MÄZENE
Die Gut-Bürger
Die gigantische Freitreppe führt nicht hinauf, sondern hinab. Unter der Erde öffnet sich eine neue Architektur, eine Halle, beeindruckend weitläufig und wegen der vielen Lichtkuppeln verblüffend hell. Seit Wochen hängen Mitarbeiter des Städel Museums in Frankfurt Kunst an die vielen Wände. Abstraktes und Figürliches, Malerei und Fotografie, es ist ein einprägsamer Schnitt durch die Ästhetik der Gegenwart.
Es sind bekannte Künstlernamen darunter und Werke, mit denen viele nicht rechnen werden. DDR-Malerei, auch eine ganze Ladung Informelles aus der BRD-Nachkriegszeit und anderes von damals: Konrad Luegs gemalte "Fußballspieler" von 1963 ebenso wie ein Siebziger-Jahre-Tanz-Bild von Sigmar Polke. Die Auswahl wirkt streckenweise ein wenig eigensinnig, deshalb passt sie gut zu den Werken selbst.
Das Städel Museum ist eine der berühmtesten Kunstinstitutionen des Landes, ein Haus mit viel Altmeisterkunst im oberen Geschoss. Vor 200 Jahren ging es aus der Sammlung eines Frankfurter Bankiers hervor. Am kommenden Mittwoch eröffnet es seinen unterirdischen, 3000 Quadratmeter großen Erweiterungsbau für die Kunst nach 1945. Von außen - bis auf die Lichtkappen im Rasen - kaum zu sehen, wirkt er innen selbstbewusst.
Einer der besten und bösesten Performance-Künstler des Landes wird am ersten Abend auftreten, John Bock. Zuvor möchte der Bundespräsident sprechen. Als man einst in Berlin wegen eines Grußwortes anfragte, war übrigens noch Horst Köhler im Amt. Die Mischung sollte dem Geschmack der Frankfurter Gäste entsprechen, das Provokante der Performance und dazu das Gediegene des Amtsträgers aus Berlin. Mittlerweile ist der Auftritt des Bundespräsidenten die womöglich größere Irritation. Aber warum nicht. Irgendwie passt auch das.
Frankfurt am Main ist ein wichtiger, mächtiger Standort, ein Ort des Geldes, inzwischen auch der Kunst, vor allem der zeitgenössischen. Diese Kunst lässt die Stadt der Banker feinsinniger, zugleich unkonventioneller wirken. Viele in der Finanzwelt besitzen selbst Gegenwartswerke, das steigert das Interesse an der musealen Aufwertung solcher Kunst noch, auch an den Museen selbst. Die Bereitschaft zu geben steigt mit.
Von den 52 Millionen Euro für die Erweiterung und auch für die Sanierung des Altbaus kamen 26 Millionen durch private Spenden zusammen, die restliche Summe brachten Stadt und Land auf.
Der private Zuschuss ist in diesen Zeiten selbst für das wohlhabende Frankfurt eine Leistung. Denn die Bettelkampagne startete kurz vor der Finanzkrise, vor der Lehman-Pleite 2008. Einige Förderer sprangen ab, andere schlossen sich dafür an. Am Ende reichte es, es waren genug Gut-Bürger eingesprungen.
Max Hollein, 42, ist der Direktor des Städel Museums, außerdem leitet er die Schirn Kunsthalle und die Skulpturensammlung Liebieghaus. Er hat einst am Guggenheim-Museum in New York gelernt, wie man Kunstfreunde dazu bringt, höhere Beträge oder wahlweise Werke aus ihrem Besitz herauszurücken. "Man darf", sagt er, "ein Nein nicht als Nein verstehen, sondern muss davon ausgehen, die Frage nur falsch formuliert zu haben." In Frankfurt mögen sie diese Haltung, die Banker und die Sammler, obwohl alle betonen, dass sie keine amerikanischen Verhältnisse haben. Aber sie nennen das Museum - sehr profan - "ein gutes Produkt".
Eine Sammlerin schickte dem hartnäckig bittenden Hollein eine Postkarte mit dem Motiv eines Geiers, schenkte aber vier bedeutende Gemälde. Irgendetwas funktioniert hier, was andernorts in dieser Form derzeit undenkbar wäre, selbst in ähnlich reichen Städten wie Hamburg.
Die Kunst hat es dort schwer, doch war die Euphorie für den Bau der Elbphilharmonie bemerkenswert. Eine ungewöhnliche, fast explodierende Freigebigkeit stellte sich ein. Fast 70 Millionen wurden gespendet. Nur wurde die Baustelle bald wegen all der Skandale um Kostensteigerungen und Verzögerungen zum Mahnmal der Enttäuschung.
In Frankfurt sollte sich jeder Förderer sicher sein, an einer Erfolgsgeschichte teilzuhaben. Geschickt wurde eine "Yes, we can"-Stimmung aufgebaut, nur hieß der Slogan weniger pathetisch "Frankfurt baut das Städel. Bauen Sie mit!" Es reichte, sich einen "Städel-Drink" in ausgewählten Bars zu bestellen oder gelbe Benefiz-Gummistiefel zu kaufen, wollte man sich wie ein Mäzen fühlen. Über 5 der 26 Millionen Euro Privatgelder sind Kleinspenden.
Die Leute sollen, das ist wieder amerikanisch, Spaß haben, wenn sie Geld ausgeben. Sie sollen sich zudem - noch wichtiger - wahrgenommen fühlen: All jene, die jährlich 25 000 Euro für die Erneuerung der Sammlung spenden, werden in das "Städelkomitee 21. Jahrhundert" aufgenommen.
Eines der 60 Mitglieder ist Josef Lindenberger, HNO-Arzt, plastischer Chirurg und Kunstsammler. Er kennt sich besser aus mit den Werken der Vergangenheit und der Gegenwart als mancher Museumsmann. Das ist ihm bewusst. Er erinnert an das frühe 20. Jahrhundert, als sich Frankfurt für die Strömungen der Moderne öffnete, und spricht über ein "Bürgerbewusstsein", das heute wieder verstärkt spürbar sei.
Seit der Gründung 2007 hat das Komitee 100 Ankäufe finanziert. Die Mitglieder reden bei der Auswahl mit, sie fahren gemeinsam zu Künstlern, sitzen in deren Ateliers und stellen schon mal die Frage, was an den Werken Kunst sein soll. Auch das klingt nach Vergnügen.
Lindenberger selbst besitzt, unter anderem, Konzeptkunst der Sechziger und sagt fröhlich, er verzeihe Hollein, dass der auch Werke von Jonathan Meese erwerbe, obwohl die in 50 Jahren wohl niemand mehr sehen wolle. Berlin empfinde er keineswegs als Konkurrenz. Kühn vergleicht er Frankfurt mit Paris, "wegen des Niveaus unserer Institutionen".
Obwohl Lindenberger sagt, die Städel-Unterstützer seien in ihrer Begeisterung mit den Fans von Fußballvereinen zu vergleichen: Den diversen Gremien des Städel Museums gehören etliche Größen der Frankfurter Gesellschaft an. Die Geld-Society und ihre Veteranen sind gut vertreten. Hilmar Kopper sitzt im Kuratorium, das eine Art Aufsichtsrat ist.
Überhaupt, die Banken. Die DZ Bank und die Deutsche Bank überlassen dem Museum Hunderte Werke, ohne jedoch die Eigentumsrechte abzugeben. Solche Deals empfindet hier niemand als ehrenrührig, alle Seiten verstehen sich als Nutznießer.
Die Kultur stellt keine Gegenwelt dar, in die sich die Leute der Bankenbranche flüchten, sie ist eine Ergänzung ihrer eigenen, fast könnte man manchmal von einer Okkupation durch die Banker sprechen.
Die Förderung von Kunst sei kein Ablasshandel für die Angehörigen der Finanzwelt, sagt Christopher von Hugo. Der Deutsch-Kanadier ist Geschäftsführer der Frankfurter Filiale des US-Finanzinvestors One Equity Partner und Schlossbesitzer. Die meisten Angehörigen seiner Branche seien im Alltag weltweit unterwegs. Frankfurt sei die Stadt, in die sie immer wieder zurückkehrten. "Es ist eine kleine Stadt, man trifft sich bei Veranstaltungen, es fällt leichter, die Menschen anzusprechen, sie für etwas zu begeistern, sie in die Verantwortung zu nehmen, und das sogar gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten." Aber: "Die, die etwas unterstützen, verlangen dafür Qualität, und die bekommen sie hier."
Vor allem profitiert Städel-Direktor Hollein von der Hilfe durch die Bankiersfamilie Metzler. Sylvia von Metzler ist die wichtigste Patin seines Museums, eine Frau, die in Cowboystiefeln das eigene Bankhaus betritt. Sie leitet den Städelschen Museums-Verein mit seinen 6500 Mitgliedern und gründete das Komitee fürs 21. Jahrhundert. Spricht sie über das Städel, sagt sie "uns" und "wir". Die Vorfahren der Familie kannten den Stifter des Museums.
Drei Millionen Euro überwiesen die Metzlers nun, der Museums-Verein drei weitere. Sieben Millionen kamen von der gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Der Name Hertie ist in den Fußboden graviert. Die wuchtigen Lettern sind, leider, das Erste, worauf der Blick fällt, und lenken von der gelungenen Architektur des Frankfurter Büros Schneider + Schumacher ab.
Außen ist alles cooles Understatement. In der Stadt der Hochhäuser ist das neueste Wahrzeichen fast unsichtbar, Sylvia von Metzler nennt das "eine sehr zeitgenössische Ästhetik". Frankfurt sei noch vor wenigen Jahrzehnten ein scheußlicher Ort gewesen, auch verwahrlost. Heute könne die Stadt ein Vorbild sein, sagt sie. "Wir alle haben gewonnen."