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ZEITGESCHICHTE

Fernschreiben im Wäschefach

1973 begleitete DDR-Spion Günter Guillaume Kanzler Willy Brandt in den Urlaub. Mit dabei: der Bundesnachrichtendienst, der nun seine Akten geöffnet hat. Von Wiegrefe, Klaus

Der Südosten Norwegens kann wahrhaft malerisch sein, etwa am Mjøsa-See oder in den Wäldern der Provinz Hedmark. Oder bei jenem abgelegenen Holzhaus, in dem Willy Brandt im Juli 1973 mit Familie, Leibwächtern und Helfern vier Wochen lang Urlaub machte.

Der Bundeskanzler genoss das Angeln und die Wärme, stundenlang streifte er durchs Grün, um Pilze und Moltebeeren zu sammeln. Begleiten ließ er sich in diesen unbeschwerten Tagen oft von einem unauffälligen Mann mit getönten Brillengläsern: Günter Guillaume.

Es sollten Brandts letzte Sommerferien als Regierungschef sein.

Der persönliche Referent Guillaume, damals 46, ein Ur-Berliner von jovialer Art, bekam in Norwegen erstmals geheime Dokumente zu sehen, etwa einen Brief von US-Präsident Richard Nixon an Brandt. Das Mitlesen versetzte ihn in Hochstimmung, führte er doch ein Doppelleben: Der Mann aus Brandts Stab war DDR-Spion.

Der Fall Guillaume gilt als einer der größten Agentenskandale in der deutschen Geschichte; die Enttarnung des Spions trug maßgeblich zum Rücktritt Willy Brandts im Mai 1974 bei.

Und die Wochen in Norwegen spielten in dem Drama eine zentrale Rolle, denn nur dort hatte Günter Guillaume nachweislich Zugang zu Geheimpapieren. Ausgerechnet Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND), der westdeutschen Konkurrenz der DDR-Spionage, hatten sie ihm ausgehändigt.

Auf Antrag des SPIEGEL hat der BND nun einige Dokumente zu Brandts Sommerurlaub freigegeben. Sie liegen im Koblenzer Bundesarchiv; für den Dienst sind sie ziemlich peinlich.

Zwei seiner Agenten - mit den Decknamen "Nink" und "Barde" - waren nämlich in Norwegen die ganze Zeit dabei und lobten hinterher vor allem einen: Günter Guillaume. In den Akten heißt es: "Die Zusammenarbeit innerhalb des gesamten Teams und speziell mit Herrn Guillaume war … sehr gut."

Die Wertschätzung beruhte auf Gegenseitigkeit. Denn Barde und Nink betreuten die Fernschreibbetriebsstelle, die in einer Jugendherberge, 200 Meter von Brandts Haus entfernt, untergebracht war. Mehrmals am Tag holte Guillaume entschlüsselte Fernschreiben für den Kanzler ab, meist in zwei Exemplaren. Eines versteckte er in einem Wäschefach seines Kleiderschranks, das andere gab er Brandt.

Dabei hätte es für die BND-Leute Grund zur Vorsicht gegeben. Schon 1969 hatte Gerhard Wessel, der damalige Präsident des Geheimdienstes, davor gewarnt, Guillaume ins Kanzleramt zu holen. Unmittelbar vor der Norwegen-Reise erhärtete sich der Spionageverdacht so weit, dass Innenminister Hans-Dietrich Genscher den eher gutgläubigen Kanzler informierte. Allerdings mangelte es an Beweisen. Daher riet Genscher, Guillaume auf seinem Posten zu belassen und ihn zu beschatten - die Beschattung unterblieb jedoch.

So galt die Hauptsorge von Nink und Barde nicht Guillaume, sondern den Journalisten, die Brandt besuchten und oft in der Jugendherberge vorbeischauten. Die BND-Männer fürchteten, die Besucher könnten einen Blick auf die geheimen Chiffriergeräte werfen. Ausgerechnet Guillaume half bei der Gefahrenabwehr und beantwortete Fragen der Reporter. Später schlug ein BND-Mitarbeiter ein "generelles Zutrittsverbot" für die Fernschreibstelle vor. Nur für eine Person sollte das nicht gelten: für den jeweils "mitreisenden persönlichen Referenten" des Kanzlers, also auch für Guillaume.

Der Spion hatte nicht nur Brandts Vertrauen gewonnen, sondern auch das der Geheimdienstler. Und weil Guillaume kein Englisch sprach, halfen die BND-Leute beim Anmelden und Abwickeln der Telefonate. Ihre Kenntnisse seien da "von besonderem Nutzen" gewesen, lobten sich Barde und Nink in der Nachbereitung der Reise: "Herr Guillaume äußerte sich ob dieser Hilfestellung dankbar und sehr anerkennend."

Nur einmal trübte ein Vorgang die gute Stimmung. Guillaume hatte in Oslo zu tun und bat seine mitgereiste Frau - auch sie DDR-Agentin -, die Fernschreiben für den Kanzler abzuholen. Da weigerten sich die Geheimdienstmänner. Aktenstücke würden nicht an "irgendwelche Privatpersonen" herausgegeben.

Noch Jahre später grübelte Guillaume, ob die Kollegen ihn damals schon enttarnt hatten. Eher nicht, das geht aus den Akten hervor. Barde und Nink schrieben, es habe "hinsichtlich der Funktion von Frau Guillaume anfänglich Unklarheiten" gegeben, ein "klärendes Gespräch mit allen Beteiligten" habe diese "Diskrepanzen ausgeräumt". Frau Guillaume mied fortan die BNDler, ihr Mann spionierte munter weiter. Bis zum Urlaubsende.

Zurück in Deutschland, ließ der zuständige Verfassungsschutz Guillaume endlich observieren. Fortan war er der Spion, der ausspioniert wurde.

Als die Verfolger fürchteten, er werde sich absetzen, schlugen sie zu. Am 24. April 1974 wurde Guillaume in seiner Bad Godesberger Wohnung festgenommen. Er gestand sogleich: "Ich bin Offizier der Nationalen Volksarmee und Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Ich bitte, meine Offiziersehre zu respektieren."

DER SPIEGEL 8/2012
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