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SCHWEIZ

Im Tunnel

Bei einem Busunglück im Kanton Wallis sterben 28 Menschen. Nun sucht man nach Fehlern und Schuldigen - aber womöglich wird sich dieser Unfall nie erklären lassen. Von Rohr, Mathieu von

Von all den schrecklichen Bildern jener Nacht kann Alain Rittiner, der Einsatzleiter, eines am allerwenigsten vergessen. Es ist ein Mädchen, das ihn stumm anschaut. Sein Körper ist einquetscht zwischen zwei Sitzen im vordersten Teil jenes Busses, der am vergangenen Dienstag mit 80 Stundenkilometern in eine Tunnelwand bei Sierre im Schweizer Kanton Wallis gerast war.

"Die anderen Kinder brüllten und schrien, dieses Mädchen war still", erinnert sich Rittiner. "Es sagte nicht einmal etwas, es schaute immer nur mit großen, offenen Augen." Ein Arzt ist die ganze Zeit bei ihm, hält die Hand des Kindes, manchmal scheint es, als hätten sie es verloren, dann erwacht es wieder zum Leben. Es dauert mehr als eine Stunde, bis die Feuerwehrleute das schwerverletzte Mädchen endlich befreien können.

"Ich weiß bis heute nicht, ob es am Ende überlebt hat. Aber ich sage mir: Es muss am Leben sein. Es wäre sonst nicht auszuhalten", sagt Rittiner. "Für mich war es, als ob mich eine meiner eigenen Töchter angeschaut hätte." Die sind 10 und 13 Jahre alt, er hatte sie gerade zu Bett gebracht, bevor an jenem Dienstagabend um 21.33 Uhr sein Pager losging.

"Notruf, Priorität 1, Sierre, Tunnel Finges, Richtung Sion, mehrere Verletzte und Tote", stand in der Nachricht von der Zentrale. "Als ich das sah, wusste ich, es wird schlimm", sagt Rittiner. "Aber ich hätte mir nicht träumen lassen, in was für eine Hölle wir geraten würden."

Rittiner ist ein Berg von einem Mann, fast zwei Meter groß, breitschultrig, seine blaue Uniform spannt überall an seinem Körper. Er ist 47 Jahre alt und Chefsanitäter der kantonalen Rettungsorganisation. In den 20 Jahren, in denen er diesen Job schon macht, hat er unzählige Unfälle mit Toten und Verletzten erlebt, an der Wand in seinem Büro hängen Fotos, die an die Rettung eines Kleinflugzeugs erinnern, das über dem Arollagletscher abgestürzt war.

"Aber nichts davon war vergleichbar", sagt er. "Nach dem Unfall im Tunnel wird die Arbeit für mich und für meine Kollegen nie mehr dieselbe sein."

In dem Reisebus, der in dieser Nacht zumeist belgische Kinder nach einer Woche Skiurlaub nach Hause bringen sollte, starben 28 Menschen, davon waren 22 Kinder. Weitere 24 Kinder wurden zum Teil schwer verletzt. Der Bus war erst wenig mehr als eine halbe Stunde unterwegs, er war in St-Luc im Val d'Anniviers losgefahren und hatte gerade die Autobahn erreicht, als er um 21.15 Uhr im Tunnel de Finges in eine Notausbuchtung knallte.

Es fällt schwer, sich an ein Straßenunglück zu erinnern, das Menschen in ganz Europa derart berührt hat. Die Öffentlichkeit ist gewöhnt an schreckliche Verkehrsunfälle, auch an Busunglücke, doch sie nimmt sie meist hin, sie sieht in ihnen beklagenswerte, aber unvermeidliche Kollateralschäden in einer Gesellschaft, die viel unterwegs ist.

Aber gibt es eine ungerechtere und grausamere Vorstellung als einen Bus voller Kinder zwischen elf und zwölf Jahren, die nach einer Urlaubswoche auf dem Weg nach Hause qualvoll sterben müssen? Erst recht unerträglich machen das die Fotos der Kinder, die nach dem Unfall im Internet auftauchten, die sie braungebrannt und lachend im Schnee zeigen, dazu die Blog-Einträge: "Jeder hat heute den ersten Kampf mit den Skistiefeln geführt", "Italienisches Abendessen: Spaghetti Bolognese (super!!!!)" und "Jeder fährt jetzt Ski. Alle können mit dem Schlepplift fahren".

Die Anteilnahme in den Tagen nach dem Unglück ist gewaltig. Auf beiden Seiten des Tunnels haben die Menschen Blumensträuße, Stofftierchen und Botschaften niedergelegt. Es finden Gedenkgottesdienste statt. Barack Obama und der Papst kondolieren. Der belgische Ministerpräsident Elio Di Rupio ruft einen Staatstrauertag aus. Er fliegt ins Wallis, wo er die Schweizer Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf trifft. Sie sagt: "Als Mutter dreier Kinder kann ich nachfühlen, wie schmerzhaft es ist, ein Kind auf diese Weise zu verlieren." Sie habe sich jedes Mal, wenn ihre Kinder in Urlaub gefahren seien, gefragt: Kommen sie wohl wieder?

Rittiner, der Einsatzleiter, brauchte acht Minuten, bis er nach dem Pager-Alarm bei der Unfallstelle war. Auf dem Weg telefonierte er mit dem Fahrer des Krankenwagens, der schon vor Ort war. Der Mann brüllte so laut, dass Rittiner den Hörer weit weg von seinem Ohr halten musste: "Beeilt euch, das ist grauenvoll hier, die schreien überall, es ist eine Katastrophe."

Als Rittiner ankam, den Bus sah, dachte er als Erstes: "Nicht möglich, dass der ausgerechnet da gelandet ist!" Erst als er näher kam, merkte er: "Mein Gott, das sind alles Kinder."

Das Schlimmste war das Gebrüll, sagt Rittiner, die Kinder schrien, aber es waren keine Wörter, man konnte nichts verstehen, es waren nur Laute. Er selbst spricht wie seine Kollegen Französisch, die Kinder sprechen Flämisch, sie konnten sich nur mit Gesten verständigen. Ein paar Kinder, die leichtverletzt waren, hatten es geschafft, sich selbst aus dem hinteren Teil des Wracks zu befreien, und als Rittiner sah, wie der Bus zugerichtet war, vorn nur noch ein Klumpen zusammengepressten Blechs, war er verwundert, dass es überhaupt Überlebende gab.

Die Insassen waren angeschnallt gewesen, aber das nützte ihnen nichts. Die Wucht des Aufpralls hatte die Sitzreihen herausgerissen, im hintersten Teil des Busses gab es keine Sitze mehr, alle waren im vorderen Teil ineinander verkeilt. Wer vorn saß, war chancenlos. Viele Kinder wurden zwischen den Sitzen zerquetscht.

Mehr als 200 Polizisten, Feuerwehrleute und Ärzte sind in dieser Nacht im Einsatz, sieben Hubschrauber bringen die Verletzten in die Krankenhäuser. Die Feuerwehr muss den Bus von hinten aufschneiden und jeden Sessel einzeln herausreißen, um an die Kinder und ihre Begleiter heranzukommen, die dazwischen gefangen sind.

Der Ort, an dem das Unglück geschah, ist ein gewöhnlicher Autobahntunnel auf der A 9, die aus dem Rhonetal in Richtung Lausanne führt. Er ist erst 13 Jahre alt, etwa 2,5 Kilometer lang, in beiden Röhren zweispurig befahrbar. Er sieht aus wie neu, ist auf der ganzen Länge mit Kameras ausgerüstet - einer von vielen hundert Tunneln auf Schweizer Autobahnen.

Am Fuß der Wand, in die der Bus gerast war, liegen nun Blumen, umgeben von Absperrband. Die Angehörigen haben sie niedergelegt.

Zwei gelbe Farbspuren im Tunnel markieren die Fahrt des Busses. Sie zeigen, wie er etwa 80 Meter vor der Notfallbucht auf den seitlichen Randstein prallte, aus unbekanntem Grund, mit der rechten Seite darauf weiterfuhr, die Wand an jener Stelle seitlich schrammte, wo die Notfallbucht beginnt, und wie seine Fahrt schließlich in der circa zwei Meter breiten Wand am Ende der Bucht endete. Am Dienstagabend um 21.15 Uhr.

Schon am Tag nach dem Unfall beginnt die Suche nach dem Fehler, nach dem Schuldigen. Wenn man einen finden würde, könnte man das Ereignis einsortieren. Vielleicht könnte man das Unerklärliche besser verstehen, wenn jemand verantwortlich wäre.

Es werden Fragen gestellt wie die, ob Notfallbuchten in Schweizer Tunnels womöglich falsch konstruiert sind, weil sie an einer Stelle eine rechtwinklige Wand aufweisen und nicht abgeschrägt sind wie in Deutschland. Der Experte vom Schweizer Straßenverkehrsamt hält dagegen, dass bei einer abgeschrägten Wand der Bus womöglich umhergeschleudert worden wäre und Feuer gefangen hätte. Ist wirklich wichtig, wer recht hat?

Der Unfall von Sierre war nach allem, was sich heute sagen lässt, einfach nur ein Unfall, und vielleicht ist dies das Schlimmste. Der Fahrer war ausgeschlafen und nüchtern, der Bus war neu, die Autobahn in bester Ordnung. Und selbst wenn unbestätigte Gerüchte aus Schweizer und belgischen Medien stimmen sollte, dass der Fahrer abgelenkt war, weil er gerade eine CD oder DVD einlegte, gäbe es noch immer keine Lehre, die aus alldem zu ziehen wäre.

Der ungeheuerlichste aller Auslöser ist immer "menschliches Versagen".

Hundertschaften von Journalisten aus ganz Europa treffen vergangene Woche im Wallis ein. Inmitten des atemberaubend schönen Rhonetals, gelegen zwischen zwei Alpenketten, stehen Übertragungswagen mit Satellitenschüsseln. Die Kleinstadt Sierre und der 20 Kilometer entfernte Kantonshauptort Sion werden für ein paar Tage von Medien leergeweidet wie einst Amstetten oder Winnenden. Die Schweizer Polizei schirmt die Eltern ab, und das ist gut so. Am Ende landen trotzdem Paparazziaufnahmen in manchen Zeitungen. Sie zeigen weinende Geschwister und Eltern, die an die Unglücksstelle geführt werden.

Am Freitagmorgen heben zwei Transportmaschinen vom Flughafen in Sion ab. Sie bringen die Toten nach Hause. An Bord haben sie 22 weiße Särge für die Kinder und sechs braune für die Erwachsenen. Um elf Uhr, kurz nachdem die Maschinen auf dem Flughafen Melsbroek bei Brüssel gelandet sind, gedenkt Belgien der Opfer.

Rittiner, der Schweizer Einsatzleiter, wird zärtlich, wenn er von der Nacht und von den Kindern erzählt. "Wir haben sie behandelt, als ob sie unsere eigenen Kinder wären", sagt er.

Er sagt, was er gesehen habe, sei apokalyptisch gewesen und vieles so schlimm, dass es sich nicht erzählen lasse.

Viele Helfer brauchten an diesem Abend schon psychologische Betreuung; er sagt, er selbst habe keinen Hunger gespürt, keinen Durst, keine Angst, er habe durchgearbeitet, angetrieben vom Adrenalin. Gegen vier Uhr, nachdem alles vorbei war, setzte er sich ins Auto und heulte. Als er nach Hause kam, sah er nach seinen Töchtern, bevor er schlafen ging.

DER SPIEGEL 12/2012
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