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LITERATURWISSENSCHAFT

Schon kommt der Prinz

Heinz Rölleke, 75, emeritierter Germanistikprofessor, über sein Buch "Es war einmal #8230" (Verlag Eichborn), in dem er beschreibt, wem die Brüder Grimm die Märchen verdanken

SPIEGEL: Vor 200 Jahren erschien die Erstausgabe von Grimms Märchen. Sie haben herausgefunden, wer den Brüdern Grimm die Märchen zutrug. Lesen sich die Märchen anders, wenn man das weiß?

Rölleke: Natürlich. Da haben wir zum Beispiel die Schwestern Hassenpflug, Töchter eines Regierungspräsidenten, von denen die Älteste den Brüdern Grimm "Dornröschen" erzählt hat. Sie war damals noch keine 20 Jahre alt. Sie erzählte die Geschichte einer Prinzessin, die nichts leisten muss, die nicht geprüft wird, sondern einfach nur schläft - und schon kommt der Prinz und damit das Happy End. Das dürfte in etwa das gewesen sein, was eine junge Dame von ihrem eigenen Leben erwartete.

SPIEGEL: Härtere Stoffe wurden den Grimms von Leuten zugetragen, die ein entbehrungsreiches Leben hatten?

Rölleke: Zum Teil ist das tatsächlich so, wie meine Forschungen im Nachlass der Grimms und in den Aufzeichnungen ihrer Freunde ergeben haben. Da gibt es Dorothea Viehmann, damals 57 Jahre alt, eine Wirtstochter und Schneiderswitwe, die den Brüdern Grimm Märchen erzählte, in denen die Heldinnen sich das Happy End erkämpfen müssen, vorher verstoßen werden und so weiter. "Die Gänsemagd" zum Beispiel oder "Hans mein Igel".

SPIEGEL: Hat sich die Sprache der Zuträger den Märchen eingeprägt?

Rölleke: Dorothea Viehmann brachte Wendungen wie "Es begab sich aber" oder "Es geschah aber" in die Märchen ein. Sie war eine fromme Frau und kannte diese Wendungen aus der Bibel.

SPIEGEL: Warum hat sich die Germanistik so lange nicht für die Zuträger interessiert?

Rölleke: Das liegt am Genre. Märchen gehörten für die Literaturwissenschaftler zur nicht künstlerischen Volksliteratur. Und die Volkskundler wiederum haben stets gesagt: Das ist Literatur, also nichts für uns.

DER SPIEGEL 12/2012
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