Verlorenes Punkerherz
Kein Mensch kann sich wirklich neu erfinden. Zwar reden uns Werbung und Ratgeberliteratur munter ein, in unserer beweglichen Gegenwart sei das Ummodeln des eigenen Lebens ein Klacks, mit einem neuen Job, netterer Kleidung, schönerer Wohnung und anderen Mitmenschen habe praktisch jeder die Chance, seine Existenz ganz nach eigenem Gusto zu designen. Doch leider schleppen die meisten Erdbewohner, so sie nicht mit Totalamnesie geschlagen sind, ihren Charakter, ihre Vergangenheit, ihr Leid stets mit sich herum. "Die Dinge sind, wie sie sind", lautet das Aristoteles-Motto, das Ferdinand von Schirach einem seiner Erzählbände vorangestellt hat, und klar meint das im Fall dieses Autors auch: Der Mensch ist, was ihm widerfahren ist.
Das Mädchen Irina ist die Heldin der Story "Glück", die der Schriftsteller und Strafverteidiger Schirach einem realen Fall nacherzählt. Sie hat in einem Krieg in ihrer Heimat irgendwo auf dem Balkan Mord und Totschlag und Vergewaltigung erlebt. Sie lebt illegal in Berlin und verdient ihr Geld als Straßenprostituierte, in Angst vor der Polizei und angeödet von ihren Freiern. Auf der Straße läuft ihr der Streuner Kalle über den Weg, ein Junge mit Punkfrisur und Hund, der sich als Bettler durchschlägt. Und weil sich Irina und Kalle in ihrer Verlorenheit seelenverwandt fühlen, tun sie sich zusammen. Plötzlich träumen die beiden von einem rührend spießigen neuen Leben zu zweit - bis etwas Furchtbares dazwischenkommt.
Nun hat die Regisseurin Doris Dörrie aus der Erzählung "Glück" einen Kinofilm gemacht, der in gewisser Weise nicht bloß vom Versuch der Neuerfindung zweier Außenseiter erzählt, sondern auch vom Versuch der Neuerfindung einer Regisseurin.
Der Film "Glück" bemüht sich um eine Härte und eine Genauigkeit, die man in den so netten wie oft biederen Filmen Dörries, von "Männer" (1985) über "Bin ich schön?" (1998) und "Kirschblüten - Hanami" (2008) bis "Die Friseuse" (2010), vermisst. "Glück" beginnt mit sonnigen Bildern aus dem Berliner Großstadtleben, in dem das von Alba Rohrwacher gespielte Mädchen Irina sich einigermaßen beherzt durchwuselt, doch bald sieht man Erinnerungsbilder, die Irina quälen: die Erschießung ihrer Lieben; die Grobheit der Soldaten, die Irina auf einen Tisch zerren; ihre gierigen Fratzen, als sie über die junge Frau herfallen.
Dörries "Glück" fehlt die begütigende Milde, die diese Regisseurin sonst oft an den Tag legt. Natürlich hat das mit der Vorlage zu tun, mit der Kühle und Nüchternheit des Erzählers Schirach. Vielleicht liegt es aber noch mehr an der Schauspielerin Alba Rohrwacher. Sie ist, auch wenn sie hier eine viel jüngere Frau darstellt, 32 Jahre alt und in Italien ein Star, der selbst in den schlechtesten Filmen des ziemlich verkommenen italienischen Autorenkinos oft großartig spielt.
In "Glück" sieht man nun das spröde Lächeln ihrer Figur, deren merkwürdig verträumte Bewegungen, die Trauer einer Gehetzten - und ist sofort gefangen genommen vom Ernst und vom Charme dieser jungen Frau, die sehr leicht eine Kitschgestalt hätte werden können. Prostituierte sind im deutschen Kino und Fernsehen ja von jeher beliebte Filmheldinnen, in Uli Edels Erfolgswerk "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" (1981) etwa oder in Bernd Eichingers wichtigster eigener Regiearbeit "Das Mädchen Rosemarie" (1996). Wer will, kann sich allerhand schlaue Gedanken darüber machen, ob diese Vorliebe für das Sexgewerbe mehr mit der Neugier männlicher Filmemacher zu tun hat oder mit dem Voyeurismus des mehrheitlich braven Kinopublikums.
Bei Doris Dörrie jedenfalls ist die Triebbefriedigungsarbeit der Heldin Irina trostlos und lustfern wie selten auf der Leinwand, ein Job wie viele andere schlechte Jobs auch, bei dem die Freier hier übrigens in spaßiger Weise bescheuert aussehen.
Als Irina mit ihrem Punkerfreund Kalle in einer kleinen Wohnung unterkommt, treibt sie den Jungen jedes Mal aus dem Haus, bevor sie einen ihrer Kunden empfängt, zieht eine Perücke über und dekoriert das Schlafzimmer eifrig um. Ganz so, als verdiente hier eine andere Person Geld mit ihrem Körper.
Der Schauspieler Vinzenz Kiefer ist als Kalle ungefähr so sanft und kuschelig und verständnisvoll, wie man sich das angesichts der aktuellen Debatte über die Verweichlichung des Macho-Geschlechts nur wünschen kann. Aufreizend langsam, ohne große Gesten und ohne viel Gelaber nähert sich dieser Kerl der jungen Frau, die ihn aufweckt aus seiner Schnorrer-Schlurfigkeit. Und gerade Kalles Zaghaftigkeit verleiht seinem ziemlich ungeheuerlichen Liebesbeweis eine schöne Kraft, mit dem er gegen die Gesetze und den guten Geschmack verstößt: ein Verbrecher aus verlorenem Punkerherzen.
Am Ende nimmt sich ein Strafverteidiger namens Noah Leyden der beiden an und versucht, die Liebenden herauszuhauen aus den Mühlen der deutschen Justiz. Die schweren Augendeckel des Leyden-Darstellers Matthias Brandt und sein müdes Lächeln signalisieren allerdings schon, wie dieser Mann über die Glücksaussichten seiner Klienten und den Zustand der Welt denkt: Die Dinge sind, wie sie sind.