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INDUSTRIE

Ofen aus

Die Energiewende gefährdet viele Unternehmen. Stahlwerke und Chemiefabriken klagen über hohe Strompreise, unsichere Versorgung - und die Ratlosigkeit der Regierung. Von Dohmen, Frank und Neubacher, Alexander

Vor dem Werktor an der Oberschlesienstraße hängen noch die roten Plakate: "Hände weg!" ist da zu lesen oder: "Das Stahlwerk in Krefeld muss bleiben!"

Doch es ist vorbei. Alle Plakate, Proteste und Mahnwachen haben nichts bewirkt. Vor knapp zwei Wochen hat ThyssenKrupp, Deutschlands größter Stahlkonzern, sein Krefelder Edelstahlwerk an den finnischen Konkurrenten Outukumpu verkauft. Der will die Produktion bis Ende nächsten Jahres dichtmachen. Über 400 Beschäftigte brauchen neue Jobs. Der wirtschaftliche Verlust für die gebeutelte Stadt am Niederrhein ist groß.

Verantwortlich für das Ende ist nicht Billigkonkurrenz aus Fernost oder Missmanagement in der Essener ThyssenKrupp-Zentrale, sondern die verfehlte Politik der Bundesregierung. So sehen es jedenfalls die Betroffenen. Seit die schwarz-gelbe Koalition beschlossen hat, im Hauruck-Verfahren aus der Atomkraft auszusteigen, haben sich die Bedingungen für stromfressende Industrien erheblich verschlechtert.

Die Energiepreise steigen, das Risiko von Stromausfällen wächst. Doch der dringend benötigte Ausbau bei den Stromnetzen, Ersatzkraftwerken und erneuerbaren Energien kommt kaum voran. Ausgerechnet Union und FDP trieben die Deindustrialisierung voran und seien dafür verantwortlich, dass in Deutschland der Ofen ausgeht, lautet der Vorwurf einer wachsenden Zahl von Wirtschaftsexperten, Managern und Gewerkschaftern.

Die Energieversorgung sei jetzt "das Top-Risiko für den Wirtschaftsstandort Deutschland", sagt Hans Heinrich Driftmann, Präsident des Industrie- und Handelskammertages (DIHK). "Man muss sich in Deutschland Sorgen um den Strompreis machen", warnt EU-Energiekommissar Günther Oettinger. Und Bernd Kalwa, Gesamtbetriebsrat bei ThyssenKrupp, schimpft: "Allein in unserem Konzern sind 5000 Arbeitsplätze in Gefahr, weil in Düsseldorf und Berlin eine unverantwortliche Energiepolitik betrieben wird."

Der drohende Niedergang der Schwerindustrie ist gesamtwirtschaftlich umso beunruhigender, weil die Jobverluste nicht an anderer Stelle kompensiert werden. Vom grünen Wirtschaftswunder, das die Bundesregierung im Zuge der Energiewende versprochen hat, ist nichts zu spüren, im Gegenteil. Viele Hersteller von Windrädern und Photovoltaik-Anlagen klagen über schlechte Geschäfte und bauen Stellen ab; die ersten Solarfirmen sind pleite. Der Öko-Branche machen manche Probleme zu schaffen, vor allem aber die hohen Energiepreise, eine bittere Ironie.

Die Bundesregierung reagiert plan- und hilflos. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) sind in wesentlichen Fragen zerstritten. Röttgen fordert strengere Stromsparvorgaben, Rösler ist dagegen. Rösler will die Solarförderung kappen, Röttgen weigert sich. Bei Sitzungen zur Energiepolitik in Brüssel müssen sich die deutschen Vertreter nun schon seit Monaten ihrer Stimme enthalten, weil die beiden zuständigen Fachminister im Berliner Kabinett keine gemeinsame Linie vorgeben.

Derweil schlägt die Sofortabschaltung von sieben Atomkraftwerken vom vergangenen März auf die Versorgungslage durch, wie das Beispiel Krefeld zeigt. Zur Produktion von rostfreiem Edelstahl, etwa für Spülbecken oder Autobleche, benötigt das Stahlwerk gewaltige Mengen Strom. In riesigen Öfen wird das Metall auf über 1600 Grad Celsius erhitzt. Der Schmelzofen allein verbraucht pro Stunde etwa so viel Energie wie zehn Einfamilienhäuser in einem ganzen Jahr. Ein Fünftel der Gesamtkosten des Werks entfallen auf den Strom, erklärt Betriebsdirektor Harald Behmenburg.

Der Preis des Stroms entwickelt sich nur in eine Richtung: steil nach oben. Im Vergleich zum Jahr 2000 hat sich der Preis für die Kilowattstunde Strom für das Krefelder Werk verdreifacht. Und ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. Mit der im vergangenen Jahr eingeleiteten Energiewende, klagt Betriebsleiter Behmenburg, sei alle Planungssicherheit verlorengegangen. Niemand wisse, wie sich die Versorgungslage und der Strompreis in den nächsten Jahren entwickeln würden. Für das traditionsreiche Werk habe es keine Überlebenschance gegeben.

Anderen Betrieben droht ein ähnliches Schicksal. Die Energiepolitik betrifft alle klassischen Industriebranchen, die Stahl- und Aluminiumindustrie ebenso wie die Papier- und Zementhersteller oder die Chemie. Die Metallindustrie, bislang ein wichtiger Arbeitgeber, zieht es bereits in Länder, in denen der Strom billiger ist.

Der Düsseldorfer Mischkonzern GEA schloss seine Zinkhütte in Datteln. Der Hamburger Metallkonzern Aurubis, Europas größter Kupferproduzent, klagt über Energiekosten und kündigt an, vor allem in Asien und Südamerika investieren zu wollen. Laut einer aktuellen Umfrage des DIHK will fast jeder fünfte Industriebetrieb Kapazitäten ins Ausland verlagern - oder hat das bereits getan. Fast 60 Prozent befürchten Stromausfälle oder Spannungsschwankungen im Stromnetz, weil auf Wind- und Sonnenkraft noch zu wenig Verlass ist.

"Die Förderung der regenerierbaren Energien hat zu erheblichen Verdrängungseffekten der Beschäftigung in den Sektoren der konventionellen Energieerzeugung sowie in nachgelagerten, insbesondere energieintensiven Branchen geführt", heißt es in einem bereits im vergangenen Jahr veröffentlichten Tagungsbericht des Bundesforschungsministeriums. Und auch der politische Gegner hat das Thema erkannt. Manche glaubten, Green Economy sei alles, warnte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel. "Sie vergessen aber, dass sie kein Windrad herstellen ohne Stahl, ohne Kunststoff, ohne Maschinenbau und Elektrotechnik."

Ebenso wichtig wäre es, das Stromnetz so schnell wie möglich zu stabilisieren, damit es nicht zu einem Blackout kommt. Dass in Deutschland der Strom verlässlich aus der Steckdose kam, galt bislang als wichtiger Standortfaktor. Doch durch den Wegfall einiger Atomkraftwerke bei unberechenbaren Wind- und Solarstrommengen hat sich die Lage geändert.

Die Betreiber der großen Übertragungsnetze sind seit Wochen im Alarmzustand. Der Netzbetreiber Tennet griff bereits auf Notreserven zurück. Dennoch hat es bereits die ersten Havarien gegeben: Stromausfälle im Millisekundenbereich, die kein Normalverbraucher spürt, die die Industrie mit ihren hochkomplexen Produktionsprozessen jedoch vor Probleme stellt. Der Aluminiumhersteller Norsk Hydro hat in seinen Werken in Deutschland seit der Energiewende Schäden in Höhe von einer halben Million Euro wegen Stromschwankungen registriert. Die empfindlichen Walzen fressen sich selbst bei minimalen Stromausfällen fest.

Der Schaden wäre möglicherweise noch größer, hätte Hydro seine Produktion in Neuss nicht sowieso schon stark gedrosselt. Seit über zwei Jahren stehen zwei Produktionslinien komplett still, große Teile der 450-köpfigen Belegschaft arbeiten seitdem kurz. Dabei wären auch in Neuss genügend Aufträge vorhanden.

Allein die Strom- und CO2-Kosten sind so hoch, dass sich der energieintensive Schmelzprozess in den Aluminiumöfen nicht mehr lohnt. Rund 50 Prozent der Kosten fallen in den Bereich Energie.

Zwar hofft das Management, über ein in der EU anhängiges Verfahren zumindest von den CO2-Kosten befreit zu werden, um die Produktion dann wieder aufnehmen zu können. Doch ob das angesichts drastisch steigender Stromkosten tatsächlich gelingt, ist genauso offen wie das weitere Schicksal der Mitarbeiter. Es sei eine einzige Hängepartie, sagt ein Kollege, der in den riesigen Hallen mit der Pflege der langsam rostenden Schmelzöfen beschäftigt ist.

Betroffene Industriemanager wie ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger sagen, es gehe ihnen nicht darum, den Ausstieg aus der Atomkraft rückgängig zu machen. Es brauche jedoch "endlich verlässliche Rahmenbedingungen", so der Manager. "Was wir wollen, ist unsere Produktion in Deutschland konkurrenzfähig zu erhalten." Hiesinger will der Bundesregierung deshalb eine Art Benchmark-System vorschlagen. Danach sollen sich die Industriestrompreise in Deutschland am europäischen Durchschnitt orientieren.

Sorgen bereitet der Industrie, dass nicht klar ist, wie die Regierung die Stromversorgung künftig sicherstellen will. Es müssten Pumpspeicherkraftwerke gebaut werden, um die Energie für windschwache und sonnenarme Phasen zu speichern. Doch neue Anlagen sind bisher kaum geplant. Milliardenbeträge müssten in belastbare Stromnetze gesteckt werden, um Windstrom von der Küste in das Ruhrgebiet oder nach Bayern und Baden-Württemberg transportieren zu können. Doch die Bundes- und Landespolitiker streiten noch darüber, wo die Leitungen verlaufen könnten und ob es nötig sein wird, alle Kabel in der Erde zu verbuddeln. Es werden dringend weitere Gaskraftwerke gebraucht. Aber verständlicherweise will derzeit kaum ein Unternehmen in Anlagen investieren, die sich, je nach Laune der Politik, rechnen könnten oder auch nicht.

"In Berlin glaubt man offenbar, dass sich die Energiewende schon irgendwie von selbst zurechtrüttelt", klagt ein Industrievertreter. "Eine Koordination der wichtigen Aufgaben ist nicht erkennbar", schimpft Birgit Ortlieb vom Kraftwerkskundenverband VIK, in dem viele energieintensive Unternehmen zusammengeschlossen sind. Und selbst die Fachpolitiker der Regierungsfraktionen im Bundestag räumen ein, dass es so nicht weitergehen könne. Insbesondere Umweltminister Röttgen spiele auf Zeit und müsse zum Jagen getragen werden, sagte FDP-Wirtschaftspolitiker Martin Lindner. Thomas Bareiß, energiepolitischer Koordinator der Union, steht der Energiewende insgesamt immer skeptischer gegenüber und brachte schon die Einführung eines eigenen Energieressorts ins Spiel, als sich die Minister Röttgen und Rösler mal wieder nicht einig waren.

Beim ThyssenKrupp-Konzern in Essen wollen sich die Mitarbeiter die Energiepolitik der Bundesregierung nicht länger bieten lassen. Vor der kommenden Bundestags- und der nächsten Landtagswahl will Betriebsrat Kalwa mit seinen Kumpels in die Parteiversammlungen stürmen und fragen, wie die Energieversorgung in Deutschland preiswert und sicher geregelt werden solle. "Nur wer uns darauf eine plausible Antwort gibt", sagt der Metall-Gewerkschafter, "kann dann noch auf unsere Stimmen hoffen."

DER SPIEGEL 8/2012
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