelt, ausgelegt mit rotem Teppich, und drei Sängerinnen in Paillettenkleidern.
Den Rest wollten die Frauen von Sodeto in ein soziales Projekt investieren. Sie dachten an ein Zentrum für die Alten, mit Suppenküche und Wäscherei.
Doch nun mehren sich die Stimmen, die dafür plädieren, das Geld unter den Vereinsmitgliedern aufzuteilen. Aus rechtlichen Gründen ist das bei einem gemeinnützigen Verein gar nicht so einfach. Um das Geld auszubezahlen, müssten sie ihn auflösen. Das fände Olga Bonet sehr bedauerlich. Doch einige ihrer Freundinnen haben ihr schon gesagt, dass jede von ihnen gern noch ein bisschen reicher wäre.